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Swisscom strömt ins Ausland

Energie Der Telekomkonzern kämpft mit dem Schweizer Strom-Monopol. Nun setzt er bei der Verbrauchssteuerung verstärkt auf Kunden in Europa.

Es war ein Paukenschlag, der die Schweizer Strombarone jäh aus dem Dämmerzustand riss. Vor knapp fünf Jahren stieg Swisscom mit ihrer Strom-Tochter Energie Solutions (SES) ins hiesige Elektrizitäts-Geschäft ein. Dabei fokussierte die heutige Tiko ihre Interessen von Anbeginn auf die Verbrauchssteuerung: Wärmepumpen, Boiler oder Heizkörper sollten intelligent gemacht werden, um deren Stromkonsum in teuren Spitzenzeiten zu drosseln.
Den Verbrauch zu steuern und so die Netzstabilität zu verbessern, diese Systemdienstleistung bietet Swisscom nun der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid gegen Entgelt an. Dies senkt die Kosten fürs Lastmanagement bei der Swissgrid und kommt letztlich wieder den Stromkunden zugute.
Entsprechend optimistisch waren die Wachstumsprognosen beim Berner Telekomkonzern, als die Strom-Tochter an den Start ging. Zwischen 100 000 und 200 000 Haushaltungen wolle Swisscom längerfristig mit Tiko erreichen, gab der SES-Präsident Ueli Dietiker seinerzeit 2013 zur Lancierung als Massgabe vor.

Bundesrat bremst Swisscom aus
Doch es sollte anders kommen. Bloss etwa 10 000 Haushalte nutzen hierzulande Tiko. Denn nur ein paar wenige, kleine wie periphere Energieversorger und Heizungsmonteure bieten die Steuerung der Swisscom überhaupt ihren Kunden an. „Wir erreichen in der Schweiz deutlich weniger Haushalte, als wir ursprünglich angestrebt haben“, räumt denn SES-Chef Frédéric Gastaldo ein.
Der Hauptgrund für die schwache Marktakzeptanz ist einfach. Die Politik hat dem Telekomkonzern einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. So versenkte der Bundesrat um Energieministerin Doris Leuthard die für 2014 vorgesehene volle Liberalisierung des Schweizer Elektrizitätsmarktes. Endkunden bleiben bis auf weiteres im Bezugsmonopol ihres Lokalversorgers gefangen.
Dieses politische Zugeständnis an die serbelnden Stromkonzerne, die um ihre Monopolrenten fürchten, bremst Smart-Energy-Lösungen wie jene von Tiko stark aus. „Für Energieversorger gibt es keinen Anreiz, ihr Produkteportfolio zu öffnen, da ihnen die Privatkunden ja sicher sind. Der Innovationsdruck ist weg“, sagt Gastaldo.
Der Projektbericht von Ende 2016 zum „Leuchtturmprojekt“ Tiko spricht Bände: Aufgrund des langen Zögerns des Bundesrates und der politischen Tendenz (zum Status quo des Monopols) hätten die Energieversorger „wenig Motivation, in Kundenbindungsmassnahmen zu investieren“.
Swisscoms Strom-Tochter wendet sich deshalb seit geraumer Zeit ausländischen Absatzmärkten zu. „Wir haben bereits Kunden in Frankreich, Deutschland und Österreich“, sagt SES-Chef Gastaldo und ergänzt, man spreche mit Anbietern in Grossbritannien, den Benelux-Ländern und Skandinavien. Zur Auslandstrategie heisst es im Projektbericht offenherzig: Die regulatorischen Rahmenbedingungen seien in verschiedenen Ländern recht weit entwickelt und mit „weniger Rechtsunsicherheiten als in der Schweiz“ behaftet.
Allerdings tritt Tiko im Ausland nicht mit der eigenen Marke auf. Vielmehr steckt deren Technologie beispielsweise in einem Produkt des französischen Stromanbieters Direct Energie, welcher gut 1,5 Millionen Haushalte mit erneuerbarer Energie versorgt. In Deutschland kooperiert Swisscom seit letztem Jahr mit Sonnen. Der Allgäuer Hausbatterie-Hersteller hat im letzten Jahr ein autarkes Komplettangebot namens „Sonnen Community“ lanciert, worin ebenfalls Tiko-Technologie zur Verbrauchssteuerung steckt.
Nun lanciert die Swisscom-Tochter eine Heimbatterie-Lösung in der Schweiz namens „Tiko Storage“. Diese verknüpft die bestehende Boiler-Steuerung mit einer Heimbatterie sowie einer Photovoltaik-Anlage. Immer mehr Haushalte wandeln sich nämlich von reinen Stromverbrauchern zu Teilzeitproduzenten mit eigenen Photovoltaik-Zellen auf dem Dach. Der SES-Chef spricht in diesem Zusammenhang von sogenannten „Prosumern“, die man von Tiko Storage überzeugen möchte.

Solaranlagen optimieren
„Unsere Neulancierung optimiert den Eigenverbrauch der Solaranlage von heute 20 auf bis zu 70 Prozent“, erklärt Gastaldo. Je weniger Strom die fluktuierenden Photovoltaik-Anlagen ins Verteilnetz einspeisen, desto besser für die Netzstabilität. Daneben stellt die batteriegepufferte Lösung ebenfalls Regelenergie für Swissgrid zur Verfügung. Je nach Batteriegrösse würde Tiko ihre Benutzer mit 150 bis 200 Franken pro Jahr pauschal abgelten, so der SES-Chef. Eine Installation mit Heimbatterie und PV-Anlage soll zwischen 10 000 und 20 000 Franken kosten mit einer Betriebsdauer von rund zwanzig Jahren. Vertrieben wird Tiko Storage über bestehende Partner-Energieversorgungsunternehmen und Photovoltaik-Installateure.

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