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Pierin Vincenz & Co – Dreistes Doppelspiel

Fall Vincenz Die Anklage gegen Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und den Aduno-Manager Beat Stocker steht. Der Vorwurf: Die beiden kassierten verdeckt an Firmendeals mit.

Es ist das mutmassliche Gesellenstück von Pierin Vincenz und Beat Stocker. Die Firma heisst i-Finance Management (iFM). Sie erwirbt im Sommer 2005 für eineinhalb Millionen Franken die Mehrheit der Aktien an Commtrain, einer Jungfirma für drahtlose Kreditkarten-Terminals. Hinter den iFM-Geldern stehen je zur Hälfte der damalige Aduno-Präsident Pierin Vincenz und Beat Stocker, der kurz darauf operativer Chef des Zahlungskonzerns wird. Die zwei sollen in den Aduno-Gremien aktiv auf den Kauf der Commtrain hingewirkt haben. Etwa ein Jahr später übernimmt Aduno die defizitäre Firma für 7 Millionen Franken. Mit der Übernahme realisiert Mehrheitsaktionärin iFM einen Reingewinn von 2,6 Millionen Franken. Dass hinter iFM die beiden Aduno-Organe Vincenz und Stocker stehen, weiss beim Zahlungsdienstleister niemand.

15 Jahre später beschäftigt jene Commtrain-Beteiligung die Strafjustiz. Vor kurzem hat die Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich Anklage gegen «ehemalige Verantwortliche der früheren Aduno Holding und der Raiffeisen Schweiz Genossenschaft» erhoben. Pierin Vincenz und Beat Stocker werden gewerbsmässiger Betrug, Veruntreuung, Urkundenfälschung sowie passive Bestechung zum Nachteil des Zahlungsdienstleisters Aduno und der Raiffeisen Bank vorgeworfen. Für alle Verfahrensbeteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Der Prozess vor Zürcher Bezirksgericht steht im nächsten Jahr an.

«Gatekeeping» auf eigene Rechnung

Konkret fordert die Staatsanwaltschaft für die beiden Hauptbeschuldigten eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Zudem sollen bei Vincenz knapp 9 Millionen Franken und bei Stocker 16 Millionen Franken an unrechtmässig erzielten Vermögenswerten eingezogen werden. Die Summen machen klar: Bei der einen privaten Vorab-Beteiligung an Commtrain blieb es nicht. Vielmehr ist die Leithypothese der Staatsanwaltschaft jene eines notorischen Doppelspiels: Vincenz und Stocker sollen bei mehreren Beteiligungsnahmen der Aduno beziehungsweise der Raiffeisen jeweils verdeckt auf beiden Seiten des Verhandlungstisches gesessen sein. Dabei sollen sie ihre Organstellung in den Finanzfirmen zum «Gatekeeping» auf eigene Rechnung missbraucht haben. Verhandlungspartner gewährten ihnen jeweils eine Schattenbeteiligung mit der impliziten Erwartung, dass die beiden Finanzmanager kraft ihres Amtes für entsprechend vorteilhafte Abschlüsse sorgen würden. Stets zulasten der Aduno beziehungsweise der Raiffeisen.

Und das sind die vier Fälle, auf denen die Hauptanklagepunkte der Zürcher Staatsanwaltschaft gründen:

Commtrain

Erklärungsbedürftig wird die persönliche Commtrain-Beteiligung für Pierin Vincenz ein erstes Mal im Herbst 2009. Damals informiert der Raiffeisen-Chef seinen Verwaltungsratspräsidenten Franz Marty darüber, dass er privat über iFM an Commtrain beteiligt gewesen sei, als die Aduno die Kartenterminal-Firma kaufte. Ein von Vincenz in Auftrag gegebenes Gutachten des renommierten Rechtsprofessors Peter Forstmoser stellt ihm jedoch einen Persilschein aus: Vincenz habe keinen Einfluss auf den Kaufentscheid zugunsten von Commtrain genommen, lautet Forstmosers Fazit. Raiffeisen-Präsident Marty lässt es bei dieser zweifelhaften Einschätzung bewenden. Er informiert auch nicht die Gremien der Aduno, an der die Genossenschaftsbank bedeutend beteiligt ist. Aus heutiger Sicht unverständlich: Denn Vincenz und Stocker haben aktiv in den Aduno-Gremien auf den Commtrain-Abschluss hingewirkt.

Vincenz als Aduno-Präsident

Beispielsweise holt sich Aduno-Chef Stocker mithilfe von Präsident Vincenz in einem Verwaltungsratsausschuss das Plazet, um ein Transaktionsteam auf Commtrain anzusetzen. Dieses Transaktionteam soll die Firma im Hinblick auf eine Übernahme vertieft prüfen. Mitglied ist unter anderem der externe Rechtsanwalt Beat Barthold, der für die rechtliche Prüfung zuständig ist. Was niemand weiss: Barthold hat zu dieser Zeit zwei Hüte auf. Zum einen arbeitet er für die Aduno an der juristischen Due Dilligence, zum anderen ist er Verwaltungsrat der i-Finance Management. Also just jener Gesellschaft, mit der die beiden Aduno-Organe Vincenz und Stocker privat am potenziellen Übernahmeziel Commtrain bereits beteiligt sind. In einem Prüfbericht zuhanden der Aduno hält Barthold dann auch bloss fest, dass Commtrain kein Aktienbuch vorgelegt habe. Das Geheimnis um die Mehrheitsaktionärin iFM bleibt gewahrt. Der Rechtsanwalt wird sich wegen seiner umstrittenen Rolle nicht vor Gericht zu verantworten haben. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat gegen ihn einen Strafbefehl erlassen.

Genève Credit & Leasing

Die Situation ist angespannt im Herbst 2010. Die Hauptaktionärin von Genève Credit & Leasing (CGL), eine französische Bank, will die Kreditfirma entschädigungslos über Zeit liquidieren. Der Genfer Immobilienunternehmer Stéphane Barbier-Mueller, der eine Minderheit an GCL hält, droht sein Investment von mehreren Millionen Franken zu verlieren. Die Minderheitsaktionäre brauchen deshalb rasch eine Lösung: Es gilt Investoren zu finden und das Kreditportfolio von 160 Millionen Franken bei einer neuen Bank refinanzieren zu lassen. Doch die Ausgangslage ist schwierig. Die bisherigen GCL-Kreditverträge sind nicht rechtskonform. Zudem fehlt Eigenkapital, um die Darlehen angemessen zu decken. Zwar will die Aduno-Tochter Cashgate in der Romandie strategisch expandieren. Nach einer vertieften Prüfung ist eine Übernahme von GCL Anfang 2011 aufgrund der genannten Probleme vom Tisch. Einige Monate später jedoch sollen Barbier-Mueller, Aduno-VR Stocker und Präsident Vincenz unter sich einen «Plan B» ausgemacht haben. Er sieht vor, dass die Raiffeisen zwischenzeitlich die Refinanzierung des Kreditportfolios übernimmt. Derweil man die Übernahmegespräche mit der Aduno wieder aufnimmt, während Barbier-Mueller bis zum finalen Abschluss die Aktienmehrheit an GCL übernimmt.

Vincenz als stiller Aktionär

Zunächst setzt sich Vincenz im Herbst 2011 als Raiffeisen-Chef dafür ein, dass die Genossenschaftsbank den Kredit zugunsten von GCL bewilligt. Und zwar trotz Bedenken der bankeigenen Risikomanager. Zeitgleich übernimmt Barbier-Mueller von der französischen Bank die Mehrheit an GCL. Auf Jahresende schliesslich gibt die Aduno grünes Licht für die geplante Übernahme der Kreditfirma. Dabei sollen Vincenz und Stocker in den Verhandlungen aktiv auf die Höhe der «Processing Fee» eingewirkt haben, und zwar zugunsten von Verkäufer Barbier-Mueller. Die Fee wird nämlich für die Folgejahre bis zur Abwicklung die Gewinne von GCL bestimmen. Die mutmassliche Intervention erfolgt wohl eigennützig. Denn der «Plan B» sieht eine Schattenbeteiligung an GCL vor. Nachdem die komplexe Transaktion schliesslich geglückt ist, erhält Stocker – und indirekt Vincenz – im Sommer 2012 einen Anteil von knapp einem Drittel an GCL zugesprochen, und zwar als stiller Aktionär. Knapp zwei Jahre später, als dass Kreditportfolio der Genfer Firma abgewickelt und der Raiffeisen-Kredit zurückbezahlt ist, folgt die finale Ausschüttung. Kumuliert gut 9 Millionen Franken fliessen verdeckt an Stocker und Vincenz.

Investnet

Raiffeisen steigt vor zehn Jahren ins Beteiligungsgeschäft mit KMU-Nachfolgeregelungen ein. Dazu gründet die Bank KMU Capital. Die Tochter soll sich mit Eigenkapital an KMU beteiligen, die Unternehmen weiterentwickeln und gewinnbringend veräussern. Doch die Umsetzung harzt. Der Bank fehlt das Know-how. Umgekehrt verhält es sich mit Investnet. Ihre Mitgründer Peter Wüst und Andreas Etter haben das KMU-Netzwerk und Finanzierungskompetenz, aber es mangelt ihnen an Kapital. Sie suchen deshalb den Kontakt zu Banken. Da Wüst und Vincenz sich seit längerem kennen, bahnt sich im Verlaufe des Jahres 2011 in verschiedenen Gesprächen eine noch nicht definierte Zusammenarbeit zwischen Investnet und KMU Capital an. Fest steht nur: Die Banktochter soll einige Jahre vom Know-how von Investnet profitieren und deren Gründern danach einen Exit ermöglichen.

Auf Kosten von Raiffeisen beraten

Doch auch im Fall Investnet sollen Vincenz und Stocker nicht in erster Linie die Interessen der Bank verfolgen, sondern vor allem ihre eigenen. So soll Stocker auf eine stille Partnerschaft bei Investnet drängen, von der indirekt auch der Raiffeisen-Chef profitieren würde. Entsprechend treibt dieser das Geschäft voran, wobei nun eine Kreuzbeteiligung zwischen KMU Capital und Investnet geplant ist. Dabei postuliert Vincenz das Aktientauschverhältnis und spricht sich für eine Put-Option aus. Jene Put-Option sieht vor, dass Etter und Wüst ihre Anteile gemäss einer vordefinierten Bewertungsformel nach einer Haltedauer der Raiffeisen andienen können. Ein externes Gutachten kommt jedoch zum Schluss, die Verträge seien zulasten der Raiffeisen unausgewogen und riskant. Doch Vincenz drückt auf den Deal: Falls die Bewertung nicht funktioniere, könne man mit den Minderheitsaktionären ja wieder «zusammenhocken». Jedenfalls winkt der Raiffeisen-VR im Frühjahr 2012 die Investnet-Beteiligung durch, wobei die Put-Option in der Präsentation gar nicht erwähnt wird. Praktisch zeitgleich lassen sich Stocker und Vincenz – auf Kosten der Raiffeisen – von einer Anwaltskanzlei beraten, und zwar im Hinblick auf ihre eigene verdeckte Beteiligung am Private-Equity-Vehikel. Schliesslich unterzeichnet Stocker einen geheimen Treuhandvertrag mit Wüst und Etter. Fortan hält er 13,3 Prozent an KMU Capital / Investnet. Bereits eineinhalb Jahre später generiert die Formel aus Sicht der Raiffeisen-Fachleute eine unsinnig hohe Bewertung. Die Bank drängt zu Neuverhandlungen. Schliesslich einigt man sich mit Wüst und Etter, die «Phase 1» zu beenden. Der Exit ist lukrativ. Die Investnet-Gründer sollen für ihre Minderheitsanteile, über Zeit gestaffelt, bis zu 100 Millionen Franken erhalten. Die erste Tranche von 20 Millionen Franken überweist die Raiffeisen 2015. Ein Drittel davon fliesst eilends weiter an Stocker beziehungsweise Vincenz. Insgesamt sollen es über 12 Millionen Franken gewesen sein.

Eurokaution

Der Zahlungsdienstleister Aduno will ab 2012 strategisch ins Geschäft mit Mietkautionen expandieren und schaut sich zu diesem Zweck geeignete Firmen an. Darunter auch Eurokaution. Sie gehört mehrheitlich einer Luxemburger Holding, an der Unternehmer Ferdinand Locher beteiligt ist. Im Herbst desselben Jahres treffen sich Locher sowie die beiden Aduno-Organe Vincenz und Stocker in einem Zürcher Restaurant, um erstmals einen möglichen Deal zwischen Aduno und Eurokaution anzudiskutieren. Zahlreiche weitere Treffen folgen. Davon wissen die Aduno-Gremien allerdings lange nichts. Erst über ein Jahr später, also Ende 2013, kommen Aduno und Eurokaution offiziell ins Gespräch. Die klandestinen Zusammenkünfte zuvor haben ihre Bewandtnis. Sie konkretisieren nämlich eine private Vorab-Beteiligung von Stocker und Vincenz an Eurokaution. Schliesslich tritt Lochers Luxemburger Holding im Frühjahr 2013 einen Viertel der Eurokaution-Aktien an die Firma von Stocker und Vincenz ab. Es ist jene iFM aus dem Commtrain-Deal, die mittlerweile unter dem Namen ReImagine! firmiert. Die private Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Zug trägt später auch eine Kapitalerhöhung von Eurokaution mit.

Vincenz und Stocker – Zwei unbekannte Aktionäre

Doch nicht nur das. Die Beratungsfirma Fides, an der ebenfalls Stocker beteiligt ist, wird von Eurokaution mandatiert. Es sind schliesslich Fides-Leute, die dem Aduno-Management das Geschäftsmodell von Eurokaution Ende 2013 vorstellen. In den Folgemonaten treibt Aduno-Verwaltungsrat Stocker aktiv den Verkauf der Mietkautionsfirma an den Zahlungsdienstleister weiter voran, obwohl er gegenüber einer involvierten Partei die Firma als «piece of shit» bezeichnet haben soll. Noch einmal wackelt der verdeckte Deal, als Dokumente bei der Due Dilligence zuhanden der Aduno darauf hinweisen, dass Eurokaution zwei neue, unbekannte Aktionäre hat. Eine Folge der Kapitalerhöhung. Doch Eurokaution pariert die Nachfrage mit Falschangaben. Im Herbst 2014 schliesslich stimmt der Aduno-VR mit Vincenz und Stocker der Eurokaution-Übernahme zu. Für die beiden verdeckten Miteigner resultiert ein hypothetischer Gewinn von gut einer halben Million Franken. Doch Locher zahlt den ReImage!-Anteil an Eurokaution nie aus. Die letzte Zahlungsaufforderung schickt Stocker an Locher Anfang 2018. Wenige Wochen, bevor er und Vincenz in U-Haft gesetzt werden.

Spesen – Reisen, Rotlicht, Rechtsanwälte

Spesen Die Staatsanwaltschaft hat im Rahmen ihrer knapp dreijährigen Ermittlungen nicht nur Unternehmenstransaktionen auf ihre Rechtmässigkeit hin durchleuchtet, sondern auch den Umgang mit Spesen untersucht. Sowohl Raiffeisen-Chef Vincenz wie auch Aduno-Organ Stocker sollen dabei die Kassen ihrer Finanzkonzerne mit privaten Auslagen unrechtmässig belastet haben. Vor allem Vincenz hat eine Vielzahl privater Reisen, Rotlicht-Besuche und Rechtsanwaltskosten über die Firmenkreditkarte beziehungsweise die eigene Kostenstelle abgerechnet. Dabei soll er bewusst auch falsche Angaben gemacht haben. Beispielsweise als Vincenz über die Feiertage 2011 für 15 000 Franken nach Australien flog und behauptete, er habe dabei australische Bankenvertreter getroffen. Insgesamt geht es bei Vincenz um rund eine halbe Millionen Franken. Darunter fällt auch eine Golf-Reise Anfang 2015 nach Dubai. Sie hat aus Sicht der Staatsanwaltschaft rein privaten Charakter. An der Dubai-Reise nahm auch ein Berater teil. Dieser arbeitete damals im Mandat für Raiffeisen und stellte die Reise der Bank als Auslage separat in Rechnung.

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Fall Vincenz & Co – Fatale Geheimjustiz

Fall Vincenz & Co Es ist Dezember 2017, als die Zürcher Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität ihre Ermittlungen aufnimmt gegen Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und Beat Stocker, den ehemaligen CEO des Zahlungsdienstleisters Aduno. In den ersten Undercover-Wochen bis zu deren Verhaftung überwachen die Ermittler um Verfahrensleiter Marc Jean-Richard-dit-Bressel auch die Telefone von Vincenz und Stocker. Und so bekommen sie erstmals hautnah mit, wie hemdsärmelig Business mit dem Bündner Banker ablief. Da werden hohe Summen handschriftlich auf «Fresszetteln» verteilt, da werden hochsensible Interna per Whatsapp-Fotos weitergereicht, da werden Millionendeals bei vergnüglichen Mittagsessen ausbaldowert. Kurzum, ein Graus für jeden Corporate-Governance-Ethiker. Doch was von all dem ist strafbar und hält dann auch wirklich vor Gericht stand?

Für alle Verfahrensbeteiligten gilt bis auf weiteres ein Maulkorb

Nun, nach fast drei Jahren, davon 106 Tage Untersuchungshaft für Vincenz und Stocker, legen die Strafverfolger dazu ihre Anklageschrift vor. Der summarische Vorwurf: Gewerbsmässiger Betrug, Veruntreuung, Urkundenfälschung sowie passive Bestechung zum Nachteil der Aduno und der Raiffeisen. Konkreter wird die dürre Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft zum Fall nicht. Selbst auf Angaben zum Strafmass verzichtet man. Die über 300-seitige Anklageschrift bleibt sowieso unter Verschluss. Und überhaupt gilt weiterhin für alle Verfahrensbeteiligten ein Maulkorb.

Was die Angeklagten beziehungsweise deren Gefolgschaft aus Anwälten und Spindoktoren jedoch nicht daran hindert, über alle möglichen Kanäle den «Gerichtssaal der Öffentlichkeit» mit Indiskretionen und Wahrheitsfetzen gezielt zu füttern. Wohl wissend, dass ein Verfahren wie die Strafsache Vincenz niemals nur vor Gericht ausgefochten wird, sondern stets auch eine «res publica» ist. Schliesslich zeigen empirische Studien mittlerweile klar auf, dass Richter sich in ihrem Urteil sehr wohl von der öffentlichen Meinung leiten lassen.

Fall Vincenz – Gefahr, dass Medien zum Spielball von Partikularinteressen werden

Angesichts dieser Gemengelage ist es unverständlich, weshalb der verfahrensleitende Staatsanwalt Jean-Richard-dit-Bressel weiterhin auf strikte Geheimhaltung pocht. Gerade in seiner neuen Rolle als Ankläger müsste er doch ein Interesse daran haben, dass die zur Last gelegten Sachverhalte auch öffentlich faktisch möglichst präzise dargestellt werden. Je restriktiver der Justizapparat kommuniziert, desto grösser die Gefahr, dass die Medien zum Spielball von Partikularinteressen werden.

Schliesslich erhitzt der Fall des gefallenen Volksbankers weit über die Finanzkreise hinaus die Gemüter. Es flossen Millionen an Steuergeldern in dessen straf- und aufsichtsrechtliche Aufarbeitung. Und wie im «Fall Swissair» besteht ein öffentliches Interesse an dessen Aufklärung beziehungsweise rechtlicher Ahndung. Insofern stehen die Staatsorgane in der Pflicht, Rechenschaft über die eigene Arbeit abzulegen. Eine Geheimjustiz wäre fatal.

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Neue Strafuntersuchung im Fall Vincenz

Raiffeisen Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnet im Fall Vincenz eine Strafuntersuchung gegen unbekannt wegen Bankgeheimnisverletzung.

Der Fall um den Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ist um ein Kapitel reicher. Die Zürcher Staatsanwaltschaft III eröffnet eine Strafuntersuchung gegen unbekannt wegen Bankgeheimnisverletzung. «Wir können die Eröffnung einer solchen Strafuntersuchung bestätigen», sagt Sprecher Erich Wenzinger nach Recherchen der «Handelszeitung».

Hintergrund der neuen Strafuntersuchung ist die Publikation von privaten Banktransaktionen im Jahr 2016. Damals veröffentlichte der Finanzblog «Inside Paradeplatz» detaillierte Informationen zu Transaktionen des Ex-Aduno-Chefs Beat Stocker von seinen Konti bei der Bank Julius Bär. Unter anderem flossen dabei Millionenbeträge an seinen Freund und Geschäftspartner Pierin Vincenz. Gegen beide, Vincenz und Stocker, läuft seit bald zwei Jahren eine Strafuntersuchung wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Ex-Kadermann der Bank Julius Bär

Aufgeschreckt durch die wiederholten Indiskretionen und Finanzdetails gab die Bank Julius Bär im Herbst 2016  eine interne Untersuchung in Auftrag: Sie sollte herausfinden, wer im Finanzkonzern die mutmassliche  Bankgeheimnisverletzung begangen habe. Gemäss mehreren Quellen förderte die Untersuchung, die eine externe Anwaltskanzlei durchführte, damals drei Tatverdächtige zutage. Besonders brisant: Einer davon soll ein ehemaliger Kadermann der börsenkotierten Bank sein, sagen zwei Insider übereinstimmend. 

Strafbarkeit des Geheimnisverrats im Fall Vincenz

Die Verletzung des Bankgeheimnisses ist ein Offizialdelikt. Es droht eine Geld- oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Dies gilt für den, der ein Geheimnis offenbart, das ihm in seiner Eigenschaft als Organ, Angestellter, Beauftragter oder Liquidator einer Bank anvertraut worden ist. Gleichermassen macht sich aber auch strafbar, wer dieses Geheimnis weiteren Personen offenbart.

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Verrat an Vincenz & Co bleibt ohne Folgen

Fall Vincenz Mehrere Artikel machten vor drei Jahren private Banktransfers von Vincenz und Co. publik: ein Offizialdelikt. Doch die Staatsanwaltschaft bleibt untätig.

Die Affäre um den Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz tritt im Frühjahr 2016 der Finanzblog «Inside Paradeplatz» um den prämierten Zürcher Wirtschaftsjournalisten Lukas Hässig los: «Pierin Vincenz im Strudel wegen brisanter Zahlungen», lautet der erste einer Reihe von Artikeln, die sich um private Finanztransaktionen des Bündner Bankers und seiner Geschäftspartner drehen.

Der gleichlautende Vorwurf: Vincenz und Co. hätten in verschiedenen Übernahmedeals von Raiffeisen und Finanzdienstleister Aduno vorab verdeckt investiert und hernach beim offiziellen Kauf abkassiert. Seit bald zwei Jahren läuft dazu eine umfangreiche Strafuntersuchung der Zürcher Staatsanwaltschaft III für Wirtschaftsdelikte.

Um die happigen Vorwürfe zu untermauern, zitiert «Inside Paradeplatz» vor drei Jahren äusserst umfang- und kenntnisreich aus privaten Banktransaktionen zwischen den Beteiligten. Dreh- und Angelpunkt der kolportierten Indiskretionen ist dabei auffälligerweise stets die Kontenbeziehung von Beat Stocker bei der Zürcher Privatbank Julius Bär. Stocker war CEO von Aduno, die Vincenz lange Jahre präsidierte, und er gilt als enger Vertrauter des bekannten Bankmanagers.

Bereits im ersten Artikel vom Frühjahr 2016 ist von einer «Überweisung vom 3. Juli 2015 von Beat Stocker an Pierin Vincenz auf dessen privates Konto bei der Raiffeisen Lugano» die Rede. In Folgeartikeln doppelt der Finanzblog nach und summiert beispielsweise auf, wie viel Vincenz «in den letzten zehn Jahren auf Konti von Stocker bei der Zürcher Privatbank Julius Bär» zahlte. Der Zeitpunkt und die Beträge der Zahlungen würden den Verdacht wecken, dass Vincenz damit «Teil eines Konstrukts» sei, das zulasten der Genossenschafter der Raiffeisenbanken agiere.

Intime Transaktionsdetails

Was darauf folgt, sind weitere intime Transaktionsdetails: Mitte 2005 zahlt ein St. Galler Anwalt auf Stockers Bär-Konto 378 000 Franken ein. Knapp drei Monate später fliessen 375 000 Franken von jenem Konto an die Kartenfirma Commtrain. Im April 2007 werden 3,6 Millionen Franken von einem Raiffeisen-Konto in St. Gallen eingebucht. Am 27. April 2007 gehen 1,7 Millionen Franken von Stockers Bär-Konto an einen Ostschweizer Anwalt. Im Februar 2014 macht Pierin Vincenz zwei Einzahlungen über insgesamt eine halbe Million Franken auf das Konto des Ex-Aduno-Chefs. Und im Herbst 2014 schliesslich überweist ebendieser Beat Stocker 1 Million Franken an eine Luxemburger Firma namens Great Star. Kurzum: Auf «Inside Paradeplatz» ist ab Sommer 2016 Stockers Kontoaktivität – und damit indirekt auch Vincenz’ Finanzgebaren – für jedermann öffentlich einsehbar.

Bei der Bank Julius Bär schrillen die Alarmglocken ob der wiederholten Indiskretionen. Schliesslich kann solche Finanzflüsse nur kennen, wer Zugriff auf die Kontoauszüge von Bär-Kunde Beat Stocker hatte. Dabei ist die mutmassliche Bankgeheimnisverletzung kein Kavaliersdelikt. Gemäss Artikel 47 im Bundesgesetz über die Banken und Sparkassen droht demjenigen eine Geldoder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren, der «ein Geheimnis offenbart, das ihm in seiner Eigenschaft als Organ, Angestellter, Beauftragter oder Liquidator einer Bank» anvertraut worden ist. Gleichermassen strafbar macht sich, wer dieses Geheimnis «weiteren offenbart».

Bär zeigt keine Krallen im Fall Vincenz

Die Spitzen von Bär, allen voran der damalige Risiko-Chef Bernhard Hodler, werden schliesslich aktiv. Im Herbst 2016 gibt die Bankleitung eine interne Untersuchung in Auftrag, die herausfinden soll, wer im Finanzkonzern die mögliche Bankgeheimnisverletzung begangen hat. Man vermutet das Leck zunächst in der Compliance-Abteilung.

Eine externe Anwaltskanzlei wird mandatiert. Gemäss mehreren Quellen fördert die Untersuchung schliesslich drei mögliche Tatverdächtige zutage. Besonders brisant: Einer davon soll ein ehemaliger Kadermann der börsenkotierten Bank sein, sagen zwei Insider übereinstimmend. Ein Julius-Bär-Sprecher will sich zum Sachverhalt nicht äussern: «Zu vermuteten oder tatsächlichen Kundenbeziehungen und möglichen internen Untersuchungen können wir keine Stellung nehmen.»

Da der Urheber aber nicht abschliessend und ohne Zwangsmassnahmen auszumachen ist und die Wogen sich zunächst rasch glätten, lässt es die Führung um den damaligen Bär-Chef Boris Collardi beim internen Bericht bewenden. Aus der Eigenlogik der Bank ist dieses Verhalten hinsichtlich des Reputationsschutzes durchaus verständlich: Nicht zuletzt, weil weder Bär-Kunde Beat Stocker noch Pierin Vincenz als Direktbetroffene damals eine Strafanzeige wegen Bankgeheimnisverletzung gestellt haben.

Stocker wolle nicht gegen die Bank vorgehen, sagt heute eine Person aus seinem Umfeld: Man müsse die «eigenen Ressourcen» auf das laufende Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung konzentrieren. Lorenz Erni, der Strafverteidiger von Pierin Vincenz, will sich zu den möglichen rechtlichen Schritten seines Mandanten nicht äussern.

Umfangreiche Ermittlungen

Nun spielt es aber gar keine Rolle, ob Beat Stocker oder Pierin Vincenz als Direktbetroffene rechtliche Schritte einleiten. Vielmehr handelt es sich bei der Bankgeheimnisverletzung um eine Anlasstat, die von Amtes wegen («ex officio») untersucht werden muss: Gemäss geltendem Recht sei eine Bankgeheimnisverletzung nach Artikel 47 BankG ein Offizialdelikt, schreibt Erich Wenzinger von der Medienstelle der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft auf Anfrage. Im Rahmen der umfangreichen Ermittlungen sei auch der «angesprochene Informationsfluss» ein «Thema»: «Da im vorliegenden Fall aber weder ein konkreter Tatverdacht zutage getreten ist und bislang auch keine Strafanzeige eingegangen ist, wurde keine Untersuchung eingeleitet.» Die Staatsanwaltschaft legt also die Hände in den Schoss, solange Vincenz und Co. nicht von sich aus aktiv werden.

Rechtsanwältin Monika Roth unterrichtet an der Hochschule Luzern Compliance Management und amtet als Vizepräsidentin des Strafgerichts im Kanton Baselland. Roth sieht in der Antwort der Zürcher Staatsanwaltschaft eine «reine Schutzbehauptung»: Mit der Publikation der detaillierten Finanztransaktionen liege ein konkreter, hinreichender Anfangsverdacht für ein Verfahren gegen Unbekannt vor. «Zumal die betroffene Bank ja den Sachverhalt einer möglichen Geheimnisverletzung selbst untersucht und offenbar mehrere Tatverdächtige ermittelt hat.» Im Gegensatz zum Finanzinstitut könnten die Zürcher Strafverfolger auf Zwangsmassnahmen wie Hausdurchsuchungen zurückgreifen. «Mir ist es ein Rätsel, weshalb die Staatsanwaltschaft die Umstände nicht abklärt.» Gut möglich also, dass die Indiskretionen am medialen Ursprung der Causa Vincenz noch zum Thema im laufenden Strafverfahren werden.

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Genfer Geschäft

Aduno Der Finanzkonzern kooperierte unter Pierin Vincenz und Martin Huldi mit der welschen Firma GCL. Gegen deren Präsidenten läuft nun ein Strafverfahren.

Der bekannte Zürcher Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel öffnet im Frühsommer seine Amtsstube nur einen Spaltbreit: Man sei im Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung gegen die Ex-Aduno-Verwaltungsräte Pierin Vincenz und Beat Stocker auf «mögliche weitere, strafrechtlich relevante Transaktionen» gestossen, liess er in einem Communiqué verbreiten.

Bislang waren öffentlich nur drei Fälle von Firmenzukäufen bekannt, bei denen das Duo Stocker und Vincenz – mutmasslich – vorab auf eigene Rechnung investiert waren. Es sind dies Eurokaution und Commtrain beim Finanzdienstleister Aduno und das KMU-Vehikel Investnet bei der Raiffeisen Schweiz. Nun zeigen Recherchen der «Handelszeitung», dass es neben den bisher bekannten Fällen noch einen weiteren Verfahrenskomplex gibt. Es handelt sich um eine Firma aus der Romandie namens Genève Credit & Leasing (GCL).

Strafuntersuchung eröffnet

Der Präsident der GCL, die ab 2012 mit Aduno kooperierte, steht im Visier der Strafermittler. «Die Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich hat im Zusammenhang mit der GCL eine Strafuntersuchung gegen Stéphane Barbier-Mueller eröffnet», sagt eine Sprecherin. Es geht um den Verdacht auf Gehilfenschaft zur ungetreuen Geschäftsbesorgung. GCL-Präsident Barbier-Mueller reagierte nicht auf eine Kontaktanfrage.

Die Ausweitung des Vincenz-Falls über den Röstigraben ist brisant. Die Familie Barbier-Mueller gehört in Genf nämlich zur Hautvolee mit einem geschätzten Vermögen von 850 Millionen Franken. Sie besitzt die stadtbekannte Immobiliengruppe Pilet & Renaud und betreibt an der Rue Jean-Calvin ein eigenes Kunstmuseum, das die Familiensammlung mit mehr als 7000 Objekten überseeischer Stammeskunst zeigt.

Aduno Partnerschaft

Stéphane Barbier-Mueller selbst kümmere sich, schreibt die «Bilanz», zusammen mit seinem Bruder um die «Verschönerung seiner Heimatstadt». Und der Pilet-Patron präsidiert seit ihrer Gründung im Jahr 2002 auch die Firma GCL. Diese vergibt Privatkredite und schliesst Leasingverträge ab.

Offiziell gibt es erstmals eine Verbindung zwischen GCL und Aduno, als der Zürcher Finanzdienstleister im Frühjahr 2012 eine «exklusive Partnerschaft» mit der Genfer Kreditfirma bekannt gibt. Die Zusammenarbeit erfolgt über die Aduno-Tochter Cashgate, die ebenfalls im Leasing- und Konsumkreditgeschäft tätig ist.

«Durch die Kooperation mit GCL haben wir unsere Organisation in der Westschweiz gestärkt, sowohl im Leasingbereich als auch bei Privatkrediten», erklärt der damalige Aduno-Chef Martin Huldi in einer Geschäftspublikation. In der Westschweiz sehe man grosses Wachstumspotenzial, denn «die Romands sind Privatkrediten gegenüber aufgeschlossener als die Deutschschweizer». Huldi ist zu dieser Zeit nicht nur Aduno-Chef, er hat auch die Beteiligungen unter sich. Auch Huldi reagierte nicht auf eine Kontaktanfrage. Die Aduno selbst verweist auf eine Verfügung der Staatsanwaltschaft, die alle involvierten Parteien zur Geheimhaltung verpflichtet.

Verkauf der GCL-Aktien

Nur wenige Monate vor der Aduno-Kooperation kommt es bei der GCL Ende 2011 zu einer Kapitalerhöhung, im Zuge derer eine Aktionärin ausscheidet. Es ist dies die belgische Bank Fortis, die einen Anteil an GCL hielt. Gemäss Unterlagen sind die Vertragsparteien beim Aktienverkauf Stéphane Barbier-Mueller persönlich und eine Firma namens Nerilix mit Sitz im Wallis, in der Barbier-Mueller ebenfalls als Verwaltungsrat amtet. Wer die GCL-Aktien den Belgiern damals abkauft oder die Kapitalerhöhung mitträgt, geht aus den Unterlagen nicht hervor.

Am 7. Februar 2012 jedoch – kurz nach der Aduno-Kooperation – trifft sich die GCL zur Generalversammlung in den Räumlichkeiten von Barbier-Muellers Immobiliengesellschaft Pilet-Renaud. Der GCL-Präsident Barbier-Mueller erläutert gemäss Protokoll die Demission seines Geschäftsführers. Dieser habe 2007 die Geschäftsleitung übernommen und die GCL in einer «sehr schwierigen Lage» vorgefunden. Der Geschäftsführer habe hart gearbeitet, um die Firma ab 2010 in «die schwarzen Zahlen» zu führen. Und er habe ab Herbst 2010 «beträchtlichen Einsatz» darin geleistet, dass eine «Einigung mit der Bank Raiffeisen und Cashgate» habe erzielt werden können.

Raiffeisen-Manager befragt

Die Aussage von Barbier-Mueller lässt aufhorchen. Schliesslich ist es der bisher einzige Hinweis, dass bei den Geschäften der Genfer mit der Aduno-Tochter Cashgate längst auch die Genossenschaftsbank Raiffeisen unter damaliger Führung von Pierin Vincenz mit am Tisch sass.

Entsprechend befragt Staatsanwalt Jean-Richard-dit-Bressel nun nicht nur Manager der Aduno-Gruppe und ihrer Cashgate-Tochter zum GCL-Komplex, sondern auch aktives und ehemaliges Führungspersonal der Raiffeisen Schweiz. Darunter ein Geschäftsleitungsmitglied der Genossenschaftsbank. Raiffeisen Schweiz selbst nimmt zu «laufenden Strafverfahren oder Mutmassungen über Strafuntersuchungen wie auch zu allfälligen Geschäftsbeziehungen» keine Stellung.

Outgesourcte Aktivitäten

Gemäss einer dem Sachverhalt nahestehenden Person soll Aduno zunächst nur am Kreditportfolio der GCL interessiert gewesen sein. «Aus der Partnerschaft wurde dann aber doch noch ein Kauf, wobei Raiffeisen den Kredit-Deal mitfinanziert hat», so der Mann. Vorab sei das Duo Stocker/ Vincenz schon verdeckt beteiligt gewesen. Eine steile These, die nirgends dokumentiert ist. Aber eine, die ans Muster der übrigen bekannten Fälle wie Investnet oder Eurokaution erinnert. Zudem schrieb der Finanzblog «Inside Paradeplatz» im Frühling, dass die Strafermittler auf eine Zahlung der Immobilienfirma Pilet-Renaud gestossen seien: Beat Stocker habe von den Genfern eine «tiefe sechsstellige Summe» erhalten.

Fest steht, dass sich für den GCL-Geschäftsführer der «beträchtliche Einsatz» zugunsten eines Raiffeisen-Aduno-Deals ausbezahlt hat. Der Mann leitet ab Februar 2012 – also just ab dem Zeitpunkt der Kooperation – die Geschäfte von Cashgate in der Romandie und ist in dieser Funktion unter anderem für die «outgesourcten Aktivitäten der Genève Credit & Leasing» verantwortlich. Keine zwei Jahre später sitzt der einstmalige GCL-Direktor sogar in der Cashgate-Geschäftsleitung. Eine steile Karriere in jener Aduno-Tochter, die einst auch Vincenz-Geschäftspartner Beat Stocker präsidierte.

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Die Kanzlei für alle Fälle

Raiffeisen Ob Strafverfahren, Gutachten oder Forderung – das Mandat der Kanzlei Prager Dreifuss hat Konfliktpotenzial.

Im mondänen Zürcher Seefeld, gleich hinter dem Opernhaus, hat die Wirtschaftskanzlei Prager Dreifuss ihre Büros. Sie ist die Hauskanzlei der Raiffeisen Schweiz. Das langjährige Mandat sorgt für Konfliktpotenzial: Einst Rechtsbeistand in der Ära Pierin Vincenz, klagt die Kanzlei nun im Namen der Bank gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef.

Anlaufstelle für Gläubigerforderung

Doch der Reihe nach. Als die Bank 2007 ihr Auto-Leasing-Geschäft von der Raiffeisen-Leasing in eine Gesellschaft namens Raiffeisen Finanzierungs AG überführt, begleitet Prager Dreifuss die Abspaltung. Der heutige Prager-Partner Urs Feller fungiert als Anlaufstelle für Gläubigerforderungen. In der Raiffeisen Finanzierungs AG sass damals Patrik Gisel als Verwaltungsrat und später Beat Stocker, der Geschäftspartner von Pierin Vincenz. Prager-Partner Feller und der heutige Raiffeisen-Chef kennen sich also. Die Genossenschaftsbank bestätigt das Leasing-Mandat, betont aber: «Von 2009 bis 2016 hat Prager Dreifuss keine anderen Mandate bei Raiffeisen wahrgenommen.»

Später wird aus der Raiffeisen Finanzierungs AG die Aduno-Tochter Cashgate. Die übertragende Gesellschaft namens Raiffeisen-Leasing heisst ab 2010 KMU Capital und wird so zum Finanzierungsvehikel von Raiffeisen bei der KMU-Beteiligungsgesellschaft Investnet. Diese Raiffeisen-Tochter steht im Fokus der Strafermittlungen gegen Pierin Vincenz, Beat Stocker und weitere Personen.

Corporate-Governance-Gutachten

Ende Februar tritt Raiffeisen als Privatklägerin dem Strafverfahren gegen ihren Ex-Chef bei. «Raiffeisen arbeitet dabei mit der Kanzlei Prager Dreifuss zusammen», bestätigt die Bank Recherchen der «Handelszeitung». Die Mandatierung sei durch den Verwaltungsrat erfolgt, so eine Sprecherin. «Ausschlaggebend war das detaillierte Know-how, das Prager Dreifuss aufgrund der internen Untersuchung in den Themenkomplex einbringen kann.» In ihren Eingaben an die Staatsanwaltschaft referiert die Kanzlei offenbar auf das von ihr selber für Raiffeisen erstellte interne Corporate-Governance-Gutachten. Dieses Gutachten beleuchtet das Raiffeisen-Beteiligungsvehikel Investnet. In Auftrag gegeben hat es die Raiffeisen-Geschäftsleitung um Patrik Gisel im Dezember 2016. Wohlgemerkt: Gisel selbst präsidierte Investnet von 2012 bis 2016.

Gemäss «Bilanz» soll das Prager-Dreifuss-Gutachten zu den Investnet-Geschäften vor allem den damaligen Finanzchef Marcel Zoller und den Raiffeisen-Präsidenten Johannes Rüegg-Stürm belasten, «jedoch nicht Auftraggeber Gisel». Angesprochen auf Konflikte im Rahmen der verschiedenen Mandate der Wirtschaftskanzlei Prager Dreifuss, erklärt Raiffeisen-Sprecherin Cécile Bachmann: «Es gibt und gab hier keinen Interessenkonflikt in irgendeiner Weise.»

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Der Unberechenbare

Pierin Vincenz Er könnte auf freien Fuss kommen, wenn seine Raiffeisen den Neuanfang probt.

Das Timing ist wohl purer Zufall, aber an Dramatik kaum zu überbieten. Am Samstag, dem 16. Juni, trifft sich die Raiffeisen-Spitze zur Delegiertenversammlung im Kultur- und Kongresszentrum LAC an den Gestaden des Luganersees. Just zu jener Zeit könnte Ex-Chef Vincenz aus der Untersuchungshaft in Zürich entlassen werden. Denn die Fristerstreckung für seine U-Haft läuft spätestens am 17. Juni aus, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen.

Die zeitliche Koinzidenz ist brisant. Denn die Delegiertenversammlung in Lugano soll so etwas wie den Neuanfang der Nummer drei im Schweizer Markt markieren. Schliesslich hat das Strafverfahren gegen Übervater Vincenz, das Finma-Enforcement gegen die St. Galler Zentrale und der forcierte Um- und Rückbau der Bauernbank die stolze Genossenschaftsbasis im Kern erschüttert. Das öffentliche Interesse an der «DV» im Tessin ist entsprechend riesig. Raiffeisen wird eigens eine Medienkonferenz im Anschluss an den nicht-öffentlichen Event in Lugano veranstalten.

Geheime Traktandenliste

Gegen innen wie aussen möchte die Bankführung um Patrik Gisel also um jeden Preis Aufbruch signalisieren. So treten die 164 Raiffeisen-Delegierten im mondänen LAC an, um frische, unverbrauchte Kräfte in die Bankaufsicht zu wählen. Zwar ist die Traktandenliste geheim; aber bereits wurde kommuniziert, dass die beiden Raiffeisen-Verwaltungsräte Edgar Wohlhauser und Werner Zollinger «aufgrund der statutarischen Amtszeitbeschränkung» zurücktreten und durch EY-Partner Rolf Walker und Unternehmer Thomas Rauber ersetzt werden sollen. Wohlhauser wie Zollinger sassen je zwölf Jahre im Raiffeisen-VR. Beide sind also eng mit der Ära von Pierin Vincenz verbunden, der bis Herbst 2015 das Zepter in der Bankengruppe schwang.

Eine Ära, die Nachfolger Patrik Gisel wohl nur allzu gern vergessen machen würde. Doch sein ehemaliger Vorgesetzter könnte dem geplanten Raiffeisen-Relaunch im Tessin einen dicken Strich durch die Rechnung machen. Denn das Zwangsmassnahmengericht hat die Frist der U-Haft nur bis am 17. Juni erstreckt. Ohne erneuten Antrag der Strafermittler vor dem Zwangsmassnahmengericht um Verlängerung würden der Bündner Banker und sein Geschäftspartner Beat Stocker also bald auf freien Fuss gesetzt. Für die Raiffeisen-Spitze um Patrik Gisel könnte Vincenz damit zum grossen Unbekannten werden. Zu einem mit gewaltigem Störfaktor: Packt der Ex-Raiffeisen-Boss öffentlich aus und zieht seine ehemaligen Weggefährten vom Roten Platz mit in die Affäre? Oder macht Vincenz den Ospel und wird wie der ehemalige UBS-Chef zum ewig schweigsamen Privatier?

23-stündiges Schweigen

Fest steht, dass mit dem möglichen Haftende ein hartes Regime für Pierin Vincenz endet. Seit Ende Februar sitzen der Alpha-Banker und sein Compagnon Stocker im Bezirksgefängnis und sind zum Schweigen verdammt. Jeweils 23 Stunden allein, in einer 10 Quadratmeter grossen Zelle in der Zürcher City. Auslöser für die rigide Zwangsmassnahme war Mitte Dezember eine Strafanzeige der Kreditkartenfirma Aduno Holding, die Vincenz bis im letzten Sommer präsidiert hatte. Die Zürcher Staatsanwaltschaft III für Wirtschaftsdelikte eröffnete daraufhin ein Strafverfahren gegen Vincenz und Stocker sowie gegen drei weitere Personen wegen «ungetreuer Geschäftsbesorgung».

Zum Mittel der Strafanzeige griffen Vincenz’ ehemalige Aduno-VR-Kollegen, weil zumindest ein Fall zivilrechtlich bereits verjährt war. Es handelt sich um die Übernahme der Commtrain Card Solutions 2007. Als mutmasslich geschädigte Partei hofft die Kreditkartenfirma nun, über das Strafverfahren ihre Schadenersatzansprüche im Commtrain-Fall noch geltend machen zu können. Als Privatklägerin im Strafverfahren gegen Pierin Vincenz tritt auch seine ehemalige Arbeitgeberin, die Raiffeisen Schweiz, auf. Hier geht es um das bankeigene KMU-Investitionsvehikel namens Investnet, an dem Vincenz beziehungsweise Stocker möglicherweise verdeckt beteiligt waren.

Nebst der Aduno-Tochter Commtrain und dem Raiffeisen-Vehikel Investnet ermittelt Staatsanwalt Marc Jean-Richarddit-Bressel noch in einem weiteren Verfahrenskomplex. Dabei geht es um eine weitere Aduno-Tochter namens Eurokaution, welche die Kreditkartenfirma 2014 für 5,6 Millionen Franken erwarb, obwohl die Firma gemäss Handelsregister-Dokumenten eine Unterbilanz aufwies und nur schon für den Kauf eine Kapitalerhöhung nötig war. Im Rahmen der Eurokaution-Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren auf zwei weitere Personen ausgedehnt.