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Welttheater in Basel

Geldpolitik Die wichtigsten Währungshüter treffen sich regelmässig in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Auch nach dem Brexit.

Dunkle Limousinen gleiten scheinbar lautlos in die schützende Tiefgarage des Turms zu Basel. Der abgeschirmte Fahrzeugtross kommt vom Flughafen her. In den abgedunkelten Fonds sitzen die mächtigsten Zentralbanker der Welt: Mario Draghi, Zhou Xiaochuan, Janet Yellen.

Das monetäre Stelldichein hat Tradition. Seit ihrer Gründung in den 1930er-Jahren (siehe Timeline) treffen sich die wichtigsten Notenbanker alle zwei Monate am Sitz der BIZ, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Untergebracht ist sie im markanten, 18-stöckigen Rundturm gleich beim Basler Bahnhof.

Die Stippvisiten der Zentralbanker haben enormes Gewicht. Für ein kurzes Wochenende wird Basel zur Kapitale der Hochfinanz, zum Mekka der Geldpolitik. So auch Ende Juni, am Wochenende nach dem historischen Brexit-Entscheid, als die Finanzmärkte verrücktzuspielen drohten. Nach dem Brexit gab es viele Diskussionen – formelle wie informelle, sagt Peter Dittus, Generalsekretär der BIZ, im Gespräch mit der Handelszeitung. Worüber die Zentralbanker genau gesprochen haben, lässt er freilich offen: Nur so kann die Information frei fliessen.

Eines ist sicher: Am Brexit-Wochenende spielte die BIZ ihre Qualitäten als verschwiegenster Männerclub der Welt (Spiegel) einmal mehr voll aus. Im Turm am Rheinknie stimmten die Währungshüter ihr Vorgehen ab, nachdem die Briten Brüssel die kalte Schulter gezeigt hatten. Die praktisch gleichlautenden Communiqués führender Zentralbanken sind Ausfluss der Debatten im BIZ-Turm.

Ob nun symbolische Statements oder handfeste Marktinterventionen, Basel bildet Klammer wie Blaupause für spätere Beschlüsse der Notenbanker in der Heimat. Die Hauptaufgabe der BIZ ist es, die Leute zusammenzubringen und einen informellen Meinungsaustausch zu fördern, ohne dass dies in einem Communiqué festgehalten werden müsste, sagt Dittus.

Es ist diese ungezwungene Clubatmosphäre fernab politischer Druckversuche und medialer Shitstorms daheim, welche die führenden Zentralbanker an der BIZ so schätzen. Den Spirit of Basel, diese entspannte Kameradschaft, brachte einst Péter kos Bod, Ex-Gouverneur der ungarischen Nationalbank, auf den Punkt: Die hauptsächlichen Gesprächsthemen waren die Weinqualität und die Dummheit der Finanzminister.

Apropos Wein. Das Lager im Keller des Basler Turms gilt als legendär. Doch BIZ-Mann Dittus beschwichtigt: Das klingt immer so toll. Wir bewirtschaften den wahrscheinlich bescheidener als jedes gute Restaurant. Wir haben ein paar gute Weine, die in Kühlschränken gelagert werden. Der Rest werde kurzfristig beschafft.

Allerdings passt das Kredenzen edler Tropfen zum klandestinen Bankers Club. Wenn sich die Herren der Finanzwelt im 18. Stock – hoch über den Dächern von Basel – am obligaten Sonntagabend-Dinner zuprosten, dann trägt dies ebenso zur Mythenbildung bei wie der extraterritoriale Status der Bank. So ist die BIZ – wie die Vereinten Nationen in Genf – durch ein Sitzabkommen geschützt. Bank wie ausländische Angestellte zahlen keine Steuern. Schweizer Polizei wie Justiz haben kein Durchgriffsrecht im Turm.

Unverletzbar ist aber auch der bankeigene Country Club vor den Toren Basels. Ob Tennis, Schwimmen oder Yoga – auf der Sportanlage der BIZ können die Währungshüter ihre geldpolitischen Sorgen ausschwitzen. Der Club werde hauptsächlich von Mitarbeitern, aber auch von Zentralbankern genutzt, sagt Dittus, und fügt an: Allerdings haben die Zentralbanker heute weniger Zeit dafür als früher.

Kein patriarchaler Debattierclub mehr

Die Zeiten betulicher BIZ-Treffen sind nämlich vorbei. Der Sitzungsdruck sei hoch, so der Generalsekretär. Debattiert werde an einem Notenbank-Wochenende von halb acht Uhr morgens bis spät in die Nacht. Technologischer Fortschritt, Deregulierung und Globalisierung haben die Finanzmärkte zu so komplexen wie fluiden Gebilden gemacht. Gleichzeitig hat die Finanzkrise die Rolle der Währungshüter erweitert. Die Krisenbewältigung hat die Inflationswächter zu monetären Heilsbringern von Wachstum und Wohlstand gemacht, die nebenbei noch das Bankensystem zu retten haben. Die Mehraufgaben haben auch die BIZ verändert. Aus dem patriarchalen Debattierclub ist ein akademisches Fachgremium geworden: Ob Finanzstabilität, Bankenaufsicht oder Schwellenländer – die Zahl der Ausschüsse wächst stetig.

Dabei geht gerne vergessen, dass die BIZ auch eine richtige Bank ist. Eine grosse Bank, die jedes Jahr Hunderte Millionen Franken an steuerfreien Gewinnen erwirtschaftet (siehe Grafik). Im Prinzip können Sie sich die BIZ vorstellen wie eine Raiffeisenkasse, sagt Dittus. Die Kunden seien die 60 Zentralbanken als Aktionäre sowie weitere internationale Organisationen. Sie suchen bei der BIZ Sicherheit und legen in erster Linie hochliquide Assets an. Man stehe dabei im vollen Wettbewerb mit Geschäftsbanken und Anlagehäusern. Wenn wir überzogene Preise hätten, würden die Zentralbanken ihr Geld einfach woanders anlegen.

Mit den Gewinnen finanziert die BIZ letztlich auch ihre Forschung, deren Schwerpunkt sich ebenfalls verändert hat. Die Ausrichtung auf Geldpolitik und Wechselkurse musste einer Analyse der Banksysteme Platz machen. Denn die Börsen- und Finanzkrisen der 1990er-Jahre hatten gezeigt, dass die Abhängigkeiten unter den Banken die Märkte instabil machen. Die Notenbanker dürsteten nach Grundlagenwissen. Heute sind Zentralbanker typischerweise Universitätsprofessoren, sagt Dittus. Diese verlangen vor den Sitzungen handfeste Analysen, die über Lageberichte hinausgehen.

Schliesslich wissen die Notenbanker um den Basler Datenschatz. Bereits Ende der 1970er-Jahre begann die BIZ mit der statistischen Erfassung der Bankenwelt. Einiges ist öffentlich zugänglich, vieles nicht. Je detaillierter die Daten auf einzelne Banken eingehen, umso brisanter werden die Statistiken. Und solche Statistiken gibt es im Turm zu Basel viele.

Eine wahre Superdatenbank existiert seit drei Jahren. Im geschlossenen Kreis weniger Länder vermittelt die BIZ Aufsichtsberichte über einzelne Institute. Die sind extrem vertraulich, darauf hat noch nicht einmal die BIZ selber Zugriff, sagt Dittus. Die Daten befänden sich auf eigenen Systemen in separaten Räumen, und sind übers Internet nicht zugänglich. Sie sind gefragt. Denn seit dem Kollaps von Lehman Brothers richtet sich das Augenmerk voll auf die gegenseitige, systemische Abhängigkeit von Grossbanken.

Und damit gerät die BIZ wieder in den Fokus der kritischen Öffentlichkeit. Wusste früher kaum einer, wofür die drei Buchstaben stehen, steht die Bank heute auf den Listen von Systemkritikern. Wir sind interessant als Ziel für Angriffe, sagt Dittus. Im vergangenen Jahr beispielsweise rief das Hacker-Kollektiv Anonymous zur Operation Ikarus mit Angriffen auf wichtige Geschäfts- und Notenbanken auf.

Aufgerüstet wurde auch der Personenschutz. Wie, sagt Dittus nicht. Klar ist aber: Wenn sich prominente Notenbanker wie Mario Draghi oder Janet Yellen treffen, braucht es heute mehr Sicherheit als früher. Nahmen die Notenbanker noch vor wenigen Jahren zu Fuss den Vordereingang, bekommt man heute nicht mehr viel davon mit, wenn die Währungshüter im Turm zu Besuch sind. Das ist die grosse Kunst der BIZ: Sicherheit durch Unscheinbarkeit.

Nicht nur Angriffe von aussen bedrohen die BIZ, auch deren zunehmende Grösse ist ein Problem. Die Bank in den letzten 20 Jahren stark gewachsen, als mehrere Schwellenländer Mitglieder wurden, weil sie auf den Finanzmärkten an Gewicht gewannen. Doch mit der Grösse geht das Familiäre verloren, die Vertrautheit. Die Lust auf mehr Mitglieder hat deshalb merklich abgenommen. Einen Anspruch auf Mitgliedschaft gebe es nicht. Die Bisherigen entscheiden über Neue. Wir sind ein Club, sagt Dittus.

Keinen Anspruch auf Wahrheit

Es ist erstaunlich, wie es einer internationalen Institution bis heute gelingt, so intransparent zu bleiben, sagt Theresia Walser. Sie ist keine Globalisierungsgegnerin, sondern Buchautorin. Im Auftrag des Theaters Basel hat Walser ein Stück über die BIZ geschrieben, das im September Premiere hat.

Walser schrieb eine Groteske. Sie habe keinen dokumentarischen Ansatz und auch keinen Anspruch auf Wahrheit. Was die Autorin interessiert hat, ist die Geheimgesellschaft. Die Welt der verschwiegenen Treffen alter Männer, die über das Finanzsystem spotten, ist ihre Bühne für eine fiktive Geschichte. Dieser Ort ist einzigartig, er weckt Fantasien, sagt sie. Kurz vor dem Dinner der Notenbanker, bei dem zwei gehörlose Saaltöchter Köstlichkeiten und edle Tropfen kredenzen, wird einer der Notenbanker tot aufgefunden. Man beschliesst, das Ereignis zu verheimlichen. Doch einer der Banker bricht das Schweigegebot und bringt das System zum Wanken. Plötzlich steht die Bank im öffentlichen Fokus. Vor dem Haus postieren sich Demonstranten. Das Fernsehen taucht auf und will wissen, was hinter den getönten Fenstern der Bank abläuft.

Walser kennt die Bank nur von aussen, Kontakt mit den realen Bankern hatte sie keinen. Bei der BIZ hat man Kenntnis von ihrem Theaterprojekt. Die Autorin ist interessant, sagt Generalsekretär Dittus. Er gehe sich die Premiere anschauen. Die Geschichte erinnere ihn an Dürrenmatts Der Sturz. Auch dieses handelt von Sitzungen im Verborgenen, von Machtspielen und Intrigen. Bühne ist jedoch keine Bank, sondern das Politbüro der Sowjets.

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