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Corona-Krise: Grossbanken müssen Dividende stunden

Corona-Krise Bald arbeitet Ralph Hamers als UBS-Chef. Bereits im September wechselt er an die Zürcher Bahnhofstrasse. Zwei Monate später übernimmt er das Steuer von Langzeit-Chef Sergio Ermotti. Noch bis im Juni manövriert der Niederländer den Finanzkoloss ING durch den Corona-Sturm. Mit Bedacht: Man sei zwar gut kapitalisiert, schreibt Hamers an die Aktionäre, halte es aber für klug, der Empfehlung der europäischen Zentralbank EZB betreffend Dividendenzahlungen zu folgen. Das heisst: Hamers’ ING wird mindestens bis Anfang Oktober die Dividende stunden, um grösstmögliche finanzielle Flexibilität in der Pandemie-Krise zu haben.

Unbeeindruckt von der Corona-Krise zeigen sich UBS und CS


Der designierte UBS-Chef Hamers ist mit seinem Dividendenaufschub für ING-Eigner in bester Gesellschaft. Mittlerweile haben zahlreiche europäischen Grossbanken, von Unicredit über Santander bis hin zu HBSC und Nordea, ihre Ausschüttungen an Aktionäre fürs Geschäftsjahr 2019 entweder ganz ausgesetzt oder zumindest aufgeschoben.

Unbeeindruckt von den Corona-Risiken zeigen sich dagegen die beiden Schweizer Finanzkolosse: UBS und Credit Suisse. Deren Generalversammlungen finden Ende Monat statt. Die Einladungen sind verschickt. Und sie versprechen attraktive Returns für Bankaktionäre: Die UBS will 2,6 Milliarden Dollar verteilen. Dies entspricht 60 Prozent des Reingewinns. Bei der Credit Suisse sind es 20 Prozent oder 680 Millionen Franken. Zudem hat die ehemalige Kreditanstalt in diesem Jahr bereits eigene Aktien im Wert von 325 Millionen Franken zurückgekauft.

Der sorglose Dividendensegen ist dem Bundesrat, der Nationalbank und der Finanzmarktaufsicht ein Dorn im Auge. Sie alle hatten im Zuge der Corona-Nothilfen an die Bankspitzen appelliert, ihre Ausschüttung freiwillig zu beschränken oder zu verschieben. Sich seine Kapitalstärke zu erhalten, sei kein Zeichen von Schwäche, mahnte Finma-Chef Mark Branson.

UBS und CS sollten die Mahnung ernst nehmen und ihre Dividenden stunden. Zu unberechenbar ist die Corona-Pandemie. Niemand weiss, wie die Welt in drei oder sechs Monaten aussehen wird. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass Geschäftsbanken ihre finanziellen Polster brauchen werden. Die Aussichten sind nämlich alles andere als rosig. In der Vermögensverwaltung sind Kundenvermögen wegen des Corona-Crashs zusammengeschmolzen, was die Ertragsbasis schmälert. Das Kapitalmarktgeschäft befindet sich in Schockstarre, weshalb das Investment Banking im Moment bloss ein grosser Kostenblock ist. Und auf Unternehmenskredite drohen Ausfälle. In welchem Umfang ist heute noch völlig ungewiss.

Binsenweisheiten sollten auch am Paradeplatz gelten

Sollte sich beispielsweise die Zahlungsmoral der Amerikaner verschlechtern, könnte dies zu substanziellen Verlusten bei UBS und CS führen. Beide zusammen halten gemäss SNB über 60 Milliarden Franken an ungedeckten Krediten in den USA. Darum: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Diese Binsenweisheit sollte auch am Paradeplatz gelten.

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Covid-19-Kredite – Maurers Medizin

Covid-19-Kredite Die Banken schütten derzeit Milliarden aus. Das Geld hilft den KMU durch die Pandemie. Doch als Nebenwirkung droht später die Schuldenfalle.

Achim Strohmeier blickt auf intensive Tage zurück. «Am vergangenen Donnerstag war das gefühlt wie im Ausverkauf. Als die Formulare für die Covid-19-Kredite aufgeschaltet wurden, brachen die Anträge über uns herein», so der Kreditkunden-Chef Nordwestschweiz der Bank Cler. «Es meldeten sich Kunden aus allen Branchen: von der Gastronomie bis zu Freiberuflern aus dem Dienstleistungssektor.» Strohmeier und sein Team hatten eine knappe Woche Zeit, sich darauf vorzubereiten. Automatische Abläufe, Online-Schulungen und Merkblätter sollten sicherstellen, dass alle Kredite schnell abgewickelt werden können. Vieles läuft automatisch. «Nur dort, wo Dinge unklar sind, kontaktieren wir die Kunden.»

Auch bei der Zürcher Bank Avera herrscht Hochbetrieb: «Wir sind überrascht worden von der starken Nachfrage», sagt Chef Rolf Zaugg. Das Team von 15 Kreditbearbeitenden, alle im Homeoffice, habe bislang rund 10 Millionen Franken gesprochen. «Ein Teil behandelt den Krediteingang und macht eine erste Grobprüfung. Der andere kontrolliert, ob die Kriterien eingehalten werden, und plausibilisiert kurz das Gesuch.» Etwa eine Dreiviertelstunde dauert die Kreditprozedur.

Hohe Kreditnachfrage

So wie diesen zwei Bankern erging es in den letzten Tagen vielen Angestellten in der Finanzindustrie. Bis Dienstagabend bewilligten die zehn grössten Banken gemäss einer Umfrage der «Handelszeitung» rund 44 000 Kredite mit einer Summe von 5,4 Milliarden Franken. Allein die beiden Grossbanken wickelten Kredite von 2,8 Milliarden Franken ab. 20 Milliarden Franken budgetiert der Bundesrat für das staatlich garantierte Kreditprogramm. «Angesichts der hohen Kreditnachfrage ist für uns offen, ob die Bundesgarantien bis Ende Juli reichen werden», so Avera-Chef Zaugg. Denn von den Anträgen für grosse Kredite über einer halben Million Franken sind erst wenige bearbeitet worden. Der Bundesrat hat denn auch bereits angekündigt, das Budget zu erhöhen.

Die grossen Tickets kommen noch. Auch bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). «Die durchschnittliche Kreditsumme beträgt derzeit rund 100 000 Franken», sagt Firmenkunden-Leiter Jürg Bühlmann. Er macht über alle Branchen hinweg ein Bedürfnis nach Covid-19-Krediten aus: «Der Zweck ist klar: Liquiditätsengpässe aufgrund von Umsatzeinbrüchen decken.» Wobei zurzeit von der Menge und vom Volumen her die kleinen Unternehmen überwiegen. Kleine, die kaum Erfahrung mit Firmenkrediten haben. Bei der Bank Avera waren von 130 Kreditnehmern 95 Prozent Kunden, die zuvor gar keine Kredite hatten.

Jedes vierte Covid-19-Gesuch abgelehnt

Viele Gewerbler betreten Neuland: Die ZKB muss derzeit jedes vierte Kreditgesuch im ersten Durchgang ablehnen. «In der Regel, weil das Kreditformular nicht ordnungsgemäss ausgefüllt wurde», so Bühlmann. Die Anträge für Covid-19-Kredite bis 500 0000 Franken basieren auf einer Selbstdeklaration. Die Banken plausibilisieren die Gesuche lediglich.

Keine einfache Angelegenheit. Vor allem, wenn das Unternehmen nicht direkt mit einem Pandemie-bedingten Betriebsverbot belegt wurde. Der grösste Teil der Kreditnehmer sei sekundär oder tertiär tangiert, sagt Stefan Wälchli, Chef der Clientis Bank Oberaargau. Zum Beispiel Vorlieferanten wie Metzgereien, Bäckereien oder andere Zulieferbetriebe, die durch das Restaurationsverbot einen Auftragseinbruch erleiden. Oder Immobiliengesellschaften, die durch Mietzins-Bundesrat Stundungen in Liquiditätsengpässen stecken. In solchen Branchen sei der Plausibitätscheck schwierig, sagt Wälchli: «Was sind Corona-bedingte Einbrüche und was nicht?»

Verboten sind Investitionen

Das Covid-19-Programm wird das Firmenkundengeschäft jedenfalls nachhaltig verändern. Zwar wurden die Darlehen als vorübergehende Nothilfe angekündigt. Auch gab sich der Bund Mühe, die Verwendung der Gelder auf die Liquiditätssicherung zu beschränken. Verboten sind Investitionen, die nichts mit den aktuellen Umsatzeinbrüchen zu tun haben.

Doch bereits vereinbarte, ordentliche Amortisationen normaler Kredite sind zulässig. Damit dürfte in mittlerer Frist kaum zu verhindern sein, dass aus klassischen Bankkrediten staatlich abgesicherte Darlehen werden. «Geld ist Geld, und das fliesst», konstatiert Wirtschaftsanwalt Urs Schenker. «Man wird kaum feststellen können, wenn einer mit dem Covid-19-Kredit ein Darlehen bei einer anderen Bank zurückbezahlt.» Auch SP-Nationalrätin Jacqueline Badran konstatiert: «Es gibt einen grossen Anreiz, mit diesem Geld normale Bankdarlehen zu ersetzen – für den Bankkunden und die Banken. Das ist so, und das muss man auch aussprechen.»

Stresstest kommt erst 2022

Ein erster Stresstest für die Werthaltigkeit der Covid-19-Kredite steht in zwei Jahren an. Dann nämlich endet die Übergangsphase, während der die neuen Kredite konkursrechtlich nicht den Schulden angerechnet werden müssen. Von einem Tag auf den anderen könnten viele KMU in die Insolvenz rutschen.

Bis dahin sollte zumindest klar sein, wie all die Kleingewerbebetriebe ihre Corona-Schulden abstottern werden. Derzeit herrscht auf Covid-19-Krediten eine Karenzfrist: «Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die Rückzahlungsmodalitäten mit den Kreditnehmern erst im nächsten Jahr zu vereinbaren, wenn eine verlässliche Liquiditätsplanung wieder möglich ist», sagt Avera-Chef Zaugg. Auch die Clientis Bank im Oberaargau wird die ordentliche Amortisation nicht vor 2021 starten.

Rückzahlung der Covid-19-Kredite

Bei Finanzminister Ueli Maurer herrscht derweil Zweckoptimismus: «Der Grossteil der Darlehen wird zurückbezahlt werden», sagte er jüngst im Radio SRF. Die Betriebe müssten, abzüglich der Lohnkosten, über die Kreditlaufzeit von fünf Jahren jährlich etwa «die Kosten eines halben Monats» zurückbezahlen. «Das müsste eigentlich zu machen sein.»

Anders tönt es an der Finanzierungsfront: «Da die Wertschöpfung in zahlreichen der betroffenen Branchen nicht sonderlich hoch ist, kann die Rückzahlung der Covid-19-Kredite eine grosse Herausforderung darstellen», so Clientis-Mann Wälchli. Und auch Avera-Chef Zaugg ergänzt: «Im Moment lässt sich nicht abschätzen, ob und wann die Firmen die Covid-19-Kredite zurückzahlen können. Oder ob wir eine Verschuldungssituation produzieren.»

Auch Politiker und Interessenvertreter warnen bereits heute vor der Schuldenfalle: Über die Covid-19-Darlehen würde man die Probleme einfach in die Zukunft verschieben. «Angesichts der angespannten Situation ist eine umgehende und gezielte Anpassung einiger Massnahmen notwendig», mahnt der Basler Gewerbedirektor Gabriel Barell. «Die Höhe der Entschädigung muss unabhängig von der Rechtsform des Unternehmens erfolgen». Auch SP-Politikerin Badran fordert eine Ausweitung der Anspruchsberechtigung auf Erwerbsersatz und einen Mietzinserlass für Gewerbler. «Die Alternative sind Massenkonkurse, Massenverschuldung oder ein Masseneintritt in die Sozialhilfe.»

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ZKB-Chef: «Der Kapitalmarkt ist praktisch eingefroren»

ZKB Bankchef Martin Scholl sagt, weshalb Bankkredite in der Corona-Krise besonders wichtig sind und warum es Staatshilfen braucht.

Wir treffen Martin Scholl am Hauptsitz der Zürcher Kantonalbank ZKB an der Bahnhofstrasse. Nebst einem Stapel Bankunterlagen trägt der Bankchef stets eine Flasche Desinfektions-Mittel mit sich. Vor dem Gespräch macht sie die Runde. Das Signal ist klar, die Corona-Krise geht auch am systemrelevanten Kantonsinstitut nicht spurlos vorbei. Schliesslich sind die Finanzmärkte in Aufruhr. Das heimtückische Virus hat der langanhaltenden Wertschriften-Party ein jähes Ende bereitet. 

Es könnten derzeit keine Obligationen mehr ausgegeben werden, sagt der ZKB-Chef nüchtern. «Die Liquiditätsbeschaffung über den Kapitalmarkt ist seit einigen Tagen wegen der Corona-Krise praktisch eingefroren, weshalb nun Bankkrediten eine besondere Bedeutung zukommt, auch für grössere Unternehmen.»

Schaden für die Bonität

Gefordert sind besonders die wichtigsten Schweizer Konsortialbanken UBS, Credit Suisse und ZKB. Sie müssen mit den grossen Kreditnehmern – meist kotierte Konzerne und grosse Familienfirmen – nun über die Kreditkonditionen verhandeln. Denn das Corona-Virus setzt der Bonität der Unternehmen arg zu. Praktisch über Nacht fallen die Erträge komplett weg. 

Koordination ist das Gebot der Stunde. Auch für Martin Scholl: «Wir stehen mit anderen grossen Geschäftsbanken in Kontakt.» Es sei klar, dass alle ihren Beitrag leisten müssen: Bund, Kantone, Geschäftsbanken, Vermieter und auch die Unternehmer, so der ZKB-Chef. 

Frage: Wie sehr kann sich ein Unternehmen noch verschulden? 

Wenn quasi über Nacht mehrere Monatsumsätze wegbrechen, könne dies nicht einfach nur durch zusätzliche – rückzahlbare – Kredite finanziert werden. Das Verschuldungspotenzial der Unternehmen sei nicht derart hoch.

«So unschön es ist, es sind auch staatliche Beiträge gefordert», mahnt der wirtschaftsliberale Bankchef deshalb: «Diese zeitlich befristete Nothilfe muss schnell gesprochen werden, da es sich simultan um einen Angebots- und Nachfrageschock handelt. Andernfalls könnten unverschuldete Masseninsolvenzen die Erholung der Wirtschaft nach der akuten Pandemiephase nachhaltig gefährden.»

ZKB als Gatekeeper

Für den ZKB-Chef ist klar, welche Rolle den hiesigen Finanzinstituten in der Corona-Krise zukommen muss: jene des verlässlichen Mittelmanns. «Die Geschäftsbanken können – neben der eigenen Vergabe von zusätzlichen Krediten – helfen, die Staatshilfen unbürokratisch und bedürfnisgerecht an die Unternehmen weiterzuleiten. Beispielsweise indem die Banken ihre „Gatekeeper-Rolle“ wahrnehmen.» 

Das bedeute im Fall der ZKB: «Wir kennen unsere Kreditnehmer bestens und können mit Solvenz-Checks plausibilisieren, ob die angemeldeten Corona-Hilfen gegenüber den Behörden auch gerechtfertigt sind.»

Chance für die ZKB

Gleichzeitig sieht Scholl in der grassierenden Corona-Krise auch eine Chance für die Finanzinsitute, ihre Rolle für die Realwirtschaft herauszustreichen – «indem wir unseren Kunden zeigen, dass wir in jeder Lage verlässliche Partner sind. Wir Banken sind die Lebensadern der Realwirtschaft und haben grosses Interesse daran, dass der Geldkreislauf funktioniert.» 

Sagts und eilt mitsamt Desinfektionsmittel zum nächsten Meeting.