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Nummer 41

Pictet Laurent Ramsey ist der jüngste Partner beim Genfer Geldinsitut. Als oberster Asset Manager lenkt Ramsey die grosse, unbekannte Sparte der Bank.

Schaut Laurent Ramsey aus seinem mit Holz getäferten Büro im vierten Stock, dann sieht er weder imposante Hochhäuser noch ausladende Boulevards. Der Genfer Bankier blickt vielmehr der Vorstadt-Tristesse mitten ins Auge. Der wuchtige Pictet-Hauptsitz nach Minergie-Standard liegt an einer stark befahrenen Ausfallstrasse der Rhonestadt – zwischen Gebrauchtwagenhändlern, Harddiscountern und Ethnoläden.

Dass eine der Top-Adressen im grenzüberschreitenden Vermögensgeschäft in den wenig glamourösen Vorort Carouge disloziert, mag erstaunen, hat praktische Gründe. „Die internationale Kundschaft schätzt es, wenn sie vom Flughafen Cointrin in einer Viertelstunde bei uns ist“, sagt Ramsey, der selber von der Airport-Nähe profitiert. Schliesslich pendelt der Mittvierziger jede Woche zwischen Genf und London, wo er im noblen Stadtteil Kensington wohnt und seine beiden Buben in die Privatschule gehen.

Der Londoner Lebensmittelpunkt des gebürtigen Romands ist Pictets Anlagegeschäft geschuldet. In der britischen Finanzmetropole arbeiten nämlich über 250 Bankangestellte für Pensionskassen, Staatsfonds und andere Profianleger. Sie und 380 weitere Mitarbeitende in Genf gehören zur Asset-Management-Sparte, die Laurent Ramsey leitet. Zunächst als Vizechef – seit Anfang Jahr gehört Ramsey zum erlauchten Kreis der sechs teilhabenden Pictet-Partner. Seine Wahl sei höher zu bewerten „als jeder Sechser im Lotto“, schrieb die NZZ bei Ramseys Ernennung. Schliesslich kommt der passionierte Hobbytaucher nicht aus einer der drei Stammfamilien Pictet, de Saussure und Demole, sondern hat sich vom einfachen Bankangestellten in 23 Berufsjahren zum teilhabenden Bankier hochgearbeitet.

Die Konsequenzen zu tragen

Seine Berufung kommt auch finanziell einer Karrierekrönung gleich, wenn man bedenkt, dass die teilhabergeführte Pictet-Gruppe im letzten Jahr einen Reingewinn von rund 450 Millionen Franken erwirtschaftete. Bei solchen Beträgen muten selbst die üppigen CEO-Saläre börsenkotierter Finanzhäuser geradezu bescheiden an.

Angesichts dieses Millionensegens mag es Neo-Entrepreneur Ramsey auch verschmerzen, dass er sich für den Einkauf in die Partnerschaft verschulden musste. Den Startkredit zahlt er nun über die Zeit aus den Erträgen der Bank ab. „Man kauft sich zu Buchwert ein und steigt zu Buchwert wieder aus“, erklärt Ramsey das altbewährte Partnerprinzip der Edelbank.

Der smarte Selfmademan mit den nach hinten gekämmten Haaren ist erst der 41. Partner seit der Gründung des Genfer Vermögensinstitutes im Jahre 1805. Im Schnitt bleibt ein Teilhaber mehr als 20 Jahre der Bank treu. Kein Wunder betont Ramsey die Kontinuität als Erfolgsprinzip von Pictet. „Wir müssen die Konsequenzen aller Entscheidungen, die wir heute treffen, selber tragen.“

Diese Last jahrzehntelanger Verantwortung lässt die Teilhaber in der Regel mit Bedacht und in Eintracht agieren. Es falle ihm erst jetzt als Insider auf, so Ramsey, wie eng die Bande unter den Partnern seien. „Wir treffen uns jede Woche viermal für zwei Stunden im Salon nebenan.“ Kein Verwaltungsrat einer Bank weist eine solch hohe Sitzungskadenz auf. Sie schafft Nähe und Vertrautheit.

Neben formellen Treffen, die gewöhnlichen Geschäftsleitungsmeetings ähneln, ist viel Raum für Gedanken- und Ideenaustausch. Die ganze Gruppe gelte es dabei als Partner stets im Auge zu haben, betont der neueste Pictet-Eigner, dessen Wahl in den „inner circle“ auch einem Ritterschlag fürs institutionelle Anlagegeschäft innerhalb der Gruppe gleichkommt. Denn Pictet ist von der Historie her eine Privatbank par excellence. Während die Vermögensverwaltung seit über 200 Jahren das Kerngeschäft bildet, betreibt Pictet ihren Asset-Management-Arm erst seit Anfang der 1980er-Jahre. Zunächst integriert in die Privatbank.

Mit 160 Milliarden Franken an Anlagevermögen ist das Geschäft mit institutionellen Investoren und Investmentfonds aber mittlerweile praktisch so gross und profitabel wie das angestammte Private Banking. Die Ernennung von Laurent Ramsey steht deshalb auch für die Emanzipation des Asset Management, dessen Anlagevermögen etwa zur Hälfte von Institutionellen wie Pensionskassen oder Staatsfonds stammt. Der Rest kommt aus dem Fondsvertrieb und von Drittbanken beziehungsweise externen Verwaltern. Wobei für Pictet die Schweiz, Italien und Japan die wichtigsten Märkte sind.

Das Land der aufgehenden Sonne sticht dabei besonders heraus, in dem die Genfer einer der drei grössten Fondsanbieter mit gegen 20 Milliarden Dollar Assets under Management sind. Der Erfolg in Nippon brauchte jedoch einen langen Atem. Seit 1982 ist Pictet im ostasiatischen Land präsent. 2002 schrieb die Bank erstmals schwarze Zahlen. „Als nicht börsenkotiertes Unternehmen leisten wir uns den Luxus des Sich-Zeit-Lassens“, meint Ramsey lapidar. Gerade in Japan lasse sich Vertrauen eben nur langsam aufbauen. „Doch nur Vertrauen führt zu Loyalität.“ Eine Treue, die sich im Inselstaat in einem engmaschigen Vertriebsnetz zu über 100 Wertpapierhäusern, Banken und Online-Plattformen manifestiert.

Als Glückstreffer hat sich dabei in den Nullerjahren der Pictet Global Income Stock Fonds erwiesen, der damals als erstes Finanzprodukt in Japan überhaupt stabile monatliche Ausschüttungen garantierte. „In einem Land mit vielen Pensionierten, die von ihrem Ersparten leben müssen, war Global Income ein Gamechanger“, erinnert sich Ramsey

Tiefgreifender Strukturwandel

Inzwischen hat sich der Wettbewerbsdruck jedoch massiv verschärft. In Japan und anderswo. Seit 2007 flossen weltweit 6 Billionen Dollar in passive Investments, die kostengünstig gängige (Börsen-)Indizes abbilden, statt aktiv den Finanzmarkt schlagen zu wollen. Das spüren aktive Fondsmanager wie Pictet insbesondere beim Umsatzwachstum, während die Profitabilität trotz Strukturwandel seit Jahren bei durchschnittlich 50 Basispunkten liegt.

„Der Boom bei den indexierten Anlagen ist für die Branche heilsam, weil es die Spreu vom Weizen trennt“, meint Ramsey. Es zwinge die Fondsmanager, auch tatsächlich aktiv und mit Überzeugung zu investieren. „Denn für Mittelmass ist der Kunde nicht mehr bereit, einen Aufpreis zu zahlen.“ So hat Pictet vor einigen Jahren ein grossangelegtes „Product-Trimming“ durchexerziert, bei der die Zahl an Investmentstrategien um über 10 Prozent auf gegenwärtig 70 reduziert wurde. Gleichzeitig geht Pictet in Nischen und setzt auf thematische Anlagen wie Wasser, Holz oder Robotics.

Es sind dies Reaktionen auf ein Anlagegeschäft, das sich stark wandelt. Zum einen sind seit der Finanzkrise die regulatorischen Auflagen und Kosten massiv gestiegen. Zum anderen führt das Tiefzinsumfeld zu kostenaffineren Kunden, welche die Verwaltungsgebühren aktiv gemanagter Fonds stärker hinterfragen. Insofern hofft auch Ramsey auf eine Zeitenwende: „Wenn die Zinsen steigen, würde dies der Industrie sicher helfen“, sagt er, der die Kurzfristigkeit des Geschäfts bemängelt. „Aktive Investmentstrategien werden nicht in zwei, drei Jahren zum Erfolg gebracht, sondern über einen ganzen Konjunkturzyklus.“ Der Fokus auf kurzfristige Gewinne zwinge die Fondsmanager aber leider dazu, Verlust früh einzudämmen und sich am Index zu orientieren. „Eine Fehlentwicklung, die wir bekämpfen müssen.“

Doch ist Ramsey zuversichtlich, dass die Marktentwicklung den aktiven Fondsmanagern wieder in die Hände spielen wird. „Ob in Bond- oder Aktienmärkte, in den letzten Jahren war der Trend der beste Freund“, blickt der Bankier zurück und prophezeit, dass diese Phase der „Windfall“-Gewinne auslaufen wird. „Die Renditen sinken, die Volatilität wird zunehmen, das Umfeld wird anspruchsvoller“, so Ramsey. Mit der sich abzeichnenden Normalisierung der Geldpolitik müssen sich die Anleger – wohl oder übel – auf magerere Zeiten einstellen.

 

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