Kategorien
Handelszeitung Meinung

Und täglich grüsst das Murmeltier

Liechtenstein Die Geschichte wiederholt sich als Farce. Das zeigt sich derzeit im Ländle. Da kramt das Fürstentum doch tatsächlich die Abgeltungssteuer hervor und will sie der Schweiz als Alternative zum automatischen Informationsaustausch (AIA) schmackhaft machen. Just der Schweiz, die für genau dieses Steuermodell vor wenigen Jahren von den meisten Nachbarn eine saftige Klatsche kassierte. Damals wie heute ist das Fiskalmanöver durchsichtig. Liechtenstein sieht in der Abgeltungssteuer eine Möglichkeit, die Anonymität ihrer Schweizer Bankkunden zu retten und so den Abfluss von eidgenössischen Assets zu stoppen. Derzeit hängt nämlich das Damoklesschwert des AIA über dem Schwarzgeld im Ländle.

Wie Anwälte berichten, sind Schweizer Vermögende daran, ihre Steuerflanke in Liechtenstein zu schliessen. Beim Offenlegen fliessen die Vermögen häufig zurück auf Schweizer Banken. Wer braucht schon eine Liechtensteiner Stiftung mit teuren Treuhändern als Stiftungsräten, wenn die Privatsphäre der Steuerkonstrukte in der AIA-Ära so löchrig ist wie ein Emmentalerkäse? Insofern ist die Alternative der Liechtensteiner ein Danaergeschenk für die Schweiz. Die Eidgenossenschaft gewinnt nichts, wenn das Bankgeheimnis für Schweizer Kunden im Ländle bestehen bleibt. Dagegen läuft der Bund bei einer Sonderlösung mit dem Fürstentum Gefahr, international erneut am Steuerpranger zu stehen.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Totgesagte leben länger

Steuern Liechtenstein lehnt den automatischen Informationsaustausch mit der Schweiz ab. Stattdessen holt das Fürstentum die Abgeltungssteuer aus der Mottenkiste.

Noch im Frühsommer war nicht die Frage ob, sondern wann die Schweiz mit Liechtenstein den automatischen Informationsaustausch (AIA) einführt. „Wir gehen davon aus, dass wir zu einem Abkommen gelangen, das dann 2019 den ersten Austausch ermöglicht“, sagte Finanzminister Ueli Maurer in einer Parlamentsdebatte und fügte an, es seien aber noch einige „Spezialitäten“ mit Liechtenstein zu regeln.

Aus diesen „Besonderheiten“ ist mittlerweile ein Sonderweg für das Ländle geworden. Statt dem automatischen Datenaustausch mit der Eidgenossenschaft holt das Fürstentum die Abgeltungssteuer aus der Mottenkiste. So würden Steuern fliessen, aber die Bankkunden blieben anonym. Ein Modell, mit dem die Schweiz noch vor ein paar Jahren vergeblich das Bankgeheimnis zu retten suchte.

„Wir möchten mit der Schweiz eine Lösung prüfen, die den steuerlichen Bedürfnissen der beiden Partnerstaaten einfacher und direkter Rechnung trägt“, sagt Katja Gey. Die Juristin leitet die Stabsstelle für internationale Finanzplatzagenden bei der Liechtensteiner Regierung. Sie geht davon aus, dass es in den nächsten Wochen „zu einer grundsätzlichen Entscheidung kommen wird“, wie die Schweiz und Liechtenstein die internationalen Standards umsetzen werden. Das federführende Staatssekretariat für internationale Finanzfragen in Bern macht dazu keine Angaben.

Die Meinung im Fürstentum ist indes längst gemacht. Man bekenne sich zwar klar zur Einhaltung internationaler Standards, so Gey. „Aber der AIA-Standard der OECD ist naturgemäss eine Regelung, welche das enge, binnenmarktähnliche Verhältnis zwischen der Schweiz und Liechtenstein nicht ausreichend berücksichtigen kann.“

Blaupause für Schweizer Lösung

Der AIA-Standard führe nämlich zu einem hohen Verwaltungsaufwand, moniert das Behördenmitglied: „Statt dass möglichst viele Daten fliessen, wollen wir uns auf jene Daten beschränken, die eine Besteuerung sicherstellen. Wenn der eine Staat für den anderen direkt die Steuern einbehält, ist es noch besser.“

Als Blaupause für eine mögliche Schweizer Lösung dient dem Fürstentum dabei ein Abkommen mit seinem Nachbarland im Osten. „Wir haben mit Österreich eine spezifische Regelung vereinbart, die die Steuerkonformität in besonderer Weise sicherstellt und den Austausch von AIA-Daten in Teilen ersetzt.“ So erheben die Liechtensteiner für die Alpenrepublik die geschuldete Steuer auf österreichische Vermögen im Ländle und überweisen diese nach Wien. „Eine ähnliche Regelung könnten wir uns auch mit der Schweiz vorstellen“, sagt Gey. Das Abgeltungssteuerabkommen mit Österreich umfasst dabei alle Vermögensstrukturen, die in Liechtenstein verwaltet werden. Konkret bedeutet dies: Das Abkommen würde nicht nur Bankkonten, sondern auch Stiftungsvermögen erfassen, das durch Liechtensteiner Treuhänder gemanagt wird.

Stiftungen sind jene Konstrukte, die seit der Finanzkrise massiv unter Druck stehen. Das internationale Bemühen um mehr Steuertransparenz führte zwischen 2011 und 2015 zu einer Halbierung der „nicht eingetragenen Stiftungen“ im Fürstentum – von 32 000 auf rund 16 000. Das nun vorgeschlagene Abgeltungssteuermodell stellt deshalb auch den Versuch dar, den Abfluss von Assets aus dem Ländle zu stoppen.

Unerwartete Wiederauferstehung

Allerdings stellt sich die Frage, ob ein solches Steuermodell international kompatibel sei. „Ich gehe nicht davon aus, dass die OECD ein Problem damit hat, wenn bilateral gleichwertige Regelungen vereinbart werden, die von beiden Staaten als adäquat angesehen werden“, sagt Gey.

Das Abgeltungssteuermodell schien bisher ein Auslaufmodell zu sein: Der früheren Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf gelang es 2012 zwar, Grossbritannien, Österreich und den deutschen Finanzminister von der Idee zu überzeugen, Geld ohne Kundendaten zu liefern – und so die Privatsphäre des Bankkunden zu gewährleisten. Doch das Abkommen scheiterte im deutschen Bundesrat. Das Schicksal der Abgeltungssteuer schien damit besiegelt zu sein.

Jetzt könnte das Modell eine unerwartete Wiederauferstehung erfahren – für bürgerliche Politiker ist das eine durchaus erfreuliche Nachricht: „Ich war stets ein grosser Promotor der Abgeltungssteuer. Daran hat sich bis heute nichts geändert“, sagt FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann, zugleich Direktor beim Schweizer Ableger der liechtensteinischen LGT Bank.

Auch für CVP-Ständerat Pirmin Bischof spricht nichts dagegen, wenn die Vermögen von Schweizer Kunden in Liechtenstein mit einer Abgeltungssteuer erfasst werden: „Es handelt sich bei der Abgeltungssteuer um ein höchst effizientes Instrument.“ Entscheidend sei allerdings die Aussenwirkung des Abkommens. Die Schweiz dürfe nicht riskieren, international erneut unter Druck zu geraten.

Kritik kommt von der SP: „Wir haben die Abgeltungssteuer als Ersatz für den AIA bereits bei Deutschland abgelehnt“, stellt Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer klar. Das Modell sei auch nicht im Sinne des Finanzplatzes: „Damit will das Fürstentum doch nur ver- hindern, dass Kunden in die Schweiz abwandern.“

Kategorien
Handelszeitung Meinung

Ein Brief sorgt für Beef

Finanzplatz Es braucht schon den unangefochtenen Status einer Supermacht, um nicht in den Verdacht schierer Verblendung zu geraten. Da treibt die US-Justiz bei den Schweizer Banken praktisch ein Jahrzehnt lang den Schwarzgeld-Beelzebub aus. Kocht die fett und impotent gewordenen Geldhäuser mit Millionenbussen und Strafandrohungen weich. Verhört prominente Finanzmanager am Flughafen oder zieht sie vor Gericht. Und vaporisiert schliesslich das Ausland-Bankgeheimnis durch einen unilateralen wie unidirektionalen Datenstaubsauger namens FATCA, ohne sich im Geringsten um internationale Standards oder die nationalstaatliche Souveränität zu scheren. Und als der amerikanische Tax-Exorzismus beinahe vollzogen scheint und zahlreiche Schweizer Banken amerikanische Kunden meiden wie der Teufel das Weihwasser – da tritt US-Botschafterin Suzan G. LeVine an und beklagt, dass ihre Landsleute in der Schweiz Mühe hätten, Konti zu eröffnen oder eine Bankbeziehung aufrechtzuerhalten.

Mit keiner Zeile erwähnt Diplomatin LeVine in ihrem Schreiben die Steuervergangenheit, mit der sich die Risiko-Aversität der Geldhäuser nachvollziehen lässt. Vielmehr verschickt sie ihr Botschaftsmemo als Massenmailing an den halben Finanzplatz und erntet hierfür Unverständnis aus der Branche. Hätte LeVine die Bankbranche ernsthaft gegoogelt, wüsste sie: Sowohl in der Vermögensverwaltung wie im Zahlungsverkehr gibt es genügend Schweizer Institute, die sauberem „american money“ eine Heimstätte bieten.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

LeVines Leviten

Finanzplatz US-Botschafterin Suzan LeVine beschwert sich, dass Schweizer Banken amerikanische Kunden abservieren. Die Branche zeigt sich irritiert.

Tags zuvor war US-Botschafterin Suzan LeVine noch im lieblichen Mostindien auf Stippvisite unterwegs und liess sich vom versammelten Thurgauer Regierungsrat in Frauenfeld und auf Twitter feiern. Dann, am 28. September, greift die ehemalige Microsoft-Direktorin in die Tasten und nimmt das Swiss Banking in die Pflicht. Der Brief aus der Berner Botschaft ist ein Rundschreiben. Die offiziellen Zeilen gehen an zahlreiche Finanzinstitute, darunter Retailer wie die Migros Bank und mindestens ein Geldhaus, das noch auf einen millionenschweren Bussenentscheid aus Washington im Steuerstreit wartet.

LeVines Leviten haben es in sich: Es sei eine ihrer „vordringlichsten Prioritäten“, auf die Bedenken von in der Schweiz wohnhaften US-Bürgern zu reagieren, schreibt die Botschafterin einleitend und erklärt anschliessend: „Viele US-Bürger haben mir gegenüber ihre Sorgen ausgedrückt, dass ihnen der Zugang zu Bankdienstleistungen in der Schweiz fehle.“

Die Botschafterin führt im Brief, welcher der „Handelszeitung“ vorliegt ( siehe Ausriss), konkrete Beispiele an. So seien Amerikaner, die in der Schweiz lebten und seit Jahrzehnten einer Bank die Treue hielten, einfach vor die Tür gesetzt worden. Auch Schweizer Bürger hätten ihre Konten auflösen müssen, nur wegen ihrer Beziehung zu US-Amerikanern. Die Botschafterin würde deshalb gerne mit den angeschriebenen Banken ins Gespräch kommen, um den Zugang von US-Bürgern zu Schweizer Finanzdienstleistungen zu erleichtern. Der Brief schliesst damit, dass LeVine ein Treffen vorschlägt, um „das Regelwerk und die Prozesse der Bank“ im Umgang mit US-Kunden zu diskutieren.

In der Finanzbranche sorgt der US-Botschaftsbrief aus Bern für Kopfschütteln. Von einem „naiven Statement“ ist die Rede und von „Geschichtsvergessenheit“. „LeVine blendet den langjährigen und weiter andauernden Steuerstreit gänzlich aus“, enerviert sich der Chef einer Privatbank und fügt an, dass die US-Repräsentantin Äpfel mit Birnen vergleiche. Die Situation im Retailgeschäft sei nämlich eine völlig andere als in der Vermögensverwaltung. „Im Wealth Management besteht überhaupt kein Problem“, sagt der Bank-CEO dezidiert. Dort gebe es eine Reihe von Banken wie Pictet und Vontobel, welche durch die amerikanische Börsenaufsicht SEC reguliert seien und die sich deshalb explizit auf das komplexe Geschäft mit US-Bürgern verstünden. „Es gibt eine Auswahl, es gibt ein Angebot. Der Markt spielt“, lautet sein knappes Fazit.

Ab mehreren Milliarden profitabel

Aber auch jene Vermögensbanken, die nicht direkt von der US-Börsenaufsicht reguliert sind, bieten Assets von in der Schweiz domizilierten Amerikanern eine Heimstätte an. Entweder über externe Vermögensverwalter, die SEC-reguliert sind, oder indem sie nur eine kleine Zahl an Kunden mit begrenzter Vermögenssumme betreuen. Ein solches US-Geschäft auf Sparflamme ergibt allerdings in den meisten Fällen ökonomisch wenig Sinn, sodass viele Privatbanken sich über die letzten Jahre von ihren historisch bedingten US-Restanzen verabschiedet haben. Gerade jene Institute, die im Affluent-Bereich bis 1 Million Franken pro Kunde tätig sind, suchen das Weite.

Nicht aus bösem Willen, wie ein Banker betont, sondern weil der „Kosten-Nutzen-Ertrag in keinem Verhältnis“ stehe. Denn Skaleneffekte sind im Wealth Management matchentscheidend. Was in Bezug auf eine SEC-Regulierung bedeutet, dass sie erst ab mehreren Milliarden an US-Vermögen kostendeckend ist. Ansonsten rechnen sich die Investitionen in die länderspezifische Compliance und IT-Massnahmen nicht.

Schlicht zu teuer

Beim Branchenverband, der Schweizerischen Bankierveinigung SBVg, kennt man die Problematik bestens: US-Personen unterlägen einer aufwendigen und komplizierten Gesetzgebung. „Es ist daher für einige Banken schlicht zu risikoreich und zu teuer, US-Kunden zu bedienen“, sagt Sprecherin Sindy Schmiegel. Jede Bank müsse diesen Geschäftsentscheid für sich selbst fällen. „Wir haben in der Schweiz Wirtschaftsfreiheit.“ Gleichzeitig betont Schmiegel aber, dass der Exit aus dem Geschäft mit Amerikanern kein „flächendeckendes Phänomen“ sei: „Auch US-Kunden finden eine Schweizer Bank.“

Dies gilt nicht nur fürs eigene Anlageportfolio, sondern auch für Zahlungs-, Lohn- oder Mietzinsdepot-Konti. Man habe LeVines Brief auch erhalten, heisst es beispielsweise bei der Migros Bank lapidar. Das Retail-Institut betont: „USBürger können bei uns Konten eröffnen.“ Diesbezüglich herrsche also „kein Handlungsbedarf“ seitens der Bank.

Auch bei der Postfinance verursacht der besorgte Aufruf des offiziellen Amerikas nur Schulterzucken: Ihr gesetzlich festgelegter Grundversorgungsauftrag besage, dass alle in der Schweiz wohnhaften Personen unabhängig von ihrer Nationalität bei Postfinance ein Konto eröffnen können – „auch US-Bürger“, sagt Sprecher Johannes Möri.

20 000 US-Bürger in der Schweiz

Auf Anfrage präzisiert die US-Botschafterin Suzi LeVine ihren Brief in einem schriftlichen Statement: Es gebe natürlich Banken wie UBS, Credit Suisse oder Cornèr Bank, die nach einem Unterbruch wieder US-Bürger bedienten, und solche Institute wie Vontobel, die stets Amerikaner unterstützten.

Man habe einfach mal andere Banken anfragen wollen, ob sie bereit wären, ihr Business auszuweiten. Schliesslich lebten in der Schweiz rund 20 000 Amerikaner, die „arbeiten, einkaufen und ihre Steuern zahlen“. Deshalb habe sie einen Brief an viele andere Schweizer Institute geschickt, um die Herausforderungen zu schildern, die Amerikaner hätten, wenn sie in der Schweiz „ein Bankkonto eröffnen oder behalten möchten“. Sie habe den Bankchefs deshalb angeboten, sich mit ihr zu treffen, um Lösungen zu finden. „Viele haben das Angebot angenommen“, sagt LeVine. Sie freue sich nun darauf, die Banker bald zu treffen.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Nummer 41

Pictet Laurent Ramsey ist der jüngste Partner beim Genfer Geldinsitut. Als oberster Asset Manager lenkt Ramsey die grosse, unbekannte Sparte der Bank.

Schaut Laurent Ramsey aus seinem mit Holz getäferten Büro im vierten Stock, dann sieht er weder imposante Hochhäuser noch ausladende Boulevards. Der Genfer Bankier blickt vielmehr der Vorstadt-Tristesse mitten ins Auge. Der wuchtige Pictet-Hauptsitz nach Minergie-Standard liegt an einer stark befahrenen Ausfallstrasse der Rhonestadt – zwischen Gebrauchtwagenhändlern, Harddiscountern und Ethnoläden.

Dass eine der Top-Adressen im grenzüberschreitenden Vermögensgeschäft in den wenig glamourösen Vorort Carouge disloziert, mag erstaunen, hat praktische Gründe. „Die internationale Kundschaft schätzt es, wenn sie vom Flughafen Cointrin in einer Viertelstunde bei uns ist“, sagt Ramsey, der selber von der Airport-Nähe profitiert. Schliesslich pendelt der Mittvierziger jede Woche zwischen Genf und London, wo er im noblen Stadtteil Kensington wohnt und seine beiden Buben in die Privatschule gehen.

Der Londoner Lebensmittelpunkt des gebürtigen Romands ist Pictets Anlagegeschäft geschuldet. In der britischen Finanzmetropole arbeiten nämlich über 250 Bankangestellte für Pensionskassen, Staatsfonds und andere Profianleger. Sie und 380 weitere Mitarbeitende in Genf gehören zur Asset-Management-Sparte, die Laurent Ramsey leitet. Zunächst als Vizechef – seit Anfang Jahr gehört Ramsey zum erlauchten Kreis der sechs teilhabenden Pictet-Partner. Seine Wahl sei höher zu bewerten „als jeder Sechser im Lotto“, schrieb die NZZ bei Ramseys Ernennung. Schliesslich kommt der passionierte Hobbytaucher nicht aus einer der drei Stammfamilien Pictet, de Saussure und Demole, sondern hat sich vom einfachen Bankangestellten in 23 Berufsjahren zum teilhabenden Bankier hochgearbeitet.

Die Konsequenzen zu tragen

Seine Berufung kommt auch finanziell einer Karrierekrönung gleich, wenn man bedenkt, dass die teilhabergeführte Pictet-Gruppe im letzten Jahr einen Reingewinn von rund 450 Millionen Franken erwirtschaftete. Bei solchen Beträgen muten selbst die üppigen CEO-Saläre börsenkotierter Finanzhäuser geradezu bescheiden an.

Angesichts dieses Millionensegens mag es Neo-Entrepreneur Ramsey auch verschmerzen, dass er sich für den Einkauf in die Partnerschaft verschulden musste. Den Startkredit zahlt er nun über die Zeit aus den Erträgen der Bank ab. „Man kauft sich zu Buchwert ein und steigt zu Buchwert wieder aus“, erklärt Ramsey das altbewährte Partnerprinzip der Edelbank.

Der smarte Selfmademan mit den nach hinten gekämmten Haaren ist erst der 41. Partner seit der Gründung des Genfer Vermögensinstitutes im Jahre 1805. Im Schnitt bleibt ein Teilhaber mehr als 20 Jahre der Bank treu. Kein Wunder betont Ramsey die Kontinuität als Erfolgsprinzip von Pictet. „Wir müssen die Konsequenzen aller Entscheidungen, die wir heute treffen, selber tragen.“

Diese Last jahrzehntelanger Verantwortung lässt die Teilhaber in der Regel mit Bedacht und in Eintracht agieren. Es falle ihm erst jetzt als Insider auf, so Ramsey, wie eng die Bande unter den Partnern seien. „Wir treffen uns jede Woche viermal für zwei Stunden im Salon nebenan.“ Kein Verwaltungsrat einer Bank weist eine solch hohe Sitzungskadenz auf. Sie schafft Nähe und Vertrautheit.

Neben formellen Treffen, die gewöhnlichen Geschäftsleitungsmeetings ähneln, ist viel Raum für Gedanken- und Ideenaustausch. Die ganze Gruppe gelte es dabei als Partner stets im Auge zu haben, betont der neueste Pictet-Eigner, dessen Wahl in den „inner circle“ auch einem Ritterschlag fürs institutionelle Anlagegeschäft innerhalb der Gruppe gleichkommt. Denn Pictet ist von der Historie her eine Privatbank par excellence. Während die Vermögensverwaltung seit über 200 Jahren das Kerngeschäft bildet, betreibt Pictet ihren Asset-Management-Arm erst seit Anfang der 1980er-Jahre. Zunächst integriert in die Privatbank.

Mit 160 Milliarden Franken an Anlagevermögen ist das Geschäft mit institutionellen Investoren und Investmentfonds aber mittlerweile praktisch so gross und profitabel wie das angestammte Private Banking. Die Ernennung von Laurent Ramsey steht deshalb auch für die Emanzipation des Asset Management, dessen Anlagevermögen etwa zur Hälfte von Institutionellen wie Pensionskassen oder Staatsfonds stammt. Der Rest kommt aus dem Fondsvertrieb und von Drittbanken beziehungsweise externen Verwaltern. Wobei für Pictet die Schweiz, Italien und Japan die wichtigsten Märkte sind.

Das Land der aufgehenden Sonne sticht dabei besonders heraus, in dem die Genfer einer der drei grössten Fondsanbieter mit gegen 20 Milliarden Dollar Assets under Management sind. Der Erfolg in Nippon brauchte jedoch einen langen Atem. Seit 1982 ist Pictet im ostasiatischen Land präsent. 2002 schrieb die Bank erstmals schwarze Zahlen. „Als nicht börsenkotiertes Unternehmen leisten wir uns den Luxus des Sich-Zeit-Lassens“, meint Ramsey lapidar. Gerade in Japan lasse sich Vertrauen eben nur langsam aufbauen. „Doch nur Vertrauen führt zu Loyalität.“ Eine Treue, die sich im Inselstaat in einem engmaschigen Vertriebsnetz zu über 100 Wertpapierhäusern, Banken und Online-Plattformen manifestiert.

Als Glückstreffer hat sich dabei in den Nullerjahren der Pictet Global Income Stock Fonds erwiesen, der damals als erstes Finanzprodukt in Japan überhaupt stabile monatliche Ausschüttungen garantierte. „In einem Land mit vielen Pensionierten, die von ihrem Ersparten leben müssen, war Global Income ein Gamechanger“, erinnert sich Ramsey

Tiefgreifender Strukturwandel

Inzwischen hat sich der Wettbewerbsdruck jedoch massiv verschärft. In Japan und anderswo. Seit 2007 flossen weltweit 6 Billionen Dollar in passive Investments, die kostengünstig gängige (Börsen-)Indizes abbilden, statt aktiv den Finanzmarkt schlagen zu wollen. Das spüren aktive Fondsmanager wie Pictet insbesondere beim Umsatzwachstum, während die Profitabilität trotz Strukturwandel seit Jahren bei durchschnittlich 50 Basispunkten liegt.

„Der Boom bei den indexierten Anlagen ist für die Branche heilsam, weil es die Spreu vom Weizen trennt“, meint Ramsey. Es zwinge die Fondsmanager, auch tatsächlich aktiv und mit Überzeugung zu investieren. „Denn für Mittelmass ist der Kunde nicht mehr bereit, einen Aufpreis zu zahlen.“ So hat Pictet vor einigen Jahren ein grossangelegtes „Product-Trimming“ durchexerziert, bei der die Zahl an Investmentstrategien um über 10 Prozent auf gegenwärtig 70 reduziert wurde. Gleichzeitig geht Pictet in Nischen und setzt auf thematische Anlagen wie Wasser, Holz oder Robotics.

Es sind dies Reaktionen auf ein Anlagegeschäft, das sich stark wandelt. Zum einen sind seit der Finanzkrise die regulatorischen Auflagen und Kosten massiv gestiegen. Zum anderen führt das Tiefzinsumfeld zu kostenaffineren Kunden, welche die Verwaltungsgebühren aktiv gemanagter Fonds stärker hinterfragen. Insofern hofft auch Ramsey auf eine Zeitenwende: „Wenn die Zinsen steigen, würde dies der Industrie sicher helfen“, sagt er, der die Kurzfristigkeit des Geschäfts bemängelt. „Aktive Investmentstrategien werden nicht in zwei, drei Jahren zum Erfolg gebracht, sondern über einen ganzen Konjunkturzyklus.“ Der Fokus auf kurzfristige Gewinne zwinge die Fondsmanager aber leider dazu, Verlust früh einzudämmen und sich am Index zu orientieren. „Eine Fehlentwicklung, die wir bekämpfen müssen.“

Doch ist Ramsey zuversichtlich, dass die Marktentwicklung den aktiven Fondsmanagern wieder in die Hände spielen wird. „Ob in Bond- oder Aktienmärkte, in den letzten Jahren war der Trend der beste Freund“, blickt der Bankier zurück und prophezeit, dass diese Phase der „Windfall“-Gewinne auslaufen wird. „Die Renditen sinken, die Volatilität wird zunehmen, das Umfeld wird anspruchsvoller“, so Ramsey. Mit der sich abzeichnenden Normalisierung der Geldpolitik müssen sich die Anleger – wohl oder übel – auf magerere Zeiten einstellen.

 

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Axpo braucht Flüssiges

Wasserkraft Der Stromkonzern will sechs Kraftwerke abstossen. Nun geht der Verkaufsprozess in die heisse Phase.

Am Axpo-Sitz in Baden herrscht „Land unter“. Nach Milliardenabschreibern und mehreren roten Geschäftsjahren geht der Nordostschweizer Stromkonzern ans Tafelsilber, wie bereits Konkurrentin Alpiq zuvor. So sind seit Frühjahr die Anteile an sechs Wasserkraftwerken (siehe Liste oben) zur Veräusserung vorgesehen, wie aus einem Verkaufsprospekt hervorgeht, welcher der „Handelszeitung“ vorliegt. Es handelt sich um Partnerwerke, zumeist mit Minderheitsanteilen von Axpo. Der Bieterprozess wie die Sorgfaltsprüfung zum Kraftwerkspark sind offenbar abgeschlossen. Nun stehen gemäss einem Insider die konkreten Verhandlungen an. Bis Ende Jahr soll der Hydro-Deal unter Dach und Fach sein.

Abhängigkeit minimieren

Axpo bestätigt zwar, dass ein Verkaufsprozess im Gange sei, ohne allerdings auf Kraftwerke oder Details näher einzugehen. Doch die Ausgangslage ist klar: Mit einem grossen Schweizer Produktionspark und ohne gebundene Kunden im Monopol ist der Badener Stromkonzern den strukturell tiefen Marktpreisen schutzlos ausgeliefert. „Diese Abhängigkeit vom Strompreis müssen wir minimieren“, sagt Axpo-Sprecher Tobias Kistner.

Deshalb lautet die Devise nun, Hydro-Kapazitäten zu reduzieren, um den Stromkonzern flüssig zu halten. Kistner erläutert passend dazu das „oberste strategische Ziel“ des Stromkonzerns: „Die nachhaltige Sicherung der Liquidität und Kapitalmarktfähigkeit sowie die Steigerung der Rentabilität angesichts des anhaltend schwierigen Marktumfelds.“

Stromnetz in der Waagschale

Konkret bedeutet dies, dass man in Baden nicht strategische Assets abstossen möchte. Dazu klopft die Axpo-Spitze um Chef Andrew Walo seit Ende letzten Jahres das gesamte Produktionsportfolio auf Ballast ab. Zum Evaluationsprozess sagt Sprecher Kistner: „Im Rahmen dieser Prüfungen wurde neben einigen Gaskraftwerken und Kernenergie-Langzeitbezugsverträgen auch ein Portfolio von Wasserkraftwerken (beziehungsweise deren Axpo-Anteile) eruiert, die zum Verkauf angeboten werden sollen.“ Ob im jüngst kommunizierten Abschreiber in der Höhe von 1,4 Milliarden Franken auch jene sieben Hydrokraftwerksanteile enthalten waren, lässt der Stromkonzern offen. Man wolle keine einzelnen Beträge nennen. „Dies ist darin begründet, dass wir spezifisches Bewertungswissen nicht für unsere Mitbewerber zugänglich machen wollen“, erklärt der Axpo-Sprecher.

Während man die Transaktionsmasse also öffentlich möglichst opak hält, bewirbt Axpo ihre sieben Kraftwerksanteile gegenüber potenziellen Kaufinteressenten aktiv als Gelegenheit zur „Investition in Schweizer Infrastruktur“. Schliesslich handelt es sich um ein stattliches Portfolio: Kurzfristig können die Axpo-Kraftwerksanteile die Leistung eines halben AKW Mühleberg erzeugen. Jährlich produziert die Park-Partizipation etwa so viel Elektrizität, wie ein grosses Schweizer Stahlwerk verbraucht. Im Fall des Kraftwerks Wägital wirft der Stromkonzern gar noch ihr Mittelspannungsnetz im Schwyzer Bezirk March in die Waagschale. Man sei bereit, dessen Verkauf zu diskutieren, heisst es in der Verkaufs-Doku.

Axpo würde gemäss dem Papier gerne alle sieben Kraftwerke an einen Käufer veräussern, und zwar „noch möglichst in diesem Kalenderjahr“. Insider zweifeln an der Realisierbarkeit dieses Vorhabens. Denn der Kreis potenzieller Interessenten ist klein. Nur schon, weil solche Minderheitsanteile für hohe Abhängigkeiten sorgen und wenig unternehmerische Freiheiten bieten. Eine brancheninterne Lösung scheint wahrscheinlich. Auch die öffentliche Hand kommt als Käufer infrage, weil dadurch mögliche Konzessionierungsrisiken hinfällig werden.

Doch der Heimfall ist nicht die einzige Unwägbarkeit bei der Akquise eines Wasserkraft-Portfolios. Auch der anstehende Investitionsbedarf belastet den Businessplan: So stehen bei einzelnen Kraftwerken grössere Erneuerungsarbeiten an. Und wer heute Hydro kauft, geht sowieso eine Wette auf steigende Strompreise ein. In einem regulatorischen Umfeld, das sich von heute auf morgen ändern kann, ist dies ein Vabanquespiel.

Was alles zum Verkauf steht (Axpo-Anteil)

  • Electra-Massa
  • Lizerne et Morge
  • Argessa
  • AG Kraftwerk Wägital
  • Electricité de la Lienne
  • Rheinkraftwerk Albbruck-Dogern
Kategorien
Handelszeitung Meinung

Kurzschluss im Zigerschlitz

Axpo Es ist ein Milliardengrab mit Ansage, das die Axpo mit dem Pumpspeicherwerk Limmern in die Glarner Alpen betonierte. Der jüngste Abschreiber über 540 Millionen Franken löst da nur noch Schulterzucken aus. Zugleich ist Limmern ein Mahnmal für selbstgefällige Manager und ahnungslose Politiker. Vor über zehn Jahren wanderte der damalige Axpo-Chef und heutige Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer zur Muttseehütte und beschwor die „Stromlücke“. Ein Ersatz-AKW und ein Pumpspeicher sollten die „Engpässe 2020 in der Stromversorgung“ beheben. Doch Karrer produzierte im Zigerschlitz einen argumentativen Kurzschluss: Weder kann es in einem funktionierenden Markt eine Lücke geben, noch kann ein Pumpspeicherwerk die Versorgung länger als ein paar Minuten sichern. Vielmehr wollten die Nordostschweizer Stromer ihre an der Nachfrage vorbeiproduzierenden AKW mit den Glarner Turbinen vergolden. Billiger Bandstrom sollte zu teurem Spitzenstrom werden. Der Pumpspeicher war für Arbitrage-Gewinne im unvollkommenen Strommarkt gedacht. Doch die Axpo-Männer wurden jäh aus ihren Grosskraftwerks-Phantasien gerissen: Im liberalisierten EU-Strommarkt schmilzt die Differenz zwischen Spitzen- und Bandstrom dahin. Gleichzeitig steuern intelligente Netze zusehends die Nachfrage. Das sind schlechte Aussichten für das „Jahrhundertwerk“ der Axpo.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Action-Man aus Arbon

Patrik Gisel Seit einem Jahr ist er Raiffeisen-Chef. Nun tritt der Ostschweizer an, das weitverzweigte Vincenz-Erbe zu konsolidieren und die Genossenschaftsbank ins digitale Zeitalter zu führen. Ein Balanceakt.

Es surrt leise im Fonds der schwarzen Audi-A8-Limousine. Patrik Gisel greift zum Sakko und zieht sein iPhone heraus. Das Display zeigt das kantige Gesicht von Pierin Vincenz. Der Raiffeisen-Übervater ruft an. „Schon lange nichts mehr gehört von dir, Pierin“, scherzt Gisel und klemmt seinen Vorgänger ab, mit dem er in zwei Verwaltungsräten sitzt. Er könne nicht reden, ein Journalist sei mit im Auto.

Der Anruf von Vincenz kommt dem Ostschweizer in diesem Moment ungelegen. Denn er weckt die ewigen Vergleiche mit dem Bündner Baumeister der heutigen Raiffeisen-Gruppe. Vor 15 Jahren hatte ihn Vincenz von der UBS zu Raiffeisen gelotst und den Banken-ITCrack bis an die Spitze gefördert.

Längst aber hat sich der Chef der drittgrössten Bankgruppe der Schweiz vom omnipräsenten Vorgänger emanzipiert. Gisel gibt Gas, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Rund 60 000 Kilometer im Jahr spult sein Chauffeur ab, den ihm die Bank stellt.

Ob Kundenanlässe, Jubiläumsreferate oder Generalversammlungen, der Event-Reigen im Genossenschaftsreich – von Agno bis Zufikon – fordert seinen Tribut. Kaum einen Abend unter der Woche, den Gisel bei sich zu Hause in der Zürcher Goldküstengemeinde Erlenbach verbringt. Wenigstens verfügt seine Limousine über lederne Liegesitze. So kann der Bankchef bereits auf dem Nachhauseweg vorschlafen, um frühmorgens wieder fit zu sein. Um sechs Uhr zieht der passionierte Triathlet nämlich seine Längen im Hallenbad Oerlikon oder joggt eine Runde. „Sport ist für mich ein Lebenselixier“, sagt Gisel. Wenn er diesen vernachlässige, komme er in Stresssituationen.

Gisel gibt sich hemdsärmelig

Die allabendliche Ochsentour durch die Raiffeisen-Provinz ist indes kein eitler Selbstzweck des neuen Bank-Lenkers. Vielmehr wollen die 270 Genossenschaftsbanken vom Ostschweizer Chef umsorgt sein. Man müsse eben „kulturkompatibel“ sein, meint er, der mit seiner konzilianten Art in der Bank gut ankommt. So hemdsärmelig Gisel sich gibt: Er ist ein schlauer Fuchs, der gleichermassen messerscharf analysiert wie pragmatisch agiert.

Ohne den Sukkurs der unternehmerisch unabhängigen Lokalfürsten geht am Gruppensitz in St. Gallen nämlich nichts. Das weiss der neue Raiffeisen-Chef genau. Schliesslich war er es, der seinerzeit dem visionären Vincenz in fachlichen Fragen den Rücken freihielt und als dessen Stellvertreter dem Markt draussen den Puls fühlte. „Er kennt die Machtmechanik von Raiffeisen aus dem Effeff“, sagt ein Wegbegleiter. Nun müsse er sich für seine Vorhaben „Mehrheiten sichern“.

Das ist auch nötig. Denn Gisels Herausforderungen sind steil, die Pendenzenliste ist lang und die schollenverbundene Basis tendenziell zurückhaltend. Zum einen muss der promovierte HSGler das weitverzweigte Vincenz-Erbe konsolidieren. Der Rückbau der Asset-Management-Fabrik Vescore liefert einen ersten Vorgeschmack darauf, wie er das Institut auf seine Stärken – die Vertriebsfunktionen – zurückführt. Zum anderen muss der Architektensohn aus Arbon die Raiffeisen-Gruppe ins digitale Zeitalter führen: Das Bankgeschäft werde sich in den nächsten zehn Jahren fundamental ändern, prophezeit der Genossenschafts-CEO, und blickt nachdenklich aus dem Autofenster, während auf der A1 das sattgrüne Mostindien vorbeizieht.

Gisels Credo ist dabei denkbar einfach: „Lieber kannibalisieren wir uns selber, als dass wir kannibalisiert werden“. In der digitalen Transformation gibt der Hobbypilot die strategische Destination und Flughöhe gleich selbst vor. Mit Raitec Lab hat Gisel ein Expertenteam geschaffen, das ihm direkt rapportiert und an der genossenschaftlichen Banking-Zukunft arbeitet. „Best use of equipment“, erklärt sich Gisel im Fliegereijargon. So steht beispielsweise der Online-Vertrieb von Hypotheken auf dem Rollfeld bereit.

Doch der Fintech-Jet kann erst abheben, wenn der Chefpilot die Startbahn freigeschaufelt hat: Mit fast 1000 Filialen verfügt Raiffeisen nämlich über das dichteste Bankstellennetz der Schweiz. Doch, E-Banking sei dank, frequentieren immer weniger Kunden die physische Bank. Gerade das klassische Transaktionsgeschäft erodiert, während die reine Beratung eine solche Institutsdichte nicht rechtfertigt. Ein Fünftel der Filialen werde aus Rentabilitätsgründen über die nächsten Jahre verschwinden müssen, lautet die Prognose aus der Raiffeisen-Zentrale.

Deal an einem Wochenende

Gleichzeitig steht der Wechsel des Kernbankensystems unmittelbar bevor. Die Informatik gilt als Hauptschlagader des Bankings. Eine Migration auf die neue Plattform gleicht deshalb für die Raiffeisen-Gruppe einer Operation am offenen Herzen – mit offenem Ausgang. Denn der Zeitplan ist extrem eng getaktet. Gisel kann sich keine Verzögerungen leisten. Selbst wenn gewisse Teilprojekte wie jenes für die Privatbank Notenstein bereits den Status „dunkelrot“ hätten, wie Insider berichten. Die kritische IT-Ablösung muss auf Gedeih und Verderb gelingen. Die Notenstein-Tochter braucht eine neue Plattform fürs angestrebte Asset-Wachstum. Bislang lag die Entwicklung der Privatbank nämlich deutlich hinter den Erwartungen von Gisel. „Wir haben in den letzten fünf Jahren das Potenzial nicht genutzt“, sagt der Raiffeisen-Chef selbstkritisch.

Schliesslich war die schlagartige Übernahme der toxischen Wegelin Gisels Gesellenstück. Er zog den heiklen Deal praktisch über ein Wochenende durch. Doch den Beweis, dass eine eigene Vermögensbank das Zinsdifferenzgeschäft der Gruppe auszugleichen vermag, blieb der oberste Chef schuldig.

Nebst dem Private Banking will Gisel auch im KMU-Geschäft vorwärtsmachen. Mit Urs Gauch hat er einen erfahrenen Manager der Credit Suisse in die Geschäftsleitung geholt. Doch auch hier stehen interne Hausaufgaben an. Die Raiffeisen-Statuten setzen den Genossenschaften nämlich enge Wachstumsgrenzen. Blankokredite über 250 000 Franken müssen diese durch die Gruppe absichern lassen. Wer die statutarische Vorgabe ändern möchte, benötigt ein Quorum von satten 90 Prozent. Kein leichtes Unterfangen.

Doch Gisel hat Biss und mag Herausforderungen – im Beruflichen wie im Privaten. Beispielhaft ist hierfür seine Leidenschaft, die Fliegerei. Auf dem Airport Kloten steht eine silberne Piper Aerostar mit dem Kürzel HB-LUD, die er zusammen mit Kollegen besitzt und auch für Geschäftsreisen nach Luxemburg oder Brüssel nutzt. „Ein anspruchsvoll zu fliegendes Modell“, sagt der 54-Jährige nicht ohne Stolz. Nur zwei Maschinen dieses amerikanischen Typs seien hierzulande registriert.

Schweizer Meister

Aufgewachsen ist Gisel in der Bodensee-Gemeinde Arbon: Sein Vater war ein erfolgreicher Architekt, der unter anderem den Firmenpalast des AFG-Patrons Edgar Oehler gebaut hat. Sein Bruder Marcel schaffte es mit der Band Transit als erste Schweizer Rockgruppe bis in den Musiksender MTV. Und Gisels Halbbruder – Bill Mistura – war zuerst in der Führung des FC St. Gallen und managt nun den HC Davos. Mistura wohnt noch heute in Arbon. In der nahen Badi übte Gisel einst das Turmspringen und brachte es bis zum mehrfachen Schweizer Meister. Der Kick vom Sprungbrett passt zum Action-Man aus Arbon, der es bis heute mag, „wenn etwas läuft“. „Arbeit muss Spass machen“, sagt Gisel und lacht verschmitzt. Der Banker ist ein Teamplayer, der fördert wie fordert und Pendenzen zügig abbauen will.

Den Tatbeweis tritt der Chef spätabends auf der Terrasse der Berner Bellevue-Bar an. Wenns brennt, seien alle GLMitglieder stets erreichbar, sagt Gisel und tippt eine Anfrage ins Handy. Keine zwei Minuten später surrt es leise.

Kategorien
Beitrag Handelszeitung

Perestroika im Portfolio

Banking Drittanbieter dürfen in der EU bald auf Konten zugreifen und Zahlungen auslösen. Die Banken könnten die Schnittstelle zum Kunden verlieren – auch in der Schweiz.

Brüssel hat im Banking Grosses vor. Es geht um nichts weniger als die Entbündelung des Bankgeschäfts zum Endkunden. Dazu wird die Wertschöpfungkette der Finanzinstitute filetiert. Das passiert, indem eine neue EU-Richtlinie namens „Payment Service Directive 2“ (PSD2) den Banken vorschreibt, gewisse digitale Schnittstellen für Drittanbieter kostenlos zu öffnen.

Sind diese sogenannten API offen, lassen sich ganz neue Geschäftsmodelle denken. Zum Beispiel: Alle Bankbeziehungen auf einen Blick oder echte Performance-Vergleiche über alle Vermögensbanken hinweg. Die kombinatorische Blaupause bilden Tech-Plattformen wie Amazon, der Taxidienst Uber oder die Buchungsoberfläche Airbnb, deren Services nur dank dem offenem API-Zugriff auf Drittunternehmen wie Google überhaupt erst möglich wurden.

PSD2 erzwingt diese offene Architektur nun auch im Banking. Die Direktive gilt ab 2018 im gesamten EU-Raum und könnte das Bankgeschäft in den nächsten Jahren fundamental umwälzen. Auch Schweizer Banken werden sich der Gravitation von PSD2 nicht entziehen können – trotz fehlender Rechtskraft.

Konkret soll PSD2 Drittanbietern kostenlos den Zugriff auf Kontoinformationen sowie die Auslösung von Zahlungen gewähren. Vorausgesetzt natürlich, der Bankkunde gibt zum Zugriff sein Einverständnis. Brüssel erhofft sich durch den regulatorischen Nadelstich mehr Wettbewerb und Innovation. „Mit der Öffnung der API könnte ein veritabler Innovations-Tsunami ausgelöst werden“, prophezeit ein Vertreter des Infrastrukturbetreibers SIX. Entscheidend sei jetzt, wie die technische Schnittstelle ausgestaltet werde. „Je offener die Ausgestaltung, desto rascher die Ausbreitung.“

Ein Wolf im Schafspelz

Für Teile der Finanzindustrie kommt die europäische Direktive einem unerlaubten Griff in den Tresor gleich. „Klassische Banken haben grosse Mühe beim Gedanken, gegenüber einem Fintech ihre sensitiven Schnittstellen öffnen zu müssen“, sagt Daniel Diemers, Digitalexperte und Partner bei PwC Strategy&. Migros-Bank-Sprecher Urs Aeberli spricht von „Herausforderungen auf verschiedenen Ebenen“: Zum einen könnten bestehende Zahlungsdienstleistungen vermehrt durch neue Angebote ersetzt werden, was die Kreditkartenerträge schmälert. Zum anderen sei noch nicht absehbar, inwieweit die neuen Zahlungsdienstleister „mittel- und längerfristig ihre Geschäftsfelder über den angestammten Bereich erweitern werden“.

Denn die Brüsseler Direktive mag zwar vorderhand auf den Zahlungsverkehr fokussieren. Aber PSD2 ist ein Wolf im Schafspelz. Indem sich Drittanbieter zwischen Bank und Kunde schieben, droht das einzelne Finanzinstitut zum reinen Kontoverwalter degradiert zu werden, und zwar auch im Anlageund Vermögensgeschäft.

So ergab eine Umfrage von PwC bei 30 Euro-Banken, dass zwei Drittel sich davor fürchten, mit PSD2 die Kundenschnittstelle zu verlieren. Denn bereits heute existieren Personal-Finance-Firmen wie eWise oder die Zürcher Qontis, die Bankbeziehungen aggregieren, um über eine singuläre Oberfläche einen holistischen Blick auf die persönlichen Finanzen des Kunden zu gewähren. Diesen Fintechs fehlte bislang bloss der rechtliche Durchgriff auf die Kundendaten. Mit PSD2 wird nun diese Basis geschaffen, wodurch neue Angebote wie transparente Anlage-Performance-Vergleiche oder einfache Anbieter-Wechsel möglich werden. PwC-Stratege Diemers ist überzeugt, dass hier der eigentliche Hebel von PSD2 liegt: „Die Disruption wird in komplexen Bankgeschäften ansetzen, wo die Schnittstellen bislang geschlossen waren und der Markt fragmentiert beziehungsweise abgeschottet war.“

Dass Banken dieser Kannibalisierung nicht tatenlos gegenüberstehen, zeigt das Beispiel von BBVA. Die spanische Grossbank hat ihre einfachen Kontound Zahlungsschnittstellen bereits für Dritte geöffnet. Die Idee dahinter ist, einen Marktplatz zu schaffen, auf dem die Bank künftig mit kostenpflichtigen Premium-Schnittstellen für Drittanbieter Geld verdienen will. BBVA vollzieht damit den Schritt vom sequenziellen Vollanbieter zu einer Banking-Plattform, an der auf beliebige Weise angedockt werden kann.

Von solch progressiven Ansätzen ist das Swiss Banking noch weit entfernt. Nicht zuletzt, weil sich keine Schweizer Bank im rauen, europäischen Retailgeschäft behaupten muss. Vielmehr kaprizieren sich die Platzhirsche auf den juristischen Heimatschutz. Man verfolge die Entwicklungen „nicht zuletzt auch im Interesse der Kunden“, lässt die Schweizerische Bankiervereinigung stellvertretend für die Branche ausrichten und betont zugleich: „Bei der PSD2 handelt es sich um eine europäische Direktive, die keine direkte Anwendung in der Schweiz entfaltet.“

Doch selbst dieser rechtliche Sonderstatus ist in der hiesigen Bankbranche umstritten: Die Schweiz sei zwar kein EU-Mitglied, sagt Migros-Bank-Sprecher Urs Aeberli: „Aber für eine fortgesetzte Teilnahme am Euro-Zahlungsverkehrsraum SEPA müssen wohl der Gesetzgeber beziehungsweise die Schweizer Finanzinstitute aufzeigen, dass im schweizerischen Recht gleichwertige Bestimmungen oder eine gleichwertige Praxis vorhanden sind.“

Innovationsdruck auf die Schweiz

Ob dieser Äquivalenz-Beweis gegenüber der EU tatsächlich erbracht werden muss, ist unter Fachjuristen höchst umstritten, aber letztlich wohl zweitrangig. Denn die Macht des Faktischen wird an den Landesgrenzen nicht haltmachen. „Die Einführung von PSD2 wird auch auf die Schweiz einen Innovationsdruck ausüben“, meint ein Vertreter des Infrastrukturbetreibers SIX lapidar.

Schwerer wiegt aus Perspektive des Finanzplatzes, dass die von PSD2 erfassten Drittparteien in der Schweiz nicht explizit reguliert sind. „Auch auf Druck der Banken“, weiss ein Fachjurist. Entsprechend unterschiedlich ist die Handhabe der Banken gegenüber den Third-Party-Providern wie dem Zahlungsauslösedienst Sofort. Die Finanzinstitute müssten sich zusammenraufen und endlich eine gemeinsame Regelung finden, „ohne dass sich der Gesetzgeber einschalten muss“, sagt der Anwalt. Die Finanzmarktaufsicht Finma spielt den Ball derweil den Parlamentariern zu: „Ob eine analoge Regelung in der Schweiz geschaffen werden wird, ist ein politischer Entscheid.“

Das Nachsehen am unregulierten Zustand haben indes jene Schweizer Fintechs, die in Europa nach PSD2 Zahlungs- und Kontodienste anbieten wollen. Ihnen bleibt nur der Auszug aus der Heimat in die EU.

Kategorien
Handelszeitung Meinung

Kantonaler Klüngel

Postfinance Die Schamesröte müsste es den sogenannt liberalen Ständeräten ins Gesicht treiben, dass sich mit Roberto Zanetti ausgerechnet ein Sozi für eine „Deregulierung des Finanzplatzes“ ins Zeug legt. Der Solothurner fordert gleich lange Spiesse für die Postfinance gegenüber den Inlandsbanken. Der gelbe Riese soll hierzulande endlich auch Hypotheken und Kredite vergeben können, anstatt wie bisher mit Schweizer Kundengeldern ausländische Banken und Unternehmen zu finanzieren. Ein Umstand, der die systemrelevante Staatsbank zusehends aus dem Gleichgewicht bringt und die Erträge erodieren lässt. Mit Einführung der Negativzinsen hat sich dieser Geburtsfehler der Postfinance noch akzentuiert. Die einstige „Cashcow“ droht zum mageren Schlachtvieh zu verkommen.

Doch Zanettis freiheitliche Motion zugunsten eines fairen Wettbewerbs fiel bei der bürgerlichen Kommissionsmehrheit im Ständerat glatt durch. Erneut entpuppt sich deren liberale Gesinnung als Feigenblatt. Es dominieren die Partikularinteressen. Und was läge da näher, als das fette Hypo-Geschäft der eigenen Kantonalbanken vor dem gelben Riesen zu schützen? Sekundiert wird dieser fatal-förderale Protektionismus von den Grossbanken und der Raiffeisen-Gruppe, die mittlerweile die fünftgrösste Parlamentsfraktion stellt. Diese unheilige Allianz foutiert sich um einen fairen Wettbewerb.