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Die falschen Zyprioten

Pauschalbesteuerung Für reiche Ausländer aus Drittstaaten gilt ein markant höherer Mindestaufwand. Doch mit einem gekauften EU-Pass lässt sich dies ändern.

Wer Zypriot werden will, muss zahlen. Seit 2013 kennt die Republik im östlichen Mittelmeer ein «Citizenship by Investment»-Programm: Für ein Investment von 2,5 Millionen Euro auf Zypern erhält man den Pass ohne Pflicht zur Wohnsitznahme. Über 3000 vermögende Ausländer sind dank Millionen-Obolus zu Bürgern der Europäischen Union geworden. Der Passhandel hat dem Land inzwischen fast 5 Milliarden Euro eingebracht. Er ist OECD wie EU-Kommission aber ein Dorn im Auge. Denn die Checks auf der Badeinsel sind zuweilen lückenhaft, sodass sich unter den Neo-Europäern zwielichtige Figuren befinden.

Der blühende Handel mit EU-Pässen wirkt sich offenbar auch auf das Pauschalsteuer-Regime hierzulande aus. So ist die Anzahl der in der Schweiz wohnhaften EU-Bürger aus den beiden wichtigsten Passhändler-Staaten Zypern und Malta in den letzten Jahren markant angestiegen (siehe Grafik). Lebten vor zehn Jahren noch 151 Zyprioten in der Schweiz, waren es 2017 mehr als dreimal so viele, nämlich 541. Auch die Anzahl Malteser hat sich in der Zeitspanne mehr als verdoppelt, auf 291. Der Anstieg erfolgte fast synchron mit der Einführung der «Citizenship by Investment»-Programme in den jeweiligen Ländern.

EU-Pass lohnt sich

Die Zunahme ist möglicherweise kein Zufall, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen. Auch wenn die acht wichtigsten Kantone mit Pauschalbesteuerung die Staatsbürgerschaft ihrer Aufwandbesteuerten auf Anfrage nicht oder nur summarisch preisgeben wollen. Unter hiesigen Steueranwälten kursiert nämlich eine Empfehlung an Kunden aus Drittstaaten. «Ich rate meinen Nicht-EU-Klienten, sich zuerst einen EU-Pass zu kaufen, um in der Folge in der Schweiz von der tieferen Pauschalsteuer zu profitieren», sagt Rechtsanwalt Enzo Caputo von der gleichnamigen Zürcher Kanzlei. Die Differenz in der Aufwandbesteuerung sei nämlich erheblich.

Im Kanton Wallis beispielsweise beträgt der Mindestaufwand für Bürger aus EU- und Efta-Staaten eine Viertelmillion Franken. Für Drittstaatenbürger liegt die Einkommenspauschale bei 700 000 Franken. In Genf sind es 440 000 Franken beziehungsweise eine Dreiviertelmillion. Und im Kanton Waadt liegt die Schwelle bei 400 000 Franken für EU-Bürger und 1 Million Franken für Drittstaatler. Wohl gemerkt: Es handelt sich dabei nicht um die tatsächlichen Einkommen, sondern um Pauschalwerte. Sie bemessen sich am Lebensaufwand der schwerreichen Ausländer, den sie beim Schweizer Fiskus deklarieren. Zwischen drei- und sechsmal mehr Steuern müssten Nicht-EU-Bürger gegenüber Europäern bei der Pauschalbesteuerung in der Schweiz zahlen, schätzt Anwalt Caputo und kommt deshalb zum Schluss: «Für alle Nicht-EU-Bürger lohnt sich die Investition in einen EU-Pass langfristig.»

Keine Wohnsitznahme verlangt

Und diesen EU-Pass kaufen sich schwerreiche Drittstaatler, die sich in der Schweiz nach Aufwand besteuern lassen wollen, mit Vorteil auf Malta oder Zypern. Denn beide Mittelmeerstaaten verlangen keine Wohnsitznahme, um als EU-Staatsbürger zu gelten. Eine Erleichterung, die offenbar anziehend wirkt. Gemäss einem Bericht der Nichtregierungsorganisation Transparency International sind Malta und Zypern mit grossem Abstand führend beim Handel mit EU-Pässen. So hat der Passverkauf einen Anteil von 5 Prozent am zypriotischen Bruttoinlandprodukt und trägt auf Malta zum Haushaltsüberschuss bei.

Beide Länder haben in den letzten Jahren zusammen über 5000 Personen aus aller Herren Länder zu Europäern gemacht. Eine Praxis, die international für Unmut sorgt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat eine Liste mit Pass- und «Golden Visa»-Programmen veröffentlicht, welche «ein hohes Risiko für die Integrität gemeinsamer Steuerstandards» darstellen. Auf der grauen Liste befinden sich auch die Passprogramme von Malta und Zypern.

Argument der Steuerumgehung

Die Schweizer Steuerbehörden seien auf die EU-Pass-Praxis sensibilisiert, meint ein Steueranwalt aus Zürich, der Partner bei einer internationalen Wirtschaftskanzlei ist. Zugleich schränkt der Kanzleipartner aber ein: «Das Argument der Steuerumgehung lässt sich relativ einfach entkräften. Denn es findet sich immer ein triftiger Grund für einen EU-Pass.» Beispielsweise aus Sicherheitsgründen, wenn Bedrohungen im Heimatland vorliegen. Oder weil sich mit einem EU-Pass erleichtert international reisen lässt. Was gerade für Geschäftsleute ein wichtiges Argument ist.

Bei den angefragten kantonalen Steuerämtern verweist man auf die umfangreiche Prüfung vor einer Pauschalsteuer-Vereinbarung. In Luzern beispielsweise haben sich die Interessenten «persönlich mit ihrem Steuervertreter» vorzustellen. Zusätzlich unternehme die Dienststelle «eigene Recherchen». Man checke auch den «Background im Internet», heisst es bei der Walliser Steuerverwaltung. Dies tut auch der Zuger Fiskus, um «Widersprüche und Lücken zu den eigenen Schilderungen zu erkennen». Und Tessin und Genf sowie der Kanton Waadt setzten auf einen Fragebogen, um die fiskalische Tauglichkeit der Ausländer zu checken.

Fehlende Niederlassungsbewilligung

Der Westschweizer Anwalt Philippe Kenel ist spezialisiert auf Pauschalsteuer-Regimes. Er betont, dass der Passkauf in Europa nicht in erster Linie der Steueroptimierung in der Schweiz diene. «Dahinter steckt das Problem der fehlenden Niederlassungsbewilligung. Denn die Praxis des Staatssekretariats für Migration ist streng», so Kenel. Eine EU-Staatsbürgerschaft zu kaufen sei oftmals die einzige Möglichkeit für Bürger aus Drittstaaten, sich überhaupt in der Schweiz ansiedeln zu können. Kenel sieht darin auch kein Problem: «Es liegt nicht an den Schweizer Behörden zu beurteilen, ob ein Pass rechtens ist oder nicht. Darum muss sich die Europäische Union kümmern.»

Allerdings wird, zumindest anekdotisch, die Staatsbürgerschaft auch im interkantonalen Wettbewerb um gute Steuerzahler eingesetzt. So weiss der Zürcher Anwaltspartner von einem reichen US-Amerikaner zu berichten. Er lebte zunächst aufwandbesteuert im Kanton Schwyz, gab dann aber seinen US-Pass zugunsten eines zypriotischen ab und zog in den Kanton Waadt. An den Gestaden des Genfersees lebte er fortan unter dem Steuerregime für EU-Bürger. Konditionen, welche der Schwyzer Fiskus nicht gewähren wollte.

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Saudischer Schock

Finanzplatz UBS und Co. verwalten fast 200 Milliarden Dollar an Offshore-Vermögen aus Saudi-Arabien. Nun gefährden die politischen Wirren das lukrative Geschäft.

Tatort war das «Ritz-Carlton» in der saudischen Kapitale Riad. Im Luxushotel liess König Salman beziehungsweise sein 32-jähriger Sohn und Thronfolger Mohammed bin Salman kürzlich Dutzende Widersacher festsetzen. Die Nacht-und-Nebel-Aktion im «Ritz-Carlton» war der Auftakt zu einer gross angelegten Antikorruptions-Kampagne in Saudi-Arabien. Gegen 800 Milliarden Dollar an «korrumpierten» Vermögenswerten im In- und Ausland will sich Salmans Machtapparat zurückholen.

Der Staatsstreich von oben hat bislang zu über 200 Verhaftungen hochrangiger Wirtschaftsführer und Staatsdiener geführt. Unter den Verhafteten befindet sich der Mövenpick-Miteigner und Multimilliardär Prinz Al-Waleed Bin Talal.

Die saudische Säuberung sendet Schockwellen in den Schweizer Finanzplatz. Welche Vermögen korrekt sind und welche plötzlich korrupt, bringen die Compliance-Abteilungen der Banken ans Limit. Es geht um viel: Die Schweiz ist der Offshore-Hub für Vermögen aus der Petro-Monarchie.

Gemäss einem kürzlich veröffentlichten «Working Paper» des Ökonomen Gabriel Zucman über Steueroasen lagen von 223 saudischen Offshore-Milliarden 193 Milliarden Dollar in der Schweiz. Fast 8 Prozent aller Offshore-Bankeinlagen hierzulande stammen aus dem ölreichen Königreich. Zucman-Berechnungen basieren allerdings auf Daten aus dem Jahr 2007.

Grossbanken stark exponiert

Was auf der arabischen Halbinsel geschieht, wird deshalb in Zürich und Genf mit Argusaugen verfolgt. Von einem «erhöhten Monitoring» spricht beispielsweise die Privatbank Julius Bär, die ihre saudische Kundschaft von Bahrein und Dubai aus bedient. Auch die Genfer Pictet beobachte die Situation in Saudi-Arabien «aufmerksam», sagt Sprecher Simon Roth.

Besonders exponiert sind die Grossbanken UBS und Credit Suisse, die Milliarden an saudischen Vermögen verwalten und Dependancen im Königreich unterhalten. Entsprechend sind nun Compliance-Teams in den Grossbanken fieberhaft daran, ihre Saudi-Kunden auf den aktuellen Status in der Nomenklatur zu checken.

Saudi-Arabien sei ein wichtiger Markt für die UBS, sagt ein Sprecher: «Mehr als sechzig Mitarbeiter arbeiten dediziert für saudische Kunden.» So war das Nettoengagement der Grossbank – bestehend aus Kredit- und Handelsgeschäften – in Saudi-Arabien mit über einer halben Milliarde Franken Ende 2016 das höchste «Exposure» der UBS im gesamten Nahen Osten und etwa vergleichbar mit Russland.
Auch im Offshore-Geschäft kann die grösste Schweizer Bank auftrumpfen.

So unterhält die UBS beste Kontakte zu saudischen Wirtschaftsführern wie dem 83-jährigen Multimilliardär Abdulaziz Al-Sulaiman, dessen Familie über die 1968 gegründete Rolaco Group herrscht. Das Konglomerat mit einem Ableger in Genf ist im Bauwesen, in der Automobilindustrie, der Landwirtschaft, der Telekommunikation und im Tourismus tätig.

Rolaco-Gründer Al-Sulaiman gehört unter anderem das «Crown Plaza» in Zürich, wo der saudische Scheich als Verwaltungsrat in einer Firma namens Coseco sitzt. Coseco bezweckt «die aktive Förderung der schweizerischen Wirtschaftsbeziehungen mit dem Mittleren Osten» und hat ihr Domizil am Hauptsitz der UBS an der Bahnhofstrasse 45 in Zürich.

Präsidiert wird Coleco von einem Genfer «Vice Chairman» der UBS-Vermögensverwaltung. Auf Tuchfühlung mit den Saudis ist auch Konkurrentin Credit Suisse. Zu deren grössten Aktionären mit knapp 5 Prozent gehört die saudische Olayan Group.

Noch im Sommer gab die CS die Wachstumsparole im wahabitischen Reich heraus. Ein «Schlüsselmarkt» sei Saudi-Arabien, liess man die Presse wissen. Das Institut wolle massiv mehr Private Banker einstellen – nachdem das Onshore-Geschäft der CS in Saudi-Arabien harzte. Nach kumulierten Verlusten von 60 Millionen Franken setzte die Schweizer Bank Anfang Jahr ihrer Saudi-Tochter eine Kapitalspritze von etwas mehr als 50 Millionen Franken – im Hinblick auf die angestrebte Onshore-Banklizenz. Gemäss Bloomberg soll die CS für die Expansion im Königreich insgesamt 600 Millionen Dollar bereitgestellt haben. Das Institut selbst wollte zum «sensitiven Thema» Saudi-Arabien keine Stellung nehmen.

Fest steht jedoch: Die politischen Wirren im Königreich bringen hiesige Banken in die Bredouille. Wer kürzlich noch als lukrativer Saudi-Kunde galt und dem Institut eine «Politically Exposed Person»-Prämie einbrachte, dessen Vermögenswerte werden nun im Zuge der königlichen Antikorruptions-Kampagne plötzlich zum akuten Geldwäschereirisiko fürs kontoführende Finanzinstitut.

Regimewechsel nicht zu managen

Was rechtens sei und was als korrupt gelte, könne sich in Saudi-Arabien derzeit ständig ändern, sagt der Berner Compliance-Anwalt Michael Kunz: «Regimewechsel sind für die Banken schlicht nicht zu managen.» Stets stünden die Institute im Rechtsrisiko, weil sie gemäss geltenden Geldwäschereinormen «die Verantwortung für die aktuelle Situation» trügen, so Kunz.

Deshalb informieren die Banken die Meldestelle für Geldwäscherei (MROS) über heikle Vermögenswerte lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Denn den Nachweis zu erbringen, dass die verwalteten Gelder aus sauberen, wirtschaftlichen Quellen stammen, ist gerade in einer intransparenten Autokratie wie Saudi-Arabien heikel. Zumal sich Kundenbeziehung und Vermögenssituation über die Zeit verändern.
Entsprechend sind die Meldezahlen bei der MROS in den letzten Jahren in die Höhe geschnellt.

Zum aktuellen Fall, Saudi-Arabien, und zu dessen Implikationen hält sich die MROS bedeckt. Auch die Bundesanwaltschaft, die verdächtige Konten sperren müsste, erklärt auf Anfrage, sie befasse sich «zurzeit» mit dieser Thematik nicht.

Der Melde-Eifer der Banken ist Pragmatismus geschuldet: Die Verletzung des Bankgeheimnisses berge für die Bank weniger Risiken als die Verletzung der Meldepflichten, sagt Kunz: «Die Hürde für eine MROS-Meldung ist tief und kann bei falschem Alarm im Nachhinein gut begründet werden.»

Wenn ein Institut nicht melde, dann drohe der Bank im schlimmsten Fall eine Verurteilung wegen Beihilfe zur Geldwäscherei. Dagegen ist der Ärger mit Kunden wegen der Verletzung des Bankgeheimnisses ein kleiner. Kunz kommt deshalb zum Fazit: «Der Schutz des Bankgeheimnisses ist ziemlich schnell wertlos; der ‹Safe Haven› funktioniert nur, solange alles rund läuft.» Die abgesägte Elite Saudi-Arabiens dürfte dies bald zu spüren bekommen.

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Nummer 41

Pictet Laurent Ramsey ist der jüngste Partner beim Genfer Geldinsitut. Als oberster Asset Manager lenkt Ramsey die grosse, unbekannte Sparte der Bank.

Schaut Laurent Ramsey aus seinem mit Holz getäferten Büro im vierten Stock, dann sieht er weder imposante Hochhäuser noch ausladende Boulevards. Der Genfer Bankier blickt vielmehr der Vorstadt-Tristesse mitten ins Auge. Der wuchtige Pictet-Hauptsitz nach Minergie-Standard liegt an einer stark befahrenen Ausfallstrasse der Rhonestadt – zwischen Gebrauchtwagenhändlern, Harddiscountern und Ethnoläden.

Dass eine der Top-Adressen im grenzüberschreitenden Vermögensgeschäft in den wenig glamourösen Vorort Carouge disloziert, mag erstaunen, hat praktische Gründe. „Die internationale Kundschaft schätzt es, wenn sie vom Flughafen Cointrin in einer Viertelstunde bei uns ist“, sagt Ramsey, der selber von der Airport-Nähe profitiert. Schliesslich pendelt der Mittvierziger jede Woche zwischen Genf und London, wo er im noblen Stadtteil Kensington wohnt und seine beiden Buben in die Privatschule gehen.

Der Londoner Lebensmittelpunkt des gebürtigen Romands ist Pictets Anlagegeschäft geschuldet. In der britischen Finanzmetropole arbeiten nämlich über 250 Bankangestellte für Pensionskassen, Staatsfonds und andere Profianleger. Sie und 380 weitere Mitarbeitende in Genf gehören zur Asset-Management-Sparte, die Laurent Ramsey leitet. Zunächst als Vizechef – seit Anfang Jahr gehört Ramsey zum erlauchten Kreis der sechs teilhabenden Pictet-Partner. Seine Wahl sei höher zu bewerten „als jeder Sechser im Lotto“, schrieb die NZZ bei Ramseys Ernennung. Schliesslich kommt der passionierte Hobbytaucher nicht aus einer der drei Stammfamilien Pictet, de Saussure und Demole, sondern hat sich vom einfachen Bankangestellten in 23 Berufsjahren zum teilhabenden Bankier hochgearbeitet.

Die Konsequenzen zu tragen

Seine Berufung kommt auch finanziell einer Karrierekrönung gleich, wenn man bedenkt, dass die teilhabergeführte Pictet-Gruppe im letzten Jahr einen Reingewinn von rund 450 Millionen Franken erwirtschaftete. Bei solchen Beträgen muten selbst die üppigen CEO-Saläre börsenkotierter Finanzhäuser geradezu bescheiden an.

Angesichts dieses Millionensegens mag es Neo-Entrepreneur Ramsey auch verschmerzen, dass er sich für den Einkauf in die Partnerschaft verschulden musste. Den Startkredit zahlt er nun über die Zeit aus den Erträgen der Bank ab. „Man kauft sich zu Buchwert ein und steigt zu Buchwert wieder aus“, erklärt Ramsey das altbewährte Partnerprinzip der Edelbank.

Der smarte Selfmademan mit den nach hinten gekämmten Haaren ist erst der 41. Partner seit der Gründung des Genfer Vermögensinstitutes im Jahre 1805. Im Schnitt bleibt ein Teilhaber mehr als 20 Jahre der Bank treu. Kein Wunder betont Ramsey die Kontinuität als Erfolgsprinzip von Pictet. „Wir müssen die Konsequenzen aller Entscheidungen, die wir heute treffen, selber tragen.“

Diese Last jahrzehntelanger Verantwortung lässt die Teilhaber in der Regel mit Bedacht und in Eintracht agieren. Es falle ihm erst jetzt als Insider auf, so Ramsey, wie eng die Bande unter den Partnern seien. „Wir treffen uns jede Woche viermal für zwei Stunden im Salon nebenan.“ Kein Verwaltungsrat einer Bank weist eine solch hohe Sitzungskadenz auf. Sie schafft Nähe und Vertrautheit.

Neben formellen Treffen, die gewöhnlichen Geschäftsleitungsmeetings ähneln, ist viel Raum für Gedanken- und Ideenaustausch. Die ganze Gruppe gelte es dabei als Partner stets im Auge zu haben, betont der neueste Pictet-Eigner, dessen Wahl in den „inner circle“ auch einem Ritterschlag fürs institutionelle Anlagegeschäft innerhalb der Gruppe gleichkommt. Denn Pictet ist von der Historie her eine Privatbank par excellence. Während die Vermögensverwaltung seit über 200 Jahren das Kerngeschäft bildet, betreibt Pictet ihren Asset-Management-Arm erst seit Anfang der 1980er-Jahre. Zunächst integriert in die Privatbank.

Mit 160 Milliarden Franken an Anlagevermögen ist das Geschäft mit institutionellen Investoren und Investmentfonds aber mittlerweile praktisch so gross und profitabel wie das angestammte Private Banking. Die Ernennung von Laurent Ramsey steht deshalb auch für die Emanzipation des Asset Management, dessen Anlagevermögen etwa zur Hälfte von Institutionellen wie Pensionskassen oder Staatsfonds stammt. Der Rest kommt aus dem Fondsvertrieb und von Drittbanken beziehungsweise externen Verwaltern. Wobei für Pictet die Schweiz, Italien und Japan die wichtigsten Märkte sind.

Das Land der aufgehenden Sonne sticht dabei besonders heraus, in dem die Genfer einer der drei grössten Fondsanbieter mit gegen 20 Milliarden Dollar Assets under Management sind. Der Erfolg in Nippon brauchte jedoch einen langen Atem. Seit 1982 ist Pictet im ostasiatischen Land präsent. 2002 schrieb die Bank erstmals schwarze Zahlen. „Als nicht börsenkotiertes Unternehmen leisten wir uns den Luxus des Sich-Zeit-Lassens“, meint Ramsey lapidar. Gerade in Japan lasse sich Vertrauen eben nur langsam aufbauen. „Doch nur Vertrauen führt zu Loyalität.“ Eine Treue, die sich im Inselstaat in einem engmaschigen Vertriebsnetz zu über 100 Wertpapierhäusern, Banken und Online-Plattformen manifestiert.

Als Glückstreffer hat sich dabei in den Nullerjahren der Pictet Global Income Stock Fonds erwiesen, der damals als erstes Finanzprodukt in Japan überhaupt stabile monatliche Ausschüttungen garantierte. „In einem Land mit vielen Pensionierten, die von ihrem Ersparten leben müssen, war Global Income ein Gamechanger“, erinnert sich Ramsey

Tiefgreifender Strukturwandel

Inzwischen hat sich der Wettbewerbsdruck jedoch massiv verschärft. In Japan und anderswo. Seit 2007 flossen weltweit 6 Billionen Dollar in passive Investments, die kostengünstig gängige (Börsen-)Indizes abbilden, statt aktiv den Finanzmarkt schlagen zu wollen. Das spüren aktive Fondsmanager wie Pictet insbesondere beim Umsatzwachstum, während die Profitabilität trotz Strukturwandel seit Jahren bei durchschnittlich 50 Basispunkten liegt.

„Der Boom bei den indexierten Anlagen ist für die Branche heilsam, weil es die Spreu vom Weizen trennt“, meint Ramsey. Es zwinge die Fondsmanager, auch tatsächlich aktiv und mit Überzeugung zu investieren. „Denn für Mittelmass ist der Kunde nicht mehr bereit, einen Aufpreis zu zahlen.“ So hat Pictet vor einigen Jahren ein grossangelegtes „Product-Trimming“ durchexerziert, bei der die Zahl an Investmentstrategien um über 10 Prozent auf gegenwärtig 70 reduziert wurde. Gleichzeitig geht Pictet in Nischen und setzt auf thematische Anlagen wie Wasser, Holz oder Robotics.

Es sind dies Reaktionen auf ein Anlagegeschäft, das sich stark wandelt. Zum einen sind seit der Finanzkrise die regulatorischen Auflagen und Kosten massiv gestiegen. Zum anderen führt das Tiefzinsumfeld zu kostenaffineren Kunden, welche die Verwaltungsgebühren aktiv gemanagter Fonds stärker hinterfragen. Insofern hofft auch Ramsey auf eine Zeitenwende: „Wenn die Zinsen steigen, würde dies der Industrie sicher helfen“, sagt er, der die Kurzfristigkeit des Geschäfts bemängelt. „Aktive Investmentstrategien werden nicht in zwei, drei Jahren zum Erfolg gebracht, sondern über einen ganzen Konjunkturzyklus.“ Der Fokus auf kurzfristige Gewinne zwinge die Fondsmanager aber leider dazu, Verlust früh einzudämmen und sich am Index zu orientieren. „Eine Fehlentwicklung, die wir bekämpfen müssen.“

Doch ist Ramsey zuversichtlich, dass die Marktentwicklung den aktiven Fondsmanagern wieder in die Hände spielen wird. „Ob in Bond- oder Aktienmärkte, in den letzten Jahren war der Trend der beste Freund“, blickt der Bankier zurück und prophezeit, dass diese Phase der „Windfall“-Gewinne auslaufen wird. „Die Renditen sinken, die Volatilität wird zunehmen, das Umfeld wird anspruchsvoller“, so Ramsey. Mit der sich abzeichnenden Normalisierung der Geldpolitik müssen sich die Anleger – wohl oder übel – auf magerere Zeiten einstellen.

 

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Margin Call

Credit Suisse Einer der wichtigsten CS-Berater soll mehrere hundert Millionen an Geldern veruntreut haben. Die Bank spricht von einem Einzelfall. Doch die Affäre zieht immer weitere Kreise.

Das Lügengebilde bricht Mitte September zusammen. Die Aktie der kleinen US-Pharmafirma Raptor verliert innerhalb weniger Tage mehr als die Hälfte ihres Werts, weil ein Medikament nicht wie erhofft wirkt. Der Kurssturz von Raptor führt automatisch zu unzähligen Margin Calls in Kundendepots der Credit Suisse. Die Grossbank fordert mehrere schwerreiche Osteuropäer auf – darunter den georgischen Multimilliardär Bidzina Ivanishvili – , frisches Kapital in Raptor einzuschiessen. Die Rede ist von bis zu 128 Millionen Dollar pro Call. Wer nicht zahlt, dessen Positionen werden sofort geschlossen.

Ob der Nachschussforderung fallen die Oligarchen aus allen Wolken. Denn von ihren mit Krediten gehebelten Raptor-Beständen wussten sie nichts. Geschweige denn gaben sie den Auftrag, solche Aktienmengen zu kaufen, die gewaltige Klumpenrisiken im Depot bilden.

Eingebucht hat ihnen die hochspekulativen Papiere ihr Vertrauensmann und langjähriger Vermögensverwalter bei der Credit Suisse, der Banker P.L. Als Raptor kollabiert, taucht er ab, erscheint in der Genfer CS-Fillale nicht zur Arbeit, verschanzt sich in seiner Villa mit Blick auf den Lac Léman, nimmt keine Anrufe entgegen.

Ein paar Tage später beichtet P.L. seinem Vorgesetzten: Ich habe Aktien ohne das Wissen meiner Kunden gekauft. Die CS kündigt ihm fristlos und eröffnet eine Untersuchung durch die Kanzlei Homburger. Allerdings reicht die Bank erst Ende Dezember Strafklage ein, nachdem Milliardär Bidzina Ivanishvili geklagt hat. Nun ermittelt der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa unter anderem wegen Veruntreuung, Betrug sowie Urkundenfälschung. P.L. wird verhaftet und vernommen. Derweil weitet sich der Kreis der Geschädigten aus – es sind mehrheitlich Russen. Zusätzliche Klagen sind in Vorbereitung. Die Finma steht mit der Credit Suisse in Kontakt.

Die Deliktsumme beträgt – je nach Schätzung und Quelle – zwischen 200 und 800 Millionen Dollar. Zu komplex ist das Finanzgeflecht, als dass die Wirtschaftsforensiker finale Zahlen liefern könnten. Die Credit Suisse erteilt zu den laufenden Untersuchungen keine Auskünfte. Chef Tidjane Thiam sagte in einem Interview mit der Zeitung „Le Temps“ einzig, dass es sich um einen „einzelnen und isolierten Fall“ handle.

Millionenboni kassiert

Der Raptor-Kollaps bedeutet das jähe Berufsende für P.L. Der gebürtige Franzose gilt als Schwergewicht unter den Credit-Suisse-Vermögensverwaltern. Seit über zehn Jahren arbeitet er bei der CS. Sein Kundenportfolio ist zuweilen grösser als das einer kleinen Privatbank. Seine Klienten stammen allesamt aus den ehemaligen Ostblockstaaten – Oligarchen und schwerreiche Unternehmer, die er am GUS-Desk in Genf betreut. Eine anspruchsvolle Kundschaft, aber eine hoch lukrative für ihn wie für die CS. So zahlt die Grossbank dem Quereinsteiger mit einfachem Handelsdiplom stattliche Boni und kürt ihn zum Direktor. Seine Vergütungspaket erreichte in einzelnen Jahren das Gehalt eines SB-Boder gar Swisscom-Chefs. Schliesslich war der Kommissionsertrag aus dem Kundenstamm von P.L. beträchtlich. Insgesamt soll der „gestionnaire de fortune“ der Bank über die Jahre gegen 150 Millionen an Einnahmen generiert haben. Einzelne seiner Kunden sollen zwischen 5 und 25 Millionen Dollar pro Jahr an die CS abgeliefert haben.

Wer solche Summen für die Vermögensverwaltung ausgibt, verlangt vor allem eins: Eine konstant hohe Performance. Doch P.L. konnte nicht stetig liefern. Immer wieder legte er seinen schwerreichen Kunden faule Eier ins Portfolio. Ein solches Investment war die österreichische Meinl European Land, welche in osteuropäische Immobilienprojekte investieren wollte und als Totalverlust beziehungsweise Rechtsfall endete. Investments wie diese rissen zweistellige Millionenlöcher in die Depots. Es drohte Ungemach seitens der schwerreichen Kundschaft.

Doch statt die Verluste offenzulegen, fing er im Nachgang zur Finanzkrise an zu tricksen. Zunächst soll er Excel-Tabellen und das Finanz-Reporting für die Oligarchen frisiert haben. Die „Handelszeitung“ weiss von einem Kundenkonto, bei dem die Differenz zwischen echtem und fingiertem Saldo schliesslich über 70 Millionen Dollar betrug. Doch bei der „investment report“-Kosmetik blieb es offenbar nicht.

Vielmehr soll der russophile CS-Mann versucht haben, mit waghalsiger Finanzakrobatik die Millionenverluste wieder auszumerzen – und zwar über die Grenzen der Kundenportefeuilles hinweg und mutmasslich wohl auch in die eigenen Taschen hinein, was im Finanzjargon „Commingling“ heisst (siehe Box). Dabei stützte sich P.L. wohl auch auf externe Strukturen ab: Es ist die Rede von geheimen Subkonten, Kickbacks, Retrozessionen sowie einem Netz von Mitwissern oder Mittätern ausserhalb der CS – Weggefährten wie Banker anderer Geldhäuser. Darunter befinden sich eine Genfer sowie eine Obwaldner Asset-Management-Firma, die rechtlich, vertraglich und zum Teil sogar persönlich mit P.L. verbunden sind. Deren Chefs werden derzeit von der Genfer Staatsanwaltschaft durchleuchtet. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Bankgeschäfte ohne Kontrolle

Der CS-Direktor hat also wohl aktiv die Vermögensgrenzen verwischt und die Löcher der einen Kunden mit den Assets der anderen gestopft. Es soll mannigfach zu nichtautorisierten Transaktionen in mehrstelliger Millionenhöhe gekommen sein.

Für dieses „trading en solo“ hat der frühere Yves-Rocher-Manager über viele Jahre auf die Infrastruktur der Credit Suisse zurückgegriffen, ohne dass bankinterne Kontrollen gegriffen hätten. Ob Währungsdesk, Derivatehandel oder Kreditabteilung – P.L. nutzte die gesamte Klaviatur der Credit Suisse für seine Kunden – ob mit oder ohne deren Wissen. Er platzierte Optionen oder verpfändete Wertschriften in dreistelliger Millionenhöhe. Auch wurden gewaltige Währungsoptionen – 400 Millionen Dollar – auf türkische Lira oder Südafrikanische Rand gekauft und verkauft durch CS-Abteilungen – mit Verlust und ohne augenscheinlichen Grund.

Kleines Rädchen im Getriebe

Wie Aussagen vermuten lassen, erteilte er seine Aufträge und Anweisungen auch über andere CS-Teammitglieder oder er besuchte Kunden – zusammen mit seinem Vorgesetzten, einem Managing Director der Credit Suisse aus Zürich. Für Anwalt Marc Henzelin von der Kanzlei Lalive, der mit Bidzina Ivanishvili einen der Hauptgeschädigten vertritt, steht deshalb fest: „Es ist praktisch unmöglich, dass die Credit-Suisse-Verantwortlichen nichts von seinen Machenschaften gewusst haben sollen.“ P.L. sei ein kleines Rädchen im Getriebe des Finanzkonzerns. Auch andere Geschädigtenvertreter teilen diese Ansicht.

Besonders heikel ist der Fall der US-Pharmafirma Raptor, über den P.L. stolperte. So bestehen offenbar persönliche Beziehungen zwischen ihm und Raptor-Managern. Man traf sich in Genf. Auch hat der CS-Direktor den Pharmawinzling zur Roadshow bei der Bank eingeführt, was gefruchtet zu haben scheint. So ist die Credit Suisse über ihre US-Securites-Tochter Grossaktionärin am Small Cap. Zugleich hat P.L. die Titel in justiziablen Mengen in die Depots seiner Oligarchen gebucht. Als Beispiel: Zeitweise machte die hochspekulative Raptor mehr als 18 Prozent eines Portefeuilles aus. Darüber hinaus bestehen enge Verflechtungen von P.L. zu einem weiteren Schweizer Grossaktionär. Angesichts dessen werden Stimmen laut, die von Marktmanipulation oder Insiderhandel sprechen. Affaire à suivre.