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Pierin Vincenz & Co – Dreistes Doppelspiel

Fall Vincenz Die Anklage gegen Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und den Aduno-Manager Beat Stocker steht. Der Vorwurf: Die beiden kassierten verdeckt an Firmendeals mit.

Es ist das mutmassliche Gesellenstück von Pierin Vincenz und Beat Stocker. Die Firma heisst i-Finance Management (iFM). Sie erwirbt im Sommer 2005 für eineinhalb Millionen Franken die Mehrheit der Aktien an Commtrain, einer Jungfirma für drahtlose Kreditkarten-Terminals. Hinter den iFM-Geldern stehen je zur Hälfte der damalige Aduno-Präsident Pierin Vincenz und Beat Stocker, der kurz darauf operativer Chef des Zahlungskonzerns wird. Die zwei sollen in den Aduno-Gremien aktiv auf den Kauf der Commtrain hingewirkt haben. Etwa ein Jahr später übernimmt Aduno die defizitäre Firma für 7 Millionen Franken. Mit der Übernahme realisiert Mehrheitsaktionärin iFM einen Reingewinn von 2,6 Millionen Franken. Dass hinter iFM die beiden Aduno-Organe Vincenz und Stocker stehen, weiss beim Zahlungsdienstleister niemand.

15 Jahre später beschäftigt jene Commtrain-Beteiligung die Strafjustiz. Vor kurzem hat die Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich Anklage gegen «ehemalige Verantwortliche der früheren Aduno Holding und der Raiffeisen Schweiz Genossenschaft» erhoben. Pierin Vincenz und Beat Stocker werden gewerbsmässiger Betrug, Veruntreuung, Urkundenfälschung sowie passive Bestechung zum Nachteil des Zahlungsdienstleisters Aduno und der Raiffeisen Bank vorgeworfen. Für alle Verfahrensbeteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Der Prozess vor Zürcher Bezirksgericht steht im nächsten Jahr an.

«Gatekeeping» auf eigene Rechnung

Konkret fordert die Staatsanwaltschaft für die beiden Hauptbeschuldigten eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Zudem sollen bei Vincenz knapp 9 Millionen Franken und bei Stocker 16 Millionen Franken an unrechtmässig erzielten Vermögenswerten eingezogen werden. Die Summen machen klar: Bei der einen privaten Vorab-Beteiligung an Commtrain blieb es nicht. Vielmehr ist die Leithypothese der Staatsanwaltschaft jene eines notorischen Doppelspiels: Vincenz und Stocker sollen bei mehreren Beteiligungsnahmen der Aduno beziehungsweise der Raiffeisen jeweils verdeckt auf beiden Seiten des Verhandlungstisches gesessen sein. Dabei sollen sie ihre Organstellung in den Finanzfirmen zum «Gatekeeping» auf eigene Rechnung missbraucht haben. Verhandlungspartner gewährten ihnen jeweils eine Schattenbeteiligung mit der impliziten Erwartung, dass die beiden Finanzmanager kraft ihres Amtes für entsprechend vorteilhafte Abschlüsse sorgen würden. Stets zulasten der Aduno beziehungsweise der Raiffeisen.

Und das sind die vier Fälle, auf denen die Hauptanklagepunkte der Zürcher Staatsanwaltschaft gründen:

Commtrain

Erklärungsbedürftig wird die persönliche Commtrain-Beteiligung für Pierin Vincenz ein erstes Mal im Herbst 2009. Damals informiert der Raiffeisen-Chef seinen Verwaltungsratspräsidenten Franz Marty darüber, dass er privat über iFM an Commtrain beteiligt gewesen sei, als die Aduno die Kartenterminal-Firma kaufte. Ein von Vincenz in Auftrag gegebenes Gutachten des renommierten Rechtsprofessors Peter Forstmoser stellt ihm jedoch einen Persilschein aus: Vincenz habe keinen Einfluss auf den Kaufentscheid zugunsten von Commtrain genommen, lautet Forstmosers Fazit. Raiffeisen-Präsident Marty lässt es bei dieser zweifelhaften Einschätzung bewenden. Er informiert auch nicht die Gremien der Aduno, an der die Genossenschaftsbank bedeutend beteiligt ist. Aus heutiger Sicht unverständlich: Denn Vincenz und Stocker haben aktiv in den Aduno-Gremien auf den Commtrain-Abschluss hingewirkt.

Vincenz als Aduno-Präsident

Beispielsweise holt sich Aduno-Chef Stocker mithilfe von Präsident Vincenz in einem Verwaltungsratsausschuss das Plazet, um ein Transaktionsteam auf Commtrain anzusetzen. Dieses Transaktionteam soll die Firma im Hinblick auf eine Übernahme vertieft prüfen. Mitglied ist unter anderem der externe Rechtsanwalt Beat Barthold, der für die rechtliche Prüfung zuständig ist. Was niemand weiss: Barthold hat zu dieser Zeit zwei Hüte auf. Zum einen arbeitet er für die Aduno an der juristischen Due Dilligence, zum anderen ist er Verwaltungsrat der i-Finance Management. Also just jener Gesellschaft, mit der die beiden Aduno-Organe Vincenz und Stocker privat am potenziellen Übernahmeziel Commtrain bereits beteiligt sind. In einem Prüfbericht zuhanden der Aduno hält Barthold dann auch bloss fest, dass Commtrain kein Aktienbuch vorgelegt habe. Das Geheimnis um die Mehrheitsaktionärin iFM bleibt gewahrt. Der Rechtsanwalt wird sich wegen seiner umstrittenen Rolle nicht vor Gericht zu verantworten haben. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat gegen ihn einen Strafbefehl erlassen.

Genève Credit & Leasing

Die Situation ist angespannt im Herbst 2010. Die Hauptaktionärin von Genève Credit & Leasing (CGL), eine französische Bank, will die Kreditfirma entschädigungslos über Zeit liquidieren. Der Genfer Immobilienunternehmer Stéphane Barbier-Mueller, der eine Minderheit an GCL hält, droht sein Investment von mehreren Millionen Franken zu verlieren. Die Minderheitsaktionäre brauchen deshalb rasch eine Lösung: Es gilt Investoren zu finden und das Kreditportfolio von 160 Millionen Franken bei einer neuen Bank refinanzieren zu lassen. Doch die Ausgangslage ist schwierig. Die bisherigen GCL-Kreditverträge sind nicht rechtskonform. Zudem fehlt Eigenkapital, um die Darlehen angemessen zu decken. Zwar will die Aduno-Tochter Cashgate in der Romandie strategisch expandieren. Nach einer vertieften Prüfung ist eine Übernahme von GCL Anfang 2011 aufgrund der genannten Probleme vom Tisch. Einige Monate später jedoch sollen Barbier-Mueller, Aduno-VR Stocker und Präsident Vincenz unter sich einen «Plan B» ausgemacht haben. Er sieht vor, dass die Raiffeisen zwischenzeitlich die Refinanzierung des Kreditportfolios übernimmt. Derweil man die Übernahmegespräche mit der Aduno wieder aufnimmt, während Barbier-Mueller bis zum finalen Abschluss die Aktienmehrheit an GCL übernimmt.

Vincenz als stiller Aktionär

Zunächst setzt sich Vincenz im Herbst 2011 als Raiffeisen-Chef dafür ein, dass die Genossenschaftsbank den Kredit zugunsten von GCL bewilligt. Und zwar trotz Bedenken der bankeigenen Risikomanager. Zeitgleich übernimmt Barbier-Mueller von der französischen Bank die Mehrheit an GCL. Auf Jahresende schliesslich gibt die Aduno grünes Licht für die geplante Übernahme der Kreditfirma. Dabei sollen Vincenz und Stocker in den Verhandlungen aktiv auf die Höhe der «Processing Fee» eingewirkt haben, und zwar zugunsten von Verkäufer Barbier-Mueller. Die Fee wird nämlich für die Folgejahre bis zur Abwicklung die Gewinne von GCL bestimmen. Die mutmassliche Intervention erfolgt wohl eigennützig. Denn der «Plan B» sieht eine Schattenbeteiligung an GCL vor. Nachdem die komplexe Transaktion schliesslich geglückt ist, erhält Stocker – und indirekt Vincenz – im Sommer 2012 einen Anteil von knapp einem Drittel an GCL zugesprochen, und zwar als stiller Aktionär. Knapp zwei Jahre später, als dass Kreditportfolio der Genfer Firma abgewickelt und der Raiffeisen-Kredit zurückbezahlt ist, folgt die finale Ausschüttung. Kumuliert gut 9 Millionen Franken fliessen verdeckt an Stocker und Vincenz.

Investnet

Raiffeisen steigt vor zehn Jahren ins Beteiligungsgeschäft mit KMU-Nachfolgeregelungen ein. Dazu gründet die Bank KMU Capital. Die Tochter soll sich mit Eigenkapital an KMU beteiligen, die Unternehmen weiterentwickeln und gewinnbringend veräussern. Doch die Umsetzung harzt. Der Bank fehlt das Know-how. Umgekehrt verhält es sich mit Investnet. Ihre Mitgründer Peter Wüst und Andreas Etter haben das KMU-Netzwerk und Finanzierungskompetenz, aber es mangelt ihnen an Kapital. Sie suchen deshalb den Kontakt zu Banken. Da Wüst und Vincenz sich seit längerem kennen, bahnt sich im Verlaufe des Jahres 2011 in verschiedenen Gesprächen eine noch nicht definierte Zusammenarbeit zwischen Investnet und KMU Capital an. Fest steht nur: Die Banktochter soll einige Jahre vom Know-how von Investnet profitieren und deren Gründern danach einen Exit ermöglichen.

Auf Kosten von Raiffeisen beraten

Doch auch im Fall Investnet sollen Vincenz und Stocker nicht in erster Linie die Interessen der Bank verfolgen, sondern vor allem ihre eigenen. So soll Stocker auf eine stille Partnerschaft bei Investnet drängen, von der indirekt auch der Raiffeisen-Chef profitieren würde. Entsprechend treibt dieser das Geschäft voran, wobei nun eine Kreuzbeteiligung zwischen KMU Capital und Investnet geplant ist. Dabei postuliert Vincenz das Aktientauschverhältnis und spricht sich für eine Put-Option aus. Jene Put-Option sieht vor, dass Etter und Wüst ihre Anteile gemäss einer vordefinierten Bewertungsformel nach einer Haltedauer der Raiffeisen andienen können. Ein externes Gutachten kommt jedoch zum Schluss, die Verträge seien zulasten der Raiffeisen unausgewogen und riskant. Doch Vincenz drückt auf den Deal: Falls die Bewertung nicht funktioniere, könne man mit den Minderheitsaktionären ja wieder «zusammenhocken». Jedenfalls winkt der Raiffeisen-VR im Frühjahr 2012 die Investnet-Beteiligung durch, wobei die Put-Option in der Präsentation gar nicht erwähnt wird. Praktisch zeitgleich lassen sich Stocker und Vincenz – auf Kosten der Raiffeisen – von einer Anwaltskanzlei beraten, und zwar im Hinblick auf ihre eigene verdeckte Beteiligung am Private-Equity-Vehikel. Schliesslich unterzeichnet Stocker einen geheimen Treuhandvertrag mit Wüst und Etter. Fortan hält er 13,3 Prozent an KMU Capital / Investnet. Bereits eineinhalb Jahre später generiert die Formel aus Sicht der Raiffeisen-Fachleute eine unsinnig hohe Bewertung. Die Bank drängt zu Neuverhandlungen. Schliesslich einigt man sich mit Wüst und Etter, die «Phase 1» zu beenden. Der Exit ist lukrativ. Die Investnet-Gründer sollen für ihre Minderheitsanteile, über Zeit gestaffelt, bis zu 100 Millionen Franken erhalten. Die erste Tranche von 20 Millionen Franken überweist die Raiffeisen 2015. Ein Drittel davon fliesst eilends weiter an Stocker beziehungsweise Vincenz. Insgesamt sollen es über 12 Millionen Franken gewesen sein.

Eurokaution

Der Zahlungsdienstleister Aduno will ab 2012 strategisch ins Geschäft mit Mietkautionen expandieren und schaut sich zu diesem Zweck geeignete Firmen an. Darunter auch Eurokaution. Sie gehört mehrheitlich einer Luxemburger Holding, an der Unternehmer Ferdinand Locher beteiligt ist. Im Herbst desselben Jahres treffen sich Locher sowie die beiden Aduno-Organe Vincenz und Stocker in einem Zürcher Restaurant, um erstmals einen möglichen Deal zwischen Aduno und Eurokaution anzudiskutieren. Zahlreiche weitere Treffen folgen. Davon wissen die Aduno-Gremien allerdings lange nichts. Erst über ein Jahr später, also Ende 2013, kommen Aduno und Eurokaution offiziell ins Gespräch. Die klandestinen Zusammenkünfte zuvor haben ihre Bewandtnis. Sie konkretisieren nämlich eine private Vorab-Beteiligung von Stocker und Vincenz an Eurokaution. Schliesslich tritt Lochers Luxemburger Holding im Frühjahr 2013 einen Viertel der Eurokaution-Aktien an die Firma von Stocker und Vincenz ab. Es ist jene iFM aus dem Commtrain-Deal, die mittlerweile unter dem Namen ReImagine! firmiert. Die private Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Zug trägt später auch eine Kapitalerhöhung von Eurokaution mit.

Vincenz und Stocker – Zwei unbekannte Aktionäre

Doch nicht nur das. Die Beratungsfirma Fides, an der ebenfalls Stocker beteiligt ist, wird von Eurokaution mandatiert. Es sind schliesslich Fides-Leute, die dem Aduno-Management das Geschäftsmodell von Eurokaution Ende 2013 vorstellen. In den Folgemonaten treibt Aduno-Verwaltungsrat Stocker aktiv den Verkauf der Mietkautionsfirma an den Zahlungsdienstleister weiter voran, obwohl er gegenüber einer involvierten Partei die Firma als «piece of shit» bezeichnet haben soll. Noch einmal wackelt der verdeckte Deal, als Dokumente bei der Due Dilligence zuhanden der Aduno darauf hinweisen, dass Eurokaution zwei neue, unbekannte Aktionäre hat. Eine Folge der Kapitalerhöhung. Doch Eurokaution pariert die Nachfrage mit Falschangaben. Im Herbst 2014 schliesslich stimmt der Aduno-VR mit Vincenz und Stocker der Eurokaution-Übernahme zu. Für die beiden verdeckten Miteigner resultiert ein hypothetischer Gewinn von gut einer halben Million Franken. Doch Locher zahlt den ReImage!-Anteil an Eurokaution nie aus. Die letzte Zahlungsaufforderung schickt Stocker an Locher Anfang 2018. Wenige Wochen, bevor er und Vincenz in U-Haft gesetzt werden.

Spesen – Reisen, Rotlicht, Rechtsanwälte

Spesen Die Staatsanwaltschaft hat im Rahmen ihrer knapp dreijährigen Ermittlungen nicht nur Unternehmenstransaktionen auf ihre Rechtmässigkeit hin durchleuchtet, sondern auch den Umgang mit Spesen untersucht. Sowohl Raiffeisen-Chef Vincenz wie auch Aduno-Organ Stocker sollen dabei die Kassen ihrer Finanzkonzerne mit privaten Auslagen unrechtmässig belastet haben. Vor allem Vincenz hat eine Vielzahl privater Reisen, Rotlicht-Besuche und Rechtsanwaltskosten über die Firmenkreditkarte beziehungsweise die eigene Kostenstelle abgerechnet. Dabei soll er bewusst auch falsche Angaben gemacht haben. Beispielsweise als Vincenz über die Feiertage 2011 für 15 000 Franken nach Australien flog und behauptete, er habe dabei australische Bankenvertreter getroffen. Insgesamt geht es bei Vincenz um rund eine halbe Millionen Franken. Darunter fällt auch eine Golf-Reise Anfang 2015 nach Dubai. Sie hat aus Sicht der Staatsanwaltschaft rein privaten Charakter. An der Dubai-Reise nahm auch ein Berater teil. Dieser arbeitete damals im Mandat für Raiffeisen und stellte die Reise der Bank als Auslage separat in Rechnung.