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EY Der Wirtschaftsprüfer bietet 11 Millionen Franken zugunsten der Konkursmasse des kriminellen Brokers Sogevalor an. Ein Ablass für frühere Audit-Mängel.

Kurz vor Weihnachten erhielten die wichtigsten Gläubiger des Tessiner Effektenhändlers Sogevalor Post von Liquidator Ivan Paparelli. Darin informiert Paparelli das gute Dutzend „Top-Creditors“, der Buchprüfer EY sei bereit, 11 Millionen Franken in die Konkursmasse von Sogevalor einzuschiessen. Die Zahlung sei Teil eines Vergleichs zwischen dem Sogevalor-Liquidator und EY, heisst es im Schreiben, das der „Handelszeitung“ vorliegt.
Im Gegenzug hätten die Gläubiger alle rechtlichen Ansprüche gegenüber dem Buchprüfer fallenzulassen (siehe Ausriss). EY selbst nimmt zum Verfahren keine Stellung: Man habe Stillschweigen vereinbart, sagt ein Sprecher. Dass ein Big-Four-Buchprüfer aus freien Stücken Millionen zahlen will, ist einigermassen erstaunlich.
Die Verzichtsofferte von EY an die Geschädigten des kriminellen Effektenhändlers markiert indes nur eine weitere Episode im Sogevalor-Fall, der längst zur Tessiner Justizposse mutiert ist. So veruntreute der Effektenhändler Anlagegelder und hinterliess 2004 über 300 Geprellte und eine Schadenssumme von gegen 140 Millionen Franken. Doch auch im 13. Jahr nach dem Bewilligungsentzug durch die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) brüten noch immer Heerscharen von Rechtsanwälten über dem Sogevalor-Geflecht beziehungsweise prüfen die Rolle von Auditor EY und der Finanzaufsicht.
Das Unheil nimmt zur Jahrtausendwende seinen Anfang, als die EBK (heute Finma) der Tessiner Treuhandfirma Sogevalor die Lizenz erteilte, mit Aktien und Optionen zu handeln. Die Bankenkommission hätte Sogevalor die Effektenhändler-Lizenz niemals erteilen dürfen. Denn die von EY revidierte Firma sei zu diesem Zeitpunkt bereits überschuldet gewesen. So lautet der Vorwurf des wichtigsten Sogevalor-Gläubigers Daniel Staton. Der US-Investor hat seit Jahren eine Staatshaftungsklage gegen die Eidgenossenschaft in Bern rechtshängig, doch den Glauben in die Schweiz hat er längst verloren: „Das hiesige Justizsystem schützt die Finanzdienstleister.“

Aussichtsloser Kampf
Trotz Ungereimtheiten darf Sogevalor nämlich als Effektenhändler starten: Der Tessiner Treuhänder lockt fortan Anleger mit Traumrenditen und dem Testat eines renommierten Buchprüfers. „Ich habe nur in Sogevalor investiert, weil die Firma durch Ernst & Young auditiert wurde“, sagt Staton, der über 25 Millionen Franken verloren hat. Für ihn ist klar: „Die EY-Auditoren haben als Prüfer im Bewilligungsverfahren und später als Prüfer des Effektenhändlers Sogevalor fahrlässig agiert.“ Nur drei Jahre nach Lizenzerteilung erhält die Bankenaufsicht 2003 erste Hinweise, dass bei Sogevalor ein Geldwäschereiverdacht besteht. Die Aufsicht lässt daraufhin eine Spezialprüfung durch die EY-Auditoren durchführen. Fazit: Keine schwerwiegenden organisatorischen Mängel. Trotz Segen des Auditors reissen die Kundenklagen bei Sogevalor nicht ab. Im Spätsommer 2004 zieht die EBK beim Tessiner Effektenhändler schliesslich den Stecker. Die Aufsicht entzieht Sogevalor die Bewilligung und eröffnet den Konkurs. Die Chefs landen in Untersuchungshaft, nachdem die Finanzmanager über Jahre Geld veruntreut und systematisch Falschangaben gemacht haben. Erst die ausserordentliche Revision durch EY-Konkurrentin Deloitte bringt das Ausmass der Verfehlungen ans Licht: Akute Gläubigergefährdung und schwerwiegende organisatorische Mängel.
Mit dem Befund wird die Sogevalor-Pleite auch zum EY-Fall, der den renommierten Buchprüfer bis heute beschäftigt. Denn der verantwortliche EY-Revisor hatte über Jahre die faulen Bücher der Sogevalor-Führung testiert. Die Bankenkommission führte deshalb 2005 ein Verfahren gegen EY und den Revisor zur Geschäftstätigkeit bei Sogevalor durch.
Die EBK kommt darin zum Schluss, der Buchprüfer habe die Berufsprinzipien verletzt, die Kapitalstärke der Gesellschaft nicht kontrolliert und Klumpenrisiken übersehen. Die Aufsicht erteilte in der Folge dem leitenden Revisor Berufsverbot, rügte EY und mahnte eine „interne Qualitätskontrolle“ an.

US-Staatsanwalt Bharara lädt vor
Denn die Verfehlungen wiegen schwer: Beispielsweise stellte Sogevalor Rechnungen für Beratungsdienstleistungen an eine amerikanische Firma namens Dumont Investments, deren Investment-Vehikel zu 100 Prozent von Sogevalor-Kunden gehalten wurden. Was de facto hätte konsolidiert werden müssen, wurde – trotz entsprechender Dokumentation – vom EY-Auditor nicht gewürdigt, sodass die Überschuldung des Brokers nicht eintrat.
Der Business-Link von Sogevalor in die USA hat auch für EY ein Nachspiel: Im Frühjahr stellte Liquidator Paparelli ein Informationsgesuch an den berüchtigten New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara, um Licht ins Firmengeflecht zu bringen. In diesem Zusammenhang erhielt auch die New Yorker Filiale von Ernst & Young eine Vorladung, um die US-Staatsanwälte im Sogevalor-Fall zu dokumentieren.

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