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Zank ums Zocken

Stromkonzerne Gemäss einer Studie der HSG schreiben Axpo, Alpiq und Co. mit dem spekulativen Eigenhandel Milliardenverluste. Die Konzerne dementieren hart.

Die letzten zehn Jahre waren für die drei Stromkonzerne Axpo, Alpiq und BKW ein Decennium horribilis. Nach der Finanz- und im Zuge der Euro-Krise kollabierte der Strompreis in Europa. Gleichzeitig wertete sich der Franken zur europäischen Einheitswährung auf. Hinzu kamen dirigistische Eingriffe wie die EEG-Umlage in Deutschland, mit welcher der Zubau erneuerbarer Energie wie Photovoltaik und Wind gefördert wurde. Kurzum: Jenes Elektrizitätsbusiness, woran die Ex-Monopolisten fürstlich verdienten, gibt es nicht mehr. Einheimische Produktion mutierte vom lukrativen Exportgut zum Klumpenrisiko. Jene neuen Grosskraftwerke für den Auslandabsatz wie die Pumpspeicher Linth-Limmern (Axpo) oder Nant de Drance (Alpiq) entpuppen sich als Investitionsgräber. Ohne Aussicht auf baldige Rentabilisierung.

Die Stromkonzerne reagierten mit Wertanpassungen beim eigenen Kraftwerkspark und bei den langfristigen Bezugsverträgen. Die Strukturkrise der Stromkonzerne vernichtete unter dem Strich wohl mehr Wert, als die fiskalische Bereinigung der Schwarzgeldvergangenheit die Schweizer Banken kostete. Zwischen 2009 und 2018 musste allein die Axpo rund 6,2 Milliarden Franken abschreiben beziehungsweise zurückstellen. Bei der Alpiq waren es 5,9 Milliarden. Und bei der BKW lag dieser Wert bei rund 900 Millionen Franken.

Umstrittene Zahlen

Die genannten Zahlen stammen aus einer neuen Studie der Universität St. Gallen (HSG) mit dem Titel «Spannungsfeld: Stromversorgung vs. Stromhandel. Herausforderungen für das Management». Das White Paper sorgt für rote Köpfe in der Branche. Bringt die Studie doch einen überraschenden Grund fürs Krisenjahrzehnt der Stromwirtschaft ins Spiel: den Eigenhandel, auch Prop Trading genannt. Also jene spekulativen Handelsgeschäfte mit Elektrizität, die nicht durch eigene Kraftwerkskapazitäten gedeckt sind.

Die St. Galler Studie kommt zum Schluss, dass «in den Jahren 2009 bis 2018 im Rahmen des Prop Trading grosse Schweizer Stromproduzenten Verluste in mittlerer einstellige Milliardenhöhe erlitten». Die HSG-Forscher schätzen bei der Axpo den Verlust über diesen Zeitraum auf 4,6 Milliarden Franken. Bei der Alpiq sind es 1,1 Milliarden und bei der BKW 1,7 Milliarden. Seit 2013 schütten Axpo und Alpiq bekanntlich keine Dividenden mehr aus. «Wir sehen aufgrund der Ergebnisse unserer Analysen die Ursachen primär im spekulativen Eigenhandel», heisst es in der Studie. Denn der Erfolg im Prop Trading falle «nachhaltig negativ» aus.

Latente Gefahr der Quersubventionierung

Verfasst hat das White Paper ein Team um Professor Karl Frauendorfer, der zu Bewertungsmodellen in der Energie- und Finanzwirtschaft an der Universität St. Gallen forscht. Frauendorfer sieht angesichts seiner geschätzten Verluste im Prop Trading «enormen Handlungsbedarf». Es bestehe eine latente Gefahr der Quersubventionierung durch anlagenbasiertes Trading. Der HSG-Professor fordert strikte Trennung und Transparenz zwischen Stromhandel mit eigenen Kraftwerkskapazitäten, Absicherungsgeschäften und spekulativem Eigenhandel. «Es sind Anreizstrukturen für Stromhändler zu überdenken, die dieser strikten Trennung Rechnung tragen», sagt Frauendorfer und fügt an: Nicht alle Verwaltungsräte und GL-Mitglieder der grossen Stromkonzerne würden vertieftes Wissen besitzen, um den Stromhandel mit seiner Unvollständigkeit und den darin versteckten Abhängigkeiten von Preis- und Volumenrisiken adäquat überwachen zu können.

Kopfschütteln bei den Konzernen

Angesichts der gehandelten Mengen ein brisantes Urteil. Die HSG-Studie schätzt nämlich, dass die Alpiq im Eigenhandel mit dem 16- bis 20-Fachen einer Jahresproduktion spekuliert. Bei der Axpo sei es das 8- bis 12-Fache, bei der BKW das 4- bis 8-Fache. Im Handel mit Energiederivaten könne es, so die Studie weiter, zu Inkonsistenzen in der Bilanzen kommen. Konkret überschätze eine Handelspartei ihre verfügbaren Eigenmittel. Für die Jahre 2017 bis 2019 gehen Frauendorfer und Co. bei den drei Stromkonzernen von «einer möglichen Überschätzung des ausgewiesenen Eigenkapitals» von bis zu 38 Prozent aus.

Solche Zahlen, von der Universität St. Gallen erhoben, lösen bei Axpo, Alpiq und BKW Kopfschütteln aus: «Nicht nachvollziehbar», «unverständliche Modellrechnungen», «ungeeignete Kennzahlen», «unrealistische Erlöspotenziale» – so lautet der Tenor aller drei Stromkonzerne auf Anfrage. «Unglaubwürdig ist schon allein die Annahme, dass das Management und der Verwaltungsrat der drei grossen Schweizer Energiekonzerne über zehn Jahre hinweg kontinuierlich Verluste in Millionenhöhe im Eigenhandel zulassen würden – das würde sowohl der betriebswirtschaftlichen Logik wie auch der rechtlichen Verantwortung dieser Organe widersprechen», lässt die Axpo verlauten. Jene von Frauendorfer veranschlagten Einbussen von 4,6 Milliarden Franken seien «schlichtweg falsch». Auch BKW und Alpiq bestreiten die stipulierten Milliardenverluste kategorisch.

Inputs nur marginal berücksichtigt

Die Axpo hält zudem fest: Man betreibe einen profitablen Eigenhandel, es gebe auch keine Quersubventionierung. Der Verzicht auf Dividendenausschüttung sei nicht auf den Eigenhandel, sondern auf die tiefen Erlöse bei der Schweizer Stromproduktion zurückzuführen. Angesprochen auf die grossen Volumina im Eigenhandel, hält der Konzern weiter fest, dass die Grösse des Handelsvolumens kein geeignetes Risikomass sei. Und die Alpiq widerspricht der Überschätzung des Eigenkapitals: Der Vorwurf von Inkonsistenzen in der Bilanzierung der Energiederivate entbehre jeder Grundlage. Man halte sich an geltendes Recht und Buchungsstandards. Die BKW kritisiert, dass man die Autoren der Studie «schon mehrfach und teilweise detailliert auf fehlerhafte Annahmen und Fehlschlüsse» hingewiesen habe. Diese Inputs würden in der aktuellen Studie «nur marginal berücksichtigt».

HSG-Professor Frauendorfer betont dagegen, dass «unsere Zahlen, die wir im August 2019 publiziert haben, nie von den betroffenen Unternehmen korrigiert wurden. Diese Zahlen sind sehr konservativ gerechnet. Der Verlust aus dem Prop Trading dürfte über die zehn Jahre wohl eher gegen 10 Milliarden Franken tendieren.» Sein Lehrstuhl forsche seit 2014 auf dem Thema und habe immer alle betroffenen Parteien über den Stand seiner Erkenntnisse informiert. Er sei unabhängig und allein der Wissenschaft verpflichtet.

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BKW – Suzanne Thomas Hunter-Strategie

BKW Erinnern Sie sich an Philippe Bruggisser? Der Aviatik-Manager verpasste Mitte der 1990er Jahre der Swissair eine Hunter-Strategie. Der verpolitisierte Verwaltungsrat nickte den von McKinsey ausgeknobelten Plan ahnungslos ab. Forsch kaufte der Luftfahrtkonzern fortan in ganz Europa kleine, wenig profitable Airlines zusammen. Wie es mit der Swissair ausging, ist bekannt. Ein düsteres Kapitel der jüngeren Schweizer Wirtschaftsgeschichte.

Auch die Bernischen Kraftwerke BKW verfolgen eine Hunter-Strategie, seit Suzanne Thoma vor sechs Jahren die Führung des Stromkonzerns übernommen hat. Die Chemieingenieurin hat die Business-Mixtur der BKW nämlich komplett verändert. Nebst dem traditionellen Geschäft aus Stromproduktion, Handel und Verteilnetzen baute die 57-jährige Managerin praktisch aus dem Nichts ein umsatzmässig gewichtiges Dienstleistungsportfolio auf.

In wenigen Jahren zum internationalen Energiedienstleister diversifiziert

Die BKW hat seit 2013 die Zahl ihrer Mitarbeitenden mehr als verdoppelt. Dabei blieb der Personalbestand in den angestammten Sparten, Energie und Netze, praktisch konstant. Das Wachstum ging einzig und allein aufs Konto der Dienstleistungssparte, wo der Stromkonzern heute 5200 seiner insgesamt 7300 Mitarbeiter zählt. Diese Personalexplosion ist einer aggressiven Akquisitionsstrategie zu verdanken.

Die BKW hat unter Thoma dutzendfach Firmen im In- und Ausland zugekauft und wurde 2017 vom M&A-Berater KPMG zur «aktivsten Schweizer Unternehmung» gekürt. Das Beteiligungsverzeichnis des Stromkonzerns füllt mittlerweile fünf Seiten im Geschäftsbericht und zählt über 110 Dienstleistungstöchter. Deren Spannbreite ist immens: Vom Churer Ingenieurbüro über den Schweisstechniker in Rheinland-Pfalz bis hin zum Photovoltaik-Messdienstleister in Schanghai. Mit dem Segen des staatlichen Mehrheitseigners, des Kantons Bern, hat sich die BKW in wenigen Jahren zum international agierenden Energiedienstleister diversifiziert.

Keine Aufgabe für Konzern in staatlichem Mehrheitsbesitz

Ein ordnungspolitischer Sündenfall: Jenseits eines natürlichen Monopols und abseits des eigenen Versorgungsgebiets private Gewerbler in einem funktionierenden freien Markt zu konkurrenzieren, ist schlicht nicht Aufgabe eines Stromkonzerns im Mehrheitsbesitz der Berner Steuerzahler. Selbst wenn dies aus der betriebswirtschaftlichen Eigenlogik noch gerechtfertigt wäre.

Allerdings sind hier Zweifel angebracht. Denn der Kaufrausch der BKW hat bislang vor allem die Topline befeuert. Der Dienstleistungsanteil am Gesamtumsatz hat sich in vier Jahren fast verdreifacht, von 12 auf 34 Prozent. Allerdings blieb vom Umsatz-Boost nicht viel in der Kasse: Die niedermargigen Dienstleistungen steuern bloss rund 15 Prozent zum operativen Betriebsergebnis bei.

Netze sind für BKW ein wahrer Goldesel

Ihr Geld verdient die BKW weiterhin klassisch mit Strom, und dort vor allem mit den Netzen. Das Monopolgeschäft ist mit einer Betriebsgewinnmarge von 34 Prozent ein wahrer Goldesel und der wichtigste Ergebnispfeiler. Aus eben diesen Monopolgewinnen speisen die Berner ihre Feuerpower fürs Dienstleistungsabenteuer.

Mindestens für Thoma geht diese Hunter-Strategie auf: Sie konnte ihr Salär 2018 auf 2 Millionen Franken steigern. Ein Plus von 50 Prozent.

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Berner Irrlichter

BKW Was haben ein Oltner Ingenieursbüro, eine Churer Brandschutz-Firma und ein bayrischer Umwelttechniker gemein? Die privaten KMU wurden in den letzten Wochen alle von der BKW geschluckt. Sage und schreibe 40 Firmen verleibte sich der Stromkonzern in kantonalem Mehrheitsbesitz ein, nachdem Suzanne Thoma vor drei Jahren den Chefposten übernommen hatte. Und die Shoppingtour geht unvermindert weiter. So will die BKW künftig um 1000 Mitarbeiter pro Jahr wachsen. Chefin Thoma lieferte dazu in der „Bilanz“ die lapidare Erklärung: „Wenn das Unternehmen rundherum stark wächst, ist die Rolle der Energieproduktion kleiner.“ Mit anderen Worten: Da die Stromerzeugung nur noch Millionenlöcher produziert, wildern wir lieber in der artverwandten Privatwirtschaft. Nun mag die extreme Expansion im Dunstkreis der Energiedienstleistungen aus betriebswirtschaftlicher Eigenlogik der BKW ja vielleicht sogar noch Sinn ergeben. Aber gehört Brandschutz in Graubünden oder Geotechnik in Niederbayern wirklich zu den hoheitlichen Aufgaben des notorisch klammen Kanton Bern? Mitnichten, findet auch die Denkfabrik Avenir Suisse und kritisiert, dass „viele Stromunternehmen versuchen, in Geschäftsfelder vorzudringen, die keinerlei Bezug zu Versorgungsdienstleistungen aufweisen“. Statt also von der Stromproduktions-Pleite ins nächste Energiedienst-Verderben zu rennen, müssen die Kantonseigner einen Marschhalt machen und sich jetzt fragen, wo in der Stromversorgung es die öffentliche Hand als Besitzerin überhaupt noch braucht.

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Kurzschluss im Zigerschlitz

Axpo Es ist ein Milliardengrab mit Ansage, das die Axpo mit dem Pumpspeicherwerk Limmern in die Glarner Alpen betonierte. Der jüngste Abschreiber über 540 Millionen Franken löst da nur noch Schulterzucken aus. Zugleich ist Limmern ein Mahnmal für selbstgefällige Manager und ahnungslose Politiker. Vor über zehn Jahren wanderte der damalige Axpo-Chef und heutige Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer zur Muttseehütte und beschwor die „Stromlücke“. Ein Ersatz-AKW und ein Pumpspeicher sollten die „Engpässe 2020 in der Stromversorgung“ beheben. Doch Karrer produzierte im Zigerschlitz einen argumentativen Kurzschluss: Weder kann es in einem funktionierenden Markt eine Lücke geben, noch kann ein Pumpspeicherwerk die Versorgung länger als ein paar Minuten sichern. Vielmehr wollten die Nordostschweizer Stromer ihre an der Nachfrage vorbeiproduzierenden AKW mit den Glarner Turbinen vergolden. Billiger Bandstrom sollte zu teurem Spitzenstrom werden. Der Pumpspeicher war für Arbitrage-Gewinne im unvollkommenen Strommarkt gedacht. Doch die Axpo-Männer wurden jäh aus ihren Grosskraftwerks-Phantasien gerissen: Im liberalisierten EU-Strommarkt schmilzt die Differenz zwischen Spitzen- und Bandstrom dahin. Gleichzeitig steuern intelligente Netze zusehends die Nachfrage. Das sind schlechte Aussichten für das „Jahrhundertwerk“ der Axpo.

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Magere Dienstleister

Stromkonzerne Was haben ein petrochemischer Generalunternehmer in den Karpaten, ein Bahntechniker nahe Mailand und ein Ingenieurbüro in der Steiermark gemeinsam? Es sind alles Unternehmen, die kürzlich von parastaatlichen Schweizer Stromkonzernen geschluckt worden sind. Die teilweise aggressiven Akquisitionen im In- und Ausland eint ein gemeinsamer strategischer Nenner: Weg von der Stromproduktion mit Kraftwerkspark hin zu Asset light mit einem bunten Strauss an Energiedienstleistern – etwa bei der Gebäudetechnik, der Photovoltaik oder bei Speicherlösungen.

Ein erstaunliches Wendemanöver im Puschlav

Die Energy Services sind das neue Mantra in den Teppichetagen von Alpiq & Co. Die frohe Kunde von der anbrechenden Dienstleistungsära ist selbst bis ins Puschlav gedrungen. Repower, welche bis vor kurzem noch auf dreckige Kohle in Italien und Gaskombis in Deutschland setzte, legte im Winter ein überraschendes Wendemanöver hin. Die Bündner machen nun voll auf New Tech und wollen sich als Energie-Dienstleisterin neu positionieren, um so die Abhängigkeit vom absoluten Strompreis schrittweise zu verringern

Doch in der Elektrowirtschaft ist es wie im richtigen Leben: Wenn die Party vorbei ist und alle gleichzeitig zum (Not-)Ausgang rennen, dann wird es brandgefährlich. Marktbeobachter mahnen schon seit einer Weile, dass bei den Energy Services die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Denn auf die Strömler hat in ihren neuen Betätigungsfeldern niemand gewartet. Während die klassische, kapitalintensive Stromproduktion über Jahrzehnte eine geschützte Werkstatt war, herrscht bei den Energiedienstleistern ein scharfer Wettbewerb. Die Branche ist fragmentiert, die Eintrittshürden sind vergleichsweise tief. Die jüngsten Zahlen der Stromkonzerne unterstreichen diesen Befund. Bei Alpiq erzielte ein Energiedienstleister pro Kopf im letzten Jahr magere 10 000 Franken Betriebsgewinn. Nicht besser sieht es bei BKW aus. Sie erzielte mit Dienstleistungen eine Betriebsmarge von schlappen 4 Prozent. Zum Vergleich: Die Rendite in der Energie und den Netzen war viermal höher.

Profi-Investor Martin Ebner prophezeit Überkapazitäten

Dass Alpiq-Aktionär und Profi-Investor Martin Ebner nun den Mahnfinger hebt, sollte den Kantonseignern deshalb zu denken geben. Dienstleistung wird weniger Wert haben in einigen Jahren, weil es zu Überkapazitäten kommen wird, prophezeite der Financier in der Schweiz am Sonntag. Nach Fehlinvestitionen in fossile Kraftwerke vor der Finanzkrise droht den Stromkonzernen mit den Energy Services also die nächste Investitionsruine. Ganz zu schweigen vom ordnungspolitischen Sündenfall: Dass öffentliche Unternehmen sich x- beliebige Gewerbebetriebe einverleiben, ist ein crowding out wie aus dem VWL-Lehrbuch. Statt wie wild zu diversifizieren, sollten die Stromkonzerne vielmehr endlich ihr Kerngeschäft – die Elektrizitätsproduktion – auf die Zukunft ausrichten.

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Abgang des Unbequemen

Swissgrid Chef Pierre-Alain Graf wirft das Handtuch. Der Netzbetreiber droht an Bedeutung zu verlieren.

Die Kunde vom Ausscheiden des Swissgrid-Chefs erreichte die Strombosse an einer Wasserwirtschaftstagung in Aarau. Dort hätte auch Pierre-Alain Graf referieren sollen. Doch statt über“Marktopportunitäten für die Schweizer Wasserkraft“ zu sprechen, gab der 52-jährige Top-Manager fast zeitgleich seinen Rücktritt als Chef des nationalen Netzbetreibers bekannt. Nicht nur die Tagungsteilnehmer waren baff. Auch die Geschäftsleitungsmitglieder der Swissgrid wurden vom Chefwechsel in Laufenburg überrascht.

Polarisieren wie kein Zweiter

Grafs Abgang gibt in der Strombranche zu reden. Der ehemalige Cisco-Manager, der Swissgrid seit 2008 führte, polarisierte wie kein Zweiter. Als visionären Macher, fachlich beschlagen und kommunikativ souverän beschreiben ihn die einen. Als unnahbar und unnachgiebig charakterisieren ihn die anderen.

Fest steht, dass Graf in seiner Rolle als Swissgrid-Chef zusehends zwischen Stuhl und Bank agierte.“Der Druck auf Pierre-Alain nahm von allen Seiten zu“, sagt einer, der ihn gut kennt. Auch wenn Swissgrid betont, Grafs Rücktritt nach sieben Amtsjahren sei aus freien Stücken erfolgt. Die politische Gemengelage wurde schwieriger, die unternehmerischen Freiheiten für den agilen Manager enger.

Nicht mit Vorstellungen gedeckt

So würdigt Urs Gasche, Präsident der gewichtigen Swissgrid-Aktionärin BKW, den abtretenden Swissgrid-Chef zwar als“sehr fähigen und unternehmerischen Mann“. Gasche betont zugleich aber auch, dass die Aktivitäten von Graf sich nicht in allen Punkten mit den Vorstellungen des Berner Stromkonzerns gedeckt hätten. Dem Swissgrid-Chef seien die Möglichkeiten, die der enge gesetzliche Rahmen für den nationalen Netzbetreiber vorsehe, zu restriktiv gewesen, meint Gasche:“Da hat man ein Rennross vor ein ‹Milchwägeli› gespannt. Das konnte nicht gut kommen.“ An einer Veranstaltung hat Gasche zudem den Eindruck gewonnen, dass Graf im gesamten Netz weitere koordinierende und regulierende Funktionen übernehmen wolle. Der zurückgetretene Swissgrid-Chef war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Markt gestalten oder verwalten

Ein Zankapfel war beispielsweise die Errichtung eines zentralen Big-Data-Hubs für Strom, der alle Markt-, Produktions- und Verbrauchsinformationen hätte bündeln sollen. Swissgrid verstand sich dabei als IT-Enabler und Cloud-Zudiener für alle Energieversorger gleichermassen. Der Umarmungsversuch stiess den Stromern jedoch sauer auf. Sie wollen ihre Big-Data-Ströme selber analysieren und monetarisieren.

Keine Freunde machte sich der Swissgrid-Chef auch mit seiner aktiven Rolle bei der künftigen Marktgestaltung. Dieses sogenannte Marketdesign soll unter anderem ein effizientes Netz gewährleisten, wenn dereinst Sonne und Wind im grossen Stil zur Stromversorgung beitragen. Doch die visionären Vorarbeiten stiessen bei den Aktionären des Netzbetreibers auf Ablehnung.

Latenter Frust

Swissgrid muss die Märkte abwickeln und sie nicht mitgestalten“, bringt ein Verbandsvertreter die Branchenhaltung auf den Punkt. Dabei schwingt auch der latente Frust darüber mit, dass sich die Überlandwerke mit der Gründung der Swissgrid und der Überführung des Hochspannungsnetzes in die nationale Netzgesellschaft enteignet und zu“Zwangsaktionären“ ohne Durchgriffsrechte rückgestuft sahen. Schliesslich sind die sogenannt“unabhängigen“ Verwaltungsräte bei der Swissgrid in der Mehrheit. BKW-Präsident Gasche spricht denn auch von einer“Fehlkonstruktion“:“Entweder hat die Stromwirtschaft die Verantwortung, das Sagen, die Kosten und Nutzen. Oder sonst übernimmt der Bund diese Aufgabe. Dann soll man uns auszahlen.“

Doch von solch einer“sauberen Lösung“ ist man meilenweit entfernt. Zwar wollte CEO Graf dezidiert das Swissgrid-Aktionariat öffnen und insitutionelle Investoren wie Pensionskassen als gewichtige Aktionäre hereinholen. Gar einen Börsengang hat Graf einst öffentlich andiskutiert.

Juristisches Dickicht

Ein Reglementewall verhindert jedoch kategorisch eine Transformation der Eignerschaft. Das juristische Dickicht besteht aus einem nichtöffentlichen Aktionärsbindungsvertrag zwischen den Swissgrid-Gründern, der offenbar demnächst ausläuft, den Firmenstatuten sowie dem Stromversorgungsgesetz. Es ist ein schwammiges Gesetz, an dem seinerzeit Carlo Schmid mitarbeitete, der heute den Elektrizitäts-Regulator Elcom präsidiert.

Alle drei Dokumente widersprechen sich offenbar materiell oder bieten Spielraum zur Interpretation. Dies führt dazu, dass sich BKW und die Westschweizer Kantone juristisch in den Haaren liegen, wer denn nun das Swissgrid-Aktienpaket der Alpiq übernehmen darf. Der Einfluss der Branche auf den nationalen Netzbetreiber ist somit gleich mehrfach stipuliert.

Für einen marktorientierten CEO wie Graf bedeutete dies einen steten Kampf mit den eigenen Aktionären und einem trägen Regulator. So setzte der Swissgrid-Chef in seiner Amtszeit Hunderte Millionen Franken an Wohlfahrtsgewinnen frei, indem er einen Markt für den Unterhalt des Höchstspannungsnetzes schuf. Nachdem die Stromversorger Jahrzehnte Monopolrenten hatten abschöpfen können, mussten sie sich nun als Dienstleister bewähren. Dies sorgte verständlicherweise für wenig Begeisterung.

Sorge um Restanzen

Die Sorge in der Branche ging gar um, dass Swissgrid – wie umliegende europäische Netzbetreiber – den Einflussbereich auf tiefere Spannungsebenen ausdehen könnte.“Auf den unteren Netzebenen liegen ebenfalls Einsparungen im dreistelligen Millionenbereich drin“, sagt ein Kenner der Materie. Die Swissgrid-Antipathie der Branche ist deshalb auch die Angst vor dem Verlust weiterer Monopolrestanzen.

Mit dem überraschenden Rücktritt Grafs beginnt nun hinter den Kulissen der Richtungsstreit um die künftige Rolle der Swissgrid und ihres obersten Chefs. Der Verwaltungsrat wird in seiner nächsten Sitzung ein Stellenprofil für den neuen CEO erarbeiten.“Es droht die Rückstufung zum reinen Mastenverwalter“, sagt ein Insider. Mit der Ernennung von Yves Zumwald zum Interimschef scheint dieser Weg vorgezeichnet. Der Romand ist ausgewiesener Branchen- und Fachmann. Als studierter Elektroingenieur blickt er auf eine langjährige Karriere in der Schweizer Stromwirtschaft zurück. Zumwald soll das disparate Netz der Überlandwerke operativ in der Swissgrid konsolidieren.

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Die staatliche Giesskanne

Energiestrategie 2050 Der Furor nach Fukushima ist verflogen, der Aufschrei nach dem atomaren Super-GAU verhallt. Die grosse energiewirtschaftliche Volte verkommt nun zur realpolitischen Verrenkung. Das vermeintliche“Jahrhundertprojekt“ – die Energiestrategie 2050 – mutiert dabei zur behördlich orchestrierten Mischung aus Plan- und Klientelwirtschaft. Der Kuhhandel feiert in Bundesbern Urständ.

Ob Subventionierung der Wasserkraft, AKW-Laufzeitbeschränkung, KEV-Erhöhung oder Ausnahmen für energieintensive Industrien – kein Stromdeal scheint zu dreckig, um die Subventionspfründen der jeweiligen Branche zu sichern. Egal, ob es sich um Cleantech-Lobbyisten oder Stromkonzern-Vertreter handelt, vor den Futtertrögen der Bundesverwaltung sind alle gleich. Selbst liberale Kräfte streifen dann ihre Gesinnung mühelos ab und der alpine oder der mittelländische Herkunftskanton wird plötzlich wichtiger als das Parteibüchlein.

Die letzte Geige in der Kakofonie der Partikularinteressen

In diesem Politpoker gibt es nur einen Verlierer: Es ist der freie Markt. Und mit ihm der Endkonsument, der in der Berner Kakofonie der Partikularinteressen die letzte Geige spielt. Seit bald zwei Jahren müssten nämlich die privaten Haushalte ihren Stromanbieter frei wählen und dabei von tiefen Elektrizitätstarifen profitieren können. So sah es zumindest das Parlament 2007 vor, als es die zweistufige Marktöffnung verabschiedete. Doch statt konsequent auf Wettbewerbskräfte zu vertrauen, hält man den Endverbraucher im Monopol gefangen und tritt bei der Marktöffnung dermassen auf die Bremse, dass die Funken sprühen.

Disruptive Kraft

Aus Eignersicht verständlich, schliesslich ist die Stromwelt eine fundamental andere als 2007. Die disruptive Kraft der erneuerbaren Energien, welche zu null Grenzkosten Windoder Sonnenstrom produzieren, hat zu einem beispiellosen Preiszerfall geführt. Dieser Vorgang ist keine zyklische Episode, sondern ein struktureller Technologiebruch, der die Geschäftsmodelle der Stromkonzerne in öffentlicher Hand reihum kollabieren lässt. Die Abschreibungswelle auf klassischen Kraftwerken ist Ausdruck davon und hat Volksvermögen in Milliardenhöhe vernichtet. Angesichts der Dimensionen mutet die politische Problemlösung einfältig an: Das Giesskannenprinzip wird ausgeweitet. Der warme Subventionsregen geht nun auch über klassischen Stromerzeugungsarten nieder. Das ist nicht nur ordnungspolitisch falsch, sondern offenbart den Geburtsfehler der Energiestrategie.

Eigentümerschaft der öffentlichen Hand auf den Prüfstand stellen

Der Technologiewandel lässt sich eben nicht staatlich verordnen, ohne dass es zu Fehlallokationen kommt. Statt dirigistisch aufs Gesamtsystem einzuwirken, sollte die öffentliche Hand ihre Eigentümerschaft auf den Prüfstand stellen. In der neuen Stromwelt ist die staatliche Rolle nämlich eine andere – mehr die des Schiedsrichters denn des Marktakteurs. Doch an derlei Grundsätzliches wagt sich kein Politiker vor der Wahl. Es regiert die Hoffnung auf bald wieder sprudelnde Stromdividenden. In der Zwischenzeit schröpft man die Endkonsumenten.