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Markus Somm will Nebelspalter kaufen

Medienprojekt Markus Somm, der Ex-Verleger der «Basler Zeitung», plant, die Zeitschrift «Nebelspalter» zu übernehmen. Bis zu siebzig Investoren tragen das Projekt.

Der «Nebi» ist eine nationale Institution. Die Satirezeitschrift galt in den Kriegs- und Nachkriegsjahrzehnten als publizistisches Bollwerk der geistigen Landesverteidigung. Mit spitzer Feder kämpfte der damalige Chefredaktor Carl «Bö» Böckli, schreibend und zeichnend, gegen den Nationalsozialismus, den Faschismus und später den Kommunismus an. Die klare und kritische Haltung bescherte dem 1875 gegründeten Satiremagazin eine treue Leserschaft. Die Auflage wuchs in den siebziger Jahren auf bis zu 70 000 Exemplare.

Doch Internet und Medienwandel setzten auch dem «Nebelspalter» ab den neunziger Jahren stark zu. 1998 übernahm der Thurgauer Verleger Thomas Engeli, der auch das «KMU Magazin» herausgibt, das schlingernde Blatt. Inzwischen liegt die Auflage bei 18 000 Exemplaren. Viele davon sind in Arztpraxen zu finden, wo das satirische Monatsmagazin noch immer praktisch zur Grundausstattung gehört.

Markus Somm ging nach Harvard

Nun also soll der «Nebelspalter» in neue Hände übergehen, wie die «Handelszeitung» erfahren hat. Hinter der geplanten Übernahme steht der ehemalige Verleger und Chefredaktor der «Basler Zeitung» (BaZ), Markus Somm. Dieser will sich vorderhand noch nicht zu seinem neuen Medienprojekt äussern. Alles sei viel zu fest im Fluss, gleiche einem Stochern im Nebel. «Wir kommunizieren erst, wenn wir kommunizieren können», sagt der 55-jährige Publizist.

Mit dem Verkauf der BaZ vor zwei Jahren durch den Mehrheitseigner Christoph Blocher an den Tamedia-Konzern hatte der promovierte Historiker Somm seine journalistische Wirkungsstätte verloren. Fortan arbeitete er unter anderem als Kolumnist für die «Sonntagszeitung», schrieb an seiner Dissertation zu einem Stück Schweizer Industriegeschichte («Elektropolis an der Limmat. Baden und die BBC, 1870 bis 1925») und bildete sich an der Harvard University in digitalen Geschäftsmodellen für Medien weiter.

Zehn Printausgaben im Jahr

Diesen Bildungsrucksack der amerikanischen Eliteuniversität kann Somm in seiner geplanten neuen Rolle wohl gut gebrauchen. Denn der neue «Nebelspalter», der bislang unter dem Arbeitstitel «Säntis» firmierte, soll mehr werden als ein regelmässig erscheinendes Printprodukt: Nebst zehn Ausgaben im Jahr auf Papier setzt das Traditionsblatt künftig wohl vor allem auf die digitale Verbreitung.

Dabei soll Somm gemäss «Schweiz am Wochenende» beim Online-Auftritt mit einem sogenannten Reichweitenmodell liebäugeln. Mit anderen Worten: Die einzelnen Artikel sollen möglichst gut nachgefragt werden, wodurch ein attraktives Anzeigenumfeld für Werbetreibende geschaffen wird. Neben diesem hart umkämpften Geschäft mit digitalen Werbebannern sei auch Native Advertising geplant. Dieses Business lief einst unter dem Begriff «Publireportage» und offeriert Inserentinnen und Inserenten massgeschneiderte PR-Texte in einem journalistisch- redaktionellen Umfeld.

Anschubfinanzierung durch bis zu 70 Investoren

Einer der bekanntesten Verfechter von Reichweitenmodellen für Online-Titel in der Schweiz ist Peter Wälty. Der erfahrene Medienstratege war bis vor zwei Monaten auch fürs Somms neues «Nebelspalter»-Projekt beratend tätig. Inzwischen arbeitet Wälty für Ringier Axel Springer Schweiz (Rasch), die auch die «Handelszeitung» herausgibt. Auf Anfrage wollte er sich zu seiner damaligen Tätigkeit nicht äussern. Man habe Stillschweigen vereinbart, sagt Wälty. Anschubfinanziert wird der neue «Nebelspalter» von einer grösseren Gruppe an Investoren, die jeweils 100 000 Franken ans konservative Medienprojekt geben werden. Einzig Markus Somm darf mehr eigenes Geld ins Projekt einschiessen. «Wir haben bereits heute eine sehr grosse Gruppe an Investoren gewinnen können», sagte der Verleger in spe jüngst zur «Linth Zeitung». Die Rede ist von bis zu siebzig Investoren, die bereits ihre Zusage gegeben haben sollen. Im Moment sei, so ein Insider, der ehemalige BaZ-Verleger daran, die bereits gesprochenen Mittel einzusammeln. Jene maximal 7 Millionen Franken dürften die geplante 15-köpfige «Nebelspalter»-Redaktion in einer mehrjährigen Startphase bis zur selbsttragenden Finanzierung decken.

Zur Gruppe der Geldgeber sollen auch einflussreiche Wirtschaftslenker gehören. Die Rede ist von Marcel Erni und Alfred Gantner, den beiden schwerreichen Mitgründern des Private-Equity-Konzerns Partners Group. Auch der Multimilliardär Martin Haefner soll das Projekt unterstützen. Ihm gehören unter anderem die Autohandelsgruppe Amag und ein gewichtiger Anteil an Swiss Steel. Ebenfalls mit von der Partie sei der frühere SVP-Nationalrat und Unternehmer Walter Frey, sagt ein Insider und ergänzt, dass Markus Somms Finanzierungsmodell weitere Vorteile habe: Mit einer solch potenten Investorengruppe halte sich der neue «Nebelspalter» auch einen attraktiven Pool an potenziellen Inserentinnen und Inserenten fürs Blatt.

Belesener Bildungsbürger

Massgeblich beteiligt an der Investorensuche soll offenbar auch Konrad Hummler gewesen sein, der fürs Verwaltungsratspräsidium des neuen «Nebelspalter» vorgesehen ist. Hummler ist kein Unbekannter im Mediengeschäft. Er sass von 2002 bis 2013 im Verwaltungsrat der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) und präsidierte diesen zuweilen. Bereits in seiner Zeit als Privatbankier bei der St. Galler Wegelin & Co. verfasste der belesene Bildungsbürger weitherum beachtete Anlagekommentare. Seit dem Ende der Bank und seinem Exit bei der NZZ ist Hummler vielgleisig unterwegs: Er schreibt weiterhin Artikel für diverse Publikationen, ist Partner und Berater beim Ostschweizer Think-Tank M1. Gleichzeitig sitzt er im Verwaltungsrat des Uzwiler Technologiekonzerns Bühler und präsidiert die Zürcher Private Client Bank.

Während Somms «Nebelspalter» in konservativen Wirtschaftskreisen also offenbar Sukkurs geniesst, will sich die Zeitschrift parteipolitisch nicht festlegen lassen. So bekräftigte der Sohn des ehemaligen ABB-Schweiz-Chefs Edwin Somm jüngst die parteipolitische Unabhängigkeit seines neuen Mediums: Zu den Investoren gehörten weder Christoph Blocher noch ein Mitglied seiner Familie. Ebenfalls wolle man nicht, dass sich aktive Politikerinnen und Politiker beteiligten, keine Ständeräte, keine Nationalräte. «Wir sind im Zweifelsfall bürgerlich, aber keiner bürgerlichen Partei besonders verbunden», sagte Somm, der ein eingetragenes FDP-Mitglied ist.

Markus Somm war zuvor bei Weltwoche

Dass der nationalkonservative Verleger seine parteipolitische Ungebundenheit unterstreicht, ist wohl auch als Kritik an seiner früheren Arbeitgeberin zu verstehen. Markus Somm war vor seiner Tätigkeit bei der BaZ stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche», die von Roger Köppel geleitet wird, der inzwischen als SVP-Nationalrat politisiert.

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Es droht ein kalter Entzug

Verbriefte Kredite Die Zahlen machen schwindelig. Alleine in den USA sind hochgehebelte Unternehmenskredite, sogenannte Leveraged Loans, in der Grössenordnung von etwa 1 Billion Dollar ausstehend. Es handelt sich um Darlehen auf Ramschniveau. Oder etwas sophistizierter ausgedrückt: Non-Investment-Grade-Kredite. An sich ist dies noch kein Grund zur Sorge, denn den Dienst am eigenen Schuldenberg kann eine Firma locker bestreiten, solange die Wirtschaft brummt, die Gläubiger vor Optimismus strotzen und an den Finanzmärkten Champagnerlaune herrscht.

Wurstfabrik läuft wieder auf Hochtouren

Inzwischen aber hat die Sorglosigkeit, zumindest in den Vereinigten Staaten, überhandgenommen. Im Mutterland des Finanzcasinos filetiert die Wall Street in bester Subprime-Tradition Ramschkredite zu sogenannten Collateralized Loan Obligations (CLO) und verkauft die Kredittranchen an Investoren, die nach langen Tiefzins-Jahren um jedes Prozent Überrendite buhlen und dabei alle Vorsicht fahren lassen. Strenge Kreditklauseln für schlechte Schuldner sind ebenso passé wie die regulatorische Pflicht der Emittenten, einen Mindestanteil selbst zu zeichnen, was der «Nach mir die Sintflut»-Mentalität natürlich Vorschub leistet. Oder um es mit dem Bonmot von Ex-Bankier Konrad Hummler zu sagen: Die Wurstfabrik läuft auf Hochtouren. Und was für Zutaten im Brät sind, ist egal. Die Lebensmittelaufsicht soll besser nicht zu genau hinschauen.

Was hat uns 2008 gelehrt? Dass die nächste Krise bestimmt kommt. Nach der langen Party mit billigem Geld droht diesmal ein kalter Entzug.