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Hans Ziegler – In doppelter Funktion

Hans Ziegler Der «Sanierer der Nation» steht vor Gericht. Der Vorwurf: Er soll sich als Multi-Verwaltungsrat an Geschäftsgeheimnissen bereichert haben.

Anfang April 2015 trifft sich der Verwaltungsrat der OC Oerlikon zu einer Sitzung im Kultur- und Kongresszentrum Luzern KKL. Dabei informiert der damalige Chef Brice Koch und sein Finanzchef die Verwaltungsräte, darunter Hans Ziegler, über die künftige Strategie des Industriekonzerns. Ein Traktandum: Ein streng vertrauliche Projekt namens «Viking». Die OC-Spitze fasst darin den Plan, seine Vakuum-Sparte verkaufen.

Zwei Tage nach der VR-Sitzung schreibt ein damaliger Schweizer Kadermann der Investment Bank Lazard ein E-Mail an seinen amerikanischen Arbeitskollegen: «Vacuum is for sale. (…) Just got this from a BoD member. We need to be very careful.» Mit anderen Worten: Ein Verwaltungsrat der OC Oerlikon hat den Lazard-Banker mit streng vertraulichen Internas aus der Sitzung im KKL versorgt. Gemäss Anklageschrift der Bundesanwaltschaft war dieser Maulwurf im OC-VR niemand geringerer als Hans Ziegler, einst als «Sanierer der Nation» so gefürchtet wie gefeiert.

Hans Ziegler soll Insider-Informationen für Kaufinteressentin geliefert haben

Ziegler hat gemäss Anklageschrift den Lazard-Banker nicht nur mit Insider-Informationen versorgt. Der Industriekapitän soll ein regelrechtes Doppelspiel aufgezogen haben. Denn was die OC-Oerlikon-Spitze damals nicht weiss und Ziegler auch nie gegenüber dem Industriekonzern offenlegt hat: Er ist bereits seit 2014 als «Senior Advisor» vertraglich an die Investment Bank Lazard gebunden. Bei Zieglers Insider-Tipp an den Lazard-Banker handelt es sich denn auch nicht um eine blosse Gefälligkeit. Denn einer der Kunden der Lazard ist seinerzeit Atlas Copco. Und just dieser schwedische Industriekonzern ist brennend am Kauf der Vakuum-Sparte von OC Oerlikon interessiert.

Und so kommt es, wie es kommen muss. Am 1. September 2016, gut eineinhalb Jahre nach Zieglers mutmasslichen Indiskretionen, vermeldet OC Oerlikon den «successful sale of the Vacuum Segment». Ein Unternehmenswert von rund einer halben Milliarde Franken wechselt die Hand. Die Käuferin heisst Atlas Copco.

Schweden kommen bei OC Oerlikon zum Handkuss

Wohl nicht zuletzt dank Zieglers tatkräftiger Mithilfe. Denn, gemäss Anklageschrift, soll dieser «mehrfach pflichtwidrig Geschäftsgeheimnisse des OC Oerlikon-Konzerns über das Verkaufsprojekt «Viking» an den Berater der Kaufinteressentin» mitgeteilt haben. Kurzum: Indem der «Sanierer der Nation» und «Senior Advisor» die Lazard-Banker mit vertraulichen Board-Insights aus dem OC-Konzern füttert, kommt deren Mandantin, Atlas Copco, schliesslich zum Handkuss beim Kauf der Vacuum-Sparte.

Angesichts dieser von der Anklage stipulierten Sachlage verwundert es wenig, dass im anstehenden Prozess gegen Ziegler & Co. die OC Oerlikon als Privatklägerin selbst auftritt. Dabei wird der Industriekonzern seine Zivilansprüche und Entschädigungsforderungen erst bei der Hauptverhandlung nächste Woche am Bundesstrafgericht auf den Tisch legen.

Für Ziegler hat der erfolgreiche Verkauf an Atlas Copco bare Münze bedeutet: Wenige Wochen nach der Vollzugsmeldung des Industriekonzerns stellt der OC-Verwaltungsrat der Lazard Bank über seine Privatfirma mit dem sinnigen Namen «Think & Act» eine Rechnung über 138’000 Euro, zahlbar innert dreissig Tagen auf Zieglers Konto bei der Zuger Kantonalbank. Der unverblühmte Zahlungszweck: «Senior Advisor Services provided by Mr. Hans Ziegler, (…) in connection with Atlas Copco A.B.». Das Rechnungsdatum lautet auf den 28. September 2016.

Optionsgeschäfte aus der U-Haft

Keine zwei Monate später, ab Mitte November, wird Ziegler für vierzehn Tage in Untersuchungshaft genommen.

Noch während dieser in U-Haft sitzt – und auch danach – nutzt er Insiderinformationen aus, die er aufgrund seiner privilegierten Stellung als Senior Advisor bei Lazard besitzt. Beispielsweise berät die Bank den US-Pharmamulti Johnson & Johnson bei der Übernahme der Baselbieter Pharmafirma Actelion. Ziegler erfährt davon und handelt über Monate mit seinem Swissquote-Konto wiederholt und mit Gewinn auf Actelion-Titel.

Kein Einzelfall: So soll Ziegler auch auf die Aktien des Luzerner Stahlkonzerns Schmolz+Bickenbach gewettet haben, in deren er im Verwaltungsrat sass. Gemäss Anklageschrift soll Ziegler mit derlei Insidergeschäften zwischen 2013 und 2016 insgesamt einen unrechtmässigen Gewinn von knapp 2 Millionen Franken erwirtschaftet haben.

Hans Ziegler wird wirtschaftlicher Nachrichtendienst vorgeworfen

Die Bundesanwaltschaft wirft Ziegler deshalb Ausnützen der Kenntnis vertraulicher Informationen sowie – im OC-Oerlikon-Fall – Verletzungs des Fabrikations- oder Geschäftsgeheimnisses, Bestechung Privater sowie wirtschaftlichen Nachrichtendienst vor.

Der Prozess gegen Hans Ziegler sowie einen ehemaligen Schweizer Kadermann der Investment Bank Lazard beginnt am 7. Juni in Bellinzona vor Bundesstrafgericht. Es gilt die Unschuldsvermutung.

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