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Corona-Krise: In der Kreditklemme

Corona-Krise Auch grössere Firmen stecken in Finanznöten. Banken scheuen die Kreditrisiken – trotz Teilgarantie des Bundes. Derweil friert der Kapitalmarkt ein.

John Feigl ist ein erfahrener Kreditberater. Er sorgt sich: Ihm seien grössere Unternehmen bekannt, die bislang keine Covid-Plus-Kredite erhalten hätten. Bei diesen handelt es sich um jene Nothilfedarlehen zwischen 0,5 und 20 Millionen Franken, bei denen der Bund zu 85 und die Banken zu 15 Prozent garantieren. Die Firmen seien vertröstet worden mit Verweis auf eine eingehende Bonitätsprüfung.

Für den Partner der Basler Beratungsfirma Pilfor greift das Vertrösten zu kurz. Schwierig werde es vor allem, wenn ein Unternehmen bei seiner Bank bereits einen Kredit habe. Weil die zusätzliche Verschuldung über das Covid-Darlehen die Bonität des Kunden verschlechtern kann, mindert sich aus Sicht der Bank die Bonität des bestehenden Kredits. Entsprechend müsse sie mehr Eigenmittel unterlegen, sagt Feigl. Hinzu kommt, dass die trüben Wirtschaftsaussichten Druck auf die Kreditratings der Firmen ausüben. Feigl kommt zum Schluss: «Der Covid-Plus-Zins reflektiert dann das Risiko in den allermeisten Fällen nicht.»

Dividendenverbot in der Corona-Krise

Feigls Anekdote deckt sich mit den Recherchen der «Handelszeitung». Sie zeigen, dass die Banken bislang kaum Covid-Plus-Kredite ausbezahlt haben. Die zehn grössten Finanzinstitute kommen bloss auf 156 Millionen Franken. Dies im Gegensatz zu jenen 7,5 Milliarden Franken bei den kleinen Covid-Krediten, die der Bund zu 100 Prozent garantiert.

Ein Industrievertreter erklärt die geringe Covid-Plus-Summe nicht mit risikoscheuen Banken: Grössere Firmen würden sich unternehmerischen Manövrierspielraum bewahren wollen. So sehen die vom Bund garantierten Kredite unter anderem ein Dividendenverbot vor. Auch Banken nennen dies als Hauptgrund für bisher ausbleibende Darlehen.

Manuel Ammann, Wirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen, sagt, die Banken seien am Fortbestand der Kreditnehmer interessiert. Es sei jedoch verständlich, dass die Institute eine gewisse Zurückhaltung bei der Kreditvergabe üben würden. Auch er bestätigt: Verschlechtere sich das Kreditportfolio, brauche es mehr Eigenmittel und höhere Rückstellungen für spätere Zahlungsausfälle. Alles hänge nun davon ab, wie lange der Corona-Lockdown noch dauere. «Je länger, desto höher die Ausfallwahrscheinlichkeit, was auch Banken in die Bredouille bringen könnte.» Mehrere Banker bestätigen den Effekt der Verschuldung auf die Bonität. Verschlechtere sich das Kreditrating, könne das die Eigenmittelanforderungen verdoppeln oder gar verdreifachen, sagt einer.

Höhere Eigenmittelanforderungen


Dazu kommt: Viele Finanzinstitute wähnten ihre Kreditbücher zuletzt in einer Schönwetterperiode. «Wir waren jetzt in einem langen Zyklus ohne Wertberichtigungen», sagt ein leitender Banker. Einzelne Institute hätten sogar Kreditrückstellungen aufgelöst. Finanzberater Feigl plädiert dafür, dass der Bund auch die Covid-Plus-Kredite voll garantieren soll. Nur so sei gewährleistet, dass die Banken die Kredite tatsächlich rasch sprechen würden. Bei der Finanzmarktaufsicht spielt man den Ball an die Institute zurück. Bundesrat, Nationalbank und Finma hätten mit der Aufhebung des antizyklischen Kapitalpuffers und den Leverage-Ratio-Erleichterungen zusätzliches Eigenkapital freigespielt. «Wie die Banken nun ihren Spielraum nutzen, bleibt in ihrer Verantwortung.»

Eine Verantwortung, die auch die Finanzierung von Grossunternehmen umfasst. Brauchen Konzerne Kapital – und sei es nur, weil bisherige Kredite auslaufen –, genügen Covid-Plus-Kredite nicht. Sie könnten sich gemäss Herbert Kumbartzki, Finanzchef der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB), grundsätzlich über drei Quellen refinanzieren: Bankdarlehen, Konsortialdarlehen oder Anleihen am Markt. In der Vergangenheit seien alle drei Varianten günstig gewesen, die Banken hätten sich gegenseitig unterboten. «Doch das wird nun neu konfiguriert.»

Nicht nur bei Covid-Krediten gibt es Engpässe. Auch am Kapitalmarkt hat der Wind gedreht. «Die Risikozuschläge am Markt sind auf dasselbe Niveau wie 2008 angestiegen», sagt Kumbartzki. Im Falle seiner eigenen Bank stieg der Zuschlag von 16 auf 50 Basispunkte, also einen halben Prozentpunkt. «Auch bei soliden Firmen sehen wir Zuschläge von bis zu 180 Basispunkten. Es herrscht grosse Unsicherheit bezüglich der Zukunftsaussichten für die Weltwirtschaft.» Der für Firmenkunden zuständige Manager einer grossen Bank kommentiert: «Nach Jahren mit praktisch inexistenten Risikozuschlägen kehren wir jetzt wohl in die Normalität zurück.»

Heikel wird das für all jene Unternehmen, deren Anleihen auslaufen und jetzt erneuert werden müssen. In den Bereichen Industrie und Handel müssen in der Schweiz bis Ende Jahr gegen 5 Milliarden Franken abgelöst werden (siehe Tabelle).

Hoher Zuschlag bei Straumann


Gerade noch geklappt hat das bei Straumann, wo bald eine Anleihe über 200 Millionen Franken fällig wird. Ende März während der Corona-Krise gab das Unternehmen bekannt, eine Obligation über 280 Millionen Franken platziert zu haben. Doch die Kosten waren hoch: Mit einem Coupon von 1 Prozent kommt Straumann in den Bereich der 180 Basispunkte über dem risikofreien Zins. Und das für eine nur drei Jahre laufende Anleihe. Inwiefern man Konditionen anpassen musste, um marktfähig zu sein, weiss der Sprecher nicht. «Es war gut, dass wir die überhaupt platzieren konnten.»

Kritisiert wird in diesem Zusammenhang auch die Geldpolitik der Nationalbank. Vor der Corona-Krise habe der Negativzins die Unternehmen ins Risiko gedrängt, indem die Liquiditätshaltung bewusst verteuert wurde, sagt Bankenprofessor Ammann. «Das rächt sich nun.» Und BLKB-Finanzchef Kumbartzki verweist auf zusätzlich verschärfende Entscheide der SNB: «Mit der Erhöhung der Freigrenzen auf Girokonten hat die SNB dem Geldmarkt keinen Gefallen getan.» Das habe dem Markt zusätzlich Liquidität entzogen.

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Corona-Notkredite: Protokoll einer Rettungsaktion

Corona-Krise Bund und Banken wollen die Unternehmen vor Zahlungsausfällen und Konkursen bewahren. So lief der Deal ab.

Letzten Sonntag um 11 Uhr Vormittags ging es um nichts weniger als die Rettung der KMU-Wirtschaft. An einer Telefonkonferenz unter Leitung von Finanzminister Ueli Maurer berieten Staatssekretärin Daniela Stoffel und Spitzenvertreter der Schweizer Banken über milliardenschwere Notfall-Überbrückungskredite für all jene KMU, die von der Corona-Krise schwer getroffen wurden.

Kurz zuvor, am Samstag um Punkt Mitternacht, verschickte das Finanzdepartement per E-Mail einen ersten Verordnungsentwurf samt Ausführungsbestimmungen an die Banken.

Alarmglocken aus der Realwirtschaft

Der Mitternachtsversand zeigt: Die Lage ist ernst, der Handlungsdruck hoch. Praktisch rund um die Uhr hatte eine 15-köpfige Arbeitsgruppe mit Spitzenvertretern des Bundes und der Banken in den Tagen zuvor daran gearbeitet, ein Rettungspaket zu schnüren. Denn die Alarmglocken aus der Realwirtschaft schrillen immer lauter.

«Wir stellen fest, dass unsere Firmenkunden ihre Kreditlimiten praktisch voll ausschöpfen», sagt der Chef einer grossen Bank mit Tausenden von Geschäftskunden. Da sei ihm klar geworden, dass eine nationale Lösung hermüsse. Das Resultat: Vom Bund verbürgte Überbrückungskredite in der Höhe von bis zu 20 Milliarden Franken. Sie bilden nebst der erweiterten Kurzarbeitsentschädigung der Eckpfeiler des grössten Konjunkturhilfe-Pakets in der Geschichte der Eidgenossenschaft.

«Im Prinzip stellen wir jetzt einfach einen Bankomaten auf, und jeder bekommt den PIN-Code», meint ein Banker lapidar. Er geht davon aus, dass 80 bis 85 Prozent der Anfragen von kleinen Firmen kommen, die eine sofortige Auszahlung erhalten. Bei solchen Beträgen bürgt der Bund vollständig. Die Auszahlung erfolgt sofort und ohne Bonitäts-Check. Im Nachhinein registriert das Beratungshaus PwC im Behördenauftrag alle Kredite.

Tempo vor Gründlichkeit

Das sei ein Tradeoff zwischen Gründlichkeit und Geschwindigkeit, sagt Kantonalbanken-Verbandsdirektor Hanspeter Hess: «Der Bundesrat hat sich klar auf die Seite der Geschwindigkeit gestellt.»

In der Notverordnung fallen auch ordnungspolitische Tabus wie das Kreditverbot für Postfinance: «Wir gehen davon aus, dass diese Überbrückungskredite über Kundengelder refinanzieren werden», sagt ein Sprecher. Angesichts der Tatsache, dass die Kredite eine Laufzeit von bis zu fünf Jahren haben, könnte Postfinance aus der Corona-Krise als vollwertige Bank hervorgehen.

Als Transmissionsriemen zwischen den vom Bund garantierten Krediten und den kapitalbedürftigen KMU dienen die Hausbanken. Landauf landab bereiten sich die Finanzhäuser nun auf einen Darlehensansturm vor. So auch die UBS. «Wir rechnen mit Tausenden von Kreditanfragen in den nächsten Tagen», schreibt Alain Conte, Leiter Corporate & Institutional Clients Schweiz, in einem internen Memo. Unter anderem weitet die Grossbank ihre Kreditkompetenzen in den Regionen aus und schult Kundenberater via Skype. Die Liquiditätssicherung der Kunden habe höchste Priorität.

Schliessen, um Personal zu gewinnen in der Corona-Krise

Auch die 235 Raiffeisen-Banken bereiten vor. Die drittgrösste Bankengruppe zählt über 200 000 KMU und Selbstständige als Kunden. Davon dürften schätzungsweise die Hälfte um Hilfe ersuchen.«Es gibt Raiffeisenbanken die Mitarbeitende von Geschäftsstellen, die aufgrund Corona-Pandemie vorsorglich geschlossen wurden, in der Kreditverarbeitung einsetzen», sagt Urs Gauch, Leiter Firmenkunden und Niederlassungen. Zugleich versuche man den Vergabeprozess mittels spezifischer IT-Lösungen zu beschleunigen, um die Vorgaben des Bundes zu erfüllen.

Die Überbrückungshilfen seien kein Bankgeschäft wie jedes anderen, sagt Gauch. «Wir wollen an den Krediten nichts verdienen, sondern unsere volkswirtschaftliche Verantwortung wahrnehmen.» Der Zinssatz sollte lediglich die Administrativkosten decken.

Es sei auch klar, dass die bestehenden Kreditlinien von Kunden offengelassen würden. «Die Bundeskredite lösen keine Bankkredite ab, sondern stellen eine zusätzliche Liquiditätsquelle dar.»

Angst vor «Moral Hazard»

Das Kreditprogramm ist zweigeteilt: In Darlehen bis zu einer halben Million Franken. Und in solche mit höheren Summen. Bei diesen grösseren Darlehen muss sich die Bank mit 15 Prozent am Risiko beteiligen. Der Kreditnehmer wird daher auch tiefergehend geprüft. Auf diese Weise können Darlehen von bis zu 20 Millionen Franken gesprochen werden. Allerdings ist die Kreditsumme auf zehn Prozent des Jahresumsatzes beschränkt.

Die Notverordnung definiert klare Bedingungen: Eine Firma muss bereits vor März 2020 bestanden haben und darf nicht in einem Konkursverfahren stecken. Auch darf sie nicht von anderen Corona-Massnahmen des Bundes profitieren. Vorschriften gibt es zudem zur Verwendung des Geldes, das nicht für Ausschüttungen an die Eigentümer, Darlehen an Gruppengesellschaften oder Rückzahlungen von anderen Darlehen verwendet werden darf. Auch soll das Geld nur den laufenden Betrieb finanzieren. Investitionen, die über einen Ersatz hinausgehen, sind nicht erlaubt.

Dennoch überschattet die Angst vor dem Moral Hazard den staatlichen Geldsegen: Wie kann verhindert werden, dass Firmen oder Banken von den Bundesgarantien profitieren, wenn gar kein berechtigter Fall vorliegt? Zu vermeiden gilt nicht nur, dass KMU die Gunst der Stunde für ein billiges Darlehen nutzen, an das sie ohne Sonderverordnung nicht gekommen wären. Sondern auch, dass Banken unliebsame Kreditrisiken zum Bund abschieben.

Generelle Sorgfaltspflicht beim Corona-Notkredit

Der Raum dafür besteht, denn bei den Darlehen bis zu 500’000 Franken müssen die Banken keine Kreditprüfung machen. «Für uns bedeutet das daher nicht viel Aufwand», sagt Herbert Kumbartzki, Finanzchef der Basellandschaftlichen Kantonalbank. «Natürlich plausibilisieren wir die Angaben, denn wir haben als Bank eine generelle Sorgfaltspflicht», sagt Kumbarzki. Den Polizisten muss er jedoch nicht spielen.

Die Missbrauchsvermeidung basiert auf einer Selbstdeklaration der Kunden. Sie müssen bestätigen, dass die Bedingungen erfüllt sind. Ansonsten machen sie sich der Urkundenfälschung strafbar. Den Überblick hat einzig PwC. Ein Sprecher bestätigt: «PwC Schweiz ist die zentrale administrative Stelle der Bürgschaftsgenossenschaften und leitet die von den Banken abgeschlossenen Kreditvereinbarungen (COVID-19-KREDIT) und Einzelbürgschaften für COVID-19-KREDIT-PLUS (Kreditantrag) an die zuständige Bürgschaftsgenossenschaft weiter.» Bei den Wirtschaftsprüfern landen also Kopien von jedem Kreditdossier. So soll sichergestellt werden, dass keine Darlehen doppelt gesprochen werden. Und so sollen Unregelmässigkeiten in den Anträgen auffallen.  Ob es funktioniert, wird sich erst noch zeigen müssen. Zeit dafür ist genug.

Richtig und wichtig

Das Vergabe-Schema kommt gut an. Für Bankenprofessor Marc Chesney von der Uni Zürich ist es «richtig und wichtig». Ansonsten drohe einem grossen Teil der KMU der Konkurs, sagt er. «In einer solchen Notlage geht es darum, Vertrauen in eine funktionsfähige Wirtschaft wiederherzustellen.» Dafür ist die Geldspritze gegen die Corona gedacht.

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Digitalisierung – Wer die Digitalwelt kennt, fürchtet sie

Transformation Eine Umfrage der SNB zeigt: Die Schweizer Banker glauben an die Digitalisierung – bis sie tatsächlich kommt.

Die Nationalbank hat 34 Schweizer Banken, die rund 80 Prozent aller Aktiven halten, befragt. Der Rücklauf (100 Prozent) ist erstmal erfreulich, die Antworten sind es weniger. Denn in den Teppichetagen der Finanzhäuser herrscht Zukunftsangst.

Filetierte Wertschöpfungskette

Das am meisten genannte Basisszenario gilt nämlich einer «fragmentierten Bank». Danach werden die Kunden nicht mehr eine dauerhafte Beziehung mit einer Bank unterhalten, sondern sich von branchenfremden Mitbewerbern gleichermassen bedienen lassen. Knapp die Hälfte der befragten Finanzmanager erwarten dies. Sie befürchten, dass insbesondere Google, Facebook & Konsorten sowie Neobanken à la N26 oder Revolut ihre Wertschöpfungskette filetieren werden.

Nur gut ein Drittel der Bankleiter glaubt an eine «bessere Bank», die dank effizienteren Prozess gestählt aus der Digitalisierung hervorgehen wird. 

«Substantielle Lücke» in der Digitalisierung

Zwar beurteilen die Banker die Digitalisierung in ihrer abstrakten Form ungebrochen als positiv: Bei fast drei Vierteln der Befragten überwiegen die Chancen der Digitalisierung. Die euphorische Haltung könnte aber damit zusammenhängen, dass die eigentliche IT-Welle noch gar nicht über die Geldhäuser gebrochen ist.

Denn auch dies zeigt die Erhebung der SNB anschaulich: In Sachen Digitalisierung sind die Banken bislang vor allem Ankündigungs-Weltmeister. So konstatieren die Währungshüter, dass zwischen dem aktuellen und dem angestrebten Digitalisierungsgrad eine «substantielle Lücke» bestehe.

Bigtech als neue Konkurrenz

Die Umfrageergebnisse lassen vermuten: Digitalisierung wird erst als Bedrohung fürs eigene Geschäft erkannt, wenn man seinen eigenen Geschäftsprozess einigermassen digitalisiert hat.

So zählt der Zahlungsverkehr zu jenen Bereichen, in denen die hiesigen Banken bei der Transformation am weitesten fortgeschritten sind. Gleichzeitig ist der Zahlungsverkehr jener Bereich, wo die Geldinstitute am meisten mit Bigtech und Neobanken als neuer Konkurrenz rechnen. 

Mit anderen Worten: Digitalisierung finden die Banker solange fancy, bis sie tatsächlich eintritt. 
 

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Die Handy-Hypothek

Postfinance Die Staatsbank wird Ende Monat mit Valuu eine App für Hypotheken-Angebote lancieren. Der Kreditantrag lässt sich über das Mobiltelefon stellen.

Zehn Monate hat Postfinance mit zwanzig Leuten an der digitalen Hypotheken-Plattform gebaut. Ende Monat steht das Endergebnis namens Valuu zum Download für Android und Apple bereit. Thomas Jakob, Verantwortlicher fürs Plattformgeschäft bei Postfinance, verspricht mit der mobilen App, die Suche nach einer passenden Wohnfinanzierung zu erleichtern: «Wir wollen die Schwelle zum Abschluss einer digitalen Hypothek senken. Und als unabhängiger Vermittler die bestmöglichen Offerten bieten.»

Auf Basis der gewünschten Wohnobjekte und der persönlichen finanziellen Verhältnisse ermittelt Valuu mit einem Matching-Algorithmus das beste Angebot. Dies müsse nicht immer das günstigste sein, so Jakob: «Neben den Zinskosten können für Kreditnehmer auch die Konditionen der Amortisation oder die maximale Höhe der Finanzierung wichtige Kriterien sein.»

Hat der Valuu-Nutzer die passende Offerte, kann der User seinen Kreditantrag an die Bank gleich per App stellen. Man habe festgestellt, dass viele Dokumente für den Hypothekenantrag bei den Leuten zu Hause in Papierform vorhanden seien, erklärt der Postfinance-Verantwortliche die Bewandtnis hinter einer ausschliesslichen App-Lösung: «Da ist es wesentlich praktischer, die Unterlagen per Valuu-App abzufotografieren, anstatt sie am Desktop-PC einzuscannen.» Sind schliesslich alle Dokumente parat, stellt Valuu ein Dossier zusammen und reicht es bei der jeweiligen Bank ein.

Klassisches Vermittlungsgeschäft

Thomas Jakob betont, dass Postfinance mit Valuu eine «völlig unabhängige Vergleichsplattform» lanciere. Um dies zu unterstreichen, wird die gelbe Staatsbank auf der digitalen Plattform auch keine eigenen Hypothekarofferten machen. Auch gibt es eine Chinese Wall, auf dass keine Valuu-Informationen ins Produkte-Management von Postfinance fliessen.

Vielmehr versteht sich die Staatsbank mit der Hypo-App als Match-Makerin. Dazu hat sie mit Wohnfinanzierern Partnerschaftsverträge abgeschlossen. Wie viele Anbieter beim Start Ende Januar über Valuu offerieren, will Postfinance-Manager Jakob nicht sagen. Nur so viel: «Wir haben eine gute Mischung aus kleinen, mittleren und grossen Banken, Versicherungen und Pensionskassen.» Das Feedback der Institute sei positiv gewesen. Die Beweggründe, um auf Valuu zu offerieren, sind unterschiedlich: Gewisse Anbieter möchten mit der App ihr Verbreitungsgebiet erweitern, andere die Kosten für die Kundenakquise senken oder den digitalen Prozess beschleunigen.

Für Postfinance geht es mit Valuu darum, neue, zinsunabhängige Ertragsquellen zu erschliessen. Der Geschäftsansatz basiere auf einem klassischen Vermittlungsmodell, erklärt der Plattformverantwortliche Jakob: «Der Hypo-Kreditnehmer zahlt nichts für Valuu, der Kreditgeber entrichtet eine Gebühr an uns.» Sie bemesse sich nach der Laufzeit und Höhe der Hypothek.

Andreas Dietrich, Banking-Experte am Institut für Finanzdienstleistungen Zug und Verwaltungsrat der Luzerner Kantonalbank, kennt das Geschäftsmodell der bestehenden Hypo-Vermittler bestens: In der Regel gebe der Kreditgeber im ersten Jahr der Hypothek etwa die Hälfte der Marge an den Vermittler ab. Und hier fängt für Dietrich auch schon das Problem an: «Alle Vermittler sagen, dass sie unabhängig seien, aber das stimmt nur bedingt, indem nämlich nur jene Anbieter im Vergleich erscheinen, die bereit sind, die Marge mit dem Vermittler zu teilen.» Gemäss eigenen Angaben sind dies bei den Valuu-Konkurrenten Moneypark rund hundert Finanzierungspartner, bei Hypoguide etwa dreissig und bei Hypoplus ist es gemäss Website «ein breites Netzwerk».

Persönlicher Kontakt gefragt

Angesichts der etablierten Konkurrenz zeigt sich Dietrich gegenüber dem neuen Postfinance-Angebot skeptisch: «Valuu ist Vermittler Nummer vier.» Zwar bestehe gegenüber den bisherigen Angeboten ein Differenzierungsmerkmal, indem Valuu komplett als mobile Applikation konzipiert sei ohne Beratung oder persönlichen Kontakt. Gerade dieses Alleinstellungsmerkmal erachtet Dietrich jedoch als Schwäche: «Der Markt für mobile Hypothekarangebote ist schwierig, weil die Erfahrung gezeigt hat, dass die Kunden bei einer kapitalen Finanzentscheidung wie dem Aufnehmen einer Hypothek am Ende halt doch den persönlichen Kontakt suchen.» Sei dies in einer Filiale oder per Telefon. Zumal die Skepsis gegenüber Hypo-Vermittlern seitens der Kunden immer noch recht hoch sei, wie eine aktuelle, nicht repräsentative Umfrage in der Deutschschweiz gezeigt habe.

Postfinance-Manager Jakob sieht dagegen durchaus Potenzial für Vermittler: «Wir versprechen uns viel von zwei Kundensegmenten: jenen, die gerne Angebotsvergleiche machen. Und jenen, die Aufwand und Zeit für eine Finanzierung minimieren wollen.» Entsprechend substanziell seien die gesteckten Ziele: Man wolle mit Valuu Mehrwert und einen «bleibenden Eindruck am Markt» hinterlassen.

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Jammern gehört zum Geschäft

Banken Was die Bauern seit Jahrzehnten in Bundesbern praktizieren, hat die Finanzbranche seit der Krise von 2008 perfektioniert. Seither stimmen die Banker nämlich unentwegt einen Schwanengesang an, während die vermeintlichen «bad news» nicht abreissen wollen.

Zuerst wird das margenträchtige Bankgeheimnis vom Ausland geschleift. Dann bricht eine Flut an Finanzmarktregulierungen über die Institute herein. Vom Kundenschutz bis hin zur Eigenmittelausstattung strafft die Politik das large Regulierungsregime der Vor-Krisen-Ära merklich. Was zu ausufernder Bürokratie und kostspieligen Compliance-Abteilungen führt, deren Krisenfestigkeit sich erst noch wird weisen müssen.

Die Halbjahreszahlen zeigen, wie gut das Geschäft floriert
Und schliesslich versetzen die Währungshüter um Nationalbank-Präsident Thomas Jordan mit der Aufhebung des Franken-Mindestkurses und der Einführung von Negativzinsen den Geschäftsbankern einen Schlag in die Magengrube. Manch ein Vermögensverwalter oder Retailbanker sieht seine Kommissions- und Zinserträge wegschmelzen wie ein Glace an der Sommersonne. All dies geschieht zu einer Zeit, in der das Geschäft ohnehin schon strukturell leidet. Stichwort: Fintech und andere bankfremde Wettbewerber wie Pensionskassen oder Versicherer, die ebenfalls Teile der Wertschöpfung für sich beanspruchen.

Entsprechend verdutzt reibt sich die Augen, wer die jüngsten Halbjahreszahlen der Geldinstitute sieht: Die Neugelder sprudeln, die Erträge über alle Geschäftsbereich spriessen. Kurzum, das Bankgeschäft brummt. Alleine bei den beiden Finanzriesen UBS und CS legt der Reingewinn zweistellig zu.

Aber nicht nur die Global Player glänzen. Auch Inlandsbanken, die sich aufs klassische Zinsdifferenzgeschäft verstehen, sind in Champagnerlaune. Ob diverse Kantonalbanken, vom Waadtland bis nach St. Gallen, oder die Raiffeisen Gruppe: Sie alle verzeichnen Gewinnsprünge und heben zum Teil ihre Prognosen fürs Gesamtjahr an. Es scheint: La crise n’existe pas.

Die starke Regulierung erweist sich als ideale Eintrittshürde

Denn dem Wehklagen zum Trotz ist es den Bankchefs gelungen, den Spiess elegant umzudrehen. Die ausufernde Regulierung im Nachgang zur Finanzkrise erweist sich als ideale Eintrittshürde für branchenfremde Wettbewerber. Gleichzeitig haben sich die Banker perfekt auf die Tief- und Negativzins-Welt eingestellt. Manche bewirtschaften den zugeteilten Freibetrag dermassen geschickt, dass gar ein kleiner Gewinn resultiert.

Zwar hat noch kein Institut es gewagt, sein Passivgeschäft aufzubessern, indem die Negativzinsen – expressis verbis – den Kleinsparern weitergereicht werden. Aber implizit ist dies längst geschehen, indem die Banken ihr Kommissionsgeschäft ausgeweitet und ihre Gebühren erhöht haben. Davon kann der Bankenombudsmann ein Lied singen: Die Zahl seiner «Gebührenfälle» ist zweistellig gewachsen.

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Lieber Dodd als Donald

Banken Der neue US-Präsident Donald Trump vergreift sich. Dieses Mal an der unter Obama implementierten Bankengesetzgebung. Der Dodd-Frank-Act nahm im Nachgang zur Subprime-Krise die Banken an die kurze Leine, um eine erneute Kernschmelze des Finanzsystems zu verhindern. Nun dekretiert Trump, man möge die Verordnung „zerlegen“. Der neue US-Präsident will das Rad der Zeit zurückdrehen. Er beschwört die Geister eines deregulierten Finanzbooms herauf, dessen Kollateralschäden die Volkswirtschaften bis heute zu beseitigen haben.

Trumps Politik ist brandgefährlich. Zwar mag der Dodd-Frank-Act lücken- und fehlerhaft sein. Aber die Verordnung hatte globale Signalwirkung und zog Brandschutzmauern hoch, die Bestand haben müssen, will die Welt nicht einen zweiten Lehman-Kollaps. Doch Trump scheint willens, graue Geschäftsbanken zurück an den Spieltisch des Investment Banking zu bringen, damit sie auf eigene Rechnung zocken. Ebenso beabsichtigt der Präsident die Eigenmittelvorschriften zu kassieren, auf dass Banken ihre Kapitalrenditen hochschrauben können. Angesichts der Geschenke für die Wall Street ist es schlicht zynisch, wenn Trump behauptet, der Dodd-Frank-Act habe die Kredite für die kleinen Leute verteuert. Denn was für Donald teuer ist, ist für Dodd risikoadäquat. Dazwischen liegt die schwerste Finanzkrise seit der Grossen Depression

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Totgesagte leben länger

Steuern Liechtenstein lehnt den automatischen Informationsaustausch mit der Schweiz ab. Stattdessen holt das Fürstentum die Abgeltungssteuer aus der Mottenkiste.

Noch im Frühsommer war nicht die Frage ob, sondern wann die Schweiz mit Liechtenstein den automatischen Informationsaustausch (AIA) einführt. „Wir gehen davon aus, dass wir zu einem Abkommen gelangen, das dann 2019 den ersten Austausch ermöglicht“, sagte Finanzminister Ueli Maurer in einer Parlamentsdebatte und fügte an, es seien aber noch einige „Spezialitäten“ mit Liechtenstein zu regeln.

Aus diesen „Besonderheiten“ ist mittlerweile ein Sonderweg für das Ländle geworden. Statt dem automatischen Datenaustausch mit der Eidgenossenschaft holt das Fürstentum die Abgeltungssteuer aus der Mottenkiste. So würden Steuern fliessen, aber die Bankkunden blieben anonym. Ein Modell, mit dem die Schweiz noch vor ein paar Jahren vergeblich das Bankgeheimnis zu retten suchte.

„Wir möchten mit der Schweiz eine Lösung prüfen, die den steuerlichen Bedürfnissen der beiden Partnerstaaten einfacher und direkter Rechnung trägt“, sagt Katja Gey. Die Juristin leitet die Stabsstelle für internationale Finanzplatzagenden bei der Liechtensteiner Regierung. Sie geht davon aus, dass es in den nächsten Wochen „zu einer grundsätzlichen Entscheidung kommen wird“, wie die Schweiz und Liechtenstein die internationalen Standards umsetzen werden. Das federführende Staatssekretariat für internationale Finanzfragen in Bern macht dazu keine Angaben.

Die Meinung im Fürstentum ist indes längst gemacht. Man bekenne sich zwar klar zur Einhaltung internationaler Standards, so Gey. „Aber der AIA-Standard der OECD ist naturgemäss eine Regelung, welche das enge, binnenmarktähnliche Verhältnis zwischen der Schweiz und Liechtenstein nicht ausreichend berücksichtigen kann.“

Blaupause für Schweizer Lösung

Der AIA-Standard führe nämlich zu einem hohen Verwaltungsaufwand, moniert das Behördenmitglied: „Statt dass möglichst viele Daten fliessen, wollen wir uns auf jene Daten beschränken, die eine Besteuerung sicherstellen. Wenn der eine Staat für den anderen direkt die Steuern einbehält, ist es noch besser.“

Als Blaupause für eine mögliche Schweizer Lösung dient dem Fürstentum dabei ein Abkommen mit seinem Nachbarland im Osten. „Wir haben mit Österreich eine spezifische Regelung vereinbart, die die Steuerkonformität in besonderer Weise sicherstellt und den Austausch von AIA-Daten in Teilen ersetzt.“ So erheben die Liechtensteiner für die Alpenrepublik die geschuldete Steuer auf österreichische Vermögen im Ländle und überweisen diese nach Wien. „Eine ähnliche Regelung könnten wir uns auch mit der Schweiz vorstellen“, sagt Gey. Das Abgeltungssteuerabkommen mit Österreich umfasst dabei alle Vermögensstrukturen, die in Liechtenstein verwaltet werden. Konkret bedeutet dies: Das Abkommen würde nicht nur Bankkonten, sondern auch Stiftungsvermögen erfassen, das durch Liechtensteiner Treuhänder gemanagt wird.

Stiftungen sind jene Konstrukte, die seit der Finanzkrise massiv unter Druck stehen. Das internationale Bemühen um mehr Steuertransparenz führte zwischen 2011 und 2015 zu einer Halbierung der „nicht eingetragenen Stiftungen“ im Fürstentum – von 32 000 auf rund 16 000. Das nun vorgeschlagene Abgeltungssteuermodell stellt deshalb auch den Versuch dar, den Abfluss von Assets aus dem Ländle zu stoppen.

Unerwartete Wiederauferstehung

Allerdings stellt sich die Frage, ob ein solches Steuermodell international kompatibel sei. „Ich gehe nicht davon aus, dass die OECD ein Problem damit hat, wenn bilateral gleichwertige Regelungen vereinbart werden, die von beiden Staaten als adäquat angesehen werden“, sagt Gey.

Das Abgeltungssteuermodell schien bisher ein Auslaufmodell zu sein: Der früheren Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf gelang es 2012 zwar, Grossbritannien, Österreich und den deutschen Finanzminister von der Idee zu überzeugen, Geld ohne Kundendaten zu liefern – und so die Privatsphäre des Bankkunden zu gewährleisten. Doch das Abkommen scheiterte im deutschen Bundesrat. Das Schicksal der Abgeltungssteuer schien damit besiegelt zu sein.

Jetzt könnte das Modell eine unerwartete Wiederauferstehung erfahren – für bürgerliche Politiker ist das eine durchaus erfreuliche Nachricht: „Ich war stets ein grosser Promotor der Abgeltungssteuer. Daran hat sich bis heute nichts geändert“, sagt FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann, zugleich Direktor beim Schweizer Ableger der liechtensteinischen LGT Bank.

Auch für CVP-Ständerat Pirmin Bischof spricht nichts dagegen, wenn die Vermögen von Schweizer Kunden in Liechtenstein mit einer Abgeltungssteuer erfasst werden: „Es handelt sich bei der Abgeltungssteuer um ein höchst effizientes Instrument.“ Entscheidend sei allerdings die Aussenwirkung des Abkommens. Die Schweiz dürfe nicht riskieren, international erneut unter Druck zu geraten.

Kritik kommt von der SP: „Wir haben die Abgeltungssteuer als Ersatz für den AIA bereits bei Deutschland abgelehnt“, stellt Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer klar. Das Modell sei auch nicht im Sinne des Finanzplatzes: „Damit will das Fürstentum doch nur ver- hindern, dass Kunden in die Schweiz abwandern.“

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Ein Brief sorgt für Beef

Finanzplatz Es braucht schon den unangefochtenen Status einer Supermacht, um nicht in den Verdacht schierer Verblendung zu geraten. Da treibt die US-Justiz bei den Schweizer Banken praktisch ein Jahrzehnt lang den Schwarzgeld-Beelzebub aus. Kocht die fett und impotent gewordenen Geldhäuser mit Millionenbussen und Strafandrohungen weich. Verhört prominente Finanzmanager am Flughafen oder zieht sie vor Gericht. Und vaporisiert schliesslich das Ausland-Bankgeheimnis durch einen unilateralen wie unidirektionalen Datenstaubsauger namens FATCA, ohne sich im Geringsten um internationale Standards oder die nationalstaatliche Souveränität zu scheren. Und als der amerikanische Tax-Exorzismus beinahe vollzogen scheint und zahlreiche Schweizer Banken amerikanische Kunden meiden wie der Teufel das Weihwasser – da tritt US-Botschafterin Suzan G. LeVine an und beklagt, dass ihre Landsleute in der Schweiz Mühe hätten, Konti zu eröffnen oder eine Bankbeziehung aufrechtzuerhalten.

Mit keiner Zeile erwähnt Diplomatin LeVine in ihrem Schreiben die Steuervergangenheit, mit der sich die Risiko-Aversität der Geldhäuser nachvollziehen lässt. Vielmehr verschickt sie ihr Botschaftsmemo als Massenmailing an den halben Finanzplatz und erntet hierfür Unverständnis aus der Branche. Hätte LeVine die Bankbranche ernsthaft gegoogelt, wüsste sie: Sowohl in der Vermögensverwaltung wie im Zahlungsverkehr gibt es genügend Schweizer Institute, die sauberem „american money“ eine Heimstätte bieten.

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LeVines Leviten

Finanzplatz US-Botschafterin Suzan LeVine beschwert sich, dass Schweizer Banken amerikanische Kunden abservieren. Die Branche zeigt sich irritiert.

Tags zuvor war US-Botschafterin Suzan LeVine noch im lieblichen Mostindien auf Stippvisite unterwegs und liess sich vom versammelten Thurgauer Regierungsrat in Frauenfeld und auf Twitter feiern. Dann, am 28. September, greift die ehemalige Microsoft-Direktorin in die Tasten und nimmt das Swiss Banking in die Pflicht. Der Brief aus der Berner Botschaft ist ein Rundschreiben. Die offiziellen Zeilen gehen an zahlreiche Finanzinstitute, darunter Retailer wie die Migros Bank und mindestens ein Geldhaus, das noch auf einen millionenschweren Bussenentscheid aus Washington im Steuerstreit wartet.

LeVines Leviten haben es in sich: Es sei eine ihrer „vordringlichsten Prioritäten“, auf die Bedenken von in der Schweiz wohnhaften US-Bürgern zu reagieren, schreibt die Botschafterin einleitend und erklärt anschliessend: „Viele US-Bürger haben mir gegenüber ihre Sorgen ausgedrückt, dass ihnen der Zugang zu Bankdienstleistungen in der Schweiz fehle.“

Die Botschafterin führt im Brief, welcher der „Handelszeitung“ vorliegt ( siehe Ausriss), konkrete Beispiele an. So seien Amerikaner, die in der Schweiz lebten und seit Jahrzehnten einer Bank die Treue hielten, einfach vor die Tür gesetzt worden. Auch Schweizer Bürger hätten ihre Konten auflösen müssen, nur wegen ihrer Beziehung zu US-Amerikanern. Die Botschafterin würde deshalb gerne mit den angeschriebenen Banken ins Gespräch kommen, um den Zugang von US-Bürgern zu Schweizer Finanzdienstleistungen zu erleichtern. Der Brief schliesst damit, dass LeVine ein Treffen vorschlägt, um „das Regelwerk und die Prozesse der Bank“ im Umgang mit US-Kunden zu diskutieren.

In der Finanzbranche sorgt der US-Botschaftsbrief aus Bern für Kopfschütteln. Von einem „naiven Statement“ ist die Rede und von „Geschichtsvergessenheit“. „LeVine blendet den langjährigen und weiter andauernden Steuerstreit gänzlich aus“, enerviert sich der Chef einer Privatbank und fügt an, dass die US-Repräsentantin Äpfel mit Birnen vergleiche. Die Situation im Retailgeschäft sei nämlich eine völlig andere als in der Vermögensverwaltung. „Im Wealth Management besteht überhaupt kein Problem“, sagt der Bank-CEO dezidiert. Dort gebe es eine Reihe von Banken wie Pictet und Vontobel, welche durch die amerikanische Börsenaufsicht SEC reguliert seien und die sich deshalb explizit auf das komplexe Geschäft mit US-Bürgern verstünden. „Es gibt eine Auswahl, es gibt ein Angebot. Der Markt spielt“, lautet sein knappes Fazit.

Ab mehreren Milliarden profitabel

Aber auch jene Vermögensbanken, die nicht direkt von der US-Börsenaufsicht reguliert sind, bieten Assets von in der Schweiz domizilierten Amerikanern eine Heimstätte an. Entweder über externe Vermögensverwalter, die SEC-reguliert sind, oder indem sie nur eine kleine Zahl an Kunden mit begrenzter Vermögenssumme betreuen. Ein solches US-Geschäft auf Sparflamme ergibt allerdings in den meisten Fällen ökonomisch wenig Sinn, sodass viele Privatbanken sich über die letzten Jahre von ihren historisch bedingten US-Restanzen verabschiedet haben. Gerade jene Institute, die im Affluent-Bereich bis 1 Million Franken pro Kunde tätig sind, suchen das Weite.

Nicht aus bösem Willen, wie ein Banker betont, sondern weil der „Kosten-Nutzen-Ertrag in keinem Verhältnis“ stehe. Denn Skaleneffekte sind im Wealth Management matchentscheidend. Was in Bezug auf eine SEC-Regulierung bedeutet, dass sie erst ab mehreren Milliarden an US-Vermögen kostendeckend ist. Ansonsten rechnen sich die Investitionen in die länderspezifische Compliance und IT-Massnahmen nicht.

Schlicht zu teuer

Beim Branchenverband, der Schweizerischen Bankierveinigung SBVg, kennt man die Problematik bestens: US-Personen unterlägen einer aufwendigen und komplizierten Gesetzgebung. „Es ist daher für einige Banken schlicht zu risikoreich und zu teuer, US-Kunden zu bedienen“, sagt Sprecherin Sindy Schmiegel. Jede Bank müsse diesen Geschäftsentscheid für sich selbst fällen. „Wir haben in der Schweiz Wirtschaftsfreiheit.“ Gleichzeitig betont Schmiegel aber, dass der Exit aus dem Geschäft mit Amerikanern kein „flächendeckendes Phänomen“ sei: „Auch US-Kunden finden eine Schweizer Bank.“

Dies gilt nicht nur fürs eigene Anlageportfolio, sondern auch für Zahlungs-, Lohn- oder Mietzinsdepot-Konti. Man habe LeVines Brief auch erhalten, heisst es beispielsweise bei der Migros Bank lapidar. Das Retail-Institut betont: „USBürger können bei uns Konten eröffnen.“ Diesbezüglich herrsche also „kein Handlungsbedarf“ seitens der Bank.

Auch bei der Postfinance verursacht der besorgte Aufruf des offiziellen Amerikas nur Schulterzucken: Ihr gesetzlich festgelegter Grundversorgungsauftrag besage, dass alle in der Schweiz wohnhaften Personen unabhängig von ihrer Nationalität bei Postfinance ein Konto eröffnen können – „auch US-Bürger“, sagt Sprecher Johannes Möri.

20 000 US-Bürger in der Schweiz

Auf Anfrage präzisiert die US-Botschafterin Suzi LeVine ihren Brief in einem schriftlichen Statement: Es gebe natürlich Banken wie UBS, Credit Suisse oder Cornèr Bank, die nach einem Unterbruch wieder US-Bürger bedienten, und solche Institute wie Vontobel, die stets Amerikaner unterstützten.

Man habe einfach mal andere Banken anfragen wollen, ob sie bereit wären, ihr Business auszuweiten. Schliesslich lebten in der Schweiz rund 20 000 Amerikaner, die „arbeiten, einkaufen und ihre Steuern zahlen“. Deshalb habe sie einen Brief an viele andere Schweizer Institute geschickt, um die Herausforderungen zu schildern, die Amerikaner hätten, wenn sie in der Schweiz „ein Bankkonto eröffnen oder behalten möchten“. Sie habe den Bankchefs deshalb angeboten, sich mit ihr zu treffen, um Lösungen zu finden. „Viele haben das Angebot angenommen“, sagt LeVine. Sie freue sich nun darauf, die Banker bald zu treffen.

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Perestroika im Portfolio

Banking Drittanbieter dürfen in der EU bald auf Konten zugreifen und Zahlungen auslösen. Die Banken könnten die Schnittstelle zum Kunden verlieren – auch in der Schweiz.

Brüssel hat im Banking Grosses vor. Es geht um nichts weniger als die Entbündelung des Bankgeschäfts zum Endkunden. Dazu wird die Wertschöpfungkette der Finanzinstitute filetiert. Das passiert, indem eine neue EU-Richtlinie namens „Payment Service Directive 2“ (PSD2) den Banken vorschreibt, gewisse digitale Schnittstellen für Drittanbieter kostenlos zu öffnen.

Sind diese sogenannten API offen, lassen sich ganz neue Geschäftsmodelle denken. Zum Beispiel: Alle Bankbeziehungen auf einen Blick oder echte Performance-Vergleiche über alle Vermögensbanken hinweg. Die kombinatorische Blaupause bilden Tech-Plattformen wie Amazon, der Taxidienst Uber oder die Buchungsoberfläche Airbnb, deren Services nur dank dem offenem API-Zugriff auf Drittunternehmen wie Google überhaupt erst möglich wurden.

PSD2 erzwingt diese offene Architektur nun auch im Banking. Die Direktive gilt ab 2018 im gesamten EU-Raum und könnte das Bankgeschäft in den nächsten Jahren fundamental umwälzen. Auch Schweizer Banken werden sich der Gravitation von PSD2 nicht entziehen können – trotz fehlender Rechtskraft.

Konkret soll PSD2 Drittanbietern kostenlos den Zugriff auf Kontoinformationen sowie die Auslösung von Zahlungen gewähren. Vorausgesetzt natürlich, der Bankkunde gibt zum Zugriff sein Einverständnis. Brüssel erhofft sich durch den regulatorischen Nadelstich mehr Wettbewerb und Innovation. „Mit der Öffnung der API könnte ein veritabler Innovations-Tsunami ausgelöst werden“, prophezeit ein Vertreter des Infrastrukturbetreibers SIX. Entscheidend sei jetzt, wie die technische Schnittstelle ausgestaltet werde. „Je offener die Ausgestaltung, desto rascher die Ausbreitung.“

Ein Wolf im Schafspelz

Für Teile der Finanzindustrie kommt die europäische Direktive einem unerlaubten Griff in den Tresor gleich. „Klassische Banken haben grosse Mühe beim Gedanken, gegenüber einem Fintech ihre sensitiven Schnittstellen öffnen zu müssen“, sagt Daniel Diemers, Digitalexperte und Partner bei PwC Strategy&. Migros-Bank-Sprecher Urs Aeberli spricht von „Herausforderungen auf verschiedenen Ebenen“: Zum einen könnten bestehende Zahlungsdienstleistungen vermehrt durch neue Angebote ersetzt werden, was die Kreditkartenerträge schmälert. Zum anderen sei noch nicht absehbar, inwieweit die neuen Zahlungsdienstleister „mittel- und längerfristig ihre Geschäftsfelder über den angestammten Bereich erweitern werden“.

Denn die Brüsseler Direktive mag zwar vorderhand auf den Zahlungsverkehr fokussieren. Aber PSD2 ist ein Wolf im Schafspelz. Indem sich Drittanbieter zwischen Bank und Kunde schieben, droht das einzelne Finanzinstitut zum reinen Kontoverwalter degradiert zu werden, und zwar auch im Anlageund Vermögensgeschäft.

So ergab eine Umfrage von PwC bei 30 Euro-Banken, dass zwei Drittel sich davor fürchten, mit PSD2 die Kundenschnittstelle zu verlieren. Denn bereits heute existieren Personal-Finance-Firmen wie eWise oder die Zürcher Qontis, die Bankbeziehungen aggregieren, um über eine singuläre Oberfläche einen holistischen Blick auf die persönlichen Finanzen des Kunden zu gewähren. Diesen Fintechs fehlte bislang bloss der rechtliche Durchgriff auf die Kundendaten. Mit PSD2 wird nun diese Basis geschaffen, wodurch neue Angebote wie transparente Anlage-Performance-Vergleiche oder einfache Anbieter-Wechsel möglich werden. PwC-Stratege Diemers ist überzeugt, dass hier der eigentliche Hebel von PSD2 liegt: „Die Disruption wird in komplexen Bankgeschäften ansetzen, wo die Schnittstellen bislang geschlossen waren und der Markt fragmentiert beziehungsweise abgeschottet war.“

Dass Banken dieser Kannibalisierung nicht tatenlos gegenüberstehen, zeigt das Beispiel von BBVA. Die spanische Grossbank hat ihre einfachen Kontound Zahlungsschnittstellen bereits für Dritte geöffnet. Die Idee dahinter ist, einen Marktplatz zu schaffen, auf dem die Bank künftig mit kostenpflichtigen Premium-Schnittstellen für Drittanbieter Geld verdienen will. BBVA vollzieht damit den Schritt vom sequenziellen Vollanbieter zu einer Banking-Plattform, an der auf beliebige Weise angedockt werden kann.

Von solch progressiven Ansätzen ist das Swiss Banking noch weit entfernt. Nicht zuletzt, weil sich keine Schweizer Bank im rauen, europäischen Retailgeschäft behaupten muss. Vielmehr kaprizieren sich die Platzhirsche auf den juristischen Heimatschutz. Man verfolge die Entwicklungen „nicht zuletzt auch im Interesse der Kunden“, lässt die Schweizerische Bankiervereinigung stellvertretend für die Branche ausrichten und betont zugleich: „Bei der PSD2 handelt es sich um eine europäische Direktive, die keine direkte Anwendung in der Schweiz entfaltet.“

Doch selbst dieser rechtliche Sonderstatus ist in der hiesigen Bankbranche umstritten: Die Schweiz sei zwar kein EU-Mitglied, sagt Migros-Bank-Sprecher Urs Aeberli: „Aber für eine fortgesetzte Teilnahme am Euro-Zahlungsverkehrsraum SEPA müssen wohl der Gesetzgeber beziehungsweise die Schweizer Finanzinstitute aufzeigen, dass im schweizerischen Recht gleichwertige Bestimmungen oder eine gleichwertige Praxis vorhanden sind.“

Innovationsdruck auf die Schweiz

Ob dieser Äquivalenz-Beweis gegenüber der EU tatsächlich erbracht werden muss, ist unter Fachjuristen höchst umstritten, aber letztlich wohl zweitrangig. Denn die Macht des Faktischen wird an den Landesgrenzen nicht haltmachen. „Die Einführung von PSD2 wird auch auf die Schweiz einen Innovationsdruck ausüben“, meint ein Vertreter des Infrastrukturbetreibers SIX lapidar.

Schwerer wiegt aus Perspektive des Finanzplatzes, dass die von PSD2 erfassten Drittparteien in der Schweiz nicht explizit reguliert sind. „Auch auf Druck der Banken“, weiss ein Fachjurist. Entsprechend unterschiedlich ist die Handhabe der Banken gegenüber den Third-Party-Providern wie dem Zahlungsauslösedienst Sofort. Die Finanzinstitute müssten sich zusammenraufen und endlich eine gemeinsame Regelung finden, „ohne dass sich der Gesetzgeber einschalten muss“, sagt der Anwalt. Die Finanzmarktaufsicht Finma spielt den Ball derweil den Parlamentariern zu: „Ob eine analoge Regelung in der Schweiz geschaffen werden wird, ist ein politischer Entscheid.“

Das Nachsehen am unregulierten Zustand haben indes jene Schweizer Fintechs, die in Europa nach PSD2 Zahlungs- und Kontodienste anbieten wollen. Ihnen bleibt nur der Auszug aus der Heimat in die EU.