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Corona – Die stille Revolution zu Hause

Corona Bald ist 2020 Geschichte. Ein Jahr zum Vergessen. Seit Frühling hat die Pandemie unseren Alltag fest im Griff. Hygieneregeln und Kontaktverbote im Kampf gegen das Coronavirus schränken den persönlichen Aktionsradius massiv ein. Der Kontrast zur Prä-Pandemie-Zeit könnte grösser kaum sein: Billigflüge und Plattformen wie Airbnb oder Booking verleiteten vorher stets zum nächsten Trip, zur nächsten Zerstreuung rund um den Globus. Gleichzeitig bemass sich der berufliche Status nicht selten an gesammelten Flugmeilen, Upgrades der Sitzklasse oder dem Zutritt zur exklusiven Flughafen-Lounge.

Kleinteiligkeit feiert Urstände

Die Pandemie hat diesem Leben auf der Durchreise, zumindest für den Moment, ein Grounding verpasst. Selbst für die sogenannten Davos Men, die globalen Eliten, gelten wieder die Grenzen der Nationalstaaten. Die Kleinteiligkeit feiert Urstände: Ob Kantone, Bundesländer oder Départements – plötzlich spielt es eine Rolle, woher genau jemand stammt. Das Coronavirus hat uns alle verortet. Und mit dem Lockdown wurden wir – im wahrsten Sinne des Wortes – auf uns selbst zurückgeworfen. Das fühlte sich in der ersten Welle zuweilen an, wie ein verregneter Sonntagnachmittag als Kind. Ein kaum auszuhaltender Stillstand.

Für die nötige Tagesstruktur sorgt inzwischen ein unablässiger Reigen an Calls und Videokonferenzen. Denn das eigene Zuhause ist ja auch zum zwangsweisen «Home-Office» geworden. Für viele Angestellte war Heimarbeit eine Premiere. Hatte doch «Home-Office» bis dahin einen eher schalen Beigeschmack: Wer etwas auf seine Karriere hielt, markierte stets Präsenz im Büro. Die Pandemie hat solches Industriezeitalter-Gehabe mit einem Mal weggefegt. Eine Rückkehr zum früheren Präsentismus scheint ausgeschlossen.

Corona als Trend-Verstärker

Existenzielle Not bietet immer auch die Chance, Überkommenes hinter sich zu lassen. Das mag abgedroschen und angesichts der Pandemie-Opfer zynisch klingen. Doch die Heimarbeit ist kein Einzelfall. Corona wirkt als gewaltiger Verstärker bereits vorhandener Trends und Tendenzen. Die Krise verhilft diesen zu einem rascheren Durchbruch.

Jener massive Digitalisierungsschub, den wir gerade miterleben, hätte in normalen Zeiten wohl noch x Jahre gebraucht. Dies gilt ebenso für den Aufstieg Asiens. Die vorbildliche Bewältigung der Corona-Krise, nicht zuletzt dank früheren Sars-Erfahrungen, beschleunigt die Zeitenwende. Gleichzeitig liefern harte Corona-Massnahmen die besten Argumente, welch verheerende Folgen unser bisheriger Lifestyle auf den Planeten hatte. Die Forderung der Klimajugend nach einer Lokalisierung der Produktionsketten und einem massvolleren Wirtschaften finden im Lockdown plötzlich Widerhall.

So dürfte dieses zwangsweise Zuhausesein eine stille Revolution markieren. Auch wenn Corona längst überwunden sein wird.

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Flugbewegte Klimajugend

Aviatik Wasser predigen und Wein trinken. So lässt sich die neuste Meldung vom Flughafen Zürich deuten. Denn auch 2019 fliegen erneut mehr Passagiere ab Kloten. Im Vergleich zu vor zehn Jahren sind es fast zehn Millionen Passagiere mehr, was einem satten Plus von 43 Prozent entspricht.

Zwei Drittel sind Freizeit-Flüge

Fürs Klima sind dies schlechte News, verursacht doch der Flugverkehr rund einen Fünftel des CO2-Ausstosses in der Schweiz. Dabei wäre eine Reduktion durchaus zumutbar: Fast zwei Drittel der über dreissig Millionen Passagiere nehmen ab Kloten aus «Freizeitgründen» den Flieger. Das Klischee von den meilensammelnden Geschäftsfliegern, derentwegen die Polkappen dahinschmelzen, ist daher zu korrigieren.

Und nicht nur das. Wer die Passagierstatistiken in Kloten von 2008 und 2018 miteinander vergleicht, sieht zwei weitere Trends: Der Anteil weiblicher Passagiere ist deutlich gestiegen (um 29 Prozent), der Anteil jüngerer Fluggäste ebenfalls. So beträgt der Zuwachs in der Sparte der 16- bis 25-jährigen Flugpassagiere immerhin 14 Prozent. Auch die Klimajugend aus der Generation Greta lässt sich also gerne per Flieger ins Freizeitvergnügen bewegen.

Passagiere werden jünger und weiblicher

Womit wir beim Kernproblem wären, weshalb die Klimaziele mit Sicherheit verfehlt werden: Wohlmeinende Proteste sind nicht nachhaltig. Nach dem Friday for Future rasch im Easyjet ins Weekend abzudüsen, ist zwar hochgradig widersprüchlich, aber typisch menschlich. Wer wirklich Verhaltensänderungen durchsetzen möchte, tut dies mit Vorteil über den Preis, abseits aller moralinsauren Appelle ans schlechte Gewissen.

Eine griffige Flugsteuer ist deshalb die einzig logische Konsequenz.