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Schneller als der Staat

Energiestrategie Am 21. Mai findet die Abstimmung über das Energiegesetz statt. Während sich Politiker um Subventionen zanken, gehen innovative Firmen voran.

Begeisterungsstürme löst die Monstervorlage zur Energiezukunft nirgendwo aus: Aus dem einst visionären Projekt von Bundesrätin Doris Leuthard ist ein gut-eidgenössisches Kompromisswerk geworden. Die parlamentarischen Hürden hat es überstanden dank warmem Subventionsregen für alle Beteiligten. Das gilt in erster Linie für die Strombranche: Sie erhält nun auch für die darbende Grosswasserkraft staatliches Manna. Doch auch die Hausbesitzer, die Industrie, die Cleantech-Lobby und das Gewerbe haben sich ihren Anteil an den Energiewende-Milliarden gesichert.

Das Nachsehen hat der Endkonsument: Die Gelder, welche die Politik so grosszügig verteilt, werden letztlich von ihm berappt. Mit der Energiestrategie 2050 will Leuthard die Schweiz in eine ökologische, effiziente und sichere Energiezukunft führen. Die Atomenergie fällt weg. Auch ohne fixes Abschaltdatum sind die Tage der Schweizer AKW gezählt. Ersatz schaffen sollen die Erneuerbaren. Fast ein Fünftel der Stromproduktion soll bis ins Jahr 2035 aus Sonne, Wind, Biomasse und Geothermie stammen. Zugleich müssen wir alle Strom sparen und unseren Pro-Kopf-Konsum um nicht weniger als 13 Prozent senken.

In der Politik sind die Meinungen längst gemacht. Unverrückbar verharren Gegner und Befürworter nach jahrelangem Seilziehen in ihren ideologischen Schützengräben und kaprizieren sich auf jeweils passendes Statistikmaterial. In der Privatwirtschaft jedoch ist die Energiewende längst ein unumstösslicher Fakt. Die Beispiele sind vielfältig: Autarke Wohnsiedlungen sind im Bau, so etwa auf dem Basler Areal Erlenmatt Ost, die mit eigener Photovoltaik-Anlage auf dem Dach günstiger Strom produzieren, als der lokale Versorger offeriert. Auch in den eigenen vier Wänden arbeiten Unternehmen wie Digitalstrom an vernetzten und intelligenten Systemen, die zugleich den (Wohn-)Komfort und die Energieeffizienz erhöhen. Und schliesslich entwickeln Stromkonzerne wie Alpiq Lösungen, um Herr zu werden über den viel gescholtenen „Flatterstrom“ der Erneuerbaren. Diese Beispiele zeigen: Die Energiewende ist längst Realität.

SIEDLUNG ERLENMATT OST

Eigener Solarstrom ist günstiger: Wenn im Basler Norden diesen Monat das erste von 13 Gebäuden auf dem Areal Erlenmatt Ost eingeweiht wird, startet damit eines der grössten Selbstversorger-Experimente der Schweiz. Die Grundeigentümerin, die Stiftung Habitat, versorgt das Areal mit Solarstrom über ein eigenes Netz. Nur eine Verbindung gibt es zum Monopolanbieter Industrielle Werke Basel (IWB), um Strom zu beziehen oder Überschüsse zu verkaufen. Die Eigenversorgung soll sich rechnen. „Sie wird günstiger als der Strom von den IWB“, sagt Bernhard Schmocker vom Energieversorger ADEV, der das Netz managt. „Und das ohne Subventionen.“

Das Beispiel zeigt: Strom aus Photovoltaikanlagen ist heute marktfähig, wenn die Kosten mit dem vollen Preis des Stroms aus dem Netz verglichen werden. Denn dieser enthält nebst dem Anteil für die Energie auch Gebühren für den Netzanschluss und staatliche Abgaben. In Basel zum Beispiel eine Lenkungsabgabe. 26,6 Rappen bezahlen Basler für eine Kilowattstunde Strom im Haushalttarif H4. Die Gestehungskosten von Solarstrom hingegen liegen mittlerweile unter 20 Rappen. Damit die Eigenversorgung funktioniert, braucht es eine ausgeklügelte Steuerung. Und möglichst viele Abnehmer, die Verbrauchsschwankungen gegenseitig ausgleichen. Etwa 200 Haushalte mit 500 Bewohnenden würden in einer ersten Phase bis 2019 an das Netz angeschlossen, sagt Urs Buomberger von Habitat.
Die Teilnahme am Solarstrom-Netz ist obligatorisch für alle, die auf dem Areal eine Wohnung mieten oder selber bauen wollen. ADEV-Manager Schmocker rechnet damit, dass 45 bis 50 Prozent des auf dem Areal benötigten Stroms aus den eigenen Solar-Panels stammen werden.

Als Speicher für überschüssigen Strom aus Sonnenstunden dient die Heizung. Sie wird über drei elektrische Wärmepumpen betrieben, die dem Grundwasser Wärmeenergie entziehen. Auch hier denkt man vernetzt: ADEV nutzt Grundwasser, das der Pharmakonzern Roche hier für die Kühlung seiner Gebäude fördert. Und so sollen die Wärmepumpen dann laufen, wenn die Sonne scheint, und stillstehen, wenn das Areal im Schatten liegt. Damit das möglichst gut funktioniert, stehen in der Energiezentrale fünf Warmwasserspeicher. Man habe sich überlegt, zusätzlich Batteriespeicher einzubauen, sagt Schmocker. Der Raum dafür stehe bereit. „Vorerst haben wir aber darauf verzichtet.“ Die Mieter bezahlen für den Strom die effektiven Kosten. Diese enthalten nebst Betrieb und Amortisation der eigenen Anlagen den Aufwand für den von den IWB zugekauften Strom. „Wir garantieren aber, dass die Abnehmer bei uns nie mehr bezahlen müssen als im Haushalttarif H4 der IWB“, sagt Schmocker.

POWER-TO-HEAT

Überdimensionierte Kochtöpfe: Ein riesiger Heizstab verwandelt Strom in heisse Luft. Nach diesem Prinzip arbeitet die Power-to-Heat-Anlage, die der Stromkonzern Alpiq gerade in Niedergösgen in Betrieb genommen hat. Die beiden Kessel schalten sich ein, wenn zu viel Strom im Netz ist – und erzeugen Dampf für die nahe gelegene Papierfabrik. Dessen Nutzung ist allerdings bloss ein willkommenes Nebenprodukt: In erster Linie soll die Anlage dafür sorgen, dass die Energiewende gelingt. Denn Solar- und Windkraftanlagen liefern nicht dann Strom, wenn man ihn braucht, sondern wenn es die Witterung zulässt. Das kann dazu führen, dass die Stromeinspeisung plötzlich viel höher ist als die entnommene Leistung – und damit die Netzwerkstabilität gefährdet wird.

Vordringliche Aufgabe der beiden überdimensionierten Kochtöpfe ist es darum, möglichst rasch eine grosse Menge Strom zu vernichten – mit einer Leistung von 10 Megawatt vertilgt denn auch jeder der beiden Boiler in einer Stunde gleich viel Strom wie ein Einfamilienhaus in einem Jahr. Alpiq wird für diese sogenannte negative Regelenergie von der Netzbetreiberin Swissgrid entschädigt. Dabei dürfte die Vernichtung überschüssiger Energie auch für Industriebetriebe interessanter werden. Schon heute bieten Kühlhäuser und Betreiber grosser Elektroheizungen negative Regelenergie an. Steigt der Anteil an Solarund Windstrom, wächst auch die Nachfrage, das zwischenzeitliche Überangebot möglichst rasch loszuwerden.

DIGITALSTROM UND ELECTRON

Komfortable Effizienz: Balz Halter, Hauptaktionär von Digitalstrom, drückt auf den Touchscreen des Tablets und fragt: „Kann ich waschen?“ „Warte doch noch etwas“, antwortet der Digital Bot, denn die Solaranlage auf dem Hausdach deckt den Strombedarf der Waschmaschine aus Eigenproduktion derzeit nicht. Die intelligente Vernetzung eines Haushaltsgeräts mit der PV-Anlage ist nur ein Beispiel der Anwendungspalette von Digitalstrom. „Wir verstehen uns als Plattform“, sagt Halter im Showroom in der Zürcher Vorortsgmeinde Schlieren, der vom Teekocher bis zur Zutrittskamera eine Vielzahl an vernetzten Geräten beherbergt. Sie alle eint deren intelligente und damit effiziente Vernetzung. Oder wie es auf Neudeutsch heisst: Smart Home.

Die Klammer bildet bei Digitalstrom eine Klemme, die entfernt an einen bunten Lego-Klotz erinnert. Diese Klemme haucht auch bestehenden Elektrogeräten wie Tischleuchten oder Rollläden etwas vernetzte Intelligenz ein, indem deren Grundverhalten über ein Heimnetzwerk ferngesteuert werden kann. In Kombination mit cloudbasierten Diensten auf der Digitalstrom-Plattform sind so ganz neue Anwendungen denkbar. Beispielsweise Jalousien, die sich bei einem aufziehenden Hagelsturm wie von Geisterhand automatisch schliessen, indem ein Digital Bot den ortsbasierten Meteobericht checkt und bei Wetterkapriolen die Rollläden ansteuert. Für solche Services arbeitet das Digitalstrom-Team mit rund sechzig Mitarbeitenden an zwei Standorten stetig daran, das eigene Ökosystem zu erweitern. „Von der Gebäudetechnik über Haushaltsgeräte bis hin zu Assistenzsystemen wie Amazon Echo suchen wir stets den Schulterschluss mit Partnern“, sagt Halter, der mit Marken wie Dormakaba, Kartell oder Sonos kooperiert. Denn je mehr Geräte und Services miteinander kommunizieren, desto vielseitiger die Lösungen. Komfort und Effizienzgedanke müssen sich dabei nicht ausschliessen.

Ein Beispiel: Erkennt die Zutrittskamera den Hausherren, schaltet die Hifi-Anlage die Lieblingsmusik ein und die Räume werden wunschgemäss temperiert. Umgekehrt schalten sich beim Verlassen die Geräte automatisch ab und die Heizung wird gedrosselt. Auch draussen hält die Digitalisierung Einzug: Städte testen die intelligente Strassenbeleuchtung, so etwa Zürich oder St. Gallen. Dabei wird die Beleuchtung dem Verkehrsaufkommen angepasst – ohne dass bei der Sicherheit Abstriche nötig sind. Möglich machen dies Sensoren, die das effektive Verkehrsaufkommen messen. Sind wenige Fahrzeuge unterwegs, dimmt eine ausgeklügelte Steuerung automatisch das Licht. Die Beleuchtungsintensität verändert sich dabei fliessend, ohne dass die meisten Verkehrsteilnehmer davon etwas bemerken. „Mit dieser Technologie lassen sich 30 Prozent Strom einsparen“, sagt Enrico Baumann, Chef des Tech-Unternehmens Elektron. Das Zürcher KMU werkelt bereits an der nächsten Leuchten-Revolution: Im Wädenswiler Stadtzentrum steht bald ein Leuchtmast, der auch Umweltdaten aufzeichnet und als Ladestation für Elektromobile sowie als WLAN-Hotspot dient.

POWER-TO-GAS

Mehr Brennstoff aus Klärschlamm, weniger CO 2: An Zürichs Stadtrand steht das Klärwerk Werdhölzli, das die Abwässer der Region reinigt und anschliessend der Limmat zuführt. Aus dem faulenden Klärschlamm entsteht als Nebenprodukt Gas, mit dem das Werk den eigenen Stromund Wärmebedarf mehr als deckt. Kürzlich wurde im Werdhölzli eine Power-to-Gas-Pilotanlage (PTG) getestet. Die Anlage produziert aus der gleichen Menge Klärschlamm 60 Prozent mehr Biogas. Statt Methan mit einem Energiegehalt von 65 Gigawattstunden (GWh) lägen jährlich 105 G-Wh drin, wofür Investitionen in der Höhe von 5 Millionen Franken nötig wären. Zugleich reduziert die PTG-Anlage die Kohlendioxid-Emissionen, indem das CO 2-haltige Rohgas durch Zugabe von Wasserstoff methanisiert wird. Dieses Verfahren bindet das Kohlendioxid, statt es auszuwaschen, und ergibt dann ökonomisch Sinn, wenn der benötigte Wasserstoff hierfür aus überschüssigem erneuerbarem Strom erzeugt wird. „Der Ökostrom darf nicht mehr als 3 bis 4 Rappen pro Kilowattstunde kosten“, sagt Peter Dietiker von der Zürcher Energiefirma Energie 360°. In Ländern wie Deutschland oder Dänemark mit ihrem hohen Anteil an Photovoltaik- und Windanlagen im Produktionsmix seien die Voraussetzungen dazu gegeben. In der Schweiz werde dagegen überschüssiger Strom zumeist in die Speicherseen hochgepumpt. Gleichzeitig betont Dietiker, dass neue Verfahren wie Power-to-Gas die Anwendungsmöglichkeiten von erneuerbaren Energiequellen erweiterten, da zu Gas umgewandelter Strom besser speicherbar sei.

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Zwischen Stuhl und Bank

Economiesuisse Der Dachverband der Schweizer Wirtschaft duckt sich weg und fasst keine Parole zur Energiestrategie 2050. Ob des Meinungsvakuums rauscht es gewaltig im Blätterwald. Fehlendes Rückgrat wird der Economiesuisse attestiert, um „Zustände wie in der Landwirtschaft“ zu verhindern. „Die Wirtschaft“ habe sich mit der Enthaltung selbst „degradiert“, sind sich die Kommentatoren einig. Beim geballten Furor liberaler Kräfte geht vergessen: „L’economie n’existe pas“. Denn was der Dachverband abdecken muss, lässt sich nicht unter einen Hut bringen.

Die Mitgliederliste offenbart die ganze Misere: Von A wie Axpo bis V wie Vale (brasilianischer Bergbauriese) will die Economiesuisse hiesige Wirtschaftsinteressen bündeln und kann dabei nur scheitern. Gerade komplexe Vorlagen wie die Energiestrategie 2050, die alle Sektoren gleichermassen tangieren, legen das schonungslos offen. So haben parastaatliche Stromwirte, deren unrentable Wasserkraftwerke von der Energiestrategie 2050 mit reichlich Subventionen bedacht werden, ein imminentes Interesse an der planwirtschaftlichen Mammutvorlage.

Keine Parole
Im Gegenzug sorgen sich Produktionsindustrien wie MEM oder Chemie um die Kostenfolgen der behördlich verordneten „Energiewende“. In diesem Spannungsfeld der Mitgliederinteressen ist es für die Verbandsführung äusserst schwierig, ordnungspolitisch zu argumentieren. Insofern ist der Entscheid des Verbands, keine Parole zur Energiestrategie 2050 zu fassen, nur folgerichtig. Was nun allerdings folgen müsste, wäre eine Grundsatzdebatte über die künftige Rolle der Economiesuisse.