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Fall Vincenz & Co – Fatale Geheimjustiz

Fall Vincenz & Co Es ist Dezember 2017, als die Zürcher Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität ihre Ermittlungen aufnimmt gegen Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und Beat Stocker, den ehemaligen CEO des Zahlungsdienstleisters Aduno. In den ersten Undercover-Wochen bis zu deren Verhaftung überwachen die Ermittler um Verfahrensleiter Marc Jean-Richard-dit-Bressel auch die Telefone von Vincenz und Stocker. Und so bekommen sie erstmals hautnah mit, wie hemdsärmelig Business mit dem Bündner Banker ablief. Da werden hohe Summen handschriftlich auf «Fresszetteln» verteilt, da werden hochsensible Interna per Whatsapp-Fotos weitergereicht, da werden Millionendeals bei vergnüglichen Mittagsessen ausbaldowert. Kurzum, ein Graus für jeden Corporate-Governance-Ethiker. Doch was von all dem ist strafbar und hält dann auch wirklich vor Gericht stand?

Für alle Verfahrensbeteiligten gilt bis auf weiteres ein Maulkorb

Nun, nach fast drei Jahren, davon 106 Tage Untersuchungshaft für Vincenz und Stocker, legen die Strafverfolger dazu ihre Anklageschrift vor. Der summarische Vorwurf: Gewerbsmässiger Betrug, Veruntreuung, Urkundenfälschung sowie passive Bestechung zum Nachteil der Aduno und der Raiffeisen. Konkreter wird die dürre Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft zum Fall nicht. Selbst auf Angaben zum Strafmass verzichtet man. Die über 300-seitige Anklageschrift bleibt sowieso unter Verschluss. Und überhaupt gilt weiterhin für alle Verfahrensbeteiligten ein Maulkorb.

Was die Angeklagten beziehungsweise deren Gefolgschaft aus Anwälten und Spindoktoren jedoch nicht daran hindert, über alle möglichen Kanäle den «Gerichtssaal der Öffentlichkeit» mit Indiskretionen und Wahrheitsfetzen gezielt zu füttern. Wohl wissend, dass ein Verfahren wie die Strafsache Vincenz niemals nur vor Gericht ausgefochten wird, sondern stets auch eine «res publica» ist. Schliesslich zeigen empirische Studien mittlerweile klar auf, dass Richter sich in ihrem Urteil sehr wohl von der öffentlichen Meinung leiten lassen.

Fall Vincenz – Gefahr, dass Medien zum Spielball von Partikularinteressen werden

Angesichts dieser Gemengelage ist es unverständlich, weshalb der verfahrensleitende Staatsanwalt Jean-Richard-dit-Bressel weiterhin auf strikte Geheimhaltung pocht. Gerade in seiner neuen Rolle als Ankläger müsste er doch ein Interesse daran haben, dass die zur Last gelegten Sachverhalte auch öffentlich faktisch möglichst präzise dargestellt werden. Je restriktiver der Justizapparat kommuniziert, desto grösser die Gefahr, dass die Medien zum Spielball von Partikularinteressen werden.

Schliesslich erhitzt der Fall des gefallenen Volksbankers weit über die Finanzkreise hinaus die Gemüter. Es flossen Millionen an Steuergeldern in dessen straf- und aufsichtsrechtliche Aufarbeitung. Und wie im «Fall Swissair» besteht ein öffentliches Interesse an dessen Aufklärung beziehungsweise rechtlicher Ahndung. Insofern stehen die Staatsorgane in der Pflicht, Rechenschaft über die eigene Arbeit abzulegen. Eine Geheimjustiz wäre fatal.

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Lorenz Erni – Der Consigliere

Lorenz Erni Der Verteidiger von Pierin Vincenz beriet ihn schon vor zehn Jahren, als Zweifel an einem Privatdeal aufkamen. Heute ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Der Zürcher Strafverteidiger Lorenz Erni gilt als Mann für die Wirtschaftsfälle mit hohem Promi-Faktor: Fifa-Präsident Blatter, Swissair-Chef Bruggisser oder Bundesanwalt Lauber. Erni wird mandatiert, wenn die Fallhöhe besonders hoch ist.

So auch bei Pierin Vincenz. Gegen den Banker läuft seit Februar 2018 ein Verfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnete es, gestützt auf eine Strafanzeige der Aduno. Beim Finanzdienstleister amtete der Ex-Raiffeisen-Chef bis im Sommer 2017 als Präsident. Nach seinem Rücktritt gab der Aduno-VR eine Untersuchung in Auftrag, die unter anderem Vinzenz’ Rolle beim Kauf der Commtrain Card Solutions (CCS) durchleuchtete. Die Verdachtsmomente führten zur Strafanzeige.

Pierin Vincenz wandte sich an Lorenz Erni

Aduno hatte 2007 für 7 Millionen Franken den Ostschweizer Zahlungsdienstleister CCS gekauft. Gut zwei Jahre später wandte sich ein Journalist an die Raiffeisen-Pressestelle und wollte mehr zur Rolle des damaligen Bankchefs Pierin Vincenz beim Kauf wissen. Schliesslich war Vincenz vorab verdeckt über ein Treuhandvehikel an der CCS beteiligt gewesen und hatte beim Verkauf seiner Anteile an Aduno 1,7 Millionen Franken verdient, ohne dass der Verwaltungsrat des Finanzdienstleisters davon Kenntnis hatte. Jedenfalls sorgte die Presseanfrage für emsiges Treiben hinter den Kulissen.

Gemäss zweier unabhängigen Quellen soll sich Raiffeisen-Chef Vincenz damals an seinen späteren Strafverteidiger Lorenz Erni gewandt haben. «Erni half mit bei der Auswahl der Experten für die Gutachten zur Commtrain-Übernahme», sagt ein Beteiligter. So liess Vincenz zwei Jahre nach dem Closing der CCS-Transaktion – mit dem Segen des damaligen Raiffeisen-Präsidenten Franz Marty – drei Privatgutachten zur Übernahme des Ostschweizer Zahlungsdienstleisters anfertigen.

Zu beweisen ist der finanzielle Schaden

Die Gutachten, welche die «Handelszeitung» einsehen konnte, sind hoch relevant fürs Strafverfahren, sanktionieren sie doch die Rechtmässigkeit der CCS-Transaktion und legitimieren damit Vincenz’ damaliges Handeln. Sie sind die professorale Antithese zum Hauptvorwurf der ungetreuen Geschäftsbesorgung. Ein Vorwurf, der vor Gericht nur standhalten wird, wenn es Staatsanwalt Marc Jean-Richard- dit-Bressel gelingt, zu beweisen, dass Aduno aus dem CCS-Deal tatsächlich ein finanzieller Schaden entstanden ist.

Demgegenüber stehen drei Gutachten, die Strafverteidiger Lorenz Erni mitzuorchestrieren half. Ein Beteiligter spricht von einer «wohl portionierten Gutachter-Kaskade» mit einem «clever gewähltem Untersuchungsfokus»: Finanzprofessor Claudio Loderer von der Universität Bern klärte für Raiffeisen beziehungsweise ihren Chef ab, ob der Kaufpreis angemessen war. Er war es, und zwar «am unteren Ende der Bandbreite», wie Loderer im Frühjahr 2009 schreibt. Jenen Preis, den Vincenz zwei Jahre zuvor für seine verdeckte Privatbeteiligung bezahlt hatte, berücksichtigt das Gutachten nicht.

Peter Forstmoser prüfte Übernahme der Commtrain durch Aduno

Die Beratungsfirma Helbling wiederum schaute sich die Struktur und das Setup der Übernahmetransaktion an. Sie kommt zum Schluss, dass der Akquisitionsprozess «professionell» und der Kaufvertrag «inhaltlich angemessen» war.

Auf den beiden Gutachten aufbauend beugte sich im Herbst 2009 Professor Peter Forstmoser über die CCS-Transaktion. Und zwar, «um das Verhalten von Herrn Dr. Pierin Vincenz im Hinblick auf einen potenziellen Interessenkonflikt rechtlich zu überprüfen». Der renommierte Aktienrechtler kommt zum Schluss, dass «Herr Vincenz seine Interessenwahrungspflichten nicht verletzt hat». Und dass die Interessen der Aduno und der Raiffeisen Schweiz «durch die (indirekte) Investition von Herrn Vincenz in keiner Weise beeinträchtigt» wurden.

Bezahlt hat die Gutachten wie auch die Beratung Ernis übrigens Raiffeisen. Jene Raiffeisen, die heute als Nebenklägerin im Strafverfahren gegen Ex-Chef Pierin Vincenz und seinen Verteidiger antritt. Die Bank will sich zum Sachverhalt nicht äussern. Auch Anwalt Erni nicht: «Es gibt keinen Kommentar», schreibt er.

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Genfer Geschäft

Aduno Der Finanzkonzern kooperierte unter Pierin Vincenz und Martin Huldi mit der welschen Firma GCL. Gegen deren Präsidenten läuft nun ein Strafverfahren.

Der bekannte Zürcher Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel öffnet im Frühsommer seine Amtsstube nur einen Spaltbreit: Man sei im Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung gegen die Ex-Aduno-Verwaltungsräte Pierin Vincenz und Beat Stocker auf «mögliche weitere, strafrechtlich relevante Transaktionen» gestossen, liess er in einem Communiqué verbreiten.

Bislang waren öffentlich nur drei Fälle von Firmenzukäufen bekannt, bei denen das Duo Stocker und Vincenz – mutmasslich – vorab auf eigene Rechnung investiert waren. Es sind dies Eurokaution und Commtrain beim Finanzdienstleister Aduno und das KMU-Vehikel Investnet bei der Raiffeisen Schweiz. Nun zeigen Recherchen der «Handelszeitung», dass es neben den bisher bekannten Fällen noch einen weiteren Verfahrenskomplex gibt. Es handelt sich um eine Firma aus der Romandie namens Genève Credit & Leasing (GCL).

Strafuntersuchung eröffnet

Der Präsident der GCL, die ab 2012 mit Aduno kooperierte, steht im Visier der Strafermittler. «Die Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich hat im Zusammenhang mit der GCL eine Strafuntersuchung gegen Stéphane Barbier-Mueller eröffnet», sagt eine Sprecherin. Es geht um den Verdacht auf Gehilfenschaft zur ungetreuen Geschäftsbesorgung. GCL-Präsident Barbier-Mueller reagierte nicht auf eine Kontaktanfrage.

Die Ausweitung des Vincenz-Falls über den Röstigraben ist brisant. Die Familie Barbier-Mueller gehört in Genf nämlich zur Hautvolee mit einem geschätzten Vermögen von 850 Millionen Franken. Sie besitzt die stadtbekannte Immobiliengruppe Pilet & Renaud und betreibt an der Rue Jean-Calvin ein eigenes Kunstmuseum, das die Familiensammlung mit mehr als 7000 Objekten überseeischer Stammeskunst zeigt.

Aduno Partnerschaft

Stéphane Barbier-Mueller selbst kümmere sich, schreibt die «Bilanz», zusammen mit seinem Bruder um die «Verschönerung seiner Heimatstadt». Und der Pilet-Patron präsidiert seit ihrer Gründung im Jahr 2002 auch die Firma GCL. Diese vergibt Privatkredite und schliesst Leasingverträge ab.

Offiziell gibt es erstmals eine Verbindung zwischen GCL und Aduno, als der Zürcher Finanzdienstleister im Frühjahr 2012 eine «exklusive Partnerschaft» mit der Genfer Kreditfirma bekannt gibt. Die Zusammenarbeit erfolgt über die Aduno-Tochter Cashgate, die ebenfalls im Leasing- und Konsumkreditgeschäft tätig ist.

«Durch die Kooperation mit GCL haben wir unsere Organisation in der Westschweiz gestärkt, sowohl im Leasingbereich als auch bei Privatkrediten», erklärt der damalige Aduno-Chef Martin Huldi in einer Geschäftspublikation. In der Westschweiz sehe man grosses Wachstumspotenzial, denn «die Romands sind Privatkrediten gegenüber aufgeschlossener als die Deutschschweizer». Huldi ist zu dieser Zeit nicht nur Aduno-Chef, er hat auch die Beteiligungen unter sich. Auch Huldi reagierte nicht auf eine Kontaktanfrage. Die Aduno selbst verweist auf eine Verfügung der Staatsanwaltschaft, die alle involvierten Parteien zur Geheimhaltung verpflichtet.

Verkauf der GCL-Aktien

Nur wenige Monate vor der Aduno-Kooperation kommt es bei der GCL Ende 2011 zu einer Kapitalerhöhung, im Zuge derer eine Aktionärin ausscheidet. Es ist dies die belgische Bank Fortis, die einen Anteil an GCL hielt. Gemäss Unterlagen sind die Vertragsparteien beim Aktienverkauf Stéphane Barbier-Mueller persönlich und eine Firma namens Nerilix mit Sitz im Wallis, in der Barbier-Mueller ebenfalls als Verwaltungsrat amtet. Wer die GCL-Aktien den Belgiern damals abkauft oder die Kapitalerhöhung mitträgt, geht aus den Unterlagen nicht hervor.

Am 7. Februar 2012 jedoch – kurz nach der Aduno-Kooperation – trifft sich die GCL zur Generalversammlung in den Räumlichkeiten von Barbier-Muellers Immobiliengesellschaft Pilet-Renaud. Der GCL-Präsident Barbier-Mueller erläutert gemäss Protokoll die Demission seines Geschäftsführers. Dieser habe 2007 die Geschäftsleitung übernommen und die GCL in einer «sehr schwierigen Lage» vorgefunden. Der Geschäftsführer habe hart gearbeitet, um die Firma ab 2010 in «die schwarzen Zahlen» zu führen. Und er habe ab Herbst 2010 «beträchtlichen Einsatz» darin geleistet, dass eine «Einigung mit der Bank Raiffeisen und Cashgate» habe erzielt werden können.

Raiffeisen-Manager befragt

Die Aussage von Barbier-Mueller lässt aufhorchen. Schliesslich ist es der bisher einzige Hinweis, dass bei den Geschäften der Genfer mit der Aduno-Tochter Cashgate längst auch die Genossenschaftsbank Raiffeisen unter damaliger Führung von Pierin Vincenz mit am Tisch sass.

Entsprechend befragt Staatsanwalt Jean-Richard-dit-Bressel nun nicht nur Manager der Aduno-Gruppe und ihrer Cashgate-Tochter zum GCL-Komplex, sondern auch aktives und ehemaliges Führungspersonal der Raiffeisen Schweiz. Darunter ein Geschäftsleitungsmitglied der Genossenschaftsbank. Raiffeisen Schweiz selbst nimmt zu «laufenden Strafverfahren oder Mutmassungen über Strafuntersuchungen wie auch zu allfälligen Geschäftsbeziehungen» keine Stellung.

Outgesourcte Aktivitäten

Gemäss einer dem Sachverhalt nahestehenden Person soll Aduno zunächst nur am Kreditportfolio der GCL interessiert gewesen sein. «Aus der Partnerschaft wurde dann aber doch noch ein Kauf, wobei Raiffeisen den Kredit-Deal mitfinanziert hat», so der Mann. Vorab sei das Duo Stocker/ Vincenz schon verdeckt beteiligt gewesen. Eine steile These, die nirgends dokumentiert ist. Aber eine, die ans Muster der übrigen bekannten Fälle wie Investnet oder Eurokaution erinnert. Zudem schrieb der Finanzblog «Inside Paradeplatz» im Frühling, dass die Strafermittler auf eine Zahlung der Immobilienfirma Pilet-Renaud gestossen seien: Beat Stocker habe von den Genfern eine «tiefe sechsstellige Summe» erhalten.

Fest steht, dass sich für den GCL-Geschäftsführer der «beträchtliche Einsatz» zugunsten eines Raiffeisen-Aduno-Deals ausbezahlt hat. Der Mann leitet ab Februar 2012 – also just ab dem Zeitpunkt der Kooperation – die Geschäfte von Cashgate in der Romandie und ist in dieser Funktion unter anderem für die «outgesourcten Aktivitäten der Genève Credit & Leasing» verantwortlich. Keine zwei Jahre später sitzt der einstmalige GCL-Direktor sogar in der Cashgate-Geschäftsleitung. Eine steile Karriere in jener Aduno-Tochter, die einst auch Vincenz-Geschäftspartner Beat Stocker präsidierte.