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Credit Suisse – Free Lunch mit Covid-Kredit

Credit Suisse Die Bank lehnt Kunden als Kreditnehmer ab, vermittelt aber ein vom Bund garantiertes Covid-19-Darlehen. Trotz strittigem Umsatz.

Es war Tag eins des grössten Hilfspakets in der jüngeren Schweizer Geschichte. Am 26. März startete das Corona-Kreditprogramm des Bundes. Staatlich verbürgte Nullzins-Darlehen sollten hiesige Betriebe vor Corona-bedingter Liquiditätsnot bewahren. Finanzminister Ueli Maurer sagte damals: «Wer Geld braucht, geht zu seiner Hausbank.» So auch die Zuger Ölförderfirma Terraoil Swiss. Ihre Hausbank, die Credit Suisse, vermittelte der Firma just an jenem 26. März den bundesbesicherten Maximalkredit von einer halben Millionen Franken, wie der «Kassensturz» von SRF berichtete. Ein Kredit, der angesichts des tatsächlich erzielten Umsatzes möglicherweise viel zu hoch ausgefallen ist. Dabei spielte die CS bei der Vergabe ein fragwürdiges Doppelspiel, wie Recherchen zeigen.

Credit Suisse gewährte Darlehen nach Prüfung

Terraoil Swiss machte für ihren Covid- 19-Kreditantrag gegenüber der Credit Suisse einen Umsatz von 21,1 Millionen Franken geltend. Der «Handelszeitung» liegen die Terraoil-Geschäftsabschlüsse der letzten Jahre vor. Zwischen 2017 und 2019 lag gemäss Erfolgsrechnung der Umsatz bei 360 000 bis 380 000 Franken. Die Abschlüsse wurden bis 2018 vom Wirtschaftsprüfer EY testiert. Danach übernahm die BDO das Terraoil-Mandat.

Wie also kommt die Zuger Ölfirma dazu, für den Covid-19-Kreditantrag 21,1 Millionen Franken an Umsatz geltend zu machen? Also das 55-Fache des Umsatzes in der testierten Erfolgsrechnung? Die Erklärung findet sich auf Seite 6 der «Financial Statements 2019», wo die Firma einen «Umsatz aus dem Verkauf eigener Aktien» von 20,7 Millionen Franken präsentiert. Die Umsatzangabe für den Covid-19-Kredit bestand also fast vollständig aus dem Erlös mit eigenen Wertschriften.

Juristische Aufarbeitung

Marco Passardi ist Buchhaltungs-Professor an der Hochschule Luzern HSLU. Der Verkauf eigener Aktien sei weder buchhalterisch noch handelsrechtlich ein Umsatz gegenüber Drittparteien, sagt Passardi. «Ja, es handelt sich nicht einmal im weiteren Sinne um einen Umsatz, sondern um eine Finanztransaktion, weshalb sie auch nicht in der Erfolgsrechnung ersichtlich ist.» Was Terraoil als «revenue from sales of own shares» bezeichne, sei vielmehr die Liberierung eigener Aktien samt Erhöhung der Kapitaleinlagereserven. Für HSLU-Professor Passardi ist deshalb klar: «Eine solche Verrechnungsliberierung generiert keinen Umsatz und kann deshalb auch nicht als Umsatz für ein Covid-19-Kredit-Gesuch geltend gemacht werden.» Peter Krempin, Chef von Terraoil Swiss, sagt, der Buchhaltungsexperte liege falsch. Seine allgemeine Aussage sei auf den vorliegenden Sachverhalt aus verschiedenen Gründen so nicht anwendbar. «Aufgrund der juristischen Aufarbeitung», die in dieser Hinsicht laufe, könne er jedoch zum jetzigen Zeitpunkt auf die Frage nicht weiter eingehen.

Die Umsatzangaben von Terraoil Swiss fürs Covid-19-Darlehen sind zumindest umstritten. Nicht jedoch für die Credit Suisse. Sie vermittelte der Firma den vom Bund zu 100 Prozent garantierten Maximalbetrag von 500 000 Franken. Obwohl die Umsatzangabe im Antragsformular massiv von jener in der Terraoil-Erfolgsrechnung abwich. Nun war die Credit Suisse gemäss Covid-19-Verordnung nicht dazu verpflichtet, den Schuldner für solch eine Solidarbürgschaft zu prüfen. Vielmehr handelte es sich beim Antrag für einen Covid-19-Standard-Kredit um eine Selbstdeklaration unter Strafandrohung. Die Bank war also bloss in der Rolle der Vermittlerin.

Credit Suisse scheute sich

Dennoch musste die Credit Suisse die Zuger Firma auf Herz und Nieren geprüft haben. Denn der Ölförderer wollte mehr als die staatlich garantierte halbe Million. Die Covid-19-Verordnung sah dazu vor, dass für höhere Beträge bis 20 Millionen Franken – sogenannte Covid-19-Plus-Kredite – auch die Geschäftsbanken ins finanzielle Risiko gehen mussten. Deswegen nahmen die Banken für solche Darlehen jeweils auch eine ordentliche Kreditprüfung vor. Da es sich um elektronische Antragsformulare handelte, gestaltete sich der Prozess speditiv. «Fragten eigene Kunden nach, wurden ihre Angaben automatisch mit den internen Bestandsdaten abgeglichen», sagt ein Branchenkenner. Der zuständige Kundenberater habe das Gesuch dann jeweils gesichtet und mit der Kreditstelle zusammen bearbeitet.

So wohl auch im konkreten Fall. Denn Terraoil-Chef Krempin sagt: «Wir haben auch einen Antrag auf einen Covid-19-Plus-Kredit gestellt. Dieser wurde nicht genehmigt, weil die Bank das Risiko der 15-prozentigen Haftung bei einem allfälligen Kreditausfall nicht tragen wollte.» Mit anderen Worten: Die Credit Suisse scheute sich, für den Terraoil-Kredit nur schon einen Bruchteil aufs eigene Buch zu nehmen. Die Grossbank zeigte im Gegenzug aber keine Scheu, das maximale Bundesdarlehen an den Kunden zu vermitteln.

Die Credit Suisse teilt dazu mit, man äussere sich nicht zu «möglichen Kundenbeziehungen». Und grundsätzlich hält die Grossbank fest, dass das Ziel des Covid-19-Kreditprogramms gewesen sei, «KMU sehr rasch und unkompliziert mit Liquidität zu versorgen und so die Schweizer Wirtschaft zu unterstützen». Bei Verdacht auf Missbrauch arbeite man konsequent mit den zuständigen Behörden zusammen.

Credit Suisse in Finanzierung involviert

Von aussen betrachtet ist der maximale Bundeskredit für die CS eine elegante Lösung. Die Bank konnte sich schadlos halten und Terraoil als Kunden trotzdem viel frisches Geld besorgen. Denn gemäss Umsatz in der Erfolgsrechnung wären maximal 40 000 Franken drin gelegen. Die Covid-19-Episode tat der Bankbeziehung jedenfalls keinen Abbruch. Im August präsentierte Terraoil vor Investoren. Die Präsentation liegt der «Handelszeitung» vor. Darin werden «Bank Partners» für kommende Finanzierungsrunden im zwei- bis dreistelligen Millionenbereich aufgeführt. Nebst dem Zürcher Kryptoinstitut Sygnum und der Privatbank EFG findet sich auch die Credit Suisse. Sie wäre gemäss Präsentation zuständig für die Abwicklung der Aktientransaktion.

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Corona-Krise: In der Kreditklemme

Corona-Krise Auch grössere Firmen stecken in Finanznöten. Banken scheuen die Kreditrisiken – trotz Teilgarantie des Bundes. Derweil friert der Kapitalmarkt ein.

John Feigl ist ein erfahrener Kreditberater. Er sorgt sich: Ihm seien grössere Unternehmen bekannt, die bislang keine Covid-Plus-Kredite erhalten hätten. Bei diesen handelt es sich um jene Nothilfedarlehen zwischen 0,5 und 20 Millionen Franken, bei denen der Bund zu 85 und die Banken zu 15 Prozent garantieren. Die Firmen seien vertröstet worden mit Verweis auf eine eingehende Bonitätsprüfung.

Für den Partner der Basler Beratungsfirma Pilfor greift das Vertrösten zu kurz. Schwierig werde es vor allem, wenn ein Unternehmen bei seiner Bank bereits einen Kredit habe. Weil die zusätzliche Verschuldung über das Covid-Darlehen die Bonität des Kunden verschlechtern kann, mindert sich aus Sicht der Bank die Bonität des bestehenden Kredits. Entsprechend müsse sie mehr Eigenmittel unterlegen, sagt Feigl. Hinzu kommt, dass die trüben Wirtschaftsaussichten Druck auf die Kreditratings der Firmen ausüben. Feigl kommt zum Schluss: «Der Covid-Plus-Zins reflektiert dann das Risiko in den allermeisten Fällen nicht.»

Dividendenverbot in der Corona-Krise

Feigls Anekdote deckt sich mit den Recherchen der «Handelszeitung». Sie zeigen, dass die Banken bislang kaum Covid-Plus-Kredite ausbezahlt haben. Die zehn grössten Finanzinstitute kommen bloss auf 156 Millionen Franken. Dies im Gegensatz zu jenen 7,5 Milliarden Franken bei den kleinen Covid-Krediten, die der Bund zu 100 Prozent garantiert.

Ein Industrievertreter erklärt die geringe Covid-Plus-Summe nicht mit risikoscheuen Banken: Grössere Firmen würden sich unternehmerischen Manövrierspielraum bewahren wollen. So sehen die vom Bund garantierten Kredite unter anderem ein Dividendenverbot vor. Auch Banken nennen dies als Hauptgrund für bisher ausbleibende Darlehen.

Manuel Ammann, Wirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen, sagt, die Banken seien am Fortbestand der Kreditnehmer interessiert. Es sei jedoch verständlich, dass die Institute eine gewisse Zurückhaltung bei der Kreditvergabe üben würden. Auch er bestätigt: Verschlechtere sich das Kreditportfolio, brauche es mehr Eigenmittel und höhere Rückstellungen für spätere Zahlungsausfälle. Alles hänge nun davon ab, wie lange der Corona-Lockdown noch dauere. «Je länger, desto höher die Ausfallwahrscheinlichkeit, was auch Banken in die Bredouille bringen könnte.» Mehrere Banker bestätigen den Effekt der Verschuldung auf die Bonität. Verschlechtere sich das Kreditrating, könne das die Eigenmittelanforderungen verdoppeln oder gar verdreifachen, sagt einer.

Höhere Eigenmittelanforderungen


Dazu kommt: Viele Finanzinstitute wähnten ihre Kreditbücher zuletzt in einer Schönwetterperiode. «Wir waren jetzt in einem langen Zyklus ohne Wertberichtigungen», sagt ein leitender Banker. Einzelne Institute hätten sogar Kreditrückstellungen aufgelöst. Finanzberater Feigl plädiert dafür, dass der Bund auch die Covid-Plus-Kredite voll garantieren soll. Nur so sei gewährleistet, dass die Banken die Kredite tatsächlich rasch sprechen würden. Bei der Finanzmarktaufsicht spielt man den Ball an die Institute zurück. Bundesrat, Nationalbank und Finma hätten mit der Aufhebung des antizyklischen Kapitalpuffers und den Leverage-Ratio-Erleichterungen zusätzliches Eigenkapital freigespielt. «Wie die Banken nun ihren Spielraum nutzen, bleibt in ihrer Verantwortung.»

Eine Verantwortung, die auch die Finanzierung von Grossunternehmen umfasst. Brauchen Konzerne Kapital – und sei es nur, weil bisherige Kredite auslaufen –, genügen Covid-Plus-Kredite nicht. Sie könnten sich gemäss Herbert Kumbartzki, Finanzchef der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB), grundsätzlich über drei Quellen refinanzieren: Bankdarlehen, Konsortialdarlehen oder Anleihen am Markt. In der Vergangenheit seien alle drei Varianten günstig gewesen, die Banken hätten sich gegenseitig unterboten. «Doch das wird nun neu konfiguriert.»

Nicht nur bei Covid-Krediten gibt es Engpässe. Auch am Kapitalmarkt hat der Wind gedreht. «Die Risikozuschläge am Markt sind auf dasselbe Niveau wie 2008 angestiegen», sagt Kumbartzki. Im Falle seiner eigenen Bank stieg der Zuschlag von 16 auf 50 Basispunkte, also einen halben Prozentpunkt. «Auch bei soliden Firmen sehen wir Zuschläge von bis zu 180 Basispunkten. Es herrscht grosse Unsicherheit bezüglich der Zukunftsaussichten für die Weltwirtschaft.» Der für Firmenkunden zuständige Manager einer grossen Bank kommentiert: «Nach Jahren mit praktisch inexistenten Risikozuschlägen kehren wir jetzt wohl in die Normalität zurück.»

Heikel wird das für all jene Unternehmen, deren Anleihen auslaufen und jetzt erneuert werden müssen. In den Bereichen Industrie und Handel müssen in der Schweiz bis Ende Jahr gegen 5 Milliarden Franken abgelöst werden (siehe Tabelle).

Hoher Zuschlag bei Straumann


Gerade noch geklappt hat das bei Straumann, wo bald eine Anleihe über 200 Millionen Franken fällig wird. Ende März während der Corona-Krise gab das Unternehmen bekannt, eine Obligation über 280 Millionen Franken platziert zu haben. Doch die Kosten waren hoch: Mit einem Coupon von 1 Prozent kommt Straumann in den Bereich der 180 Basispunkte über dem risikofreien Zins. Und das für eine nur drei Jahre laufende Anleihe. Inwiefern man Konditionen anpassen musste, um marktfähig zu sein, weiss der Sprecher nicht. «Es war gut, dass wir die überhaupt platzieren konnten.»

Kritisiert wird in diesem Zusammenhang auch die Geldpolitik der Nationalbank. Vor der Corona-Krise habe der Negativzins die Unternehmen ins Risiko gedrängt, indem die Liquiditätshaltung bewusst verteuert wurde, sagt Bankenprofessor Ammann. «Das rächt sich nun.» Und BLKB-Finanzchef Kumbartzki verweist auf zusätzlich verschärfende Entscheide der SNB: «Mit der Erhöhung der Freigrenzen auf Girokonten hat die SNB dem Geldmarkt keinen Gefallen getan.» Das habe dem Markt zusätzlich Liquidität entzogen.