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Margin Call

Credit Suisse Einer der wichtigsten CS-Berater soll mehrere hundert Millionen an Geldern veruntreut haben. Die Bank spricht von einem Einzelfall. Doch die Affäre zieht immer weitere Kreise.

Das Lügengebilde bricht Mitte September zusammen. Die Aktie der kleinen US-Pharmafirma Raptor verliert innerhalb weniger Tage mehr als die Hälfte ihres Werts, weil ein Medikament nicht wie erhofft wirkt. Der Kurssturz von Raptor führt automatisch zu unzähligen Margin Calls in Kundendepots der Credit Suisse. Die Grossbank fordert mehrere schwerreiche Osteuropäer auf – darunter den georgischen Multimilliardär Bidzina Ivanishvili – , frisches Kapital in Raptor einzuschiessen. Die Rede ist von bis zu 128 Millionen Dollar pro Call. Wer nicht zahlt, dessen Positionen werden sofort geschlossen.

Ob der Nachschussforderung fallen die Oligarchen aus allen Wolken. Denn von ihren mit Krediten gehebelten Raptor-Beständen wussten sie nichts. Geschweige denn gaben sie den Auftrag, solche Aktienmengen zu kaufen, die gewaltige Klumpenrisiken im Depot bilden.

Eingebucht hat ihnen die hochspekulativen Papiere ihr Vertrauensmann und langjähriger Vermögensverwalter bei der Credit Suisse, der Banker P.L. Als Raptor kollabiert, taucht er ab, erscheint in der Genfer CS-Fillale nicht zur Arbeit, verschanzt sich in seiner Villa mit Blick auf den Lac Léman, nimmt keine Anrufe entgegen.

Ein paar Tage später beichtet P.L. seinem Vorgesetzten: Ich habe Aktien ohne das Wissen meiner Kunden gekauft. Die CS kündigt ihm fristlos und eröffnet eine Untersuchung durch die Kanzlei Homburger. Allerdings reicht die Bank erst Ende Dezember Strafklage ein, nachdem Milliardär Bidzina Ivanishvili geklagt hat. Nun ermittelt der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa unter anderem wegen Veruntreuung, Betrug sowie Urkundenfälschung. P.L. wird verhaftet und vernommen. Derweil weitet sich der Kreis der Geschädigten aus – es sind mehrheitlich Russen. Zusätzliche Klagen sind in Vorbereitung. Die Finma steht mit der Credit Suisse in Kontakt.

Die Deliktsumme beträgt – je nach Schätzung und Quelle – zwischen 200 und 800 Millionen Dollar. Zu komplex ist das Finanzgeflecht, als dass die Wirtschaftsforensiker finale Zahlen liefern könnten. Die Credit Suisse erteilt zu den laufenden Untersuchungen keine Auskünfte. Chef Tidjane Thiam sagte in einem Interview mit der Zeitung „Le Temps“ einzig, dass es sich um einen „einzelnen und isolierten Fall“ handle.

Millionenboni kassiert

Der Raptor-Kollaps bedeutet das jähe Berufsende für P.L. Der gebürtige Franzose gilt als Schwergewicht unter den Credit-Suisse-Vermögensverwaltern. Seit über zehn Jahren arbeitet er bei der CS. Sein Kundenportfolio ist zuweilen grösser als das einer kleinen Privatbank. Seine Klienten stammen allesamt aus den ehemaligen Ostblockstaaten – Oligarchen und schwerreiche Unternehmer, die er am GUS-Desk in Genf betreut. Eine anspruchsvolle Kundschaft, aber eine hoch lukrative für ihn wie für die CS. So zahlt die Grossbank dem Quereinsteiger mit einfachem Handelsdiplom stattliche Boni und kürt ihn zum Direktor. Seine Vergütungspaket erreichte in einzelnen Jahren das Gehalt eines SB-Boder gar Swisscom-Chefs. Schliesslich war der Kommissionsertrag aus dem Kundenstamm von P.L. beträchtlich. Insgesamt soll der „gestionnaire de fortune“ der Bank über die Jahre gegen 150 Millionen an Einnahmen generiert haben. Einzelne seiner Kunden sollen zwischen 5 und 25 Millionen Dollar pro Jahr an die CS abgeliefert haben.

Wer solche Summen für die Vermögensverwaltung ausgibt, verlangt vor allem eins: Eine konstant hohe Performance. Doch P.L. konnte nicht stetig liefern. Immer wieder legte er seinen schwerreichen Kunden faule Eier ins Portfolio. Ein solches Investment war die österreichische Meinl European Land, welche in osteuropäische Immobilienprojekte investieren wollte und als Totalverlust beziehungsweise Rechtsfall endete. Investments wie diese rissen zweistellige Millionenlöcher in die Depots. Es drohte Ungemach seitens der schwerreichen Kundschaft.

Doch statt die Verluste offenzulegen, fing er im Nachgang zur Finanzkrise an zu tricksen. Zunächst soll er Excel-Tabellen und das Finanz-Reporting für die Oligarchen frisiert haben. Die „Handelszeitung“ weiss von einem Kundenkonto, bei dem die Differenz zwischen echtem und fingiertem Saldo schliesslich über 70 Millionen Dollar betrug. Doch bei der „investment report“-Kosmetik blieb es offenbar nicht.

Vielmehr soll der russophile CS-Mann versucht haben, mit waghalsiger Finanzakrobatik die Millionenverluste wieder auszumerzen – und zwar über die Grenzen der Kundenportefeuilles hinweg und mutmasslich wohl auch in die eigenen Taschen hinein, was im Finanzjargon „Commingling“ heisst (siehe Box). Dabei stützte sich P.L. wohl auch auf externe Strukturen ab: Es ist die Rede von geheimen Subkonten, Kickbacks, Retrozessionen sowie einem Netz von Mitwissern oder Mittätern ausserhalb der CS – Weggefährten wie Banker anderer Geldhäuser. Darunter befinden sich eine Genfer sowie eine Obwaldner Asset-Management-Firma, die rechtlich, vertraglich und zum Teil sogar persönlich mit P.L. verbunden sind. Deren Chefs werden derzeit von der Genfer Staatsanwaltschaft durchleuchtet. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Bankgeschäfte ohne Kontrolle

Der CS-Direktor hat also wohl aktiv die Vermögensgrenzen verwischt und die Löcher der einen Kunden mit den Assets der anderen gestopft. Es soll mannigfach zu nichtautorisierten Transaktionen in mehrstelliger Millionenhöhe gekommen sein.

Für dieses „trading en solo“ hat der frühere Yves-Rocher-Manager über viele Jahre auf die Infrastruktur der Credit Suisse zurückgegriffen, ohne dass bankinterne Kontrollen gegriffen hätten. Ob Währungsdesk, Derivatehandel oder Kreditabteilung – P.L. nutzte die gesamte Klaviatur der Credit Suisse für seine Kunden – ob mit oder ohne deren Wissen. Er platzierte Optionen oder verpfändete Wertschriften in dreistelliger Millionenhöhe. Auch wurden gewaltige Währungsoptionen – 400 Millionen Dollar – auf türkische Lira oder Südafrikanische Rand gekauft und verkauft durch CS-Abteilungen – mit Verlust und ohne augenscheinlichen Grund.

Kleines Rädchen im Getriebe

Wie Aussagen vermuten lassen, erteilte er seine Aufträge und Anweisungen auch über andere CS-Teammitglieder oder er besuchte Kunden – zusammen mit seinem Vorgesetzten, einem Managing Director der Credit Suisse aus Zürich. Für Anwalt Marc Henzelin von der Kanzlei Lalive, der mit Bidzina Ivanishvili einen der Hauptgeschädigten vertritt, steht deshalb fest: „Es ist praktisch unmöglich, dass die Credit-Suisse-Verantwortlichen nichts von seinen Machenschaften gewusst haben sollen.“ P.L. sei ein kleines Rädchen im Getriebe des Finanzkonzerns. Auch andere Geschädigtenvertreter teilen diese Ansicht.

Besonders heikel ist der Fall der US-Pharmafirma Raptor, über den P.L. stolperte. So bestehen offenbar persönliche Beziehungen zwischen ihm und Raptor-Managern. Man traf sich in Genf. Auch hat der CS-Direktor den Pharmawinzling zur Roadshow bei der Bank eingeführt, was gefruchtet zu haben scheint. So ist die Credit Suisse über ihre US-Securites-Tochter Grossaktionärin am Small Cap. Zugleich hat P.L. die Titel in justiziablen Mengen in die Depots seiner Oligarchen gebucht. Als Beispiel: Zeitweise machte die hochspekulative Raptor mehr als 18 Prozent eines Portefeuilles aus. Darüber hinaus bestehen enge Verflechtungen von P.L. zu einem weiteren Schweizer Grossaktionär. Angesichts dessen werden Stimmen laut, die von Marktmanipulation oder Insiderhandel sprechen. Affaire à suivre.