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Gehörig verrannt

Fall Sarasin Die Kölner Staatsanwaltschaft krebst zurück. Das Verfahren gegen einen vermeintlichen Drahtzieher wird eingestellt. Eric Sarasin darf hoffen.

Die Kavallerie ritt im Morgengrauen aus. Anne Brorhilker hielt die Zügel fest in der Hand. Die Kölner Staatsanwältin orchestrierte das Einsatzkommando „Tax“ mit 250 Polizeikräften in 13 Ländern, darunter die Schweiz. Sie führt „gewerbsmässigen Betrug und Beihilfe zur Steuerhinterziehung“ gegen mehrere Sarasin-Top-Banker ins Feld. Ende Oktober letzten Jahres durchkämmten Schweizer Polizisten in deutschen Diensten zig Büros und Wohnungen in mehreren Kantonen und beschlagnahmten stapelweise Akten.

Schwerer Vorwurf

Auch am Schwyzer Wohnsitz von Christian Gmünder, ehemals Operativchef von Sarasin, fuhren die Ermittler ein. Der Banker wusste nicht, wie ihm geschah. Hatte er doch kurz zuvor einen neuen Job bei der Bank Vontobel angetreten. Nun sah sich Gmünder in der „SonntagsZeitung“ einem schweren Vorwurf ausgesetzt. Er sei „einer der mutmasslichen Drahtzieher der heiklen Geschäfte zur Steuerumgehung“, schrieb das Blatt und machte aus dem angesehenen Banker ein „Reputationsrisiko“. Der mediale Dolchstoss sass. Gmünders Karriere bei Vontobel war beendet. Er trat von sich aus zurück und kämpft seither um Ruf und Recht.

Verfahren eingestellt

Jetzt, fast ein Jahr nach dem deutschen Ermittlungsfeldzug auf Schweizer Boden, kann Gmünder aufatmen. Die Kölner Kavallerie, flankiert von der Sonntagspresse, hat sich nämlich gehörig verrannt. Trotz Hunderten Stunden Zeugeneinvernahmen und einem Aktenberg von über 13 000 Seiten gelang es Staatsanwältin Brorhilker nicht, Gmünder als Drahtzieher illegaler Dividendengeschäfte dingfest zu machen. Die „Beihilfe zur Steuerhinterziehung“ fiel ebenso unter den Tisch wie der „gewerbsmässige Betrug“.

Vielmehr stellt die Kölner Justiz das Strafverfahren gegen Christian Gmünder per sofort ein. Um das Verfahren abzukürzen, willigte der Ex-Sarasin-Mann ein, eine Geldauflage in der Höhe von 10 000 Euro zu leisten. Für Gmünder zahlt sich aus, dass er von Beginn weg mit der deutschen Justiz kooperierte. Er reiste unmittelbar nach der Hausdurchsuchung für eine Aussage nach Köln. Mit dem Entscheid der Kölner Untersuchungsbehörde ist auch die Schweizer Strafanzeige gegen Gmünder hinfällig, auf welche die Zürcher Staatsanwaltschaft bis dato gar nicht eingetreten ist.

Guter Dinge

Eingereicht hatte die Strafanzeige seinerzeit der Stuttgarter Steueranwalt des mutmasslich geschädigten Sarasin-Kunden und Milliardärs Erwin Müller (HZ vom 25.6.15). Die Anzeige richtete sich nebst Gemünder auch gegen den damaligen Sarasin-Chef und heutigen EFG-CEO Joe Strähle, Deutschland-Banker Kai Henke und Vizechef Eric Sarasin. Dessen Beschuldigteneinvernahme in Köln hat noch gar nicht stattgefunden. Sarasins Anwalt Gert Thoenen ist nach dem glimpflichen Ende für Gmünder allerdings guter Dinge für seinen prominenten Mandanten: „Auch das Verfahren gegen Herrn Sarasin sollte früher oder später eingestellt werden.“

Damit würde enden, was vor gut zehn Jahren einen vielversprechenden Anfang nahm. 2005 gewinnt die noble Basler Traditionsbank Sarasin den deutschen Drogeriekönig Erwin Müller als Kunden. „Herr Müller war uns als spekulationsfreudiger Kunde bekannt“, erinnert sich der ehemalige Sarasin-Operativchef Gmünder in seiner Einvernahme. Milliardär Müller kauft nämlich auf Kredit in Schweizer Franken Anleihen in türkischer Lira. Späterspekuliert er mit Aktienoptionen der Parfumeriekette Douglas. Die Betreuung des vermutlich grössten Privatkunden der Bank liegt bei Eric Sarasin höchstpersönlich. Der Basler Starverkäufer lädt Müller und seine Frau ein, man besucht zusammen die Zürcher Oper.

Riskante Geschäfte

2010 tritt die Bank mit einem neuen Produkt unter dem Titel „Dividendenarbitrage“ an den milliardenschweren deutschen Grosskunden heran. Es handelt sich um ein Kompensationsprodukt, konstruiert mit dem Ziel, vermögende und risikofreudige Privatkunden nach der Etablierung der Weissgeldstrategie bei der Stange zu halten. Die Bankmanager wähnen sich dabei juristisch auf der sicheren Seite. Ihnen liegt ein von der deutschen Allianz zunächst mit 100, dann mit 250 Millionen Euro abgesichertes Gutachten des deutschen Steueranwalts Hanno Berger vor, das die juristische Unbedenklichkeit der Produkte bezeugt. Wenn, dann wurde intern lediglich über mögliche Reputationsrisiken diskutiert.

Ausserhalb der Bank

Eine Einschätzung, die sich nun als richtig erweist. Aus der Kölner Einstellungsverfügung lässt sich schliessen, dass sich die Bankverantwortlichen strafrechtlich nichts zuschulden kommen liessen. Wenn es zu Gesetzesverstössen bei den Dividendengeschäften kam, dann müssen sich diese demnach ausserhalb der Bank zugetragen haben.

Auch zivilrechtlich hat die Bank mittlerweile gute Chancen. Nachdem sie mit dem deutschen Investor Carsten Maschmeyer einen Vergleich geschlossen hat, steht hier vor allem noch die 50-Millionen-Euro-Klage Müllers im Raum. Müller, dessen Anzeigen gegen die Basler Bankverantwortlichen am Anfang des Kölner Monsterverfahrens stehen, machte in der Zeugenvernehmung im Mai eine schlechte Figur. Seine Aussage ist durchsetzt von Erinnerungslücken.

Postmappen mit Unterlagen

Eine davon betrifft die zentrale Frage, ob ihm Sarasin im Frühling 2011 einen Fondsprospekt zukommen liess, um ihn über die Risiken des Geschäfts aufzuklären: „Wenn mir jetzt gesagt wird, dass ich mit Unterzeichnung des Zeichnungsscheines bestätigt habe, einen Fondsprospekt erhalten zu haben, dann habe ich diesen Umstand damals nicht zur Kenntnis genommen.“ Er unterschreibe pro Tag rund zehn Postmappen mit Unterlagen. Sollte die Bank die Zustellung des Prospekts beweisen können, so dürfte Müller mit seiner Klage scheitern. Selbst wenn er mit seinem Begehren durchkommt, er sei als Verbraucher und nicht als professioneller Anleger zu behandeln und sein Fall sei deshalb in Deutschland und nicht in Basel oder Zürich zu verhandeln.

„Kann zu einem Totalverlust führen“

In dem „Private Placement Prospect“ von März 2011, welcher der „Handelszeitung“ vorliegt, heisst es nämlich klipp und klar, es könne keine Zusicherung gegeben werden, dass die Arbitragestrategie erfolgreich umgesetzt werden könne. „Erstattungsrisiken“ könnten dazu führen, dass sich die Auszahlungen extrem verzögerten oder ausblieben. „Im Extremfall kann dies zu einem Totalverlust des (…) eingesetzten Kapitals führen.“ Die deutschen Steuerbehörden setzten die Rückerstattung der Verrechnungssteuern aus und brachten damit das Kartenhaus zum Einsturz. Das „Erstattungsrisiko“ war eingetreten.

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