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Cloud Computing – Die Mär von der Schweizer Wolke

Cloud Computing Serverfarmen sind die Dampfmaschinen des 21. Jahrhunderts. Die Daten-Wolken legen sich wie ein unsichtbarer Schleier über unseren digitalen Alltag und durchdringen die Arbeitsprozesse vollständig. Das neue Manchester dominieren einige Tech-Giganten wie Amazon, Microsoft und Google. Die Vormacht der US-Konzerne lässt Skeptiker schäumen. Sie warnen davor, Geschäftsinformationen auf US-Servern zu verarbeiten.

Der Datenarm von Uncle Sam reiche bis in die Schweiz. Spätestens seit dem Cloud-Act, der seit Frühjahr gilt und angeblich amerikanischen Behörden extraterritorial Zugriff auf Daten geben soll. Auch SIX-Präsident Romeo Lacher blies jüngst ins gleiche Horn, um sodann sein neues Schweizer Cloud-Angebot anzupreisen. Auch IT-Grössen wie Avaloq und Swisscom streichen mit wolkigen Worten ihren «Swissness»-Faktor heraus.

Bei der Datensicherheit hilft die Heimatverbundenheit nicht weiter

Allerdings ist das Narrativ, wonach Daten in einer Schweizer Cloud per se besser aufgehoben seien als im Ausland, in erster Linie eine gelungene Marketing-Story. Ob Daten sicher und geschützt gehalten werden können, hängt von vielen Faktoren ab. Der physische Serverstandort ist nur einer davon.

Zentral ist etwa die technische Datensicherheit, also der Schutz vor Komplettverlust oder temporärem Ausfall. Gerade die Tech-Riesen können mit ihren globalen IT-Plattformen auftrumpfen. Heimatverbundenheit hilft da weder bei Verfügbarkeit noch Redundanz. Aber auch beim Thema Datenschutz ist die Sachlage nicht schwarz-weiss, wie die «Swiss Cloud»-Promotoren weismachen. Beispielsweise beim gescholtenen Cloud-Act. Das US-Gesetz sieht zwar vor, dass amerikanische Behörden ihre eigenen IT-Anbieter zwingen können, auch im Ausland Kundendaten herauszurücken. Der Act gilt aber explizit nur für US-Bürger.

Und: Amazon, Microsoft und Co. können sich gegen die Herausgabe im Ausland wehren, wenn diese lokales Recht verletzt. Dies jedoch nur, wenn zwischen den USA und der Schweiz ein Abkommen besteht, das übrigens auch im Umkehrfall gelten würde. Also wenn etwa Schweizer Strafverfolger in den USA bei Anbietern Daten abgreifen möchten. Der Bund sollte daher so rasch wie mögliche mit Washington Rechtssicherheit schaffen. Ansonsten drohen hiesige Cloud-Provider bei Datenanfragen wie seinerzeit die Banken zwischen Hammer und Amboss zu geraten: Entweder verletzt man Schweizer oder US-Recht.

Die Europäische Union ist Vorreiterin in Sachen Datenschutz

Brüssel verhandelt bereits mit den USA über die Umsetzung des Cloud-Act. Die EU ist in Sachen Datenschutz eine der Vorreiterinnen weltweit: Die neue Datenschutz-Grundverordnung entfaltet ihre Wirkung. Im Gegenzug hat die Schweiz als Leuchtturm an datenrechtlicher Strahlkraft eingebüsst. Das neue Nachrichtendienstgesetz wie die Speicherung aller Kommunikationsdaten auf Vorrat sorgen für Druck auf die hiesige Privatsphäre. Insofern ist die Schweizer Wolke als uneinnehmbares Daten-Bollwerk vor allem ein gut gepflegter Branchen-Mythos.

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Forderungen statt Fertigkeiten

Es muss in den späten Achtzigern gewesen sein. Ein Schulzimmer mit klobigen Computern samt Röhrenschirmen. Vorne ein wenig begeisternder Lehrer, der uns sein Halbwissen in «Programmieren mit Basic» kundtat. Schliesslich war damals EDV (für Spätgeborene: elektronische Datenverarbeitung) das Buzzword der Stunde. Und wer als Erziehungsdirektor nicht den Lehrplan für Informatiklektionen freischaufelte, galt als gestrig. Geblieben ist mir von der Basic-Bleiche nichts.

Ein Leben offline ist ein Leben im gesellschaftlichen Abseits

Die Geschichte wiederholt sich. Auch heute zelebrieren Politiker und Manager ihre Digitalisierungspotenz und fordern allenthalben, jeder Knirps müsse programmieren lernen. Doch das zu postulieren, ist Ausdruck eines hilflosen Aktionismus. Als ob in der industriellen Revolution jeder Arbeiter zu lernen gebraucht hätte, wie man eine Textilmaschine baut.

Anstatt Fertigkeiten zu fordern, sollten Politik und Gesellschaft rechtliche und ethische Bedingungen schaffen, damit die digitale Revolution kein Lumpenproletariat produziert. Was heisst das konkret? Mit den Produktionsfaktoren des Industriezeitalters – Arbeit, Boden, Kapital – hat der Staat und die Gesellschaft inzwischen gelernt, ethisch wie rechtlich umzugehen. Man denke an den umfassenden Arbeitsschutz oder die entwickelten Eigentumsrechte.

Datengesetz aus analoger Vorzeit

In der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts gesellt sich aber ein weiterer Produktionsfaktor hinzu: das Datenkapital. Und im Gegensatz zu den bestehenden Inputfaktoren scheinen Staat und Gesellschaft diesen essenziellen Rohstoff des Digitalzeitalters mit grosser Unbekümmertheit zu behandeln. Während ein gut geölter Beamtenapparat über Arbeitszeit oder Investitionsschutz wacht, leistet sich der Bund gerade mal einen Datenschutzbeauftragten. Das dazugehörige Gesetz stammt gar aus analoger Vorzeit, den frühen 1990er Jahren.

So lasch der Staat, so freigiebig seine Bürger. Sie verschenken – gegen vordergründig grossen Nutzen – ihr Datenkapital an die FANG-Konzerne, also Facebook, Amazon, Netflix und Google. Schliesslich dürsten die Tech-Riesen nach Profilwerten und Verhaltensmustern. Aus diesem Info-Rohstoff raffinieren Google und Co. ihre Quasimonopole, denen sich ein jeder «freiwillig» unterworfen hat. Ein Leben offline ist heute ein Leben im gesellschaftlichen Abseits. Wen der Suchalgorithmus von Google nicht indexiert, der existiert nicht. Wen Facebook sperrt, der verliert sein «Gesicht». Und wen Amazon vom Marktplatz verjagt, der bangt um seine geschäftliche Existenz als Händler.

Die Algorithmen der Tech-Riesen sind öffentlicher Kontrolle entzogen

Das Digi-Oligopol diktiert. Sodass sich heute ein jeder für die FANG-Algorithmen zu optimieren sucht. Doch wie Google sucht, Facebook informiert oder Amazon handelt, bleibt nebulös. Ihre Algorithmen sind Geschäftsgeheimnis. Sie entziehen sich jeglicher demokratischen Kontrolle. Obgleich ihre Handlungsvorschriften uns die Welt (ausserhalb unserer physischen) überhaupt erst ordnen und vermitteln. Eine gigantische Wirkungsmacht, die es rechtsstaatlich zu bändigen gilt.

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Die Kiste der Pandora

Amazon Der Internetversandhändler greift in der Schweiz an. Mit dem Food-Service Pantry rückt er Migros und Coop auf den Leib. Angeführt von einem Ex-Aldi-Suisse-Manager.

Es kommt daher wie eine Drohung: „The disruption phase in the online food retail industry in the German speaking world has just started…“ Keine Frage: Da hat einer einen Plan für die Disruption im hiesigen Detailhandel. Jemand, der für eine E-Commerce-Grossmacht spricht: Amazon.

Geschrieben hat diesen Eintrag auf dem Business-Netzwerk Linkedin Patrick Lobsiger. Sein Kommentar hat Gewicht. Schliesslich war Lobsiger Topmanager bei Aldi Suisse. Er trieb den Filialnetzausbau des deutschen Harddiscounters hierzulande voran und leitete zuletzt den Verkauf des Billigheimers in der Schweiz. Seine Sporen verdiente sich der Retail-Profi einst beim Food-Multi Unilever ab, der bekannte Marken wie Knorr, Dove oder Lipton führt.

Know-how in der Marktexpansion und Erfahrung mit Markenartikeln: Beides kann Lobsiger auch in seinem neuen Job bestens gebrauchen. Der Schweizer Detailhandels-Crack leitet seit Ende Jahr die Pantry-Sparte von Amazon in München für die Länder-Region DACH, also Deutschland, Österreich und die Schweiz. Was auf Deutsch „Vorratskammer“ heisst, ist das strategische Einfallstor für den amerikanischen Internetversandhändler ins nationale Food-Geschäft, ein erster Schritt zum Online-Vollsortimenter. So geschehen in Deutschland, so geschehen in Österreich, so geschehen auch in England. Bleibt noch die Schweiz als weisser Pantry-Fleck übrig, den Lobsiger bald anvisieren dürfte.

Die Indizien verdichten sich, dass Amazon in den Schweizer Online-Detailhandel drängt. „Das Unternehmen wird in einigen Monaten in der Schweiz mit einem eigenen Angebot starten“, sagte ein Branchenvertreter kürzlich an einer Fachveranstaltung. Er rechne damit, dass dieses Angebot die hiesige E-Commerce-Landschaft massiv umwälzen werde. Amazon wollte sich gegenüber der „Handelszeitung“ nicht zu den Plänen in der Schweiz äussern
Ein Puzzle-Stein in deren Online-Strategie hierzulande dürfte aber Lobsigers Pantry sein. Der Internet-Service preist sich in Deutschland als „Vorratskammer in der Box“ an und will den Wocheneinkauf beim Grossverteiler substituieren. Pantry setzt auf bekannte Handelsmarken bei Produkten des täglichen Bedarfs. Zu den First-Choice-Brands gehören etwa Barilla-Nudeln, Nivea-Crème oder Ricola-Kräuterpastillen. Wie Pantry als Vertriebskanal für den Laufener Pastillenproduzenten läuft, will man bei Ricola nicht sagen: Das Projekt stehe am Anfang einer Versuchsphase.

Bei Promarca, dem Verband der Markenartikelindustrie, steht man dem bevorstehenden Markteintritt des amerikanischen Online-Riesen positiv gegenüber. „Für Konsumenten sind verschiedene Vertriebsformen grundsätzlich von Vorteil. Für Markenartikelhersteller ist es wichtig, dass die Markenqualität und das Markenimage gewährt werden“, betont Geschäftsführerin Anastasia Li-Treyer.

In Amazons deutschen Pantry-Angebot tauchen neben Ricola weitere Schweizer Marken auf, etwa Lindt und Maestrani (Schokolade). Das Pantry-Angebot kann sich im Vergleich mit Schweizer Online-Shops sehen lassen: So lässt sich die Amazon-Box mit bis zu 20 Kilo Ware füllen; der Versand kostet in Deutschland und Österreich 3 Euro. Die Offerte rüttelte die stationäre deutsche Konkurenz auf: Discounter Lidl lancierte online eine eigene „Vorratsbox“.

Einstieg mit kalkulierbarem Risiko
Detailshandelsexperte Hans-Peter Hess vom Berater Roland Berger sieht Chancen für Pantry hierzulande: „Gerade im Bereich der Körperpflegeprodukte klafft eine grosse Preislücke zum benachbarten Ausland.“ Gleichzeitig sei verpackte, haltbare Ware, wie sie Amazon anbiete, logistisch einfach zu realisieren: „Lange Verfallsdaten, keine Kühlkette, das macht den Markteintritt einfach.“

Es wäre ein Schweizer Eintritt, der – je nach Logistik-Lösung – ohne physische Amazon-Präsenz gestemmt werden könnte. Ohne frische Produkte gestaltet sich auch die Belieferung einfacher, weil beim Pantry-Service Bequemlichkeit wichtiger ist als Geschwindigkeit: „Das wäre ein Einstieg mit kalkulierbarem Aufwand und begrenzten Aufbaukosten“, sagt E-Commerce-Fachmann Thomas Lang von der Beratungsfirma Carpathia. Ein Vorstoss mit Vollkasko.

Mit einem Einstieg im Schweizer Online-Lebensmittelhandel würde Amazon für einen Paradigmenwechsel sorgen, hierzulande. Heute wird der digitale Food-Marktplatz von der Migros-Tochter Le Shop (Umsatz 2016: 182 Millionen Franken) und [email protected] (129 Millionen Franken) beherrscht. Das muss nicht so bleiben. Es es gibt Luft nach oben. Im rund 50 Milliarden Franken schweren Schweizer Food-Markt laufen heute erst 2 Prozent Umsatz über den Online-Kanal. Beruhend auf dem allgemeinen Digital Shift zeichnet die Credit Suisse in ihrem „Retail Outlook“ für Online-Lebensmittel ein Wachstums-Szenario: 3,5 Prozent würde es bis 2022 sein. Was als bescheidener Klimmzug erscheint, relativiert sich bei Betrachtung der absoluten Werte: Wer nur schon 1 Prozentpunkt des Schweizer Food-Marktes erobert, hat eine halbe Milliarde Franken in der Tasche.

Wie sich das Schweizer Handels-Duopol angreifen lässt, weiss Ex-Aldi-Suisse-Mann Lobsiger bestens. Wie man zu Lieferanten kommt, ebenfalls. Wenn der Amazon-Mann nicht nur auf europäische Rahmenverträge mit Konsumgütermultis zurückgreifen und mehr Swissness in der Vorratsbox will, stellt sich die Frage, ob Migros oder Coop eine hiesige Amazon-Pantry beliefern würden.

Neu ist das Thema Amazon weder für Migros noch für Coop. Duttis Erben sind per Migros-Shop auf Amazon.de präsent und seit kurzem beliefert die Migros-Zürich-Tochter Tegut Amazon in Deutschland. Coop ist Teil der Pantry in Deutschland: Dort findet sich Schokolade der Marke Swiss Confisa, produziert von der Coop-Industrietochter Halba. Amazon aber im Heimmarkt Schweiz zu beliefern, ist vertrackter. „Die Frage stellt sich aus Sicht der M-Industrie im Moment nicht; eine entsprechende Anfrage von Amazon müsste fundiert geprüft werden“, sagt Migros. Coop will sich zu solchen „strategischen Fragen“ nicht äussern.

Die wichtigste Frage für die Migros
Gemäss Carpathia dürfte Amazon derzeit hauptsächlich via seine deutsche Website um 500 Millionen Franken Jahresumsatz in der Schweiz erzielen. Vor allem mit Medien und Mode. Handelsprofis haben das eingepreist. Aber Amazon im Food-Markt Schweiz, das wäre ein Stresstest für die Platzhirsche, wie sie ihn seit dem Eintritt von Aldi und Lidl nicht mehr erlebt haben. Stellvertretend für die Branche sagte Migros-Chef Herbert Bolliger schon 2015 der „NZZ am Sonntag“: „Ob Amazon in die Schweiz kommt, ist für uns die wichtigste Frage.“

Das „ob“ dürfte sich erledigt haben. Vielmehr ist die Frage, wann Lobsiger die Schweiz disrumpiert. In den Startlöchern steht er, doch eine Hürde gibt es noch: In der reinen Amazon-Lehre ist eine Pantry-Offensive an den Prime-Service gekoppelt, die Amazon-Versandkostenpauschale, die Kunden stark bindet.
Prime ist hierzulande noch nicht verfügbar. Aber Lobsiger hat vorgesorgt. Am 5. Dezember 2016, gleich bei seinem Start bei Amazon, hat der US-Online-Gigant hierzulande Schutz für die Marke Amazon Prime angemeldet.