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Johannes Rüegg-Stürm – Der Theoretiker

Johannes Rüegg-Stürm Er war Raiffeisen-Präsident. Und führte Bankchef Pierin Vincenz an der langen Leine. Mit fatalen Folgen. Bis heute lehrt er Management an der Uni St. Gallen.

Es ist die Fibel eines jeden HSG-Studenten: «Das St. Galler Management-Modell». Dessen Ansatz soll künftigen Führungskräften als Kompass in einer komplexen Unternehmensumwelt dienen. Geschrieben hat das Standardwerk Johannes Rüegg-Stürm. Er war von 2011 bis 2018 Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen, der drittgrössten Bankengruppe der Schweiz. In seine Präsidentschaft fallen Kontrollversagen und Verstösse gegen die gute Unternehmensführung. Gegen den damaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz läuft eine Strafuntersuchung, unter anderem wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Sie steht kurz vor dem Abschluss. Bald folgt die Anklage.

Während sich Vincenz und Co. im nächsten Jahr vor Gericht verantworten müssen, lehrt Ex-Präsident Rüegg-Stürm an der Universität St. Gallen. Er wurde erst Anfang 2020 für weitere sechs Jahre als Ordinarius bestätigt. Rüegg-Stürm leitet das Institut für Systematisches Management und Public Governance. Der Professor für Organisationsstudien unterrichtet just in jener Disziplin, in welcher er den Praxistest bei Raiffeisen nicht bestand, wie umfangreiche Recherchen zeigen. Rüegg-Stürm liess Fragen der «Handelszeitung» zu seiner Rolle als Raiffeisen-Präsident im Fall Vincenz unbeantwortet.

Zuckerbrot und Peitsche

Vom Organisationstheoretiker, der in der hiesigen Unternehmenswelt kaum vernetzt ist, stammen «St. Galler Modell»-Sätze wie «Muster im alltäglichen Geschehen bringen die vorherrschende Ordnung zum Ausdruck». Die «vorherrschende Ordnung» hatte bei Raiffeisen Schweiz einen Namen: Pierin Vincenz. Der ehemalige Bankchef verstand es in seiner langen und erfolgreichen Regentschaft mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, das Genossenschaftsinstitut nach seinem Gusto zu beeinflussen. Für seine zum Teil verdeckten Geschäfte und seinen lockeren Umgang mit Spesen wird sich der Bündner Banker rechtlich verantworten müssen.

Vincenz’ Chef und Aufseher wäre sieben Jahre lang Johannes Rüegg-Stürm gewesen – wäre. Doch der damalige Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen Schweiz hat seine Kontrollfunktion nur mangel- und lückenhaft wahrgenommen. Erst der praxisferne Rüegg-Stürm ermöglichte es dem Machtmenschen Vincenz, seine Dominanz in der Genossenschaftsbank voll zu entfalten.

Der Raiffeisen-Präsident, der einst zu «Unternehmensentwicklung und Unternehmensethik» dissertierte, vertraute dem Bündner Alpha-Banker lieber, als dass er ihn engmaschig kontrollierte. Gemäss einer bankinternen Regelung hätte Pierin Vincenz beispielsweise jährlich dem Strategie- und Entschädigungsausschuss des Verwaltungsrates, den Rüegg-Stürm präsidierte, seine privaten Beteiligungen mit geschäftlichem Charakter offenlegen müssen. Doch das geschah nicht. Obwohl Vincenz zeitweise über ein Dutzend Private-Equity-Beteiligungen hielt. Auch die hohen Kreditausstände des Raiffeisen-CEO wurden durch den VR-Ausschuss nie wirklich überwacht. Bis zuletzt wusste also Präsident Rüegg-Stürm wenig über Vincenz’ dauerangespannte Finanzen und seine heiklen Beteiligungsnahmen.

Die lange Aufsichtsleine genoss Vincenz auch, als er seinen Abgang als Raiffeisen-Chef vorbereitete. Im diffizilen Ablösungsprozess, der sich über Jahre hinzog, liess es Präsident Rüegg-Stürm nicht zuletzt an Menschenkenntnis mangeln. Offiziell schied Vincenz zwar erst im Herbst 2015 aus, doch bereits im Sommer 2014 – also fast anderthalb Jahre früher – begannen die Abgangsdiskussionen aufzuflammen. Zur selben Zeit dozierte HSG-Professor Rüegg-Stürm an internationalen Fachkonferenzen zur «wiederholten Wiederherstellung der Legitimität der Führung in Ermangelung formalisierter Machtstrukturen».

Ein reputatives Minenfeld

Bankintern drehte sich derweil die Frage darum, wie Galionsfigur Vincenz nach seinem Exekutiv-Exit weiter im Genossenschaftsimperium hätte beschäftigt beziehungsweise vergütet werden können. Die Ideen reichten vom Notenstein-Präsidium über eine Rolle beim Aduno-Börsengang bis hin zum wohldotierten Beraterjob. Ein reputatives Minenfeld für die Bank. Denn Vincenz’ Millionenbezüge hatten bereits 2008 die Genossenschaftsbasis erzürnt und zum Beinahe-Rücktritt des Raiffeisen-Chefs geführt. Die Folge war eine massive Reduktion des CEO-Lohns.

Dass Vincenz für die Durchsetzung eigener Finanzinteressen den rechtlichen Rahmen zu sprengen bereit gewesen wäre, hätte Rüegg-Stürm spätestens ab Oktober 2014 wissen müssen. Damals schlug Vincenz ihm für die Zeit nach dem Rücktritt als Chef einen brisanten Deal vor. Raiffeisen solle mit ihm doch einen fünfjährigen Beratungsvertrag bis 2021 abschliessen, dotiert mit 880 000 Franken pro Jahr. Und dieses «Gentlemen’s Agreement» sei nach Vertragsunterzeichnung gleich wieder zu zerreissen. Ein ungeheuerlicher Vorschlag, auf den Rüegg-Stürm zwar nicht einstieg, der aber für Vincenz folgenlos blieb.

Nicht zuletzt, weil Rüegg-Stürm die wahren finanziellen Ansprüche des Pierin Vincenz jahrelang verkannte. Der Management-Professor war der irrigen Annahme, dass Raiffeisen ihrem Langzeit-CEO beim Abgang etwas schulde. Dazu muss man wissen, dass Vincenz sich in den Rücktrittsdiskussionen auf eine Zusatzvereinbarung von 2000 berief. Sie sah vor, dass der Bündner ab einer 13-jährigen Tätigkeit als Raiffeisen-CEO Millionenansprüche geltend machen kann.

Konkret hätte Raiffeisen ihrem CEO bei einem geordneten Übergang in den Ruhestand oder in die Erwerbslosigkeit eine Abgangsentschädigung von 5 Millionen Franken entrichten müssen. Eine Summe, die übrigens nirgends sauber bilanziert war. Rüegg-Stürm wusste um die Sprengkraft eines solchen goldenen Fallschirms. Er war deshalb tunlichst darum besorgt, eine einvernehmliche Lösung mit Vincenz zu finden, der immer neue Forderungen stellte.

Wenig Fingerspitzengefühl

Zu Vincenz’ Abgangsmodalitäten führte der Raiffeisen-Präsident zig Gespräche und Workshops durch. Dabei umging Rüegg-Stürm bewusst die Raiffeisen-eigene Rechtsabteilung. Denn Vincenz’ damalige Ehefrau, Nadja Ceregato, leitete sie. Rüegg-Stürm befürchtete, wohl zu Recht, Interessenkollisionen oder gar Indiskretionen.

Der VR-Präsident gab deshalb externe Analysen und Gutachten in Auftrag und bewies hierbei wenig Fingerspitzengefühl. Unter anderem holte Rüegg-Stürm sich Rat bei Rechtsprofessor Peter Forstmoser. Just jener Forstmoser, der all die Jahre Pierin Vincenz’ Interessen vertrat und für ihn Gutachten schrieb, welche ex post seine Upfront-Beteiligungen rechtlich legitimierten. Und so kam es denn auch, dass Forstmoser auch Vincenz’ Entschädigungsansprüche bestätigte. Dabei hätte Rüegg-Stürm eine simple Lektüre des Arbeitsvertrags genügt: Vincenz’ Millionenforderung war nämlich längst nicht mehr gültig. Ein neuer Arbeitsvertrag von 2013 hatte alle vorherigen Ansprüche abgelöst. Eine Erkenntnis, zu der Rüegg-Stürm allerdings erst drei Jahre später gelangte.

Johannes Rüegg-Stürm liess Vincenz gewähren

Inzwischen hatte sich Vincenz privat mit 15 Prozent am bankeigenen Private-Equity-Vehikel namens Investnet beteiligen dürfen. Ihm winkte der Jackpot.

Der Wert seiner Investnet-Beteiligung wurde bis 2030 auf über 60 Millionen Franken prognostiziert. Dies bei einem Eigenkapitaleinsatz von 1,5 Millionen Franken. Die potenziell äusserst lukrative Beteiligungsnahme hatte Vincenz – wider aller Good Corporate Governance – noch in seiner Zeit als operativer Chef einfädeln können. Nicht zuletzt, weil Präsident Rüegg-Stürm ihn gewähren und den übrigen Raiffeisen-Verwaltungsrat im Dunkeln liess.

Es war Anfang Januar 2015: An einem Montagmorgen um 9 Uhr empfing Vincenz in seinem Büro am Raiffeisen-Sitz in St. Gallen Rüegg-Stürm zu einer stündigen Sitzung. Der CEO eröffnete damals detailliert seinem Präsidenten, dass er sich nach seinem operativen Rücktritt privat am bankeigenen Private-Equity-Vehikel zu beteiligen gedenke. Sieben Tage später fand eine Sitzung des Raiffeisen-Verwaltungsrates statt. Doch Rüegg-Stürm unterliess es, Vincenz’ Investment-Absicht zu traktandieren. Ein Verstoss gegen Aufsichtspflichten.

Ohne Investnet-Traktandum aber konnte sich der Raiffeisen-Verwaltungsrat gar nicht adäquat aufs Geschäft vorbereiten. Seine Kontrollfunktion war praktisch ausgehebelt. Die heikle und finanziell bedeutsame Beteiligungsnahme wurde an der Raiffeisen-VR-Sitzung deswegen bloss unter «Varia» abgehandelt, also als Randnotiz. Die Tischvorlage durfte Vincenz gleich selber präsentieren und kam damit glatt durch. Das dazugehörige Protokoll wurde an der nächsten VR-Sitzung zudem geschwärzt ausgehändigt. Die finanziellen Konditionen fehlten. Ein umfassendes Bild des brisanten Deals erhielten die Verwaltungsräte somit nicht.

Späte Distanzierung des Johannes Rüegg-Stürm

Erst langsam schwante Rüegg-Stürm, dass Pierin Vincenz vielleicht mehr ist als ein «Bergler und politischer Berater», wie der Titel einer Raiffeisen-Festschrift zu Vincenz’ Abschied lautete. Zwei Jahre nach dessen Rücktritt gab Raiffeisen, auch auf Druck der Finanzmarktaufsicht Finma, eine interne Untersuchung bei der Kanzlei Prager Dreifuss in Auftrag. Noch während die Untersuchung lief, traf sich Rüegg-Stürm im Frühjahr 2017 zum Mittagessen mit einem der leitenden Prager-Prüfer in Zürich. Beim Arbeitslunch soll Rüegg-Stürm Vincenz als «kriminell» bezeichnet haben.

Rüegg-Stürms späte Erkenntnis fügt sich ins Gesamtbild. Dem Managementtheoretiker aus dem Glarnerland blieb die Finanzwelt bis zuletzt fremd. Ein Banker vom Schlage eines Vincenz wusste dies zu seinen Gunsten auszunutzen. Raiffeisen, das war für den Vollblut-Akademiker Rüegg-Stürm vor allem ein lukrativer Teilzeitjob. Bis zu eine halbe Million Franken jährlich erhielt er für sein 50-Prozent-Pensum bei der Genossenschaftsbank. Dafür präsidierte er im Nebenamt die systemrelevante Bank auch von seinem HSG-Büro in St. Gallen Rotmonten aus. So lief ein Teil seiner elektronischen Kommunikation, die er als Raiffeisen-Präsident schrieb, nicht über die Systeme der Genossenschaftsbank. Vielmehr verschickte Rüegg-Stürm Bankkorrespondenz auch übers Mail-Konto der Universität St. Gallen, was regelwidrig war. Der Raiffeisen-Präsident blieb eben bis zuletzt Professor – ein Theoretiker mit getrübtem Blick für die Realität.

Eine Antwort auf „Johannes Rüegg-Stürm – Der Theoretiker“

Ausgezeichnete Zusammenfassung, und erst noch sehr höflich geschrieben.
Kann sich die HSG einen solcheN Leistungsausweis eines Lehrers leisten?
Dazu kommt die hoch dotierte Tätigkeit einer Lehrpersonal – wie ist das im Corporate governance Kontext zu erklären?
Schlimmer geht‘s nimmer – als Verantwortlicher der Organisation würde ich mich schämen.

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