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Fall Lescaudron – Credit-Suisse-Manager im Zwielicht

Fall Lescaudron Ein CS-Spitzenbanker sagte im Verfahren gegen Ex-Berater Patrice Lescaudron aus. Der Finma-Prüfbericht rückt die Aussage in ein neues Licht.

Der Fall um den betrügerischen Ex-Kundenberater Patrice Lescaudron hält die Credit Suisse (CS) weiter in Atem. Jüngst wurde der Prüfbericht von 2017 publik, den die Finanzmarktaufsicht seinerzeit in Auftrag gab. Darin sind die Schwächen im Risikomanagement detailliert beschrieben. Der Bankorganisation gelang es nicht, Regelverstösse ihres wichtigsten Kundenberaters wirksam zu unterbinden.

Lescaudrons Vorgesetzte hätten «ihre Unfähigkeit zur Kontrolle und Überwachung» gezeigt, heisst es im Bericht der Compliance-Prüfer von Geissbühler, Weber & Partner (GWP). So wandte sich der damalige Business-Risk-Chef fürs Private Banking der EMEA-Region bereits im Sommer 2012 – nach einer vertieften Sorgfaltsprüfung – mit einem Managementbericht über «Irregularitäten» an Lescaudrons Vorgesetzte. Es ging um diverse Regelverstösse und nicht fristgerecht plausibilisierte Kundenprofile. Von 51 Stichproben genügten damals 45 den Anforderungen nicht.

Lescaudron – «Aktiver Manager bei seinen Kunden»

Ab 2012 war X. (Name der Redaktion bekannt) der Linien-Vorgesetzte von Lescaudrons Team in Genf. Er leitete damals den Schwerreichen-Desk für Russland und den Kaukasus. Nach dem Management-Bericht über Lescaudrons Irregularitäten stellte X. seinem Kundenberater – mit einiger Verzögerung – einen neuen Teamleader als Aufpasser zur Seite. X. unterliess es jedoch, diesen über Lescaudrons frühere Regelverstösse zu informieren. Auch schlug X. – zwei Jahre nach den Irregularitäten – Lescaudron gar zur Beförderung als Managing Director vor.

Im Jahr 2015 schliesslich – nach Turbulenzen in Einzeltiteln – konnte Lescaudron die Löcher in seinen Kundenportfolios nicht mehr stopfen. Dazu hält der GWP-Bericht fest: «Anstatt den Kunden darüber zu informieren, dass möglicherweise unerlaubte Transaktionen durchgeführt wurden, oder Fragen zu den hohen Positionen in Raptor zu stellen oder die Genehmigung der vergangenen Transaktionen einzuholen, wollten X. und der Teamleiter den Kunden B. I. treffen und mit ihm ein dezentrales Vermögensverwaltungsmandat für Patrice Lescaudron erstellen.» Die Compliance-Prüfer kamen zum Schluss, dass X. «gegen seine Aufsichtspflichten» verstossen habe. Unter anderem deshalb, weil er Lescaudrons «Non-Compliance» nicht ordnungsgemäss esklaliert habe.

Lescaudron – «Fleissiger und introvertierter Mensch»

Nach den massiven Verlusten in Lescaudrons Kundenportefeuilles eröffnete die Genfer Staatsanwaltschaft 2015 eine Strafuntersuchung gegen den CS-Berater. Im Zuge derer auch X. als Auskunftsperson befragt wurde. Das Einvernahmeprotokoll liegt der «Handelszeitung» vor. Darin beschreibt X. seinen Kundenberater als «intelligenten, introvertierten und fleissigen Menschen» und als Manager, «der den meisten Umsatz an unsere Einheit gemeldet hat».

Konkret wurde X. auch nach dem Verhalten Lescaudrons befragt: «Haben Sie zwischen 2012 und 2015 irgendwelche besorgniserregenden Praktiken von Patrice Lescaudron bemerkt?», fragte die Staatsanwaltschaft damals.

«Nein», antwortete X. Der Vorgenannte sei ein aktiver Manager bei seinen Kunden gewesen. Er, X., habe jedoch sicherstellen wollen, dass in der Organisation des «Teams Lescaudron» alles seine Ordnung habe und jemanden rekrutiert, um die Genfer Einheit zu leiten und zu beaufsichtigen.

Karriere ohne Abbruch

Mit anderen Worten: X. erwähnte damals gegenüber der Staatsanwaltschaft nicht, dass es spätestens ab Sommer 2012 konkrete Indizien für bankinterne Regelverstösse gab. Diese Verstösse waren allerdings allesamt nicht strafrechtlicher Natur. 

Im Zuge der internen Aufarbeitung (Projekt «Dino») erhielt Lescaudrons Vorgesetzter X. gemäss GWP-Bericht als disziplinarische Massnahmen einen schriftlichen Eintrag. Seiner Karriere bei der CS tat das lasche Management von Lescaudron keinen Abbruch: Heute rapportiert X. aus dem International Wealth Management direkt an die CS-Konzernleitung und berät strategische Unternehmenskunden bei Firmenübernahmen und Kapitalmarkttransaktionen.

Die Credit Suisse äussert sich auf Anfrage nur summarisch: «Die Informationen im Bericht stammen aus einem frühen Stadium einer abgeschlossenen Überprüfung. Diese Überprüfung lieferte keine Fakten, die eine Strafuntersuchung gegen die Credit Suisse unterstützen würden.»

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Patrice Lescaudron – Ex- Credit-Suisse-Banker tot

Patrice Lescaudron hat Suizid begangen. Der Private Banker verwaltete die Oligarchen-Milliarden bei der CS, bis seine Betrügereien aufflogen.

Seine Kunden waren Oligarchen aus dem Osten: Leute wie der georgische Ex-Premier Bidsina Iwanischwili oder der frühere russische Senator Witali Malkin. Quereinsteiger Patrice Lescaudron, der zuvor beim Beauty-Konzern Yves Rocher gearbeitet hatte, hielt die Milliardäre bei Laune, generierte Millionen an Gebühren für die Credit Suisse und genoss im Gegenzug praktisch Narrenfreiheit innerhalb Bank. Bis 2015 wegen eines Margin Calls ans Licht kam, dass Lescaudron massive Kursverluste auf dem Kundenbuch mit Betrügereien vertuscht und zugleich mehrere Dutzend Millionen in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte.

Verfahren von Patrice Lescaudron ist hängig

Nun ist Patrice Lescaudron tot. Wie die «Handelszeitung» erfahren hat, nahm sich der ehemalige Starbanker Ende Juli das Leben, wenige Tage nach seinem 57. Geburtstag.

Der gebürtige Franzose, der zeitweilig mehr als eineinhalb Milliarden Dollar an Kundenvermögen bei der CS verwaltet hatte, war vor zwei Jahren in Genf erstinstanzlich zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt worden. Dies wegen gewerbsmässigem Betrugs, schwerer Untreue, Misswirtschaft und Fälschung von Wertpapieren. Noch im Februar dieses Jahres hat das Bundesgericht in Lausanne eine Beschwerde Lescaudrons teilweise gutgeheissen. Das Genfer Appellationsgericht hätte sich also nochmals mit dem Fall beschäftigt.

Niederlage der Credit Suisse vor Bundesgericht

Mit dem Freitod Lescaudrons, der zwischen 2004 und 2015 für die CS arbeitete, ist der Oligarchen-Fall für die Grossbank keineswegs abgeschlossen. Nebst Zivilverfahren geschädigter Kunden gegen die CS in verschiedenen Jurisdiktionen läuft in Genf weiterhin eine Strafuntersuchung gegen die Bank. Dabei geht es um mögliche Organisationsmängel, insbesondere in der Geldwäscherei-Bekämpfung. In diesem Zusammenhang forderte der verfahrensleitende Genfer Staatsanwaltschaft Yves Bertossa von Finanzmarktaufsicht Finma den Enforcementbericht zur Credit Suisse an. Darin stellte die Aufsicht vor gut zwei Jahren der Bank im Oligarchen-Fall ein denkbar schlechtes Zeugnis aus.

Die Finma konstatierte «Schwachstellen in der Verwaltungsorganisation und im Risikomanagement». So sei die Geschäftsbeziehung zwischen CS-Berater Lescaudron und seinen politisch exponierten Oligarchen von der Bank «zu spät als solche erfasst und entsprechend behandelt» worden: Lescaudron habe über mehrere Jahre hinweg wiederholt und aktenkundig Compliance-Vorschriften der Bank verletzt. Anstatt den Kundenberater wegen der Verstösse jedoch rechtzeitig und angemessen zu disziplinieren, habe die Bank den Kundenberater mit hohen Entschädigungen und positiven Mitarbeiterbeurteilungen honoriert. Der Sonderstatus des Kundenberaters führte dazu, dass dieser ungenügend kontrolliert wurde, kommt die Aufsichtsbehörde zum Schluss.

Suche nach der Wahrheit

Der für die Bank blamable Enforcementbericht der Finma wird nun auch in die Strafuntersuchung Bertossas gegen die Credit Suisse einfliessen, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen. So hat das Bundesgericht vor wenigen Wochen den Rekurs der Bank gegen die Herausgabe abgewiesen. Das von der CS geltend gemachte Geschäftsgeheimnis habe nicht «Vorrang von der Suche nach der Wahrheit», lautet das Urteil in Lausanne.