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Falcon Bank – Auf der Anklagebank

Geldwäscherei Ein Prozess gegen Falcon Bank und deren Ex-Chef steht an. Ein Präzedenzfall für die Bundesanwaltschaft.

Nächste Woche hätte in Bellinzona vor dem Bundesstrafgericht der Prozess gegen die Zürcher Privatbank Falcon und ihren ehemaligen Chef Eduardo Leemann wegen qualifizierter Geldwäscherei beginnen sollen. Nun wurde er kurzfristig verschoben und dürfte wohl erst im Frühherbst stattfinden. Die zuständige Richterin ist unpässlich.

Dem Fall kommt eine hohe Bedeutung für die Strafverfolgung zu. Obgleich Falcon ihre Aktivitäten in diesem Jahr wie angekündigt operativ einstellt. Denn erstmals prozessiert die Bundesanwaltschaft (BA) gegen eine ehemalige Bank wegen mangelhafter Organisation. Sie soll die Anlasstat, nämlich qualifizierte Geldwäscherei, ermöglicht haben. Bislang wurden solche Verfahren gegen Banken ausnahmslos per Strafbefehl erledigt. Mit Falcon landet erst zum zweiten Mal ein Organisationsmangel bei einem Finanzinstitut überhaupt vor Gericht. 2016 sprach das Bundesgericht die Postfinance frei. Es ging um eine Barauszahlung in Millionenhöhe.

Der Falcon-Fall hat für die BA also Präzedenzcharakter. Allerdings präsentiert sich die Sachlage keineswegs so eindeutig, wie die Anklageschrift vermuten lässt. Gemäss dieser soll der damalige Falcon-Chef Eduardo Leemann zwischen 2012 und 2016 als «faktischer Kundenberater» rund 133 Millionen Euro verwaltet haben, für die eigens eine Struktur geschaffen wurde. Damit wurde unter anderem der Familienstiftung des österreichischen Immobilieninvestors René Benko ein Kredit über 25 Millionen Euro gewährt. Auch die Produktionsfirma des Hollywood-Films «The Wolf of Wall Street» erhielt ein Darlehen von 50 Millionen Euro. Zugleich flossen in diesem Zeitraum 61 Millionen Euro ab einem Nummernkonto bei der Falcon Bank. Unter anderem zum Erwerb von Luxusautos, Immobilien und Grundstücken im Ausland. Der Vorwurf lautet: All die Strukturen, Kreditdeals und Abbuchungen sollen Verschleierungsakte («Schaffen von Distanz») zum Zwecke der Geldwäscherei gewesen sein.

Die Interessen der Eigner der Falcon Bank

Denn Leemanns Kunde war keine beliebige Privatperson. Es war Khadem al-Qubaisi, der bis 2012 die Falcon Bank präsidierte. Gleichzeitig war al-Qubaisi bis 2015 Präsident der Investmentgesellschaft Aabar, der die Falcon Bank gehörte. Zudem war er in dieser Zeit auch Geschäftsführer des Abu-Dhabi-Staatsfonds Ipic, dem wiederum Aabar grossmehrheitlich gehörte. Mit anderen Worten: Privatkunde al-Qubaisi war Leemanns indirekter Vorgesetzter und hatte gleichzeitig die Interessen der Falcon-Eigner zu vertreten. Eine schwierige Konstellation. Die BA macht nun in ihrer Anklageschrift die Vortat zur Geldwäscherei an al-Qubaisis Vermögenserwerb fest. Jener dreistellige Millionenbetrag, der später in den Falcon-Strukturen landete, fiel nämlich bei einem Aktien-Geschäft an.

Im Jahr 2012 erwarb die Investmentgesellschaft Aabar, deren Präsident Khadem al-Qubaisi ja damals war, von einer Offshore-Gesellschaft Anteile und Erwerbsrechte an der italienischen Bank Unicredit. Die Verkäuferin, eine Offshore-Firma auf den British Virgin Islands, gehörte al-Qubaisi privat. Über die zwischengeschaltete Gesellschaft hat der Präsident seine Unicredit-Anteile an Aabar verkauft. Gemäss Anklageschrift verdeckt und zu einem massiv überhöhten Preis. Damit soll al-Qubaisi seine Pflichten gegenüber Aabar schwer verletzt haben. Der stipulierte finanzielle Schaden für die Investmentgesellschaft: gegen 150 Millionen Euro. In Bellinzona hat sich deshalb auch Falcon-Eignerin Aabar als Nebenklägerin konstituiert.

Die von al-Qubaisi auf «verbrecherische Weise» erlangten Vermögenswerte soll Falcon-Chef Leemann hernach geholfen haben zu waschen. Und zwar mit Strukturen und Geschäften, die die «Geltendmachung des staatlichen Einziehungsanspruches massgeblich» erschweren oder verunmöglichen würden.

Aabar mandatiert Morgan Stanley

Allerdings gibt es zumindest Zweifel an der Vortats-These der Bundesanwaltschaft, wonach Aabar nichts ahnend die Unicredit-Aktien über al-Qubaisis Offshore-Vehikel erworben haben soll. Schliesslich sollen in die «Share Purchase»-Transaktion samt Spezialvehikel zwei bekannte Investmentbanken involviert gewesen sein. So soll Aabar die US-Bank Morgan Stanley mandatiert haben. Auch das russische Institut Renaissance Capital mitgetan haben.

Dabei ging es nicht zuletzt auch um Bewertungsfragen betreffend al-Qubaisis Ausübungsrechten auf den Unicredit-Aktien. Gleichzeitig soll Falcon eigens eine grosse Schweizer Wirtschaftskanzlei mandatiert haben, um die Verträge dieser «related party transaction» auf Herz und Nieren prüfen zu lassen. Mit anderen Worten: Der Deal zwischen den beteiligten Parteien vom Persischen Golf mag aus westlicher Governance-Optik hochproblematisch gewesen sein. Kriminell motiviert war er möglicherweise nicht.

Einer, der es mit Sicherheit weiss, ist Khadem al-Qubaisi. Der Ex-Spitzenmanager des Abu-Dhabi-Staatsfonds sitzt seit 2016 – unter rechtsstaatlich unklaren und prekären Umständen – im Emirat im Gefängnis. Vor zwei Jahren äusserte er sich in zwei Fünf-Minuten-Telefonaten aus dem Gefängnis gegenüber dem «Wall Street Journal»: Er sei der «Sündenbock» von Scheich Mansour, einem Mitglied der Herrscherfamilie Abu Dhabis. Die Behörden würden ihn wiederholt drängen, sein Vermögen an eine private Firma zu übergeben, die dem Scheich gehöre.

Obwohl al-Qubaisi im Fokus der Vortats-These der BA steht, wurde der Ex-Aabar-Präsident nicht befragt. Abu Dhabis Justiz lehnt es gemäss WSJ kategorisch ab, ihn im Rahmen von diversen Auslandverfahren aussagen zu lassen. Rechtshilfeersuchen werden nicht entsprochen. Ja mehr noch: Es gibt Hinweise darauf, dass die Anfrage der Bundesanwaltschaft an Abu Dhabi vielmehr der dortigen Justiz als Beweismittel für al-Qubaisis Schuld diente.

Saubere Rechtsstaatlichkeit sieht anders aus.

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Der Schöne und das Biest

Falcon Bank Ex-CS-Mann Walter Berchtold heuert bei den Arabern als Bankchef an. Der Job hat es in sich. Denn heisse Deals bilden bei Falcon das Kerngeschäft.

Noch nicht im Amt und schon im Krisenmodus. Walter „Wädi“ Berchtold, der ehemalige CS-Vermögenschef und designierte CEO der Falcon Private Bank, reist dieser Tage nach Singapur. Die Visite im asiatischen Inselstaat ist strategischer Natur. Denn Falcons Singapur-Filiale und damit das zukunftsträchtige Asien-Geschäft stehen auf dem Prüfstand. Den rund 40 Bankern vor Ort sitzt die Finanzaufsicht im Nacken, weil Falcon in den Skandal um das malaysische 1MDB-Vehikel verwickelt ist.

Die Staatsfonds Abu Dhabis geschäfteten als Falcon-Eigentümer intensiv mit den Malaysiern. Millionensummen flossen über Konten bei der Falcon Bank, wie die US-Justiz dokumentiert hat. Nun sollen externe Buchprüfer im Auftrag der Aufsicht in Singapur Klarheit über die Rolle des Swiss Private Banking schaffen. Doch das dauert und lässt den Neugeldzufluss zum Rinnsal verkommen. Weil in Südostasien gleichzeitig die kritische Grösse fehlt, türmen sich die Personalkosten im teuren Stadtstaat. Erst kürzlich hat die Singapur-Filiale ein Berater-Team von der Royal Bank of Canada übernommen.

Für den ehemaligen CS-Spitzenbanker wird das Troubleshooting in Südostasien zum ersten Prüfstein als oberster Falke. Der CEO-Posten markiert Berchtolds Rückkehr ins Schweizer Private Banking. Als vergangene Woche bekannt wurde, dass er ab Oktober bei Falcon vom Verwaltungsrat in die operative Leitung wechselt, sprach sich das am Paradeplatz schnell herum. „Wädi“ kennt jeder. Und jeder hatte sich gefragt, wie lange er es im Vorruhestand wohl aushalten werde.

Beinahe-Chef bei Credit Suisse

Einst war Berchtold auf dem besten Weg, Chef der Credit Suisse zu werden. Zuletzt unter der Führung von Oswald Grübel hatte er bei der Kreditanstalt eine steile Karriere hingelegt. 2006 wurde er Leiter des Private Banking. Doch mit dem neuen Chef Brady Dougan kam der Bruch. Die zwei konnten es nicht miteinander. Berchtold wurde 2011 durch die Beförderung von Hans-Ulrich Meister faktisch entmachtet, ein Jahr später verliess er die Bank. Mit 50 Jahren Privatier, das war eindeutig zu früh. „Ich sagte immer, ich will noch einmal etwas Operatives machen“, begründet Berchtold seinen Schritt zurück an die Front. „Ich hatte in diesen Jahren ein paar Mandate. Aber ich bin nicht gemacht für das Leben als Multi-Verwaltungsrat.“ Berchtold will Unternehmer sein. Er braucht eine Aufgabe.

Bereits 2015 wurde er in den Verwaltungsrat von Falcon gewählt – damals aber noch nicht mit Blick auf die Nachfolge von Chef Eduardo „Edi“ Leemann, wie zahlreiche Quellen aus dem engsten Umfeld berichten. Auf die CEO-Stelle aspirierten andere: Etwa Chief Operating Officer Tobias Unger oder Erich Pfister, Chef Private Banking. Doch sie konnten ihre Chefs nicht vollends überzeugen. Unger ging zum Zulieferer Avaloq, Pfister blieb. Ab Anfang Jahr verhandelte Leemann dann direkt mit Berchtold. Theoretisch übernimmt dieser die Geschäftsleitung im Oktober, faktisch ist er aber schon heute für die Bank unterwegs. Leemann hat sein Büro geräumt, konzentriert sich aufs Mandat als Senior Advisor und lobt Berchtold als „classy banker“.

Falcon wurde beinahe ein Pelikan

Die Handschrift des ehemaligen Goldman-Sachs-Bankers Leemann ist über alle Belange weiterhin prägend. Zuallererst als Namengeber der Bank: So sollte Falcon ursprünglich Pelican heissen, bis Leemann erfuhr, dass der Wasservogel im arabischen Raum als unrein gilt – und zum edlen Raubtier umschwenkte. Und schliesslich ist Leemann auch der Mastermind hinter dem Falcon-Businessmodell, das sich vom klassischen Anlagegeschäft massgeblich unterscheidet.

„Die Bank besteht praktisch nur aus Special Deals“, sagt ein Involvierter. Die Rede ist von Kreditfinanzierungen, Private-Equity-Anlagen und exklusiven Co-Investments mit vermögenden Kunden in nichtkotierte Unternehmen. Beispielsweise bietet Falcon ihren solventen Klienten Zugang zum Afrika-Vehikel Lonrho, nach Russland oder ins Immo-Imperium des schillernden Selfmademan René Benko. Solche Direkt-Deals seien „Fluch und Segen zugleich“, sagt ein Beteiligter. Geben sie der Bank bei der vermögenden Kundschaft doch ein Alleinstellungsmerkmal in einer homogenen Bankbranche.

Umgekehrt bedeuten „special deals“ Anlage- wie Compliance-Risiken und eine Komplexität, die gemeistert sein will. Falcon segle zuweilen „hart am Wind“ mit ihren informellen Strukturen, meint ein Beobachter, und fügt an: Es sei bislang Dealmaker Leemann gewesen, der die dicken Fische in Eigenregie an Land gezogen habe. Dieser One-Man-Show-These entgegnet Leemann: „Ich war vielleicht das Gesicht, aber ohne ein starkes Management-Team ziehen sie keine solchen Deals durch.“ Zugleich betont er, das „dynamische Private Banking“ sei ein „Erfolgsfaktor“.

Falcon hat die „Can-do-Mentalität“

Nachfolger Berchtold dürfte Leemanns Geschäfte ähnlich fortführen, betont er doch gerade den Unternehmergeist, der bei Falcon herrsche. Die Bank habe eine „Can-do-Mentalität“, sagt er. Eine motivierte Belegschaft und Strukturen, die agiles Handeln zuliessen. Anders als die CS, die er rückblickend als „grossen Tanker“ beschreibt.

Wie er die Bank neu aufstellen will, lässt Berchtold offen. Den Rückhalt der Araber hat er bereits ausgehandelt. Und Mittel zugesichert bekommen, für den Fall, dass Investitionen notwendig werden. Der Eigentümer wünsche sich Wachstum, sagt Berchtold. Doch wachsen könne man auf verschiedene Weisen. „Wir wollen nicht einfach Skalenerträge erzielen, sondern in neue Geschäfte vorstossen.“ Langweilig wird die Falcon Bank wohl auch in Zukunft nicht werden.

Für Berchtold wird das Troubleshooting in Singapur zum ersten Prüfstein.

Assets Ende 2015 verwaltete die Falcon Private Bank laut Geschäftsbericht 18,2 Milliarden Franken an Kunden-Assets. Bis 2012 lag dieser Wert noch bei rund 12 Milliarden. Die meisten Vermögen stammen angeblich aus der Schweiz, Osteuropa und den Emiraten.

Geschichte Die Bank wurde 1965 vom Versicherer AIG als Überseebank AG gegründet und 1998 in AIG Privatbank umbenannt. Nach der Finanzkrise wurde die Bank 2009 an den Staatsfonds IPIC aus Abu Dhabi verkauft und in Falcon Private Bank umbenannt.

Gewinn Das volatile Geschäft spiegelt sich im Gewinnverlauf. Dass 2015 mit einem klaren Überschuss abschliesst, hat auch damit zu tun, dass die Mutter 23 Millionen Franken Kapital eingeschossen hat. Das Geschäft im Ausland schreibt laut Jahresbericht rote Zahlen.