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Nuctech – Von China durchleuchtet

Nuctech Schweizer Flughäfen und der Zoll setzen auf Geräte der chinesischen Staatsfirma. Hört die KP mit?

Wer am Flughafen Zürich eincheckt, dessen Gepäck wird in einer Sortieranlage durchleuchtet. Anschliessend werden in der Passagierkontrolle auch Flüssigkeiten gescannt. Dabei setzt der Flughafen Zürich auf Geräte der chinesischen Firma Nuctech. Weitere Röntgenscanner aus der Volksrepublik folgen in zwei Jahren. Der Flughafen hat nämlich gemäss der öffentlichen Beschaffungsplattform Simap für rund 30 Millionen Franken in Peking X-Ray-Equipment geordert. Der Zuschlag erfolgte aufgrund des «wirtschaftlich günstigsten Angebots». Kein Einzelfall: Auch der Flughafen Genf und die Eidgenössische Zollverwaltung setzen auf Sicherheitstechnologie «Made in China».

Ex-Premier-Sohn gründete Nuctech

Doch Nuctech ist keine gewöhnliche Firma. Das «Huawei der Flughafensicherheit» («Politico») gehört dem chinesischen Staat. Gegründet wurde Nuctech Ende der 1990er Jahre vom Sohn des früheren Premierministers Hu Jintao als Spin-off der Pekinger Eliteuniversität Tsinghua. Inzwischen befindet sich Nuctech im Besitz der China National Nuclear Corporation CNNC, die Experten dem militärisch-industriellen Komplex zurechnen.

Die Nähe des Sicherheitstechnikers zum Verteidigungsapparat der Volksrepublik sorgt im Westen zusehends für Unbehagen. Die US-Transportbehörde hat Nuctech bereits 2014 vom Flughafenbusiness ausgeschlossen. Inzwischen führt das Pentagon die Nuctech-Mutter CNNC auf der Sanktionsliste der «kommunistischen Militärfirmen Chinas». Nicht nur die Amerikaner handeln. Anfang Jahr hat Litauen als erstes EU-Mitgliedsland Nuctech von einer Flughafen-Beschaffung ausgeschlossen, und zwar aus Gründen der nationalen Sicherheit. Nuctech selbst streitet die Sicherheitsvorwürfe ab und spricht von einer politisch motivierten Entscheidung zum Nachteil der litauischen Steuerzahler.

Aggressive Dumping-Preise

Ein kürzlich erschienener Bericht der US-Behörde für innere Sicherheit benennt jedoch konkrete Gefahren wie die Wartung der Geräte durch Nuctech-Angestellte: «Dies schafft eine Schwachstelle, bei der der Techniker entweder Screening-Daten wiederherstellen oder die Daten auslesen oder die Leistung der Geräte verändern, ohne dass der Bediener dies bemerkt.»

Der konservative deutsche Europa-Parlamentarier Axel Voss macht seit geraumer Zeit Druck auf die EU-Kommission: «Durch seine Dumping-Strategien wächst die Präsenz von Nuctech auf dem europäischen Markt rasant, obwohl das Unternehmen die bei uns gesammelten Sicherheitsdaten an die chinesische Regierung weitergibt.» Wie im Fall des Telekomausrüsters Huawei gibt es bislang allerdings keine Beweise dafür, dass Informationen aus Nuctech-Geräten tatsächlich nach Peking abfliessen würden.

Marktanteil von mehr als 50 Prozent

Fest steht jedoch: Nuctech ist in Europa, nicht zuletzt dank einer staatlich geförderten, aggressiven Preispolitik, in den letzten Jahrzehnten zum dominanten Anbieter für Sicherheitstechnologie an europäischen See- und Flughäfen geworden. Nuctechs Marktanteil wird, je nach Segment und Quelle, auf 50 oder mehr Prozent geschätzt.

Diese Maschinen seien bereits in ganz Europa im Einsatz, sagt Mikko Huotari, Direktor des jüngst von China sanktionierten Mercator-Instituts, in der Zeitschrift «Politico»: «Worüber ich mir Sorgen machen würde, ist, dass ein chinesisches, staatlich kontrolliertes Unternehmen Einblicke in alle Flughäfen in Europa hat.»

Schweizer Militärs vertrieben Nuctech

Eine Sorge, die man in der Schweiz bislang nicht teilt. Nuctech sei vertraglich verpflichtet, die ICT-Sicherheitsanforderungen des Flughafens Zürich einzuhalten, sagt eine Sprecherin. Alle Zugriffe von externen Mitarbeitenden auf Systeme würden protokolliert und aufgezeichnet. Zudem seien die Nuctech-Geräte von der Europäischen Zivilluftfahrt-Konferenz ECAC zertifiziert worden. Ähnlich argumentiert der Flughafen Genf, der «einige Nuctech-Geräte» im Einsatz hat: Diese Geräte seien zugelassen und würden den geforderten Normen entsprechen. Die Deals mit beiden Flughäfen hat übrigens eine Genfer Firma namens Securserv Technologies eingefädelt: Sie vertrieb gemäss eigenen Angaben bis vor etwa zwei Jahren Nuctech-Produkte in der Schweiz. Die Firma wird von zwei hochrangigen Schweizer Militärs geführt. Einer davon, ein Brigadier, war bis zu seiner Pensionierung 2015 militärischer Berater des damaligen VBS-Chefs Ueli Maurer.

Die Firma Securserv hatte seinerzeit auch den Nuctech-Deal mit der Eidgenössischen Zollverwaltung EZV vermittelt. Der Zoll schrieb 2017 die Beschaffung von Röntgengeräten aus. Die Chinesen erhielten den Zuschlag über 1,7 Millionen Franken. Man setzte Geräte der Firma Nuctech zur Zollkontrolle von Gepäck vor der Einreise in die Schweiz sowie von kleinen Frachtsendungen ein, sagt ein Sprecher der EZV. Die Geräte würden autonom betrieben und seien nicht an einem Netzwerk angeschlossen. «Somit können keine sicherheitsrelevanten Daten abfliessen», betont er. Im Einsatzgebiet der Geräte würden zudem keine sicherheitsrelevanten Daten erhoben und es seien keine Rückschlüsse auf die Einsatzdoktrin der EZV möglich.

Ein Drittel günstiger als West-Firmen

Die Nuctech-Röntgengeräte der EZV mögen keine «Intelligenz» besitzen, um Gegenstände automatisch zu erfassen. Die Staatsfirma besitzt jedoch längst ein avancierteres Produkte-Arsenal, wie die Website zeigt. Dort preist man beispielsweise die «Cloud Inspect Platform» an. Durch den Einsatz von fortschrittlichem Cloud Computing, Big Data und intelligenter Bilderkennungstechnologie in Verbindung mit Zolldaten entstehe eine nationale «Cloud-Plattform für die Zollkontrolle».

Integrierte Systeme sind auch in Europa längst im Einsatz. Beispielsweise in Narva, einer estnischen Grenzstadt. Dort erhielt Nuctech vor drei Jahren den Zuschlag für den «ersten vollautomatischen Scanner von Eisenbahnwaggons», wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Nuctech offerierte damals gut einen Drittel günstiger als die westliche Konkurrenz.

Ein Schnäppchen, das möglicherweise einen hohen Preis hat. Der Nachrichtendienst des Bundes NDB schreibt in seinem neusten Lagebericht: «Die Intensität der politischen, elektronischen, militärischen und nachrichtendienstlichen Aktivitäten Chinas wird weiter zunehmen.»

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