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Zank ums Zocken

Stromkonzerne Gemäss einer Studie der HSG schreiben Axpo, Alpiq und Co. mit dem spekulativen Eigenhandel Milliardenverluste. Die Konzerne dementieren hart.

Die letzten zehn Jahre waren für die drei Stromkonzerne Axpo, Alpiq und BKW ein Decennium horribilis. Nach der Finanz- und im Zuge der Euro-Krise kollabierte der Strompreis in Europa. Gleichzeitig wertete sich der Franken zur europäischen Einheitswährung auf. Hinzu kamen dirigistische Eingriffe wie die EEG-Umlage in Deutschland, mit welcher der Zubau erneuerbarer Energie wie Photovoltaik und Wind gefördert wurde. Kurzum: Jenes Elektrizitätsbusiness, woran die Ex-Monopolisten fürstlich verdienten, gibt es nicht mehr. Einheimische Produktion mutierte vom lukrativen Exportgut zum Klumpenrisiko. Jene neuen Grosskraftwerke für den Auslandabsatz wie die Pumpspeicher Linth-Limmern (Axpo) oder Nant de Drance (Alpiq) entpuppen sich als Investitionsgräber. Ohne Aussicht auf baldige Rentabilisierung.

Die Stromkonzerne reagierten mit Wertanpassungen beim eigenen Kraftwerkspark und bei den langfristigen Bezugsverträgen. Die Strukturkrise der Stromkonzerne vernichtete unter dem Strich wohl mehr Wert, als die fiskalische Bereinigung der Schwarzgeldvergangenheit die Schweizer Banken kostete. Zwischen 2009 und 2018 musste allein die Axpo rund 6,2 Milliarden Franken abschreiben beziehungsweise zurückstellen. Bei der Alpiq waren es 5,9 Milliarden. Und bei der BKW lag dieser Wert bei rund 900 Millionen Franken.

Umstrittene Zahlen

Die genannten Zahlen stammen aus einer neuen Studie der Universität St. Gallen (HSG) mit dem Titel «Spannungsfeld: Stromversorgung vs. Stromhandel. Herausforderungen für das Management». Das White Paper sorgt für rote Köpfe in der Branche. Bringt die Studie doch einen überraschenden Grund fürs Krisenjahrzehnt der Stromwirtschaft ins Spiel: den Eigenhandel, auch Prop Trading genannt. Also jene spekulativen Handelsgeschäfte mit Elektrizität, die nicht durch eigene Kraftwerkskapazitäten gedeckt sind.

Die St. Galler Studie kommt zum Schluss, dass «in den Jahren 2009 bis 2018 im Rahmen des Prop Trading grosse Schweizer Stromproduzenten Verluste in mittlerer einstellige Milliardenhöhe erlitten». Die HSG-Forscher schätzen bei der Axpo den Verlust über diesen Zeitraum auf 4,6 Milliarden Franken. Bei der Alpiq sind es 1,1 Milliarden und bei der BKW 1,7 Milliarden. Seit 2013 schütten Axpo und Alpiq bekanntlich keine Dividenden mehr aus. «Wir sehen aufgrund der Ergebnisse unserer Analysen die Ursachen primär im spekulativen Eigenhandel», heisst es in der Studie. Denn der Erfolg im Prop Trading falle «nachhaltig negativ» aus.

Latente Gefahr der Quersubventionierung

Verfasst hat das White Paper ein Team um Professor Karl Frauendorfer, der zu Bewertungsmodellen in der Energie- und Finanzwirtschaft an der Universität St. Gallen forscht. Frauendorfer sieht angesichts seiner geschätzten Verluste im Prop Trading «enormen Handlungsbedarf». Es bestehe eine latente Gefahr der Quersubventionierung durch anlagenbasiertes Trading. Der HSG-Professor fordert strikte Trennung und Transparenz zwischen Stromhandel mit eigenen Kraftwerkskapazitäten, Absicherungsgeschäften und spekulativem Eigenhandel. «Es sind Anreizstrukturen für Stromhändler zu überdenken, die dieser strikten Trennung Rechnung tragen», sagt Frauendorfer und fügt an: Nicht alle Verwaltungsräte und GL-Mitglieder der grossen Stromkonzerne würden vertieftes Wissen besitzen, um den Stromhandel mit seiner Unvollständigkeit und den darin versteckten Abhängigkeiten von Preis- und Volumenrisiken adäquat überwachen zu können.

Kopfschütteln bei den Konzernen

Angesichts der gehandelten Mengen ein brisantes Urteil. Die HSG-Studie schätzt nämlich, dass die Alpiq im Eigenhandel mit dem 16- bis 20-Fachen einer Jahresproduktion spekuliert. Bei der Axpo sei es das 8- bis 12-Fache, bei der BKW das 4- bis 8-Fache. Im Handel mit Energiederivaten könne es, so die Studie weiter, zu Inkonsistenzen in der Bilanzen kommen. Konkret überschätze eine Handelspartei ihre verfügbaren Eigenmittel. Für die Jahre 2017 bis 2019 gehen Frauendorfer und Co. bei den drei Stromkonzernen von «einer möglichen Überschätzung des ausgewiesenen Eigenkapitals» von bis zu 38 Prozent aus.

Solche Zahlen, von der Universität St. Gallen erhoben, lösen bei Axpo, Alpiq und BKW Kopfschütteln aus: «Nicht nachvollziehbar», «unverständliche Modellrechnungen», «ungeeignete Kennzahlen», «unrealistische Erlöspotenziale» – so lautet der Tenor aller drei Stromkonzerne auf Anfrage. «Unglaubwürdig ist schon allein die Annahme, dass das Management und der Verwaltungsrat der drei grossen Schweizer Energiekonzerne über zehn Jahre hinweg kontinuierlich Verluste in Millionenhöhe im Eigenhandel zulassen würden – das würde sowohl der betriebswirtschaftlichen Logik wie auch der rechtlichen Verantwortung dieser Organe widersprechen», lässt die Axpo verlauten. Jene von Frauendorfer veranschlagten Einbussen von 4,6 Milliarden Franken seien «schlichtweg falsch». Auch BKW und Alpiq bestreiten die stipulierten Milliardenverluste kategorisch.

Inputs nur marginal berücksichtigt

Die Axpo hält zudem fest: Man betreibe einen profitablen Eigenhandel, es gebe auch keine Quersubventionierung. Der Verzicht auf Dividendenausschüttung sei nicht auf den Eigenhandel, sondern auf die tiefen Erlöse bei der Schweizer Stromproduktion zurückzuführen. Angesprochen auf die grossen Volumina im Eigenhandel, hält der Konzern weiter fest, dass die Grösse des Handelsvolumens kein geeignetes Risikomass sei. Und die Alpiq widerspricht der Überschätzung des Eigenkapitals: Der Vorwurf von Inkonsistenzen in der Bilanzierung der Energiederivate entbehre jeder Grundlage. Man halte sich an geltendes Recht und Buchungsstandards. Die BKW kritisiert, dass man die Autoren der Studie «schon mehrfach und teilweise detailliert auf fehlerhafte Annahmen und Fehlschlüsse» hingewiesen habe. Diese Inputs würden in der aktuellen Studie «nur marginal berücksichtigt».

HSG-Professor Frauendorfer betont dagegen, dass «unsere Zahlen, die wir im August 2019 publiziert haben, nie von den betroffenen Unternehmen korrigiert wurden. Diese Zahlen sind sehr konservativ gerechnet. Der Verlust aus dem Prop Trading dürfte über die zehn Jahre wohl eher gegen 10 Milliarden Franken tendieren.» Sein Lehrstuhl forsche seit 2014 auf dem Thema und habe immer alle betroffenen Parteien über den Stand seiner Erkenntnisse informiert. Er sei unabhängig und allein der Wissenschaft verpflichtet.

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Der Squeeze-out-Plan bei Alpiq

Stromkonzern Financier Martin Ebner fordert mehr Geld für die Publikumsaktionäre der Alpiq. Doch der zwangsweise Ausschluss der Minderheitseigner ist schon ausgeheckt.

Hoch über dem Zürichsee thront Martin Ebners BZ Bank. Doch der Financier und seine Fondskunden mussten in den vergangenen Jahren untendurch. Ihre Aktienwette auf Alpiq entpuppte sich als Verlustgeschäft. Im Berichtsjahr 2010 bestand der BZ Infra Fund zu über einem Viertel aus Papieren des Lausanner Stromkonzerns. Damaliger Jahresendkurs: 360 Franken. Heute wird das Papier für gut einen Fünftel des Werts gehandelt.

Zu wenig für einen Erfolgsinvestor wie Ebner. Sein 3-Prozent-Paket an Alpiq, das er seit 2015 besass, hat der Financier bereits im letzten Frühjahr abgebaut und so die privaten Verluste begrenzt. Aber Ebner kämpft weiter für seine Kunden und Investoren. In der «Sonntagszeitung» liess er verlauten: «Ein Kurs von 140 Franken wäre eigentlich dem Wert entsprechend und damit auch eine Entschädigung der Aktionäre in derselben Höhe angemessen.»

Über den Tisch gezogen

Ebners Preisforderung ist dem Exit der EDF geschuldet. Der französische Stromriese hat jüngst für 70 Franken pro Aktie seinen Alpiq-Anteil verkauft. Ein Preis, der für Minderheitsvertreter Ebner nicht infrage kommt: «Wenn es tatsächlich so ist, dass man den Publikumsaktionären nur 70 Franken zahlen will, dann werden die über den Tisch gezogen.» Was Ebner moniert, genügte dem französischen Ankeraktionär: Die EDF veräusserte ihren 25-Prozent-Anteil für 500 Millionen Franken an den Infrastrukturfonds der Credit Suisse, der mit Schweizer Pensionskassengeldern geäufnet ist. Der CS-Fonds kontrolliert nun zusammen mit einer West- und einer Deutschschweizer Konsortialgruppe den Stromkonzern zu 88 Prozent. Die restlichen 12 Prozent werden frei gehandelt. Doch mit der neuen Eigentümerstruktur soll Alpiq auch von der Börse genommen werden.

Die Dekotierungspläne dürften Ebner und Co. gar nicht goutieren. Denn der Stromkonzern hat in seinen Statuten ein Opting-out stipuliert. Die Mehrheitseigner sind demnach nicht zu einem öffentlichen Kaufangebot verpflichtet. Es gilt auch keine Mindestpreisregel. Mit anderen Worten: Die neuen Herrscher über den Hydrokonzern könnten Alpiq von der Börse nehmen und so weitermachen wie bisher. Die Publikumsaktionäre hätten fortan illiquide, nichtkotierte Titel im Portfolio. Oder aber die neuen Eigner werden ihre Publikumsaktionäre über einen Squeeze-out ganz los. Und das ist genau der Plan, wie die «Handelszeitung» erfahren hat.

Das Drehbuch zu einem solchen zwangsweisen Ausschluss steht. Die Schlüsselrolle kommt dabei einer Hybridanleihe über 367 Millionen Franken zu, welche die Deutsch- und Westschweizer Ankeraktionäre der Alpiq 2013 zeichneten, nachdem eine Kapitalerhöhung am Widerstand der EDF gescheitert war.

Hybridanleihe der Alpiq mit Schlüsselrolle

Nun soll jene Hybridanleihe an die Ankeraktionäre nicht bar zurückbezahlt werden, sondern in Form neuer Aktien. Der dazu nötige Entscheid des Alpiq-Verwaltungsrats gilt als Formsache. Indem die Mehrheitseigner frische Alpiq-Titel erhalten, erhöht sich deren Anteil am Stromkonzern entsprechend. Nimmt man den Verkaufspreis von 70 Franken pro Aktie als Massstab, kämen die Konsortialaktionäre – bestehend aus der Westschweizer EOS, dem CS-Anlagefonds und der Deutschschweizer Gruppe um Primeo Energie – nach Wandlung der Hybridanleihe auf einen Anteil von 89,8 Prozent.

Das ist knapp unter der magischen Schwelle von 90 Prozent. Denn ab diesem Anteilswert ist ein fusionsrechtlicher Squeeze-out möglich. Die Konsortialaktionäre könnten dann die verbleibenden Minderheitseigner zwangsweise aus der Gesellschaft ausschliessen. Den Publikumsaktionären bliebe eine Barabfindung, wahrscheinlich in der Höhe des von der EDF erzielten Verkaufspreises von 70 Franken. Dominik Bollier, Managing Partner beim CS-Infrastrukturfonds, betont: «Wir wollen die Publikumsaktionäre fair behandeln.» Was nichts anderes bedeutet als gleich wie die EDF. Einen Aufschlag wird es nicht geben.

Kriegskasse der Pensionskassen

Nun sind 89,8 Prozent keine 90 Prozent. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Konsortialaktionäre die Squeeze-out-Schwelle erreichen, ist hoch. Denn im Streuaktionariat befinden sich zahlreiche ausländische Assetmanager wie Vanguard, Odey oder Charles Schwab. Solche Institutionellen dürfen gemäss ihren Anlagekriterien häufig keine nichtkotierten Titel halten. Geht Alpiq von der Börse, müssen sie verkaufen. Und das spielt den Konsortialaktionären in die Hände. Noch diskutieren EOS, Primeo und der CS-Energie-Fonds, wer den Squeeze-out letztlich finanziert. Der Wert des Free Float entspricht beim aktuellen Kurs etwa 240 Millionen Franken. Der CS- Fonds könnte den Betrag locker aus Finanzzusagen seiner 135 Pensionskassen stemmen. Nach dem Kauf des EDF-Pakets sind noch 250 Millionen Franken in der Kriegskasse übrig.

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Alpiq vs. Bouygues – Feilschen à la française

Alpiq Der Stromriese streitet mit Bouygues um den Preis einer Tochterfirma. Die Franzosen haben schlechte Karten.

Ende März letzten Jahres schien Jasmin Staiblin am Ziel: «Wir haben es gepackt!», sagte die damalige Alpiq-Chefin in der «Bilanz». Staiblins «Befreiungsschlag aus der Krise» bedeutete, dass der Stromkonzern sein Engineering-Geschäft – bestehend aus der Schweizer Intec und der deutschen Kraftanlagen Gruppe – verkauft und sich so ein Liquiditätspolster schafft, um mit defizitärem Kraftwerkspark die Strompreis-Baisse aussitzen zu können. Dazu sollten gut 7500 Alpiq-Mitarbeitende für 850 Millionen Franken zum französischen Baukonglomerat Bouygues wechseln.

Alpiq fordert gut 13 Millionen Franken mehr

Jetzt, kein Jahr später, erscheint dieser Mega-Deal der «Turnaround-Managerin» Staiblin in einem anderen Licht: Käuferin Bouygues fordert nämlich vor einem Schiedsgericht in Genf einen Preisnachlass von 205 Millionen Franken. Dies entspricht einem Viertel des Kaufpreises. Gemäss mehreren Quellen führt Bouygues einen Strauss von Gründen für den happigen Preisabschlag ins Feld. Die Engineering-Sparte soll die in der Due Diligence projizierten Geschäftsziele verfehlt haben, wodurch die Franzosen die Assets neu bewertet sehen. Nicht zuletzt, weil Bouygues auch Probleme bei Grossprojekten ausmacht. Namentlich bei der deutschen Kraftanlagen Gruppe.

Im Gegenzug fordert Alpiq gut 13 Millionen Franken. Ein Aufschlag, der auf den Zahlen der Schlussbilanz basiert. Sie wurde von Bouygues-Mitarbeitern im Oktober, also drei Monate nach dem Closing, erstellt. Konzernchefin Staiblin muss dieses juristische Tauziehen nicht mehr kümmern. Sie hat Alpiq auf Ende Jahr verlassen, da ihr eine substanzielle Lohnreduktion drohte. Derzeit ist Staiblin für Managementaufgaben bei Firmen in Deutschland im Gespräch.

Bouygues hat viel Goodwill auf der Bilanz

«Wir hätten Alpiq ES nicht gekauft, wenn wir nicht an die Zukunft des Geschäfts glaubten», sagt Multimilliardär und Patron Martin Bouygues jüngst gegenüber Analysten. Überdies will Bouygues sich zum Schiedsgerichtsverfahren nicht äussern. Fest steht, dass sich der Pariser Konzern mit dem Alpiq-Deal viel Goodwill aufgeladen hat. Eine halbe Milliarde bei der Construction-Tochter und 80 Millionen Franken beim Tiefbauer Colas.

Goodwill, der sich als werthaltig erweisen muss. Ein schwieriges Unterfangen, denn die Franzosen haben jene Businesspläne, die ihnen Alpiq in der Due Diligence vorlegte, für bare Münze genommen und sehen sich nun mit schlechteren Resultaten konfrontiert. Kein Wunder, denn die Businesspläne basierten auf Prognosen von Mitte 2017, und zwar aus der heiteren Sicht der Verkäuferin Alpiq. In Paris schlug man also den Rechtsgrundsatz «Caveat emptor», wonach der Käufer das Rechtsrisiko trägt, einfach in den Wind.

Zwar gibt es im Vertrag einen Preisanpassungsmechanismus. Aber als Stichtag für den «finalen Anpassungsbetrag» gilt das Closing Ende Juli 2018. Der Betrag wird beeinflusst von harten Faktoren wie Liquiditätsstand der verkauften Gesellschaften, buchhalterischen Einflüssen, Abschluss- und Prüfprozessen sowie der Bewertung von Pensionskassenverpflichtungen und Projekten. Und da gilt vor allem die deutsche Kraftanlagen Gruppe als Sorgenkind. Die Alpiq-Tochter schrieb gemäss Dokumenten 2016 einen Verlust von knapp 40 Millionen Euro bei einem Eigenkapital von 45 Millionen Euro. Beispielsweise soll es auf Grossprojekten wie einem 290-Millionen-Euro-Gasheizkraftwerk in Kiel zu massiven Verzögerungen gekommen sein. Die lokale Presse schrieb gar von einem «Baustellen-Chaos». Die Kraftanlagen Gruppe amtet in Norddeutschland als Generalunternehmerin.

Bieterrunde für Alpiq ES im Advent

Der jetzige Rechtsstreit hat indes eine lange Vorgeschichte. Das Alpiq-Führungsduo Konzernchefin Staiblin und Finanzchef Thomas Bucher setzte bis im Frühherbst 2017 alle Hoffnung auf die Wasserkraft. Ein Verkauf eines Minderheitsanteils von 49 Prozent am Hydropark hätte dem Stromkonzern die Schuldenlast erleichtern sollen. Doch bei Staiblin und Co. reifte die Einsicht, dass kein Interessent bereit war, die regulatorischen Risiken der Wasserkraft als Juniorpartner zu tragen. Zumindest nicht zu einem Preis, der keine weiteren Abschreiber verursacht hätte.

Und so setzte das Alpiq-Management zum Wendemanöver an: Statt dem Wasserschloss sollte nun das Engineering verkauft werden. Ein transformativer Deal, der aus einem internationalen Energiekonzern ein börsenkotiertes Elektrizitäts-KMU machen sollte. Assistiert von Goldman Sachs lancierte Alpiq – rund drei Monate nach dem Hydro-Stopp – vor Weihnachten 2017 eine erste Bieterrunde. In einem geschützten Dokumentenraum gab Alpiq Kaufinteressenten Zugriff auf 100 000 hochvertrauliche Geschäftsdokumente, darunter auch auf die Businesspläne. Bouygues prüfte gemäss einem Insider die Bücher der Alpiq ES allerdings nicht selbst, sondern setzte einen externen Dienstleister dafür ein.

Bouygues präsentiert Alpiq die Rechnung

Schliesslich befanden sich in der Endausmarchung noch zwei französische Industriegiganten: Bouygues und Engie, die ehemalige GDF Suez. Erstere bot mehr und erhielt schliesslich den Zuschlag. 850 Millionen Franken, davon 800 Millionen in bar. Ein stolzer Preis, den Alpiq-Chefin Staiblin Ende März ankündigen konnte: «Mit Bouygues Construction als neuer Eigentümerin von Intec und Kraftanlagen Gruppe wurde eine Winwin-Situation geschaffen.»

Doch bald schon rumorte es zwischen Paris und Lausanne: Während Alpiq im Closing den rechtlichen Abschluss der Transaktion sah, war dies für Bouygues der Auftakt zu den eigentlichen Preisverhandlungen. Die Franzosen brachen mit der bisherigen Rechnungslegungspraxis und operierten mit Worst-Case-Szenarien und happigen Rückstellungen. Kurz vor Jahresende präsentierten die Pariser dann Alpiq ihre Version des Kaufpreises. Affaire à suivre.

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Jens Alder – Strategiespagat im Doppelmandat

Jens Alder Der Alpiq-Präsident gibt den Chef. Denn der Stromkonzern steht vor einer Zerreissprobe. Alder muss den Exit des zweitgrössten Aktionärs meistern.

Für einmal hatten Alpiq und Axpo dieselbe Idee. Zeitgleich klopften die zwei Stromkonzerne einst bei Jens Alder an, um anzufragen, ob er am Job des Verwaltungsratspräsidenten interessiert sei. Alder verhandelte mit beiden und entschied sich dann für den Alpiq-Posten. Das war vor gut drei Jahren.

Bald ist Alder nicht mehr nur Präsident, sondern auch operativer Chef des Stromkonzerns. «Meine neue Doppelrolle ist das Beste für die Alpiq», liess der 61-jährige Manager die «NZZ am Sonntag» wissen, nachdem die bisherige CEO Jasmin Staiblin ihren Abgang angekündigt hatte.

Alders Statement lässt aufhorchen: Spätestens seit der Ära von Daniel Vasella bei Novartis sind Doppelmandate in der Schweiz verpönt und werden höchstens noch vorübergehend toleriert. Umso überraschender ist deshalb, dass Alder beabsichtigt, die Alpiq auf längere Zeit im Doppelmandat zu leiten.

Aus purer Not

Nun zeigen Recherchen der «Handelszeitung», warum das so ist. Alders Allmacht ist nämlich aus der puren Not geboren. Aus jener, gar keinen Chef einsetzen zu können. Die Alpiq steht vor einer strategischen Zerreissprobe. Nicht ein CEO kann sie meistern, sondern nur der Verwaltungsrat: 2020 läuft der Aktionärsbindungsvertrag aus, der seit der Gründung im Jahr 2009 mehr als 80 Prozent des Aktienkapitals aneinanderkettet (siehe Grafik).

Schon jetzt ist klar, dass es zu grossen Bewegungen im Aktionariat kommen wird. Denn die französische Électricité de France (EDF) hat den Austritt gegeben. EDF hält einen Viertel der Aktien, die sie einst für rund 1 Milliarde Franken erworben hat. Dass die Franzosen diese abstossen wollen, ist aktenkundig. Im letzten Halbjahresbericht hat die Alpiq die Kündigung kommuniziert. «Wie die Alpiq in zwei Jahren aussieht, weiss heute niemand», sagt ein Involvierter. Es sei deshalb müssig, nun einen neuen CEO zu rekrutieren. Vielmehr müsse Doppelmandant-Alder rasch die Eignerfrage beantworten. Sprich: Das 25-Prozent-Paket der Franzosen rückabwickeln. Offiziell gibt sich ein Alpiq-Sprecher gelassen: Die Kündigung habe keine Auswirkungen auf die heutige Aktionärsstruktur.

Das eleganteste Szenario wäre wohl, die EDF-Anteile an einem neuen Ankeraktionär zu verkaufen. Beim aktuellen Börsenkurs kosten die Aktien eine halbe Milliarde Euro, was den Franzosen einen Verlust von rund 200 Millionen auf ihren Einstandspreis bescheren würde. Doch der Marktpreis ist für die EDF kein relevanter Massstab, wie sie im jüngsten Geschäftsbericht festhält: «Der Konzern ist der Ansicht, dass dieser Marktwert insbesondere aufgrund des geringen Streubesitzes nicht repräsentativ für den Unternehmenswert ist.» Sprich: Die Franzosen wollen deutlich mehr.

Die Hypothek der Atomenergie

In Alpiq-Kreisen wird bezweifelt, dass solche Preise für das EDF-Paket bezahlt würden. «Mit Atommeilern und fossilen Kraftwerken im Portfolio ist man auf dem Kapitalmarkt praktisch unvermittelbar geworden», sagt ein Kenner der Materie. Ein anderer spricht von der «Hypothek» Atomenergie. Keiner weiss, was die grossen Kraftwerksbeteiligungen wert sind. Und wie hoch die Kosten sind, welche die Entsorgung dereinst noch verursachen wird. Die politischen Rahmenbedingungen des Atom-Rückbaus sind in der Schweiz schliesslich noch lange nicht geklärt.

Und so kursiert ein zweites Szenario, das wahrscheinlicher ist: Die EDF könnte mit Alpiq-eigenen Anlagen ausgekauft werden. Bereits heute betreibt der Schweizer Stromkonzern im Joint Venture mit den Franzosen mehrere Kraftwerke in den Walliser Alpen. Bezugsrechte am Kraftwerk Emosson brachte die EDF einst als Realwert in die Alpiq mit ein. Liesse sich die Alpiq mit solchen Anteilen auskaufen? Oder mit Beteiligungen an fossilen Kraftwerken, welche die Alpiq noch immer im Ausland hält?

Nur ein Haken

Für den Schweizer Konzern und seine Aktionäre wäre das die einfachste und günstigste Variante. Unter Umständen würden daraus gar Buchgewinne resultieren. Die Sache hat nur einen Haken, wie ein Insider festhält: «Die EDF hätte am liebsten Cash.»

Es bleiben die bestehenden Aktionäre als Investoren: Sind sie bereit – und fähig –, das Geld auf den Tisch zu legen, das es brauchte, um der EDF die Aktien abzukaufen? In der Vergangenheit waren die Altaktionäre jeweils nur gegen Widerstand und mit Misstönen bereit, frisches Kapital zu zeichnen.

Zwar sitzen einzelne industrielle Alpiq-Eigner auf Reserven aus den guten Strommonopol-Zeiten. Doch andere haben den Notgroschen in den Krisenjahren verbraucht. Zudem sind die Aktionäre unterschiedlich organisiert: Genossenschaftliche Regionalversorger im Baselbiet, Kantone und parastaatliche Stromkonzerne wie die Westschweizer EOS-Holding machen einen Interessenkonsens schwierig.

Vor allem der EOS werden in Investorenkreisen Gelüste am EDF-Stake nachgesagt. Könnte Präsident Guy Mustaki den Moment nutzen, um die auf der Sprachgrenze geschaffene Alpiq vollends unter welsche Kontrolle zu bringen? Rückblickend waren die EOS-Aktionäre die Gewinner der Alpiq-Gründung. Anders als die Deutschschweizer, die mit Alpiq-Aktien abgegolten wurden, liess sich die EOS ihre eingebrachten Kraftwerke grossteils in bar abgelten. Just bevor die Strompreise kollabierten.

Grundsätzliche Sinnfrage

Alder hat bis Vertragsende maximal 18 Monate Zeit, um eine Lösung für den einen Viertel der Alpiq zu finden. Und gleichzeitig die grundsätzliche Sinnfrage zu klären: Vor zehn Jahren ambitioniert als künftige Nummer drei auf dem europäischen Strommarkt lanciert, ist die Alpiq heute nur noch ein Schatten ihrer selbst. Von den zwischenzeitlich mehr als 10 000 Mitarbeitenden sind etwa 1500 übrig geblieben.

Intern macht bereits das Wort vom «Partnerwerk» die Runde. Wie ein gemeinsames Kraftwerk soll die Alpiq ihre Aktionäre vor allem zu Gestehungskosten mit Strom versorgen. Ohne Konzern-Overhead und Geschäftsleitung mit Millionensalär. Das ergebe unternehmerisch keinen Sinn, sagt dagegen ein Alpiq-Sprecher, und betont: «Es widerspricht der vom VR erst vor kurzem bestätigten Strategie.»

Doch genau diese Strategie steht mit dem Aktionärswechsel zur Disposition. Möglicherweise schreibt Alder alleine fort, was Staiblin begonnen hat: den Rückbau des Stromkonzerns Alpiq. Oder wie es ein Aktionär formuliert: «Fürs Abwracken ist Alder der Richtige. Mit Doppelmandat.»

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Gipfel der Selbstbedienung

Alpiq Es hätte das Power-Duo der Schweizer Elektrizitätswirtschaft werden sollen: Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin und Präsident Jens Alder. Zwei Topmanager aus Industrie und Telekom. Zwei Outsider mit internationalem Weitblick und ohne branchenüblicher Strombaron-Attitüde und Monopol-Denke.

Mit ihrem Erfahrungsschatz wären sie prädestiniert gewesen, den schlingernden Lausanner Stromkonzern in die Zukunft zu führen. Doch nach fünf Jahren Staiblin und drei Jahren Alder ist die Bilanz der beiden Bosse ernüchternd. In den Büchern schlummern weiter Milliarden an Verbindlichkeiten. Und mit dem Verkauf des industriellen Tafelsilbers gehen Staiblin und Alder nun eine einzige grosse Wette auf steigende Strompreise ein, ohne persönlich je dafür im finanziellen Risiko zu stehen.

Nur Bares ist Wahres

Denn trotz 9 Millionen Franken Salär seit Amtsantritt 2013 hält Chefin Staiblin schlappe 102 Alpiq-Aktien im Wert von 7500 Franken. Präsident Alder besitzt gar keine Alpiq-Papiere. Die Begründung aus der Zentrale: Eine aktienbasierte Vergütung mache nur Sinn, «wo die freien Marktkräfte den Aktienkurs bestimmen». Mit anderen Worten: Die Kotierung der Alpiq taugt nichts. Und nur Bares ist Wahres für die Teppichetage in Lausanne. Dabei soll der Rubel möglichst rasch rollen.

Selbst die sogenannten Turnaround Incentives werden Staiblin und Co. bereits im Folgejahr vollständig cash ausbezahlt. Auch hier argumentiert man hanebüchen: Da ein Turnaround «naturgemäss» nicht langfristiger, sondern «temporärer Natur» sei, würden die Boniziele kurzfristig gesetzt. Alpiq, ein Gipfel der Selbstbedienung.

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Schön gerechnet

Alpiq Der Stromkonzern sollte mit dem Verkauf des Industriegeschäfts schuldenfrei sein. Doch im Unternehmen schlummern Milliarden an Verbindlichkeiten.

Yoga, Spa und Aromatherapie – das «Royal Savoy» in Lausanne gilt als Oase der Entspannung. Entsprechend relaxt dürfte die Alpiq-Spitze um Jasmin Staiblin sein, wenn der Konzern im Fünf-Sterne-Haus bald die Generalversammlung abhält. Staiblin hat eine frohe Botschaft an die Eigner: Alpiq könne den Schuldenberg komplett abtragen, sobald die Industriesparte (Intec, Kraftanlagen) im zweiten Halbjahr für 850 Millionen Franken an Bouygues geht. «Die Nettoverschuldung wird zur Nettoliquidität von 136 Millionen Franken», heisst es in einer Analystenpräsentation. Man sei nun «schlank und effizient» in der Schweiz und in Europa aufgestellt und «fit für die Zukunft», doppelt die Pressestelle nach.

Doch nun zeigt sich: Alpiq sitzt auf einem weit grösseren Schuldenberg als ausgewiesen. «Die effektive Nettoverschuldung dürfte per Ende 2017 auf voll kreditadjustierter Basis rund 3,6 Milliarden Franken betragen», sagt Vontobel-Analyst Dominik Meyer. Ausgewiesen waren 714 Millionen – eine Differenz von rund 2,9 Milliarden.

Ein Element bildet das Eigenkapital von knapp 4 Milliarden Franken. Ein Viertel davon sind Obligationen. Sie gelten als «hybrides Kapital», weil sie keinen fixen Rückzahlungstermin haben und Alpiq die Zinszahlungen aussetzen kann. Im Herbst könnte der Stromkonzern erstmals rund 650 Millionen Franken zurückzahlen. Wenn Alpiq denn will.

Zwar klassiert der Buchführungsstandard IFRS dieses Hybridkapital als Eigenmittel, die meisten Analysten sind jedoch vorsichtiger. «In unserer Analyse rechnen wir es zur Hälfte dem Fremdkapital an», sagt Meyer. Ein anderer Analyst tut dies sogar voll. So gerechnet, wird die angekündigte Nettoliquidität bereits wieder zu einer Nettoverschuldung.

Wie hoch die Verbindlichkeiten der Alpiq sind, hängt auch von der Bewertung der Partnerwerke ab. Das sind jene Kraftwerke, an denen Alpiq beteiligt ist und deren Strom sie zu Vollkosten abnehmen muss – was im Moment für Verluste sorgt, da die Produktionskosten über dem Marktwert des Stroms liegen. Alpiq konsolidiert die Partnerwerke mit dem anteiligen Eigenkapital. «In Übereinstimmung mit dem Standard IFRS», wie der Stromkonzern betont.

Wie viel Fremdkapital in den Partnerwerken steckt, wird in dieser Betrachtungsweise ausgeblendet. Dies, obwohl das wirtschaftliche Risiko nicht bei den Kraftwerken selbst, sondern bei ihren Miteignern als Abnehmern liegt. Vontobel-Analyst Meyer vergleicht die Beteiligung daher mit operativen Leasing-Konstrukten und kommt so auf zusätzliche 1,6 Milliarden Franken Fremdkapital, die in Alpiqs Partnerwerken schlummern.

Unverkäufliche Beteiligungen

Die meisten Kraftwerksbeteiligungen sind derzeit unverkäuflich, insbesondere die Anteile an den Atomkraftwerken. Dennoch stehen die AKW Leibstadt und Gösgen sowie die indirekte Beteiligung an französischen Atommeilern weiterhin mit 755 Millionen Franken in den Büchern. «Netto und nach IFRS-Standard», wie Thomas Bucher, Finanzchef des Stromkonzerns, bestätigt.

Ein Wert, der aufhorchen lässt. Alpiq-Präsident Jens Alder erklärte vor anderthalb Jahren in der nationalrätlichen Energiekommission, dass die AKW-Beteiligungen nicht einmal «geschenkt» zu veräussern seien. Auf Alders Aussage angesprochen, beruft sich Alpiq aufs Kommissionsgeheimnis. Längst vergangen sind jene Zeiten, als Alpiq ihre AKW-Anteile hätte vergolden können. Offenbar hatte Konkurrentin Axpo dem Stromkonzern noch 2012 ein AKW-Angebot unterbreitet. Doch der atomvernarrte Alpiq-VR lehnte ab. Weder Axpo noch Alpiq wollen das kommentieren.

Ähnlich unverkäuflich ist die Wasserkraft. 2016 versuchte Alpiq, die Hälfte ihres Schweizer Portfolios abzustossen, und scheiterte. Kein Interessent war bereit, den gewünschten Preis zu bezahlen. Vermutlich standen auch diese Beteiligungen mit Beträgen in der Bilanz, die über den Marktwerten lagen. Analyst Meyer schätzte die realisierbaren Erträge aus dem Verkauf von Teilen des Portfolios auf einen Wert zwischen 400 und 500 Millionen Franken, «was damals höchstwahrscheinlich zu Wertberichtigungen geführt hätte».

Alle in einen Topf

Die Kraftwerke bilden das Rückgrat der Alpiq-Bilanz. Sachanlagen und Beteiligungen an Partnerwerken standen Ende 2017 mit 5 Milliarden Franken in den Büchern. Und dies bei einem Eigenkapital von 3 bis 4 Milliarden Franken, je nach Betrachtungsweise. Würden nur schon die AKW-Beteiligungen auf null abgeschrieben, schmölze ein Drittel des Eigenkapitals weg. Das kann sich Alpiq nicht leisten.

Dass der Stromkonzern trotz unverkäuflichen Assets keine Wertberichtigungen vornehmen muss, ist der hohen Kunst der Buchführung zu verdanken. Zwar überprüft Alpiq regelmässig ihre Anlagen auf Werthaltigkeit, aber wirft dabei sämtliche Schweizer Kraftwerke in einen Topf. Hochrentable Anlagen subventionieren kostspielige Pumpspeicher und AKW quer. Um die Werthaltigkeit zu prüfen, schätzt das Management die künftigen Einnahmen der Kraftwerke. Offenbar gehen Staiblin und Co. davon aus, dass sie aufgrund steigender Strompreise bald wieder Gewinne schreiben, denn nur so besteht man vor den Buchprüfern den Test.

Anders in Bern. Dort rechnete Alpiq im Herbst den Nationalräten vor, wie schlimm das «Missing Money»-Problem sei und reinen Stromproduzenten den wirtschaftlichen Betrieb der Wasserkraft verunmögliche: Die eigenen Kraftwerke schrieben bis ins Jahr 2021 dreistellige Verluste.

Kurz danach kündigte Alpiq den Verkauf ihres zweiten Standbeins, der Industriesparte, an. Alpiq selber konstatiert, man habe schlicht nicht die finanziellen Mittel, um das Industriegeschäft weiterzuentwickeln. Mit dem Verkauf stärke man nun das «Kerngeschäft», die Stromproduktion und den Handel.

«Alpiqs Erträge sind nun deutlich weniger diversifiziert, was kurzfristig die Abwärtsrisiken erhöht», sagt Meyer. Gleichzeitig betont er, dass – vor dem Hintergrund erwarteter Strompreiserhöhungen – auch das Ertragspotenzial steige.

Die Investoren bleiben skeptisch. Die Börse bewertet Alpiq derzeit noch mit rund 2 Milliarden Franken, was einen Abschlag von 50 Prozent auf das ausgewiesene Eigenkapital von 4 Milliarden Franken bedeutet. Alpiq begründet das mit dem dünnen Handel: Der aktuelle Aktienkurs sei stark aufgrund einzelner Aktientransaktionen, das Handelsvolumen klein, der Free Float gering.

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Alpiqs Austernzüchter

Bastian Gerhard Der Ex-Zalando-Mann züchtet für den Stromkonzern im Oyster Lab neue Geschäftsperlen.

Vom E-Commerce-Olymp in die Untiefen der eidgenössischen Stromwirtschaft. Bastian Gerhard sucht stets die «grössten Challenges», egal ob in Tokio, Berlin oder Zürich. Zuletzt war der Wirtschaftsinformatiker Innovationschef beim deutschen Digital-Fashion-Giganten Zalando. «Als ich dort 2013 anfing, waren wir wenige hundert Mitarbeiter. Heute sind es mehr als 13 000», sagt Bastian Gerhard, dem Zalando mit der Zeit «zu konzernig» wurde.

Nun züchtet der Digital Native, der mehrere Jahre in Japan gearbeitet hat, für Alpiq neue Geschäftsperlen. Als ein Headhunter mit dem Schweizer Strom-Search anklopft, zündet bei Konzernmanager Gerhard wieder der Startup-Funke: «Wir geniessen Narrenfreiheit und haben die nötigen finanziellen Ressourcen. Was kann einem Besseres passieren.»

Schliesslich leistet sich der angeschlagene Schweizer Stromkonzern seit wenigen Monaten einen Cleantech-Brutkasten namens Oyster Lab auf dem Hürlimann-Areal in Zürich, einen Steinwurf von Google Schweiz entfernt. In den Büros, wo bis vor kurzem Jan Schoch und Leonteq ihre Finanz-Strukis zimmerten, herrscht nun elektrisierende Startup-Atmosphäre: Zwischen Fixie Bikes, bunten Zettelwänden und mit Codes übersäten Grossbildschirmen arbeiten Oyster-Lab-Chef Gerhard und sein bald 15-köpfiges Team daran, aus der Welt einen «greener place» zu machen.

Durchfinanzierter Brutkasten

So lautet zumindest das Mission Statement des Alpiq-Inkubators. Der ist direkt beim Digital & Commerce-Chef von Alpiq, Markus Brokhof, angehängt. Brokhof finanziert den Brutkasten auch komplett aus seinen Handelserträgen, hält sich ansonsten aber möglichst raus. Die Oyster-Leute seien frei zu machen, was sie wollen, sagt das GL-Mitglied des Stromkonzerns. «Wir wollten das Lab möglichst fernhalten von den Konzernstrukturen bei Alpiq, wo alles im Detail geprüft wird. Ausserdem haben wir Leute ausgesucht, die ganz bewusst nicht aus der Stromwirtschaft kommen.» Elektro-Know-how habe man schliesslich genug im Konzern.

Was der ehemaligen Monopolbranche mit ihrer starren Infrastrukturdenke fehlt, sind schlanke und schnelle Entwicklungsprozesse aus dem Tech-Umfeld. «Build, measure, learn, repeat», lautet Gerhards agiles Mantra. Von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt sollen denn auch nicht mehr als sechs Monate verstreichen. In jedem Quartal will das Oyster Lab ein neues Geschäftsmodell entwickeln. «Mit unseren Methoden können wir eine Auster knacken», ist der Ex-Zalando-Mann überzeugt. Ob eine Perlmuttkugel darin stecke, sei allerdings schwierig vorherzusagen. Dazu gehöre auch eine Portion Glück.

Was Gerhard und seiner Truppe bei ihrer Austernzucht hilft, sind zwei eiserne Regeln. Regel eins: Was nicht gemessen werden kann, existiert nicht. Regel zwei: Versetze dich stets in die Lage des Kunden. Diese Bottom-up-Kundenempirie exerziert das interdisziplinäre Oyster-Team an ihrem ersten Projekt rigoros durch. Statt eine Technologie zu entwickeln und diese hernach mit viel Marketing-Brimborium kommerzialisieren zu wollen, setzt das Team im Alpiq-Inkubator auf die knochenharte Grassroots-Methode.

«Wir sind in Süddeutschland von Haus zu Haus gezogen und haben bestimmt mit fünfzig Familien Kaffee getrunken und intensiv diskutiert», erklärt der Lab-Chef. Im Fokus: Einfamilienhausbesitzer mit eigener Photovoltaikanlage auf dem Dach. Die Ausgangsfrage: Wie lässt sich der Eigenverbauch ihrer Anlage erhöhen?

Rasch kristalisiert sich im Gespräch mit den Häusle-Besitzern für Gerhards Mannschaft ein «grosser Verbraucher» heraus, der «emotional und sexy» zugleich ist: ein Elektroauto für die schwäbische Mittelstandsfamilie. Allerdings klagen die Schwaben, dass ein eigenes elektrisches Gefährt teuer sei und kaum erprobt. Das Oyster Lab hat sodann seine erste Auster zu knacken: Wie lässt sich Elektromobilität für halbwegs ökobewusste Familien alltagstauglich und bezahlbar machen?

Spotify für Elektromobilität von Alpiq

Der Ansatz der Alpiq-Tochter ist so einfach wie bestechend: Ein Abomodell für E-Mobilität. Als Vorbild dienen Netflix, Uber, Spotify und Konsorten mit ihren monatlich abgerechneten Digital-Flat-Services. Wer also bei Oyster ein Elektroabo abschliesst, bekommt ein umfassendes Mobilitätspaket frei Haus: «Wir liefern das E-Mobil, die Ladestation, eine Tankkarte für die öffentliche Ladeinfrastruktur sowie eine Strom-Flatrate für 12 bis 15 000 Kilometer pro Jahr», sagt Gerhard.

Das E-Auto-Abo ist bereits prototypisch gebaut und wird nun im Feldtest geprüft. Man stehe in täglichem Kontakt mit mehreren Familien in Süddeutschland, welche das Mobilitätspaket erhalten haben. «Basierend auf ihrem Feedback optimieren wir unser Produkt kontinuierlich», erklärt der Tech-Manager, der höchstpersönlich alle möglichen E-Autos getestet und dabei auch die derzeitigen Limiten kennengelernt hat: Sechs Zapfsäulen habe er in Zürich angefahren, und sechs davon waren private Garagen.

Bereits im ersten Quartal nächsten Jahres soll das Elektroabo auf den Markt kommen. Wiederum in einem limitierten Roll-out mit einer eigenen Website für 50 bis 100 zahlende Kunden, die von Alpiq ein Onboarding erhalten. So tastet sich das Oyster Lab langsam mit stetem Kunden-Feedback ans Optimum heran.

Ob und wie aus dem Elektroabo ein lukratives Geschäft für den Stromkonzern werden soll, steht in den Sternen. Der Oyster-Mann spricht von einem «Mittel zum Zweck», um den Mobilitätsmarkt zu explorieren. Potenzielle künftige Ertragsquellen könnten der Stromabverkauf sein, aber auch das Management von Energieflexibität. Fest steht, die gebeutelte Alpiq will sich aus der Grosshandelsfessel befreien und den Privatverbraucher ins Visier nehmen. Für Gerhard gilt die Maxime: «Wir wollen den Zugang zum Haus, zum Endkunden, beyond the meter.»

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Kurzschluss im Zigerschlitz

Axpo Es ist ein Milliardengrab mit Ansage, das die Axpo mit dem Pumpspeicherwerk Limmern in die Glarner Alpen betonierte. Der jüngste Abschreiber über 540 Millionen Franken löst da nur noch Schulterzucken aus. Zugleich ist Limmern ein Mahnmal für selbstgefällige Manager und ahnungslose Politiker. Vor über zehn Jahren wanderte der damalige Axpo-Chef und heutige Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer zur Muttseehütte und beschwor die „Stromlücke“. Ein Ersatz-AKW und ein Pumpspeicher sollten die „Engpässe 2020 in der Stromversorgung“ beheben. Doch Karrer produzierte im Zigerschlitz einen argumentativen Kurzschluss: Weder kann es in einem funktionierenden Markt eine Lücke geben, noch kann ein Pumpspeicherwerk die Versorgung länger als ein paar Minuten sichern. Vielmehr wollten die Nordostschweizer Stromer ihre an der Nachfrage vorbeiproduzierenden AKW mit den Glarner Turbinen vergolden. Billiger Bandstrom sollte zu teurem Spitzenstrom werden. Der Pumpspeicher war für Arbitrage-Gewinne im unvollkommenen Strommarkt gedacht. Doch die Axpo-Männer wurden jäh aus ihren Grosskraftwerks-Phantasien gerissen: Im liberalisierten EU-Strommarkt schmilzt die Differenz zwischen Spitzen- und Bandstrom dahin. Gleichzeitig steuern intelligente Netze zusehends die Nachfrage. Das sind schlechte Aussichten für das „Jahrhundertwerk“ der Axpo.

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Magere Dienstleister

Stromkonzerne Was haben ein petrochemischer Generalunternehmer in den Karpaten, ein Bahntechniker nahe Mailand und ein Ingenieurbüro in der Steiermark gemeinsam? Es sind alles Unternehmen, die kürzlich von parastaatlichen Schweizer Stromkonzernen geschluckt worden sind. Die teilweise aggressiven Akquisitionen im In- und Ausland eint ein gemeinsamer strategischer Nenner: Weg von der Stromproduktion mit Kraftwerkspark hin zu Asset light mit einem bunten Strauss an Energiedienstleistern – etwa bei der Gebäudetechnik, der Photovoltaik oder bei Speicherlösungen.

Ein erstaunliches Wendemanöver im Puschlav

Die Energy Services sind das neue Mantra in den Teppichetagen von Alpiq & Co. Die frohe Kunde von der anbrechenden Dienstleistungsära ist selbst bis ins Puschlav gedrungen. Repower, welche bis vor kurzem noch auf dreckige Kohle in Italien und Gaskombis in Deutschland setzte, legte im Winter ein überraschendes Wendemanöver hin. Die Bündner machen nun voll auf New Tech und wollen sich als Energie-Dienstleisterin neu positionieren, um so die Abhängigkeit vom absoluten Strompreis schrittweise zu verringern

Doch in der Elektrowirtschaft ist es wie im richtigen Leben: Wenn die Party vorbei ist und alle gleichzeitig zum (Not-)Ausgang rennen, dann wird es brandgefährlich. Marktbeobachter mahnen schon seit einer Weile, dass bei den Energy Services die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Denn auf die Strömler hat in ihren neuen Betätigungsfeldern niemand gewartet. Während die klassische, kapitalintensive Stromproduktion über Jahrzehnte eine geschützte Werkstatt war, herrscht bei den Energiedienstleistern ein scharfer Wettbewerb. Die Branche ist fragmentiert, die Eintrittshürden sind vergleichsweise tief. Die jüngsten Zahlen der Stromkonzerne unterstreichen diesen Befund. Bei Alpiq erzielte ein Energiedienstleister pro Kopf im letzten Jahr magere 10 000 Franken Betriebsgewinn. Nicht besser sieht es bei BKW aus. Sie erzielte mit Dienstleistungen eine Betriebsmarge von schlappen 4 Prozent. Zum Vergleich: Die Rendite in der Energie und den Netzen war viermal höher.

Profi-Investor Martin Ebner prophezeit Überkapazitäten

Dass Alpiq-Aktionär und Profi-Investor Martin Ebner nun den Mahnfinger hebt, sollte den Kantonseignern deshalb zu denken geben. Dienstleistung wird weniger Wert haben in einigen Jahren, weil es zu Überkapazitäten kommen wird, prophezeite der Financier in der Schweiz am Sonntag. Nach Fehlinvestitionen in fossile Kraftwerke vor der Finanzkrise droht den Stromkonzernen mit den Energy Services also die nächste Investitionsruine. Ganz zu schweigen vom ordnungspolitischen Sündenfall: Dass öffentliche Unternehmen sich x- beliebige Gewerbebetriebe einverleiben, ist ein crowding out wie aus dem VWL-Lehrbuch. Statt wie wild zu diversifizieren, sollten die Stromkonzerne vielmehr endlich ihr Kerngeschäft – die Elektrizitätsproduktion – auf die Zukunft ausrichten.

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Abgang des Unbequemen

Swissgrid Chef Pierre-Alain Graf wirft das Handtuch. Der Netzbetreiber droht an Bedeutung zu verlieren.

Die Kunde vom Ausscheiden des Swissgrid-Chefs erreichte die Strombosse an einer Wasserwirtschaftstagung in Aarau. Dort hätte auch Pierre-Alain Graf referieren sollen. Doch statt über“Marktopportunitäten für die Schweizer Wasserkraft“ zu sprechen, gab der 52-jährige Top-Manager fast zeitgleich seinen Rücktritt als Chef des nationalen Netzbetreibers bekannt. Nicht nur die Tagungsteilnehmer waren baff. Auch die Geschäftsleitungsmitglieder der Swissgrid wurden vom Chefwechsel in Laufenburg überrascht.

Polarisieren wie kein Zweiter

Grafs Abgang gibt in der Strombranche zu reden. Der ehemalige Cisco-Manager, der Swissgrid seit 2008 führte, polarisierte wie kein Zweiter. Als visionären Macher, fachlich beschlagen und kommunikativ souverän beschreiben ihn die einen. Als unnahbar und unnachgiebig charakterisieren ihn die anderen.

Fest steht, dass Graf in seiner Rolle als Swissgrid-Chef zusehends zwischen Stuhl und Bank agierte.“Der Druck auf Pierre-Alain nahm von allen Seiten zu“, sagt einer, der ihn gut kennt. Auch wenn Swissgrid betont, Grafs Rücktritt nach sieben Amtsjahren sei aus freien Stücken erfolgt. Die politische Gemengelage wurde schwieriger, die unternehmerischen Freiheiten für den agilen Manager enger.

Nicht mit Vorstellungen gedeckt

So würdigt Urs Gasche, Präsident der gewichtigen Swissgrid-Aktionärin BKW, den abtretenden Swissgrid-Chef zwar als“sehr fähigen und unternehmerischen Mann“. Gasche betont zugleich aber auch, dass die Aktivitäten von Graf sich nicht in allen Punkten mit den Vorstellungen des Berner Stromkonzerns gedeckt hätten. Dem Swissgrid-Chef seien die Möglichkeiten, die der enge gesetzliche Rahmen für den nationalen Netzbetreiber vorsehe, zu restriktiv gewesen, meint Gasche:“Da hat man ein Rennross vor ein ‹Milchwägeli› gespannt. Das konnte nicht gut kommen.“ An einer Veranstaltung hat Gasche zudem den Eindruck gewonnen, dass Graf im gesamten Netz weitere koordinierende und regulierende Funktionen übernehmen wolle. Der zurückgetretene Swissgrid-Chef war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Markt gestalten oder verwalten

Ein Zankapfel war beispielsweise die Errichtung eines zentralen Big-Data-Hubs für Strom, der alle Markt-, Produktions- und Verbrauchsinformationen hätte bündeln sollen. Swissgrid verstand sich dabei als IT-Enabler und Cloud-Zudiener für alle Energieversorger gleichermassen. Der Umarmungsversuch stiess den Stromern jedoch sauer auf. Sie wollen ihre Big-Data-Ströme selber analysieren und monetarisieren.

Keine Freunde machte sich der Swissgrid-Chef auch mit seiner aktiven Rolle bei der künftigen Marktgestaltung. Dieses sogenannte Marketdesign soll unter anderem ein effizientes Netz gewährleisten, wenn dereinst Sonne und Wind im grossen Stil zur Stromversorgung beitragen. Doch die visionären Vorarbeiten stiessen bei den Aktionären des Netzbetreibers auf Ablehnung.

Latenter Frust

Swissgrid muss die Märkte abwickeln und sie nicht mitgestalten“, bringt ein Verbandsvertreter die Branchenhaltung auf den Punkt. Dabei schwingt auch der latente Frust darüber mit, dass sich die Überlandwerke mit der Gründung der Swissgrid und der Überführung des Hochspannungsnetzes in die nationale Netzgesellschaft enteignet und zu“Zwangsaktionären“ ohne Durchgriffsrechte rückgestuft sahen. Schliesslich sind die sogenannt“unabhängigen“ Verwaltungsräte bei der Swissgrid in der Mehrheit. BKW-Präsident Gasche spricht denn auch von einer“Fehlkonstruktion“:“Entweder hat die Stromwirtschaft die Verantwortung, das Sagen, die Kosten und Nutzen. Oder sonst übernimmt der Bund diese Aufgabe. Dann soll man uns auszahlen.“

Doch von solch einer“sauberen Lösung“ ist man meilenweit entfernt. Zwar wollte CEO Graf dezidiert das Swissgrid-Aktionariat öffnen und insitutionelle Investoren wie Pensionskassen als gewichtige Aktionäre hereinholen. Gar einen Börsengang hat Graf einst öffentlich andiskutiert.

Juristisches Dickicht

Ein Reglementewall verhindert jedoch kategorisch eine Transformation der Eignerschaft. Das juristische Dickicht besteht aus einem nichtöffentlichen Aktionärsbindungsvertrag zwischen den Swissgrid-Gründern, der offenbar demnächst ausläuft, den Firmenstatuten sowie dem Stromversorgungsgesetz. Es ist ein schwammiges Gesetz, an dem seinerzeit Carlo Schmid mitarbeitete, der heute den Elektrizitäts-Regulator Elcom präsidiert.

Alle drei Dokumente widersprechen sich offenbar materiell oder bieten Spielraum zur Interpretation. Dies führt dazu, dass sich BKW und die Westschweizer Kantone juristisch in den Haaren liegen, wer denn nun das Swissgrid-Aktienpaket der Alpiq übernehmen darf. Der Einfluss der Branche auf den nationalen Netzbetreiber ist somit gleich mehrfach stipuliert.

Für einen marktorientierten CEO wie Graf bedeutete dies einen steten Kampf mit den eigenen Aktionären und einem trägen Regulator. So setzte der Swissgrid-Chef in seiner Amtszeit Hunderte Millionen Franken an Wohlfahrtsgewinnen frei, indem er einen Markt für den Unterhalt des Höchstspannungsnetzes schuf. Nachdem die Stromversorger Jahrzehnte Monopolrenten hatten abschöpfen können, mussten sie sich nun als Dienstleister bewähren. Dies sorgte verständlicherweise für wenig Begeisterung.

Sorge um Restanzen

Die Sorge in der Branche ging gar um, dass Swissgrid – wie umliegende europäische Netzbetreiber – den Einflussbereich auf tiefere Spannungsebenen ausdehen könnte.“Auf den unteren Netzebenen liegen ebenfalls Einsparungen im dreistelligen Millionenbereich drin“, sagt ein Kenner der Materie. Die Swissgrid-Antipathie der Branche ist deshalb auch die Angst vor dem Verlust weiterer Monopolrestanzen.

Mit dem überraschenden Rücktritt Grafs beginnt nun hinter den Kulissen der Richtungsstreit um die künftige Rolle der Swissgrid und ihres obersten Chefs. Der Verwaltungsrat wird in seiner nächsten Sitzung ein Stellenprofil für den neuen CEO erarbeiten.“Es droht die Rückstufung zum reinen Mastenverwalter“, sagt ein Insider. Mit der Ernennung von Yves Zumwald zum Interimschef scheint dieser Weg vorgezeichnet. Der Romand ist ausgewiesener Branchen- und Fachmann. Als studierter Elektroingenieur blickt er auf eine langjährige Karriere in der Schweizer Stromwirtschaft zurück. Zumwald soll das disparate Netz der Überlandwerke operativ in der Swissgrid konsolidieren.