Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Russisches Roulette

Credit Suisse Bis im Frühherbst war P. L. (Name der Redaktion bekannt) einer der wichtigsten Vermögensverwalter der Credit Suisse und hofierte die Oligarchen. Nun wird der Franzose, der mehrere hundert Millionen Dollar an Kundengeldern veruntreut haben soll, zur Hypothek für die Grossbank.

Anfang Woche habe er in Genf Strafklage eingereicht, sagt Anwalt Giorgio Campá, der im Betrugsfall zwei russische Unternehmer als Geschädigte vertritt. Die Klage meiner Klienten richtet sich sowohl gegen den mutmasslich fehlbaren Kundenberater als auch gegen die Bank Credit Suisse, so Campá. Sie umfasse unter anderem die folgenden Tatbestände: Ungetreue Geschäftsbesorgung, Urkundenfälschung, Veruntreuung und Geldwäscherei.

Bei der Klage seiner russischen Mandanten gegen die Grossbank beruft sich Campá auf die subsidiäre Haftung des Unternehmens nach Strafgesetzbuch. Der Artikel kommt zur Anwendung, wenn die Tat wegen mangelhafter Organisation keiner Person zugeordnet werden kann. Campá sagt: Es scheint mir wenig wahrscheinlich, dass Kundenberater P. L. innerhalb der Bank alleine gehandelt hat.

Diese Einschätzung teilt Marc Henzelin, Anwalt des Multimilliardärs Bidzina Ivanishvili. Ivanishvili hatte Ende Dezember den Rechtsfall mit einer Strafklage gegen Berater P. L. ins Rollen gebracht. Erst dann zog die Credit Suisse mit einer Klage nach. Mittlerweile versucht die Bank, den mutmasslich geschädigten Georgier als Partei aus dem Strafverfahren ausschlies sen zu lassen. Die Bank betont, man verfolge eine Nulltoleranzpolitik gegen Übertretungen der Mitarbeiter. Zu Einzelheiten in einem laufenden Verfahren könne sich die CS nicht äussern.

Anfang Februar sprach Chef Tidjane Thiam öffentlich von einem einzelnen und isolierten Fall. Inzwischen jedoch frisst sich die Affäre in die Grossbank hinein. Nach Ansicht der Geschädigtenvertreter mehren sich die Hinweise, dass P. L. kein Einzeltäter sei. So spricht ein Vorgesetzter des Beschuldigten gegenüber den Strafverfolgern von einem Team P. L. mit drei oder vier Assistenten, welche dem Oligarchenbetreuer zugedient haben sollen. P. L. habe direkte Kontakte unterhalten in die Kredit- und Devisenabteilung der Bank sowie ins Legal & Compliance, sagt der amtierende CS-Managing-Director. An die Namen der Gewährsleute von P. L. in den einzelnen Bankabteilungen kann der Bankdirektor sich nicht erinnern.

Allerdings lassen Aussagen des Top-Managers laut Geschädigtenvertretern Zweifel an den internen Kontrollen der Bank aufkommen. So förderte das Internal Audit in der Genfer CS-Filiale 2013 nichts Alarmierendes zutage. Im Gegenteil: In diesem Jahr verliehen die internen Prüfer der Genfer Dépendance die Note gut. Die wenigen Beanstandungen der Kontrolleure betrafen alle nicht die Dossiers des mutmasslich fehlbaren Beraters.

Vielmehr drehten sich die bankinternen Diskussionen dann Anfang 2015 offenbar darum, P. L. grössere Freiheiten zu gewähren beim Handel mit dem Portfolio des georgischen Multimilliardärs Bidzina Ivanishvili. Statt jeden Trade einzeln von Ivanishvili oder seiner rechten Hand absegnen zu lassen, stand ein freieres, dezentrales Mandat zur Debatte.

In die Diskussionen involviert waren neben dem Berater und seinem direkten Vorgesetzten (der die Credit Suisse auf Anfang Jahr verlassen hat) auch Vertreter des Business Risk Management und der Compliance-Abteilung, sagt ein CS-Managing-Director. Die bankinternen Kontroll instanzen standen also bis zuletzt direkt mit P. L. in Kontakt. Mehr noch: Der Vermögensverwalter in Genf – er arbeitete früher Manager bei der Kosmetikmarke Yves Rocher – war bankintern längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Wie Recherchen zeigen, hat die Credit Suisse ihrem Kundenberater P. L. offenbar bereits in einem anderen laufenden Verfahren einen Rechtsanwalt zur Seite gestellt. Konkret geht es im Fall um den russisch-israelischen Oligarchen Vitaly Malkin, der einst ein Klient des mutmasslichen Betrügers bei der CS war. In diese Zeit fällt ein beabsichtigtes 40-Millionen-Euro-Investment von Malkin für ein 300-Hektaren-Gelände an der korsischen Küste, das sich später gemäss französischen Medienberichten als unbebaubar entpuppte.

Grössere Freiheiten geben

Die Hälfte der Investitionssumme überwies damals der CS-Berater P. L. gemäss eigenen Aussagen angeblich auf ein Konto der Bank Julius Bär, und zwar zugunsten eines korsischen Immobilienentwicklers. Doch das Geld versickerte.

Oligarch Malkin hat deshalb Klage gegen den korsischen Immobilienentwickler eingereicht. Die französische Justiz ermittelt seit längerem im Fall. Bereits Anfang 2015 wurde P. L., als er noch im Sold der Credit Suisse stand, laut eigenen Aussagen von einem Richter in Marseille zu einer Aussage vorgeladen. Was folgte, war ein mehrstündiges Verhör, bei dem es um eine mögliche Komplizenschaft von P. L. im Fall ging. Zum Stand des Verfahrens schweigen sich die beteiligten Par teien aus. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Fest steht jedoch, dass die französische Justiz im letzten Frühjahr ein Rechtshilfeersuchen ans Bundesamt für Justiz gestellt hat, und zwar betreffs der beiden involvierten Banken, der Credit Suisse und Julius Bär. Das Ersuchen liegt bei der Genfer Staatsanwaltschaft, die zwar den Eingang gegenüber der Handelszeitung bestätigt, aber sich ansonsten bedeckt hält.

Der Rechtsstreit des Oligarchen Malkin ist wohl auch für die laufende Untersuchung gegen P. L. relevant. So ist aus Justizkreisen zu hören, dass der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa (siehe Box) daran sei, Vermögenswerte des ehemaligen Credit-Suisse-Beraters beschlagnahmen zu lassen. Nebst diversen Offshore-Konten soll sich darunter auch eine Immobilie auf Korsika befinden. Ob der Grundbesitz von P. L. auf der Mittelmeerinsel in einem Zusammenhang steht mit dem Fall Malkin, ist offen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.