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Ruedi Noser fordert dritte Säule für Firmen

Corona-Krise Viele Firmen sind schwach kapitalisiert, das hat die Corona-Krise deutlich gezeigt. Nun fordert die Politik Massnahmen.

Die Corona-Krise legt nicht nur im Gesundheitswesen Schwachstellen offen. Auch in der Wirtschaft: Um das Eigenmittelpolster sei es bei kleineren Betrieben eher dünn bestellt, sagt FDP-Ständerat Ruedi Noser. Die Widerstandsfähigkeit der Firmen gelte es deshalb für eine nächste Krise zu stärken. Er bringt ein Instrument ins Spiel, dass es bis zur Unternehmenssteuerreform II vor zehn Jahren gab: die Arbeitsbeschaffungsreserven.

«Das ist eine Art Dritte-Säule-Konto für Unternehmen, mit dem es steuerlich doppelt attraktiv wird, Eigenkapital zu äufnen», sagt Noser. Die Firmen könnten freiwillig Einlagen auf ein Sperrkonto beim Bund machen. Die Reservepolster seien als geschäftsmässige Unkosten abzugsfähig von den Steuern. Bahnt sich eine Wirtschaftskrise an, kann der Bund, in Absprache mit Kantonen und Verbänden, die Reserven in den Betrieben freigeben. Damit soll deren Leistungsfähigkeit gestärkt werden. Die Reserven könnten betriebliche Krisenmassnahmen decken, von der Exportförderung bis zur Weiterbildung. Sie wären als Geschäftsaufwand erneut abzugsfähig. Mit dem doppelten Steueranreiz hofft Noser, dass die Firmen ihre Reserven stärken.

Abzug bei direkten Bundessteuern

Die Debatte ums Eigenkapitalpolster von Firmen ist lanciert. Bereits an der Sondersession Anfang Monat in Bern konstatierte FDP-Fraktionspräsident Beat Walti: «Es braucht wenig. Es braucht einige Wochen Lockdown – und viele Unternehmen stehen am wirtschaftlichen Abgrund.» Es sei deshalb wichtig, die Widerstandskraft der Unternehmen so zu stärken, «dass es bei einer nächsten Krise nicht wieder nötig werde, sofort flächendeckend und in massivstem Umfang die helfende Hand des Staates auszustrecken». Parteipräsidentin Petra Gössi doppelte auf «Radio SRF» nach und sprach von «unzähligen Unternehmungen, die bei einem Umsatzrückgang nicht mal die Löhne eines Monats sichern könnten». Die FDP lancierte nun eine Motion, welche bei den direkten Bundessteuern die Abzugsfähigkeit der Eigenkapitalkosten verlangt, wie es einst bei der gescheiterten zinsbereinigten Gewinnsteuer vorgesehen war. Abzüge sind bisher nur auf dem Fremdkapital möglich. Schulden machen ist demnach steuerlich begünstigt.

Wenig Verständnis für diese Forderung hat SP-Nationalrätin und Unternehmerin Jacqueline Badran. Sie sei «unverschämt und ein Witz», sagt sie. «Da rennen wir bei den grossen Firmen von einer Kapitalrückzahlung zur anderen und schütten Gewinn über Dividenden aus – und jetzt kommen die wieder mit der Zinsbereinigten?» Für Badran ist klar, dass hinter dem FDP-Anliegen die Interessen der Finanzierungsgesellschaften stehen, die in der Schweiz von tiefen Steuerquoten profitierten. Deren Steuersätze wurden mit der letzten Reform aber angehoben. Überhaupt sei das Steuerthema nur vorgeschoben. Treiber der tiefen Eigenkapitalquoten, so Badran, seien die hohen Renditeerwartungen der Anleger auf dem Eigenkapital, was zu stark gehebelten Bilanzen führe. «Das auch noch über Steuerrabatte zu subventionieren, ist ein No-Go.» Wenn, dann müsse man die Eigenkapitalfrage über eine verbindliche Mindestquote lösen. So wie bei den Banken.

Höhere Eigenkapitalrendite

Unterstützung erhält SP-Frau Badran von Daniel Rupli, Leiter Aktien- und Obligationen-Research der Credit Suisse. Dass versucht werde, Steuersenkungen durchzusetzen, sei nachvollziehbar. «Natürlich haben die Steuern auch einen Einfluss darauf, wie viele Reserven ein Unternehmen aufbauen kann. Ein Steuerabzug auf das Eigenkapital ist aber sicher nicht der starke Treiber.»

Bei grossen Unternehmen seien die Eigenkapitalquoten in den vergangenen Jahren gesunken, sagt Rupli. «Das konnte man durchs Band feststellen.» Ein Grund dafür seien Renditeüberlegungen. Tiefere Eigenkapitalquoten bedeuteten automatisch höhere Eigenkapitalrenditen, da die Kosten auf dem Fremdkapital tiefer seien als auf dem Eigenkapital. «Durch die fallenden Zinsen wurde dieser Effekt noch verschärft.»

Viele Firmen hätten bewusst tiefere Kreditratings in Kauf genommen, weil sich für sie der Aufwand einer hohen Kapitalisierung nicht lohne. Gleichzeitig seien Anleihen von Firmen mit tieferen Ratings von Investoren gesucht, da Triple-A-Papiere kaum noch Rendite abwerfen. Rupli sieht in der Eigenkapitalquote kein generelles Indiz für die Krisenresistenz. «Wie viel Eigenmittel ein Unternehmen braucht, ist auch stark von der Branche abhängig. Ein generelles Minimum macht da wenig Sinn.» Viel entscheidender sei das Geschäftsmodell eines Unternehmens. «2009 konnte man beobachten, wie gut kapitalisierte Unternehmen sehr schnell Probleme bekamen, weil sie einen Grossteil der Umsätze mit dem stark betroffenen asiatischen Raum realisierten. Da trennte sich die Spreu vom Weizen.»

Historischer Erfolg

Auch Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann warnt davor, zu stark über Ausschüttungsvorschriften oder Nachschusspflichten einzugreifen. Die Trennung von Unternehmen und Investor mache gerade den historischen Erfolg der Kapitalgesellschaften aus. Deshalb hätten sich diese auch weltweit durchgesetzt. Grosse Projekte seien oft nur dank Aktiengesellschaften realisiert worden. «Die Kapitalgesellschaften sind ein Erfolgsrezept. Gerade weil der unternehmerische Erfolg von der Haftung des Investors entkoppelt ist.» Oder wie es SP-Nationalrätin Badran zähneknirschend zusammenfasst: «Die Aktionäre haben nur Rechte, aber keine Pflichten.»

Anders als Badran hegt Straumann Sympathien für einen steuerlichen Abzug der Eigenkapitalkosten. Der Staat sende heute widersprüchliche Signale aus. «Einerseits will man, dass die Firmen mehr Eigenkapital halten. Anderseits gibt man ihnen einen steuerlichen Anreiz, sich über Fremdkapital zu verschulden.» Wenn man höhere Eigenkapitalquoten wolle, müsse man erst mal diese Ungleichheit beseitigen.

Keine Vollkasko-Mentalität

GLP-Präsident Jürg Grossen macht ebenfalls Fehlanreize aus: «In der Steuerpraxis versucht man möglichst, stille Reserven zu unterbinden, was zulasten der Liquiditätshaltung geht.» So zwinge man Firmen dazu, Gewinne umfassend auszuschütten. Die Konsequenz sei aber, so Grossen, dass das Eigenmittelpolster knapp bleibe. Er fordert deshalb, dass die Resilienz der Firmen im Hinblick auf eine neuerliche Krise zu erhöhen sei. «Die Politik muss jetzt tragfähige Lösungen entwickeln, damit Firmen widerstandsfähiger werden.»

Zwar anerkennt auch SVP-Nationalrat Franz Grütter, dass es in margenarmen Branchen wie der Gastronomie oder dem Baugewerbe heute kaum möglich sei, Eigenmittelpolster aufzubauen. «Aber deshalb die Eigenkapitalvorschriften von Staates wegen zu verschärfen, halte ich für ordnungspolitisch falsch.» Zum Wesen einer Krise und der freien Marktwirtschaft gehöre, dass es zu Strukturbereinigungen komme. «Jene Vollkasko-Mentalität, die um jeden Preis Firmenkonkurse verhindern will, lehne ich ab.» Zumal der Staat in der Corona-Krise bereits mit Massnahmen wie Kurzarbeitsentschädigung und Covid-19-Krediten die grössten wirtschaftlichen Verwerfungen abgefedert habe. Den Vergleich zu den Banken, die im Nachgang zur Finanzkrise ihre Eigenmittel staatlich verordnet erhöhen mussten, hält Grüter nicht für statthaft. «Banken sind systemrelevant, manche von ihnen gar too big to fail. Restaurants oder Coiffeursalons sind es nicht.»

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Jürg Sommer – Die Welle brechen

Jürg Sommer Der 59-Jährige leitet im Krisenstab Basel-Landschaft die Gesundheit. Die Corona-Pandemie verlangt ihm und seinem Team alles ab.

Sommers Whatsapp-Nachricht kommt kurz vor unserem Telefonat um acht Uhr abends. Er sei gerade aus dem Büro heimgekommen und müsse noch rasch etwas essen. Fünf Minuten später? Nach einem Glas Wasser und einem Salami-Sandwich ist Jürg Sommer parat. Der 59-jährige Biochemiker leitet seit fünf Jahren das Amt für Gesundheit im Kanton Basel-Landschaft. In dieser Funktion ist er Mitglied des kantonalen Krisenstabs, der Mitte Februar wegen der Corona-Pandemie aktiviert wurde. Die Situation sei schon sehr speziell, sagt Sommer. Im Gegensatz zu Grippe oder Masern handle es sich bei Corona noch um einen ziemlich unbekannten Feind. Ein Stressfaktor. «Sich ans Schema F des Pandemie-Handbuchs zu klammern, nützt da wenig.» Man müsse flexibel bleiben, möglichst breit und vernetzt denken. Konkret: Zwischen Schönenbuch und Ammel bekämpfen die Kantonsspitäler Seite an Seite mit der Armee und logistisch unterstützt von Privatkliniken die Pandemiefolgen. Die Koordination der Massnahmen ist Sommers Einsatz zu verdanken, der mit seinem Team in den Wochen seit dem Corona-Ausbruch praktisch durchgearbeitet hat.

Keine Epidemie schrieben die Behörden

Wie die meisten hat auch der ehemalige Roche-Manager Anfang Jahr erstmals vom Virus aus den Medien erfahren. Da schien die Seuche ein Problem im Fernen Osten zu sein, 8500 Kilometer von der Schweiz entfernt. «Ich bin erstaunt, wie rasch sich das Virus über den Globus ausgebreitet hat», sagt Sommer. Nur einige Wochen nach den ersten Berichten über eine «mysteriöse Lungenkrankheit in Zentralchina» war Corona bereits im Baselbiet virulent: Ein 23-jähriger Mann, zuvor in Mailand, wurde positiv auf Covid-19 getestet. «Auch mit einem laborbestätigten Fall im Kanton Basel-Landschaft ist keine Epidemie ausgebrochen», schrieben die Behörden damals.

Eine Fehldiagnose, wie sich bald herausstellen sollte. Schon ab Mitte Februar hatte sich der kantonsärztliche Dienst auf ein Contact Tracing vorbereitet. Alle, die mit einem Corona-Infizierten in Kontakt waren, sollten ausfindig gemacht werden. Ihnen waren 14 Tage Quarantäne zu verordnen. Dazu zog Sommer einen Pikettdienst auf. Was folgte, waren lange Telefonnächte für ihn und sein Team: Von den Erkrankten erhielten sie eine Liste mit Nummern von Kontaktpersonen, die sie reihum so rasch als möglich abtelefonierten. «Das waren zum Teil schwierige Gespräche. Die Leute wussten nicht, wie ihnen geschah. Sie hatten Angst wegen ihrer Gesundheit, aber auch wegen des Arbeitsausfalls.»

Tiefschlag für den Fasnächtler Jürg Sommer

Die Hoffnung war, mit dem Contact Tracing die Infektionsherde einzudämmen. Eine Hoffnung, die sich rasch zerschlagen habe, wie Sommer erklärt: «Das Virus verbreitet sich sehr aggressiv.» So gewissenhaft der kantonsärztliche Dienst die Corona-Spur nachzuvollziehen suchte – die exponentielle Ausbreitung war nicht mehr zu stoppen. Nach etwa eineinhalb Wochen seien die Fallzahlen so hoch gewesen, dass es schlicht nicht mehr möglich war, alle Personen abzutelefonieren.

Übungsabbruch. Fortan galt es, die Infektionsraten wenigstens zu verlangsamen und die Pandemiefolgen ohne Überlastungssymptome zu prästieren. Ersteres bedeutete Eindämmung. Zunächst verboten die Behörden Veranstaltungen ab tausend Personen. Für die fasnachtsverrückten Basler und Baselbieter war dies ein Tiefschlag: Kein Chienbäse auf dem Land, kein Morgestraich in der Stadt. «Auch unsere dreissigköpfige Clique ‹E Hämpfeli Spootzinder› hatte sich seit Monaten auf die drei schönsten Tage vorbereitet», sagt der eingefleischte Fasnächtler Sommer. Statt mit seinem Piccolo durch die engen Gassen der Rheinstadt zu ziehen, begann für den Gesundheitsmanager ein Wettlauf gegen die Zeit: «Wir hatten grossen Respekt vor der Situation in Norditalien, wo Corona die Spitäler in kurzer Zeit überlastete. Auch mussten wir befürchten, dass wegen des Virus die Zahl der Hospitalisierten bei uns rasch ansteigen würde. Darunter auch schwere Fälle, die Intensivpflege benötigen.» Zusammen mit Ärzten und Experten entwickelte Sommer ein Covid-19-Konzept fürs Gesundheitssystem. Basis waren unter anderem Erste-Hand-Informationen aus Norditalien, wo die Seuche bereits grassierte. «Wir hatten direkte Kontakte nach Bergamo über Mitglieder der Ärztegesellschaft, die dort einmal gearbeitet hatten.» Eine zentrale Erkenntnis: Sind die Spitäler überlastet, erkranken auch Ärzte und Pfleger, weil die Hygienemassnahmen nicht mehr konsequent eingehalten werden können. Aus Pflegeeinrichtungen werden Virenschleudern.

Mit seinen Kollegen vom Krisenstab entwickelte Sommer deshalb eine Strategie, um das Pflegepersonal optimal zu schützen und gleichzeitig einen Kapazitätskollaps im Gesundheitswesen zu verhindern. Taktgeber war das Tessin. Der Südkanton lag im Seuchenverlauf nämlich etwa eine Woche vor der Deutschschweiz. «Die Belastung war gross, die Motivation aber auch», erinnert er sich an die aufreibende Organisationsphase.

Lichtblick in einer schwierigen Phase für Jürg Sommer

Nur zweieinhalb Wochen nach dem ersten laborbestätigten Fall hatte der Krisenstab ein Konzept parat: Das Kantonsspital Bruderholz wurde zum Covid-19-Referenzspital auserkoren, während sich andere Spitäler um die Basisgesundheitsversorgung zu kümmern hatten. «Der Vorteil ist, dass mit einem Referenzspital das Know-how im Umgang mit Corona gebündelt wird. Beispielsweise wenn schwer erkrankte Infizierte intubiert werden müssen. Umgekehrt wird das Ansteckungsrisiko in den übrigen Spitäler reduziert», sagt Sommer. Dies war auch der Leitgedanke hinter den Corona-Abklärungsstationen. Die eine wurde in einer Mehrzweckhalle, die andere in einem Kultur- und Sportzentrum eingerichtet. Beide Stationen sind praktisch rund um die Uhr geöffnet. Wer Symptome hat, darf sich nur dort abklären lassen, und nicht in einer Praxis oder einem Spital. «In den geräumigen Abklärungsstationen lassen sich die Abstandsregeln nämlich viel besser einhalten», so Sommer, der am Eröffnungstag Mitte März jene Station in Münchenstein besuchte. Morgens um sieben Uhr sei es noch kalt gewesen in der Halle. Geduldig hätten die Freiwilligen gewartet, um sich für den Test-Dienst einweisen zu lassen. «Da wurde mir bewusst: Wir haben etwas geschafft, es wird funktionieren.» Ein Lichtblick in einer schwierigen Phase.

Und schliesslich wurden auch noch mehrere mobile Equipen gebildet. Sie testen meist ältere Menschen, die nicht in die Stationen kommen können, zu Hause auf Covid-19. Ein Hygienefachmann macht zusammen mit einer Praxisassistentin die Abstriche vor Ort. «Am Anfang sind wir bis 23 Uhr ausgerückt. Doch eine Equipe in Vollmontur-Schutzkleidung im Halbdunkel, das hat die Leute verschreckt.» Inzwischen ist früher Feierabend. Auch weil der prognostizierte Peak sich zu einem Plateau abgeflacht hat. Zeit auch für Gesundheitsmanager Sommer, ein wenig durchzuatmen. Für ihn überwiegt das Positive: In der Not werde vieles möglich, die Hilfsbereitschaft sei enorm. «All diese Teambildungsquerelen, die es in normalen Zeiten gibt, die haben glatt wir übersprungen.» Der Kampf gegen Corona schweisst eben zusammen.

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Corona-Krise: In der Kreditklemme

Corona-Krise Auch grössere Firmen stecken in Finanznöten. Banken scheuen die Kreditrisiken – trotz Teilgarantie des Bundes. Derweil friert der Kapitalmarkt ein.

John Feigl ist ein erfahrener Kreditberater. Er sorgt sich: Ihm seien grössere Unternehmen bekannt, die bislang keine Covid-Plus-Kredite erhalten hätten. Bei diesen handelt es sich um jene Nothilfedarlehen zwischen 0,5 und 20 Millionen Franken, bei denen der Bund zu 85 und die Banken zu 15 Prozent garantieren. Die Firmen seien vertröstet worden mit Verweis auf eine eingehende Bonitätsprüfung.

Für den Partner der Basler Beratungsfirma Pilfor greift das Vertrösten zu kurz. Schwierig werde es vor allem, wenn ein Unternehmen bei seiner Bank bereits einen Kredit habe. Weil die zusätzliche Verschuldung über das Covid-Darlehen die Bonität des Kunden verschlechtern kann, mindert sich aus Sicht der Bank die Bonität des bestehenden Kredits. Entsprechend müsse sie mehr Eigenmittel unterlegen, sagt Feigl. Hinzu kommt, dass die trüben Wirtschaftsaussichten Druck auf die Kreditratings der Firmen ausüben. Feigl kommt zum Schluss: «Der Covid-Plus-Zins reflektiert dann das Risiko in den allermeisten Fällen nicht.»

Dividendenverbot in der Corona-Krise

Feigls Anekdote deckt sich mit den Recherchen der «Handelszeitung». Sie zeigen, dass die Banken bislang kaum Covid-Plus-Kredite ausbezahlt haben. Die zehn grössten Finanzinstitute kommen bloss auf 156 Millionen Franken. Dies im Gegensatz zu jenen 7,5 Milliarden Franken bei den kleinen Covid-Krediten, die der Bund zu 100 Prozent garantiert.

Ein Industrievertreter erklärt die geringe Covid-Plus-Summe nicht mit risikoscheuen Banken: Grössere Firmen würden sich unternehmerischen Manövrierspielraum bewahren wollen. So sehen die vom Bund garantierten Kredite unter anderem ein Dividendenverbot vor. Auch Banken nennen dies als Hauptgrund für bisher ausbleibende Darlehen.

Manuel Ammann, Wirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen, sagt, die Banken seien am Fortbestand der Kreditnehmer interessiert. Es sei jedoch verständlich, dass die Institute eine gewisse Zurückhaltung bei der Kreditvergabe üben würden. Auch er bestätigt: Verschlechtere sich das Kreditportfolio, brauche es mehr Eigenmittel und höhere Rückstellungen für spätere Zahlungsausfälle. Alles hänge nun davon ab, wie lange der Corona-Lockdown noch dauere. «Je länger, desto höher die Ausfallwahrscheinlichkeit, was auch Banken in die Bredouille bringen könnte.» Mehrere Banker bestätigen den Effekt der Verschuldung auf die Bonität. Verschlechtere sich das Kreditrating, könne das die Eigenmittelanforderungen verdoppeln oder gar verdreifachen, sagt einer.

Höhere Eigenmittelanforderungen


Dazu kommt: Viele Finanzinstitute wähnten ihre Kreditbücher zuletzt in einer Schönwetterperiode. «Wir waren jetzt in einem langen Zyklus ohne Wertberichtigungen», sagt ein leitender Banker. Einzelne Institute hätten sogar Kreditrückstellungen aufgelöst. Finanzberater Feigl plädiert dafür, dass der Bund auch die Covid-Plus-Kredite voll garantieren soll. Nur so sei gewährleistet, dass die Banken die Kredite tatsächlich rasch sprechen würden. Bei der Finanzmarktaufsicht spielt man den Ball an die Institute zurück. Bundesrat, Nationalbank und Finma hätten mit der Aufhebung des antizyklischen Kapitalpuffers und den Leverage-Ratio-Erleichterungen zusätzliches Eigenkapital freigespielt. «Wie die Banken nun ihren Spielraum nutzen, bleibt in ihrer Verantwortung.»

Eine Verantwortung, die auch die Finanzierung von Grossunternehmen umfasst. Brauchen Konzerne Kapital – und sei es nur, weil bisherige Kredite auslaufen –, genügen Covid-Plus-Kredite nicht. Sie könnten sich gemäss Herbert Kumbartzki, Finanzchef der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB), grundsätzlich über drei Quellen refinanzieren: Bankdarlehen, Konsortialdarlehen oder Anleihen am Markt. In der Vergangenheit seien alle drei Varianten günstig gewesen, die Banken hätten sich gegenseitig unterboten. «Doch das wird nun neu konfiguriert.»

Nicht nur bei Covid-Krediten gibt es Engpässe. Auch am Kapitalmarkt hat der Wind gedreht. «Die Risikozuschläge am Markt sind auf dasselbe Niveau wie 2008 angestiegen», sagt Kumbartzki. Im Falle seiner eigenen Bank stieg der Zuschlag von 16 auf 50 Basispunkte, also einen halben Prozentpunkt. «Auch bei soliden Firmen sehen wir Zuschläge von bis zu 180 Basispunkten. Es herrscht grosse Unsicherheit bezüglich der Zukunftsaussichten für die Weltwirtschaft.» Der für Firmenkunden zuständige Manager einer grossen Bank kommentiert: «Nach Jahren mit praktisch inexistenten Risikozuschlägen kehren wir jetzt wohl in die Normalität zurück.»

Heikel wird das für all jene Unternehmen, deren Anleihen auslaufen und jetzt erneuert werden müssen. In den Bereichen Industrie und Handel müssen in der Schweiz bis Ende Jahr gegen 5 Milliarden Franken abgelöst werden (siehe Tabelle).

Hoher Zuschlag bei Straumann


Gerade noch geklappt hat das bei Straumann, wo bald eine Anleihe über 200 Millionen Franken fällig wird. Ende März während der Corona-Krise gab das Unternehmen bekannt, eine Obligation über 280 Millionen Franken platziert zu haben. Doch die Kosten waren hoch: Mit einem Coupon von 1 Prozent kommt Straumann in den Bereich der 180 Basispunkte über dem risikofreien Zins. Und das für eine nur drei Jahre laufende Anleihe. Inwiefern man Konditionen anpassen musste, um marktfähig zu sein, weiss der Sprecher nicht. «Es war gut, dass wir die überhaupt platzieren konnten.»

Kritisiert wird in diesem Zusammenhang auch die Geldpolitik der Nationalbank. Vor der Corona-Krise habe der Negativzins die Unternehmen ins Risiko gedrängt, indem die Liquiditätshaltung bewusst verteuert wurde, sagt Bankenprofessor Ammann. «Das rächt sich nun.» Und BLKB-Finanzchef Kumbartzki verweist auf zusätzlich verschärfende Entscheide der SNB: «Mit der Erhöhung der Freigrenzen auf Girokonten hat die SNB dem Geldmarkt keinen Gefallen getan.» Das habe dem Markt zusätzlich Liquidität entzogen.

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Corona-Krise: Grossbanken müssen Dividende stunden

Corona-Krise Bald arbeitet Ralph Hamers als UBS-Chef. Bereits im September wechselt er an die Zürcher Bahnhofstrasse. Zwei Monate später übernimmt er das Steuer von Langzeit-Chef Sergio Ermotti. Noch bis im Juni manövriert der Niederländer den Finanzkoloss ING durch den Corona-Sturm. Mit Bedacht: Man sei zwar gut kapitalisiert, schreibt Hamers an die Aktionäre, halte es aber für klug, der Empfehlung der europäischen Zentralbank EZB betreffend Dividendenzahlungen zu folgen. Das heisst: Hamers’ ING wird mindestens bis Anfang Oktober die Dividende stunden, um grösstmögliche finanzielle Flexibilität in der Pandemie-Krise zu haben.

Unbeeindruckt von der Corona-Krise zeigen sich UBS und CS


Der designierte UBS-Chef Hamers ist mit seinem Dividendenaufschub für ING-Eigner in bester Gesellschaft. Mittlerweile haben zahlreiche europäischen Grossbanken, von Unicredit über Santander bis hin zu HBSC und Nordea, ihre Ausschüttungen an Aktionäre fürs Geschäftsjahr 2019 entweder ganz ausgesetzt oder zumindest aufgeschoben.

Unbeeindruckt von den Corona-Risiken zeigen sich dagegen die beiden Schweizer Finanzkolosse: UBS und Credit Suisse. Deren Generalversammlungen finden Ende Monat statt. Die Einladungen sind verschickt. Und sie versprechen attraktive Returns für Bankaktionäre: Die UBS will 2,6 Milliarden Dollar verteilen. Dies entspricht 60 Prozent des Reingewinns. Bei der Credit Suisse sind es 20 Prozent oder 680 Millionen Franken. Zudem hat die ehemalige Kreditanstalt in diesem Jahr bereits eigene Aktien im Wert von 325 Millionen Franken zurückgekauft.

Der sorglose Dividendensegen ist dem Bundesrat, der Nationalbank und der Finanzmarktaufsicht ein Dorn im Auge. Sie alle hatten im Zuge der Corona-Nothilfen an die Bankspitzen appelliert, ihre Ausschüttung freiwillig zu beschränken oder zu verschieben. Sich seine Kapitalstärke zu erhalten, sei kein Zeichen von Schwäche, mahnte Finma-Chef Mark Branson.

UBS und CS sollten die Mahnung ernst nehmen und ihre Dividenden stunden. Zu unberechenbar ist die Corona-Pandemie. Niemand weiss, wie die Welt in drei oder sechs Monaten aussehen wird. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass Geschäftsbanken ihre finanziellen Polster brauchen werden. Die Aussichten sind nämlich alles andere als rosig. In der Vermögensverwaltung sind Kundenvermögen wegen des Corona-Crashs zusammengeschmolzen, was die Ertragsbasis schmälert. Das Kapitalmarktgeschäft befindet sich in Schockstarre, weshalb das Investment Banking im Moment bloss ein grosser Kostenblock ist. Und auf Unternehmenskredite drohen Ausfälle. In welchem Umfang ist heute noch völlig ungewiss.

Binsenweisheiten sollten auch am Paradeplatz gelten

Sollte sich beispielsweise die Zahlungsmoral der Amerikaner verschlechtern, könnte dies zu substanziellen Verlusten bei UBS und CS führen. Beide zusammen halten gemäss SNB über 60 Milliarden Franken an ungedeckten Krediten in den USA. Darum: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Diese Binsenweisheit sollte auch am Paradeplatz gelten.

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Covid-19-Kredite – Maurers Medizin

Covid-19-Kredite Die Banken schütten derzeit Milliarden aus. Das Geld hilft den KMU durch die Pandemie. Doch als Nebenwirkung droht später die Schuldenfalle.

Achim Strohmeier blickt auf intensive Tage zurück. «Am vergangenen Donnerstag war das gefühlt wie im Ausverkauf. Als die Formulare für die Covid-19-Kredite aufgeschaltet wurden, brachen die Anträge über uns herein», so der Kreditkunden-Chef Nordwestschweiz der Bank Cler. «Es meldeten sich Kunden aus allen Branchen: von der Gastronomie bis zu Freiberuflern aus dem Dienstleistungssektor.» Strohmeier und sein Team hatten eine knappe Woche Zeit, sich darauf vorzubereiten. Automatische Abläufe, Online-Schulungen und Merkblätter sollten sicherstellen, dass alle Kredite schnell abgewickelt werden können. Vieles läuft automatisch. «Nur dort, wo Dinge unklar sind, kontaktieren wir die Kunden.»

Auch bei der Zürcher Bank Avera herrscht Hochbetrieb: «Wir sind überrascht worden von der starken Nachfrage», sagt Chef Rolf Zaugg. Das Team von 15 Kreditbearbeitenden, alle im Homeoffice, habe bislang rund 10 Millionen Franken gesprochen. «Ein Teil behandelt den Krediteingang und macht eine erste Grobprüfung. Der andere kontrolliert, ob die Kriterien eingehalten werden, und plausibilisiert kurz das Gesuch.» Etwa eine Dreiviertelstunde dauert die Kreditprozedur.

Hohe Kreditnachfrage

So wie diesen zwei Bankern erging es in den letzten Tagen vielen Angestellten in der Finanzindustrie. Bis Dienstagabend bewilligten die zehn grössten Banken gemäss einer Umfrage der «Handelszeitung» rund 44 000 Kredite mit einer Summe von 5,4 Milliarden Franken. Allein die beiden Grossbanken wickelten Kredite von 2,8 Milliarden Franken ab. 20 Milliarden Franken budgetiert der Bundesrat für das staatlich garantierte Kreditprogramm. «Angesichts der hohen Kreditnachfrage ist für uns offen, ob die Bundesgarantien bis Ende Juli reichen werden», so Avera-Chef Zaugg. Denn von den Anträgen für grosse Kredite über einer halben Million Franken sind erst wenige bearbeitet worden. Der Bundesrat hat denn auch bereits angekündigt, das Budget zu erhöhen.

Die grossen Tickets kommen noch. Auch bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). «Die durchschnittliche Kreditsumme beträgt derzeit rund 100 000 Franken», sagt Firmenkunden-Leiter Jürg Bühlmann. Er macht über alle Branchen hinweg ein Bedürfnis nach Covid-19-Krediten aus: «Der Zweck ist klar: Liquiditätsengpässe aufgrund von Umsatzeinbrüchen decken.» Wobei zurzeit von der Menge und vom Volumen her die kleinen Unternehmen überwiegen. Kleine, die kaum Erfahrung mit Firmenkrediten haben. Bei der Bank Avera waren von 130 Kreditnehmern 95 Prozent Kunden, die zuvor gar keine Kredite hatten.

Jedes vierte Covid-19-Gesuch abgelehnt

Viele Gewerbler betreten Neuland: Die ZKB muss derzeit jedes vierte Kreditgesuch im ersten Durchgang ablehnen. «In der Regel, weil das Kreditformular nicht ordnungsgemäss ausgefüllt wurde», so Bühlmann. Die Anträge für Covid-19-Kredite bis 500 0000 Franken basieren auf einer Selbstdeklaration. Die Banken plausibilisieren die Gesuche lediglich.

Keine einfache Angelegenheit. Vor allem, wenn das Unternehmen nicht direkt mit einem Pandemie-bedingten Betriebsverbot belegt wurde. Der grösste Teil der Kreditnehmer sei sekundär oder tertiär tangiert, sagt Stefan Wälchli, Chef der Clientis Bank Oberaargau. Zum Beispiel Vorlieferanten wie Metzgereien, Bäckereien oder andere Zulieferbetriebe, die durch das Restaurationsverbot einen Auftragseinbruch erleiden. Oder Immobiliengesellschaften, die durch Mietzins-Bundesrat Stundungen in Liquiditätsengpässen stecken. In solchen Branchen sei der Plausibitätscheck schwierig, sagt Wälchli: «Was sind Corona-bedingte Einbrüche und was nicht?»

Verboten sind Investitionen

Das Covid-19-Programm wird das Firmenkundengeschäft jedenfalls nachhaltig verändern. Zwar wurden die Darlehen als vorübergehende Nothilfe angekündigt. Auch gab sich der Bund Mühe, die Verwendung der Gelder auf die Liquiditätssicherung zu beschränken. Verboten sind Investitionen, die nichts mit den aktuellen Umsatzeinbrüchen zu tun haben.

Doch bereits vereinbarte, ordentliche Amortisationen normaler Kredite sind zulässig. Damit dürfte in mittlerer Frist kaum zu verhindern sein, dass aus klassischen Bankkrediten staatlich abgesicherte Darlehen werden. «Geld ist Geld, und das fliesst», konstatiert Wirtschaftsanwalt Urs Schenker. «Man wird kaum feststellen können, wenn einer mit dem Covid-19-Kredit ein Darlehen bei einer anderen Bank zurückbezahlt.» Auch SP-Nationalrätin Jacqueline Badran konstatiert: «Es gibt einen grossen Anreiz, mit diesem Geld normale Bankdarlehen zu ersetzen – für den Bankkunden und die Banken. Das ist so, und das muss man auch aussprechen.»

Stresstest kommt erst 2022

Ein erster Stresstest für die Werthaltigkeit der Covid-19-Kredite steht in zwei Jahren an. Dann nämlich endet die Übergangsphase, während der die neuen Kredite konkursrechtlich nicht den Schulden angerechnet werden müssen. Von einem Tag auf den anderen könnten viele KMU in die Insolvenz rutschen.

Bis dahin sollte zumindest klar sein, wie all die Kleingewerbebetriebe ihre Corona-Schulden abstottern werden. Derzeit herrscht auf Covid-19-Krediten eine Karenzfrist: «Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die Rückzahlungsmodalitäten mit den Kreditnehmern erst im nächsten Jahr zu vereinbaren, wenn eine verlässliche Liquiditätsplanung wieder möglich ist», sagt Avera-Chef Zaugg. Auch die Clientis Bank im Oberaargau wird die ordentliche Amortisation nicht vor 2021 starten.

Rückzahlung der Covid-19-Kredite

Bei Finanzminister Ueli Maurer herrscht derweil Zweckoptimismus: «Der Grossteil der Darlehen wird zurückbezahlt werden», sagte er jüngst im Radio SRF. Die Betriebe müssten, abzüglich der Lohnkosten, über die Kreditlaufzeit von fünf Jahren jährlich etwa «die Kosten eines halben Monats» zurückbezahlen. «Das müsste eigentlich zu machen sein.»

Anders tönt es an der Finanzierungsfront: «Da die Wertschöpfung in zahlreichen der betroffenen Branchen nicht sonderlich hoch ist, kann die Rückzahlung der Covid-19-Kredite eine grosse Herausforderung darstellen», so Clientis-Mann Wälchli. Und auch Avera-Chef Zaugg ergänzt: «Im Moment lässt sich nicht abschätzen, ob und wann die Firmen die Covid-19-Kredite zurückzahlen können. Oder ob wir eine Verschuldungssituation produzieren.»

Auch Politiker und Interessenvertreter warnen bereits heute vor der Schuldenfalle: Über die Covid-19-Darlehen würde man die Probleme einfach in die Zukunft verschieben. «Angesichts der angespannten Situation ist eine umgehende und gezielte Anpassung einiger Massnahmen notwendig», mahnt der Basler Gewerbedirektor Gabriel Barell. «Die Höhe der Entschädigung muss unabhängig von der Rechtsform des Unternehmens erfolgen». Auch SP-Politikerin Badran fordert eine Ausweitung der Anspruchsberechtigung auf Erwerbsersatz und einen Mietzinserlass für Gewerbler. «Die Alternative sind Massenkonkurse, Massenverschuldung oder ein Masseneintritt in die Sozialhilfe.»

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Corona-Krisen-Kredite: Der Zweck heiligt die Mittel

Corona-Krise Vor kurzem haben wir an dieser Stelle gefordert, der Bund müsse die Wirtschaft in der Corona-Krise retten. Das hat er inzwischen getan. Er hat einen Rettungsschirm für Pandemie-geplagte Betriebe aufgespannt. Mittels Überbrückungskrediten kommen nun Klein- und Kleinstunternehmer rasch an dringend benötigte Liquidität: Für Darlehen bis zu einer halben Million Franken genügt eine Selbstdeklaration mittels Fragebogen. Damit sind Löhne, Ladenmieten oder Lieferantenrechnungen für die Quarantänemonate abgesichert.

In einer akuten Krise wie Corona funktioniert das «Unternehmen Schweiz»


Dass der Bund zusammen mit den Banken innert weniger Tage ein solches Rettungspaket von bis zu 20 Milliarden Franken zu schnüren vermag, ist bemerkenswert. Allen Unkenrufen zum Trotz: In einer akuten Notlage funktioniert das «Unternehmen Schweiz». Die Kleinheit des Landes ist seine grosse Stärke: Die Gesprächskanäle zwischen Behördenspitzen und Wirtschaftsführern erweisen sich als offen, konstruktiv und effizient. Während im Normalbetrieb das tiefe Misstrauen zwischen Finanzwirtschaft und Politik propagiert wird. Wenn es wirklich brennt, rückt man zusammen. Selbstverständlich gibt es auch bei den jetzigen Notkrediten Stimmen, welche den Geschäftsbanken Eigennutz unterstellen. Natürlich: Die Kredithilfe für KMU ist auch eine Selbsthilfe der Banken. Denn wenn das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft bricht, dann fallieren auch die Finanzinstitute – und zwar reihenweise. Spätestens wenn die Corona-Krise den gigantischen Hypothekenmarkt erfassen würde. Doch wer kann das wirklich ernsthaft wollen?

Der geäusserte Verdacht, die Banken würden sich mit staatlich verbürgten Krediten gesundstossen wollen, ist absurd. Mit Zinssätzen zu null oder etwas darüber lassen sich die Administrativkosten decken. Aber Gewinnsprünge sind damit keine möglich. Vor allem wenn man bedenkt, dass Banken vor der Corona-Krise für Blankokredite an KMU 5 und mehr Prozente verlangten. Da generieren die Bundeskredite höchstens Brosamen.

Eine weitere unterstellte Schlaumeierei: Die Banken würden faule Kreditrisiken ins Staatsprogramm abschieben. Auch hier hat der Bund den Riegel geschoben: Die Banken sollen ihre bestehenden Kreditlinien an KMU-Kunden offen lassen und nicht umfinanzieren. Die Staatsdarlehen sind klar als Ergänzung gedacht, nicht als Ersatz.

Kredite haben in Krisen einen Verpflichtungscharakter

Was bereits heute klar ist: Jene Coiffeurläden, Fitnesscenter und Quartierbeizen, die sich wegen Corona zusätzlich verschulden, werden nicht all ihre Bundeskredite zurückzahlen können. Dafür sind vielerorts die Margen zu mager. Es wird Ausfälle geben. Aber im Gegensatz zu A-fonds-perdu-Beträgen haben Kredite einen Verpflichtungscharakter.

Der Zweck heiligt die Mittel: Der Bund schreibt lieber in einigen Jahren ein paar Kredite ab, als in Bälde die Folgen einer schweren Rezession finanzieren zu müssen.

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Corona-Notkredite: Protokoll einer Rettungsaktion

Corona-Krise Bund und Banken wollen die Unternehmen vor Zahlungsausfällen und Konkursen bewahren. So lief der Deal ab.

Letzten Sonntag um 11 Uhr Vormittags ging es um nichts weniger als die Rettung der KMU-Wirtschaft. An einer Telefonkonferenz unter Leitung von Finanzminister Ueli Maurer berieten Staatssekretärin Daniela Stoffel und Spitzenvertreter der Schweizer Banken über milliardenschwere Notfall-Überbrückungskredite für all jene KMU, die von der Corona-Krise schwer getroffen wurden.

Kurz zuvor, am Samstag um Punkt Mitternacht, verschickte das Finanzdepartement per E-Mail einen ersten Verordnungsentwurf samt Ausführungsbestimmungen an die Banken.

Alarmglocken aus der Realwirtschaft

Der Mitternachtsversand zeigt: Die Lage ist ernst, der Handlungsdruck hoch. Praktisch rund um die Uhr hatte eine 15-köpfige Arbeitsgruppe mit Spitzenvertretern des Bundes und der Banken in den Tagen zuvor daran gearbeitet, ein Rettungspaket zu schnüren. Denn die Alarmglocken aus der Realwirtschaft schrillen immer lauter.

«Wir stellen fest, dass unsere Firmenkunden ihre Kreditlimiten praktisch voll ausschöpfen», sagt der Chef einer grossen Bank mit Tausenden von Geschäftskunden. Da sei ihm klar geworden, dass eine nationale Lösung hermüsse. Das Resultat: Vom Bund verbürgte Überbrückungskredite in der Höhe von bis zu 20 Milliarden Franken. Sie bilden nebst der erweiterten Kurzarbeitsentschädigung der Eckpfeiler des grössten Konjunkturhilfe-Pakets in der Geschichte der Eidgenossenschaft.

«Im Prinzip stellen wir jetzt einfach einen Bankomaten auf, und jeder bekommt den PIN-Code», meint ein Banker lapidar. Er geht davon aus, dass 80 bis 85 Prozent der Anfragen von kleinen Firmen kommen, die eine sofortige Auszahlung erhalten. Bei solchen Beträgen bürgt der Bund vollständig. Die Auszahlung erfolgt sofort und ohne Bonitäts-Check. Im Nachhinein registriert das Beratungshaus PwC im Behördenauftrag alle Kredite.

Tempo vor Gründlichkeit

Das sei ein Tradeoff zwischen Gründlichkeit und Geschwindigkeit, sagt Kantonalbanken-Verbandsdirektor Hanspeter Hess: «Der Bundesrat hat sich klar auf die Seite der Geschwindigkeit gestellt.»

In der Notverordnung fallen auch ordnungspolitische Tabus wie das Kreditverbot für Postfinance: «Wir gehen davon aus, dass diese Überbrückungskredite über Kundengelder refinanzieren werden», sagt ein Sprecher. Angesichts der Tatsache, dass die Kredite eine Laufzeit von bis zu fünf Jahren haben, könnte Postfinance aus der Corona-Krise als vollwertige Bank hervorgehen.

Als Transmissionsriemen zwischen den vom Bund garantierten Krediten und den kapitalbedürftigen KMU dienen die Hausbanken. Landauf landab bereiten sich die Finanzhäuser nun auf einen Darlehensansturm vor. So auch die UBS. «Wir rechnen mit Tausenden von Kreditanfragen in den nächsten Tagen», schreibt Alain Conte, Leiter Corporate & Institutional Clients Schweiz, in einem internen Memo. Unter anderem weitet die Grossbank ihre Kreditkompetenzen in den Regionen aus und schult Kundenberater via Skype. Die Liquiditätssicherung der Kunden habe höchste Priorität.

Schliessen, um Personal zu gewinnen in der Corona-Krise

Auch die 235 Raiffeisen-Banken bereiten vor. Die drittgrösste Bankengruppe zählt über 200 000 KMU und Selbstständige als Kunden. Davon dürften schätzungsweise die Hälfte um Hilfe ersuchen.«Es gibt Raiffeisenbanken die Mitarbeitende von Geschäftsstellen, die aufgrund Corona-Pandemie vorsorglich geschlossen wurden, in der Kreditverarbeitung einsetzen», sagt Urs Gauch, Leiter Firmenkunden und Niederlassungen. Zugleich versuche man den Vergabeprozess mittels spezifischer IT-Lösungen zu beschleunigen, um die Vorgaben des Bundes zu erfüllen.

Die Überbrückungshilfen seien kein Bankgeschäft wie jedes anderen, sagt Gauch. «Wir wollen an den Krediten nichts verdienen, sondern unsere volkswirtschaftliche Verantwortung wahrnehmen.» Der Zinssatz sollte lediglich die Administrativkosten decken.

Es sei auch klar, dass die bestehenden Kreditlinien von Kunden offengelassen würden. «Die Bundeskredite lösen keine Bankkredite ab, sondern stellen eine zusätzliche Liquiditätsquelle dar.»

Angst vor «Moral Hazard»

Das Kreditprogramm ist zweigeteilt: In Darlehen bis zu einer halben Million Franken. Und in solche mit höheren Summen. Bei diesen grösseren Darlehen muss sich die Bank mit 15 Prozent am Risiko beteiligen. Der Kreditnehmer wird daher auch tiefergehend geprüft. Auf diese Weise können Darlehen von bis zu 20 Millionen Franken gesprochen werden. Allerdings ist die Kreditsumme auf zehn Prozent des Jahresumsatzes beschränkt.

Die Notverordnung definiert klare Bedingungen: Eine Firma muss bereits vor März 2020 bestanden haben und darf nicht in einem Konkursverfahren stecken. Auch darf sie nicht von anderen Corona-Massnahmen des Bundes profitieren. Vorschriften gibt es zudem zur Verwendung des Geldes, das nicht für Ausschüttungen an die Eigentümer, Darlehen an Gruppengesellschaften oder Rückzahlungen von anderen Darlehen verwendet werden darf. Auch soll das Geld nur den laufenden Betrieb finanzieren. Investitionen, die über einen Ersatz hinausgehen, sind nicht erlaubt.

Dennoch überschattet die Angst vor dem Moral Hazard den staatlichen Geldsegen: Wie kann verhindert werden, dass Firmen oder Banken von den Bundesgarantien profitieren, wenn gar kein berechtigter Fall vorliegt? Zu vermeiden gilt nicht nur, dass KMU die Gunst der Stunde für ein billiges Darlehen nutzen, an das sie ohne Sonderverordnung nicht gekommen wären. Sondern auch, dass Banken unliebsame Kreditrisiken zum Bund abschieben.

Generelle Sorgfaltspflicht beim Corona-Notkredit

Der Raum dafür besteht, denn bei den Darlehen bis zu 500’000 Franken müssen die Banken keine Kreditprüfung machen. «Für uns bedeutet das daher nicht viel Aufwand», sagt Herbert Kumbartzki, Finanzchef der Basellandschaftlichen Kantonalbank. «Natürlich plausibilisieren wir die Angaben, denn wir haben als Bank eine generelle Sorgfaltspflicht», sagt Kumbarzki. Den Polizisten muss er jedoch nicht spielen.

Die Missbrauchsvermeidung basiert auf einer Selbstdeklaration der Kunden. Sie müssen bestätigen, dass die Bedingungen erfüllt sind. Ansonsten machen sie sich der Urkundenfälschung strafbar. Den Überblick hat einzig PwC. Ein Sprecher bestätigt: «PwC Schweiz ist die zentrale administrative Stelle der Bürgschaftsgenossenschaften und leitet die von den Banken abgeschlossenen Kreditvereinbarungen (COVID-19-KREDIT) und Einzelbürgschaften für COVID-19-KREDIT-PLUS (Kreditantrag) an die zuständige Bürgschaftsgenossenschaft weiter.» Bei den Wirtschaftsprüfern landen also Kopien von jedem Kreditdossier. So soll sichergestellt werden, dass keine Darlehen doppelt gesprochen werden. Und so sollen Unregelmässigkeiten in den Anträgen auffallen.  Ob es funktioniert, wird sich erst noch zeigen müssen. Zeit dafür ist genug.

Richtig und wichtig

Das Vergabe-Schema kommt gut an. Für Bankenprofessor Marc Chesney von der Uni Zürich ist es «richtig und wichtig». Ansonsten drohe einem grossen Teil der KMU der Konkurs, sagt er. «In einer solchen Notlage geht es darum, Vertrauen in eine funktionsfähige Wirtschaft wiederherzustellen.» Dafür ist die Geldspritze gegen die Corona gedacht.

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Corona-Krise: KMU leiden unter dem Shutdown

Corona-Krise Der Shutdown des öffentlichen Lebens trifft die Binnenwirtschaft ins Mark. Die KMU leiden.

Am Spalenberg in der Basler Innenstadt reihen sich Boutiquen und kleine Läden aneinander. Normalerweise geben sich hier Kundinnen und Kunden die Klinke in die Hand. Doch jetzt ist weit und breit kein Passant, keine Passantin zu sehen. Seit Dienstag haben die meisten Geschäfte Zwangsferien. To­bias Dettwiler steht als einer der wenigen Händler noch in seinem Laden – hinter verschlossenen Türen.

«Die Anordnung war ein Schock», sagt er. Zwar hat der Kleinunternehmer seit Ende vergangener Woche geahnt, dass so etwas kommen würde. «Aber nicht, dass es so schnell geht.» Zwei Läden für Kleider und Accessoires führen er und seine Partnerin unter dem Label «Feinfracht», zwei Angestellte haben sie. Nun versucht er, sich anzupassen. Etwa mit dem Ausbau des Online-Kanals. Ein bis zwei Monate könne er so wohl überleben, dann werde es eng, sagt Dettwiler.

Auch Alexandra Dill ist auf den Beinen. Sie führt die «Markthalle», einen Food-Court mit rund 25 Essständen und 10 Läden. Ihre 50 Angestellten in der Waschküche und im Backoffice hat sie bereits zur Kurzarbeit angemeldet. «Selbst wenn wir noch was verkaufen könnten: Es kommt ja niemand mehr.»

Viele KMU hat der bundesrätliche Shutdown auf dem falschen Fuss erwischt. Von einem Tag auf den anderen brechen ihnen die Einnahmen komplett weg. «Das ist existenziell», sagt der Basler Gewerbedirektor Gabriel Barell. «Die nächsten Löhne können wohl noch bezahlt werden. Doch schon im April wird es für viele ernst.»

KMU-Krise könnte sich ausbreiten

Bereits gebe es Gewerbler, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen, um wenigstens die Löhne zu sichern. Komme man diesen Unternehmen nicht entgegen, breite sich die Krise rasch übers Portemonnaie der Angestellten auf die ganze Volkswirtschaft aus. «Es brennt.»

Der Shutdown des öffentlichen Lebens verursacht massive Schäden. Weil die Leute in ihren vier Wänden verharren müssen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, bricht die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen ein. Zu den Qua­rantänemassnahmen rund um den Globus gehören auch Grenzschliessungen und das Aussetzen von Transportverbindungen, sei es im Bahn- oder Luftverkehr. Damit gesellt sich zum Nachfrageeinbruch ein Angebotsschock. Denn die globalen Lieferketten sind ganz oder teil­weise unterbrochen.

Diese Situation ist für die Schweizer Wirtschaft beispiellos: «In der Vergangenheit kamen die Risiken immer von aussen, aus dem Export», sagt UBS-Ökonom Alessandro Bee. «Doch mit dem partiellen Shutdown in der Schweiz dürfte erstmals auch die Binnenwirtschaft direkt betroffen sein.»

Die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich geht in ihrem Basisszenario von einer Rezession fürs erste Halbjahr 2020 aus und davon, dass es «zu starken Rückgängen beim privaten Konsum und auf Firmenseite zu einer verbreiteten Zurückhaltung bei den Inves­titio­nen» kommen wird.

Es braucht mehr als Zinssenkungen

Auch UBS-Ökonom Bee rechnet erst in der zweiten Jahreshälfte mit einer Normalisierung. Dann könnte es auch zu Kompensationen kommen: «Ferien, die jetzt abgesagt werden, werden im Herbst angehängt. Oder man gönnt sich dann etwas mehr.» Schwieriger werde es, wenn das Virus nicht eingegrenzt werden könne oder wenn der Staat zu drakonischen Mitteln greifen müsse.

Bereits haben die Notenbanken reagiert und ihre Schleusen geöffnet. Die konzertierten Massnahmen erinnern an die Finanzkrise, doch der Vergleich führt hierzulande in die Irre. Die Rettung der Grossbank UBS hatte damals für den Mann und die Frau von der Strasse höchstens Aufregerpotenzial am Stammtisch.

Von der Finanzkrise spürte der Durchschnittsschweizer im Alltag praktisch nichts: Die Arbeitslosigkeit blieb tief, der Konsum intakt. Das ist in der Corona-Krise ganz anders. Denn im Gegensatz zu 2008 sind nicht aufgeblähte Bankbilanzen der Grund für den Crash, sondern ein realer Nachfragekollaps. Die Verkäuferin oder den Kellner können Zinssenkungen der Fed oder andere Geldmarktstimuli kaum beruhigen.

In dieser Krise sind die Banken nicht Täter, sondern werden höchstens zu Opfern. Dann nämlich, wenn das Finanzsystem von der Krise der Realwirtschaft angesteckt wird. Direkt über die Vertrauenskrise an der Börse. Oder indirekt, wenn die Corona-Krise in eine schwere Rezession mündet. Die Folgen wären Massenentlassungen und Firmenpleiten, welche die Banken zum Abschreiben fauler Kredite zwingen würden.

Auch das Hypothekargeschäft könnte ihnen zum Verhängnis werden, wenn arbeitslose Hausbesitzer mangels Einkommen ihre Schulden nicht mehr bedienen können. Als Folge kämen die Immobilienpreise ins Schlingern. Die Bewertungsanpassungen könnten das Finanzsystem ins Wanken bringen.

Stellenabbau hätte langfristige Folgen für KMU

Ein Schreckensszenario, das es um jeden Preis zu verhindern gilt. Auch Martin Scholl, Chef der Zürcher Kantonalbank, warnt: «Wir Banken sind die Lebensadern der Realwirtschaft und haben grosses Interesse daran, dass der Geldkreislauf funktioniert.»

Das Wichtigste sei denn auch, den Arbeitsmarkt in einem möglichst normalen Zustand zu halten, findet UBS-Ökonom Bee. «Wenn die Unternehmen nicht mehr fähig sind, die Umsatzeinbussen über Kurzarbeit abzufedern, und stattdessen Stellen abbauen, sind langfristige Folgen zu erwarten.»

Um die Jobs in der Corona-Krise zu ­erhalten, empfiehlt Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbe­verbands, seinen Mitgliedern, Kurzarbeit zu beantragen. Er fürchtet aber, dass die dafür vom Bund veranschlagten 8 Mil­liarden Franken nicht ausreichen werden.

Zudem gelte es, die Kurzarbeit auszuweiten. «Anspruch auf Entschädigung müssen auch Temporärarbeitende, befristete Angestellte und insbesondere Selbstständigerwerbende erhalten. Ansonsten drohen Massenkonkurse von Mikro­unternehmern.»

Fonds soll KMU unterstützen

Bei den beschlossenen Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus handle es sich faktisch um ein fünfwöchiges Berufsverbot für Kleingewerbe wie Coiffeursalons oder Restaurants, sagt Bigler. Diese niedermargigen Branchen würden rasch in eine Liquiditätskrise geraten. «Ich rechne fest damit, dass der geplante Überbrückungsfonds rasch und unbürokratisch die betroffenen KMU unterstützt. Klar ist auch, dass es sich um A-fonds-perdu-Beiträge wird handeln müssen.»

Eher «skeptisch» sei er gegenüber staatlichen Bürgschaften für Kredite, sagt Bigler. «Die KMU stecken jetzt in der Liquiditätsfalle, sie brauchen nicht Kredite für Inves­titionstätigkeiten.» Es brauche nun eine schnelle, unbürokratische Hilfe, damit die Unternehmen genug Geld in der Kasse haben, um Ende April die Löhne zu bezahlen, fordert auch der Basler Gewerbedirektor Barell. «Detailabrechnungen kann man auch später noch machen.»

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Corona-Krise: Bundesrat muss die Wirtschaft retten

Corona-Krise Eins vorweg: Der Shutdown des öffentlichen Lebens ist für die Schweiz ein beispielloser Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Aber er ist der einzig gangbare Weg, um die Ausbreitung des gefährlichen Coronavirus zu verlangsamen und damit das Gesundheitssystem schadlos zu halten.

Doch die Bevölkerung zahlt für ihren Schutz einen Preis: Mit dem Shutdown hat der Bundesrat für zahlreiche Branchen ein faktisches Arbeitsverbot erlassen. Vorerst bis Ende April befristet, aber wahrscheinlich für länger. Unter den Betroffenen befinden sich viele Kleingewerbe wie Coiffeursalons, Quartierbeizen oder Kosmetikstudios. Sie führt die ausserordentliche Lage geradewegs in die Krise: Ohne Betriebserlaubnis gibt es keine Umsätze, um Ausgaben und Löhne zu decken. Liquiditätsengpässe sind die Folge.

Die Notenbanken sind in der Corona-Krise ausgeschossen

Damit bedroht ein akuter Gesundheitsnotstand das viel beschworene «Rückgrat der Schweizer Wirtschaft», die KMU, in der Existenz. Der toxische Mix aus Nachfragekollaps und Angebotslücke aufgrund von Produktionsstörungen könnte rasch in eine schwere Rezession münden. Dann nämlich, wenn der Staat jene Bedarfslücke, die der Shutdown aufgerissen hat, nicht unbürokratisch und konsequent schliesst. Ansonsten rollt in wenigen Monaten eine Konkurswelle übers Land – mit all den Negativspiralen: steigenden Arbeitslosenzahlen, gedämpfter Konsumlust, faulen Krediten in den Bankbilanzen, Bewertungsverlusten auf Immobilien und so weiter.

Dieses Worst-Case-Szenario gilt es mit allen Mitteln verhindern. Die Notenbanken sind jedoch ausgeschossen. Es schlägt also die Stunde der Fiskalpolitik. Der Bundesrat muss jetzt handeln. Allen voran gefordert sind Finanzminister Ueli Maurer und Wirtschaftsminister Guy Parmelin. Sie müssen das Rad nicht neu erfinden. Das virusgeplagte Ausland hat es vorgemacht: Deutschland stellt bis 500 Milliarden Euro bereit, Frankreich 300 Milliarden. Und die USA schnüren ein Paket von 1 Billion Dollar, um die Pandemiefolgen zu prästieren.

Es geht darum, den Menschen Sicherheit zu geben

Es sind gigantische Summen, die nur ein Ziel verfolgen – der Frau und dem Mann von der Strasse die Gewissheit zu geben: Eure Jobs sind sicher. Eure Löhne garantiert. Eurem Unternehmen wird der Schnauf nicht ausgehen, bis die Pandemie überstanden ist. Dieses Signal, alles zu tun, kann nur dann glaubwürdig sein, wenn die Landesregierung nicht kleckert, sondern klotzt. Fertig mit der Pflästerli-Politik! Löst die Schuldenbremse! Holt die Bazooka!

Unsere Bonität ist musterschülerhaft

Schwarzpulver ist genügend vorhanden. Bund und Kantone erwirtschaften seit Jahren gigantische Haushaltsüberschüsse. Unsere Bonität ist musterschülerhaft. Und im Negativzinsumfeld kann sich die öffentliche Hand sowieso zu null verschulden. Diese perfekte Ausgangslage gilt es nun zu nutzen: Selbst auf die Gefahr hin, mit der Staatshilfe vereinzelt Trittbrettfahrer zu produzieren.

Denn Corona hat uns eins gelehrt: «Too little, too late» gefährdet Menschen. Und bald auch Firmen.

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ZKB-Chef: «Der Kapitalmarkt ist praktisch eingefroren»

ZKB Bankchef Martin Scholl sagt, weshalb Bankkredite in der Corona-Krise besonders wichtig sind und warum es Staatshilfen braucht.

Wir treffen Martin Scholl am Hauptsitz der Zürcher Kantonalbank ZKB an der Bahnhofstrasse. Nebst einem Stapel Bankunterlagen trägt der Bankchef stets eine Flasche Desinfektions-Mittel mit sich. Vor dem Gespräch macht sie die Runde. Das Signal ist klar, die Corona-Krise geht auch am systemrelevanten Kantonsinstitut nicht spurlos vorbei. Schliesslich sind die Finanzmärkte in Aufruhr. Das heimtückische Virus hat der langanhaltenden Wertschriften-Party ein jähes Ende bereitet. 

Es könnten derzeit keine Obligationen mehr ausgegeben werden, sagt der ZKB-Chef nüchtern. «Die Liquiditätsbeschaffung über den Kapitalmarkt ist seit einigen Tagen wegen der Corona-Krise praktisch eingefroren, weshalb nun Bankkrediten eine besondere Bedeutung zukommt, auch für grössere Unternehmen.»

Schaden für die Bonität

Gefordert sind besonders die wichtigsten Schweizer Konsortialbanken UBS, Credit Suisse und ZKB. Sie müssen mit den grossen Kreditnehmern – meist kotierte Konzerne und grosse Familienfirmen – nun über die Kreditkonditionen verhandeln. Denn das Corona-Virus setzt der Bonität der Unternehmen arg zu. Praktisch über Nacht fallen die Erträge komplett weg. 

Koordination ist das Gebot der Stunde. Auch für Martin Scholl: «Wir stehen mit anderen grossen Geschäftsbanken in Kontakt.» Es sei klar, dass alle ihren Beitrag leisten müssen: Bund, Kantone, Geschäftsbanken, Vermieter und auch die Unternehmer, so der ZKB-Chef. 

Frage: Wie sehr kann sich ein Unternehmen noch verschulden? 

Wenn quasi über Nacht mehrere Monatsumsätze wegbrechen, könne dies nicht einfach nur durch zusätzliche – rückzahlbare – Kredite finanziert werden. Das Verschuldungspotenzial der Unternehmen sei nicht derart hoch.

«So unschön es ist, es sind auch staatliche Beiträge gefordert», mahnt der wirtschaftsliberale Bankchef deshalb: «Diese zeitlich befristete Nothilfe muss schnell gesprochen werden, da es sich simultan um einen Angebots- und Nachfrageschock handelt. Andernfalls könnten unverschuldete Masseninsolvenzen die Erholung der Wirtschaft nach der akuten Pandemiephase nachhaltig gefährden.»

ZKB als Gatekeeper

Für den ZKB-Chef ist klar, welche Rolle den hiesigen Finanzinstituten in der Corona-Krise zukommen muss: jene des verlässlichen Mittelmanns. «Die Geschäftsbanken können – neben der eigenen Vergabe von zusätzlichen Krediten – helfen, die Staatshilfen unbürokratisch und bedürfnisgerecht an die Unternehmen weiterzuleiten. Beispielsweise indem die Banken ihre „Gatekeeper-Rolle“ wahrnehmen.» 

Das bedeute im Fall der ZKB: «Wir kennen unsere Kreditnehmer bestens und können mit Solvenz-Checks plausibilisieren, ob die angemeldeten Corona-Hilfen gegenüber den Behörden auch gerechtfertigt sind.»

Chance für die ZKB

Gleichzeitig sieht Scholl in der grassierenden Corona-Krise auch eine Chance für die Finanzinsitute, ihre Rolle für die Realwirtschaft herauszustreichen – «indem wir unseren Kunden zeigen, dass wir in jeder Lage verlässliche Partner sind. Wir Banken sind die Lebensadern der Realwirtschaft und haben grosses Interesse daran, dass der Geldkreislauf funktioniert.» 

Sagts und eilt mitsamt Desinfektionsmittel zum nächsten Meeting.