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Pierin Vincenz – Banker mit Bleifuss

Pierin Vincenz Der ehemalige Raiffeisen-Chef ist vorbestraft. Vincenz kassierte 2015 einen Strafbefehl wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln.

Am 15. Juli 2015 will der damalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ins Tessin. Vincenz nennt dort unter anderem ein Feriendomizil, hoch über dem Luganersee, sein Eigen. Es eilt offenbar auf dieser Fahrt in die Schweizer Sonnenstube. In Hospental auf der Strasse Richtung Gotthardpass gilt eigentlich Tempo 80. Doch der Genossenschaftsbanker Vincenz brettert in seinem Fahrzeug mit Ausserrhoder Nummernschild mit 118 Sachen gen die Passhöhe «San Gottardo». Es sind 34 Stundenkilometer zu viel auf dem Tacho. «Nach Abzug Toleranz», wie es im Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Uri heisst, den die «Handelszeitung» kürzlich in Altdorf einsehen konnte.

Keine drei Monate nach der Temposünde auf Urner Kantonsgebiet ereilt Pierin Vincenz, kurz nach seinem letzten Arbeitstag bei der Raiffeisen, am 2. Oktober 2015 ein eingeschriebener Brief der dortigen Justizbehörden. Der Strafbefehl lautet auf «grobe Verkehrsregelverletzung durch Überschreiten der signalisierten Höchstgeschwindigkeit ausserorts». Die beschuldigte Person habe mit ihrem Verhalten durch eine grobe Verletzung der Verkehrsregeln eine ernsthafte Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen, indem sie aus Unachtsamkeit die Geschwindigkeit unabsichtlich, aber pflichtwidrig, nicht im Auge behielt.

Die rasante Fahrt über den Alpenpass kommt den Bündner Banker teuer zu stehen. Die damalige stellvertretende Oberstaatsanwältin des Kantons Uri, Beatrice Kolvodouris Janett, spricht nebst einer Busse von 15 000 Franken eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 3000 Franken aus. Angesichts der finanziellen Verhältnisse – Vincenz ist Multimillionär – entspricht dies dem maximal möglichen Tagessatz. Die Geldstrafe von 60 000 Franken spricht Staatsanwältin Kolvodouris Janett jedoch bedingt aus. Die Probezeit beträgt gemäss Strafbefehl drei Jahre. Mit anderen Worten: Begeht Vincenz zwischen 2015 und 2018 ein Verbrechen oder Vergehen, kann die Geldstrafe fällig werden.

Zürich oder Bülach – Knatsch um den Gerichtsstand

Nun hat bekanntlich die Zürcher Staatsanwaltschaft III für qualifizierte Wirtschaftskriminalität jüngst Anklage gegen Pierin Vincenz und sechs weitere Personen erhoben. Vincenz wird gewerbsmässiger Betrug, Veruntreuung, Urkundenfälschung und passive Bestechung zum Nachteil von Aduno und Raiffeisen vorgeworfen. Obwohl mutmasslich strafbare Handlungen von Vincenz in den Zeitraum der Probezeit fallen und die Geldstrafe für den Banker damit fällig wäre, verzichtet der verfahrensführende Staatsanwalt Marc Jean-Richard- dit-Bressel offenbar darauf. Gemäss einer gut informierten Person umfassen die Anträge gegen Vincenz nämlich einen «Verzicht auf Widerruf» des Urner Strafbefehls. Mit anderen Worten: Die Zürcher Strafermittler halten an der bedingten Strafe fest. Vincenz soll die 60 000 Franken nicht zahlen müssen. Dies ist gängige Rechtspraxis. Und zwar dann, wenn der bestehende Strafbefehl materiell nichts mit den neuen Straftatbeständen zu tun hat, was im vorliegenden Fall gegeben ist. Somit besteht nämlich auch nicht Wiederholungsgefahr.

Ob der ehemalige Raiffeisen-Chef die Geldstrafe doch noch zahlen muss, entscheiden letztlich die Richter, wenn es voraussichtlich 2021 zum Prozess kommt. Welche Richter sich über den wahrscheinlich spektakulärsten Wirtschaftsstraffall des letzten Jahrzehnts beugen werden, ist allerdings noch offen. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Klage Ende Oktober beim Zürcher Bezirksgericht eingereicht. Zuständig hier ist für grosse Wirtschaftsstraffälle die neunte Abteilung. Sie gilt unter Strafverteidigern als notorisch «verurteilungsfreudig». Mit anderen Worten: Vincenz und Co. hätten denkbar schlechte Karten. Entsprechend sind deren Verteidiger offenbar daran, den Gerichtsstand anzufechten. Mit dem Ziel, dass der Prozess vor das Bezirksgericht Bülach kommt, wo seinerzeit auch das Swissair-Verfahren abgehandelt wurde. Es endete 2007 mit Freisprüchen für alle Airline-Verantwortlichen.

Der damalige Präsident Pierin Vincenz

Im Kern geht es nun darum, zu bestimmen, wo der Dreh- und Angelpunkt der zur Last gelegten Delikte lag. Die Staatsanwaltschaft verortet ihn im Zürcher «Baur au Lac». Tagte doch hier regelmässig der Aduno-Verwaltungsrat unter Leitung des damaligen Präsidenten Pierin Vincenz. In der Zürcher Luxusherberge fällte das oberste Gremium des Zahlungsdienstleisters beispielsweise den fatalen Entscheid zur Übernahme der Commtrain Card Solutions. Die Angeklagten argumentieren dagegen, dass zu diesem Zeitpunkt der rechtliche Sitz der Aduno Holding in Opfikon war. Also im Bezirk Bülach.

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Pierin Vincenz & Co – Dreistes Doppelspiel

Fall Vincenz Die Anklage gegen Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und den Aduno-Manager Beat Stocker steht. Der Vorwurf: Die beiden kassierten verdeckt an Firmendeals mit.

Es ist das mutmassliche Gesellenstück von Pierin Vincenz und Beat Stocker. Die Firma heisst i-Finance Management (iFM). Sie erwirbt im Sommer 2005 für eineinhalb Millionen Franken die Mehrheit der Aktien an Commtrain, einer Jungfirma für drahtlose Kreditkarten-Terminals. Hinter den iFM-Geldern stehen je zur Hälfte der damalige Aduno-Präsident Pierin Vincenz und Beat Stocker, der kurz darauf operativer Chef des Zahlungskonzerns wird. Die zwei sollen in den Aduno-Gremien aktiv auf den Kauf der Commtrain hingewirkt haben. Etwa ein Jahr später übernimmt Aduno die defizitäre Firma für 7 Millionen Franken. Mit der Übernahme realisiert Mehrheitsaktionärin iFM einen Reingewinn von 2,6 Millionen Franken. Dass hinter iFM die beiden Aduno-Organe Vincenz und Stocker stehen, weiss beim Zahlungsdienstleister niemand.

15 Jahre später beschäftigt jene Commtrain-Beteiligung die Strafjustiz. Vor kurzem hat die Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich Anklage gegen «ehemalige Verantwortliche der früheren Aduno Holding und der Raiffeisen Schweiz Genossenschaft» erhoben. Pierin Vincenz und Beat Stocker werden gewerbsmässiger Betrug, Veruntreuung, Urkundenfälschung sowie passive Bestechung zum Nachteil des Zahlungsdienstleisters Aduno und der Raiffeisen Bank vorgeworfen. Für alle Verfahrensbeteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Der Prozess vor Zürcher Bezirksgericht steht im nächsten Jahr an.

«Gatekeeping» auf eigene Rechnung

Konkret fordert die Staatsanwaltschaft für die beiden Hauptbeschuldigten eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Zudem sollen bei Vincenz knapp 9 Millionen Franken und bei Stocker 16 Millionen Franken an unrechtmässig erzielten Vermögenswerten eingezogen werden. Die Summen machen klar: Bei der einen privaten Vorab-Beteiligung an Commtrain blieb es nicht. Vielmehr ist die Leithypothese der Staatsanwaltschaft jene eines notorischen Doppelspiels: Vincenz und Stocker sollen bei mehreren Beteiligungsnahmen der Aduno beziehungsweise der Raiffeisen jeweils verdeckt auf beiden Seiten des Verhandlungstisches gesessen sein. Dabei sollen sie ihre Organstellung in den Finanzfirmen zum «Gatekeeping» auf eigene Rechnung missbraucht haben. Verhandlungspartner gewährten ihnen jeweils eine Schattenbeteiligung mit der impliziten Erwartung, dass die beiden Finanzmanager kraft ihres Amtes für entsprechend vorteilhafte Abschlüsse sorgen würden. Stets zulasten der Aduno beziehungsweise der Raiffeisen.

Und das sind die vier Fälle, auf denen die Hauptanklagepunkte der Zürcher Staatsanwaltschaft gründen:

Commtrain

Erklärungsbedürftig wird die persönliche Commtrain-Beteiligung für Pierin Vincenz ein erstes Mal im Herbst 2009. Damals informiert der Raiffeisen-Chef seinen Verwaltungsratspräsidenten Franz Marty darüber, dass er privat über iFM an Commtrain beteiligt gewesen sei, als die Aduno die Kartenterminal-Firma kaufte. Ein von Vincenz in Auftrag gegebenes Gutachten des renommierten Rechtsprofessors Peter Forstmoser stellt ihm jedoch einen Persilschein aus: Vincenz habe keinen Einfluss auf den Kaufentscheid zugunsten von Commtrain genommen, lautet Forstmosers Fazit. Raiffeisen-Präsident Marty lässt es bei dieser zweifelhaften Einschätzung bewenden. Er informiert auch nicht die Gremien der Aduno, an der die Genossenschaftsbank bedeutend beteiligt ist. Aus heutiger Sicht unverständlich: Denn Vincenz und Stocker haben aktiv in den Aduno-Gremien auf den Commtrain-Abschluss hingewirkt.

Vincenz als Aduno-Präsident

Beispielsweise holt sich Aduno-Chef Stocker mithilfe von Präsident Vincenz in einem Verwaltungsratsausschuss das Plazet, um ein Transaktionsteam auf Commtrain anzusetzen. Dieses Transaktionteam soll die Firma im Hinblick auf eine Übernahme vertieft prüfen. Mitglied ist unter anderem der externe Rechtsanwalt Beat Barthold, der für die rechtliche Prüfung zuständig ist. Was niemand weiss: Barthold hat zu dieser Zeit zwei Hüte auf. Zum einen arbeitet er für die Aduno an der juristischen Due Dilligence, zum anderen ist er Verwaltungsrat der i-Finance Management. Also just jener Gesellschaft, mit der die beiden Aduno-Organe Vincenz und Stocker privat am potenziellen Übernahmeziel Commtrain bereits beteiligt sind. In einem Prüfbericht zuhanden der Aduno hält Barthold dann auch bloss fest, dass Commtrain kein Aktienbuch vorgelegt habe. Das Geheimnis um die Mehrheitsaktionärin iFM bleibt gewahrt. Der Rechtsanwalt wird sich wegen seiner umstrittenen Rolle nicht vor Gericht zu verantworten haben. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat gegen ihn einen Strafbefehl erlassen.

Genève Credit & Leasing

Die Situation ist angespannt im Herbst 2010. Die Hauptaktionärin von Genève Credit & Leasing (CGL), eine französische Bank, will die Kreditfirma entschädigungslos über Zeit liquidieren. Der Genfer Immobilienunternehmer Stéphane Barbier-Mueller, der eine Minderheit an GCL hält, droht sein Investment von mehreren Millionen Franken zu verlieren. Die Minderheitsaktionäre brauchen deshalb rasch eine Lösung: Es gilt Investoren zu finden und das Kreditportfolio von 160 Millionen Franken bei einer neuen Bank refinanzieren zu lassen. Doch die Ausgangslage ist schwierig. Die bisherigen GCL-Kreditverträge sind nicht rechtskonform. Zudem fehlt Eigenkapital, um die Darlehen angemessen zu decken. Zwar will die Aduno-Tochter Cashgate in der Romandie strategisch expandieren. Nach einer vertieften Prüfung ist eine Übernahme von GCL Anfang 2011 aufgrund der genannten Probleme vom Tisch. Einige Monate später jedoch sollen Barbier-Mueller, Aduno-VR Stocker und Präsident Vincenz unter sich einen «Plan B» ausgemacht haben. Er sieht vor, dass die Raiffeisen zwischenzeitlich die Refinanzierung des Kreditportfolios übernimmt. Derweil man die Übernahmegespräche mit der Aduno wieder aufnimmt, während Barbier-Mueller bis zum finalen Abschluss die Aktienmehrheit an GCL übernimmt.

Vincenz als stiller Aktionär

Zunächst setzt sich Vincenz im Herbst 2011 als Raiffeisen-Chef dafür ein, dass die Genossenschaftsbank den Kredit zugunsten von GCL bewilligt. Und zwar trotz Bedenken der bankeigenen Risikomanager. Zeitgleich übernimmt Barbier-Mueller von der französischen Bank die Mehrheit an GCL. Auf Jahresende schliesslich gibt die Aduno grünes Licht für die geplante Übernahme der Kreditfirma. Dabei sollen Vincenz und Stocker in den Verhandlungen aktiv auf die Höhe der «Processing Fee» eingewirkt haben, und zwar zugunsten von Verkäufer Barbier-Mueller. Die Fee wird nämlich für die Folgejahre bis zur Abwicklung die Gewinne von GCL bestimmen. Die mutmassliche Intervention erfolgt wohl eigennützig. Denn der «Plan B» sieht eine Schattenbeteiligung an GCL vor. Nachdem die komplexe Transaktion schliesslich geglückt ist, erhält Stocker – und indirekt Vincenz – im Sommer 2012 einen Anteil von knapp einem Drittel an GCL zugesprochen, und zwar als stiller Aktionär. Knapp zwei Jahre später, als dass Kreditportfolio der Genfer Firma abgewickelt und der Raiffeisen-Kredit zurückbezahlt ist, folgt die finale Ausschüttung. Kumuliert gut 9 Millionen Franken fliessen verdeckt an Stocker und Vincenz.

Investnet

Raiffeisen steigt vor zehn Jahren ins Beteiligungsgeschäft mit KMU-Nachfolgeregelungen ein. Dazu gründet die Bank KMU Capital. Die Tochter soll sich mit Eigenkapital an KMU beteiligen, die Unternehmen weiterentwickeln und gewinnbringend veräussern. Doch die Umsetzung harzt. Der Bank fehlt das Know-how. Umgekehrt verhält es sich mit Investnet. Ihre Mitgründer Peter Wüst und Andreas Etter haben das KMU-Netzwerk und Finanzierungskompetenz, aber es mangelt ihnen an Kapital. Sie suchen deshalb den Kontakt zu Banken. Da Wüst und Vincenz sich seit längerem kennen, bahnt sich im Verlaufe des Jahres 2011 in verschiedenen Gesprächen eine noch nicht definierte Zusammenarbeit zwischen Investnet und KMU Capital an. Fest steht nur: Die Banktochter soll einige Jahre vom Know-how von Investnet profitieren und deren Gründern danach einen Exit ermöglichen.

Auf Kosten von Raiffeisen beraten

Doch auch im Fall Investnet sollen Vincenz und Stocker nicht in erster Linie die Interessen der Bank verfolgen, sondern vor allem ihre eigenen. So soll Stocker auf eine stille Partnerschaft bei Investnet drängen, von der indirekt auch der Raiffeisen-Chef profitieren würde. Entsprechend treibt dieser das Geschäft voran, wobei nun eine Kreuzbeteiligung zwischen KMU Capital und Investnet geplant ist. Dabei postuliert Vincenz das Aktientauschverhältnis und spricht sich für eine Put-Option aus. Jene Put-Option sieht vor, dass Etter und Wüst ihre Anteile gemäss einer vordefinierten Bewertungsformel nach einer Haltedauer der Raiffeisen andienen können. Ein externes Gutachten kommt jedoch zum Schluss, die Verträge seien zulasten der Raiffeisen unausgewogen und riskant. Doch Vincenz drückt auf den Deal: Falls die Bewertung nicht funktioniere, könne man mit den Minderheitsaktionären ja wieder «zusammenhocken». Jedenfalls winkt der Raiffeisen-VR im Frühjahr 2012 die Investnet-Beteiligung durch, wobei die Put-Option in der Präsentation gar nicht erwähnt wird. Praktisch zeitgleich lassen sich Stocker und Vincenz – auf Kosten der Raiffeisen – von einer Anwaltskanzlei beraten, und zwar im Hinblick auf ihre eigene verdeckte Beteiligung am Private-Equity-Vehikel. Schliesslich unterzeichnet Stocker einen geheimen Treuhandvertrag mit Wüst und Etter. Fortan hält er 13,3 Prozent an KMU Capital / Investnet. Bereits eineinhalb Jahre später generiert die Formel aus Sicht der Raiffeisen-Fachleute eine unsinnig hohe Bewertung. Die Bank drängt zu Neuverhandlungen. Schliesslich einigt man sich mit Wüst und Etter, die «Phase 1» zu beenden. Der Exit ist lukrativ. Die Investnet-Gründer sollen für ihre Minderheitsanteile, über Zeit gestaffelt, bis zu 100 Millionen Franken erhalten. Die erste Tranche von 20 Millionen Franken überweist die Raiffeisen 2015. Ein Drittel davon fliesst eilends weiter an Stocker beziehungsweise Vincenz. Insgesamt sollen es über 12 Millionen Franken gewesen sein.

Eurokaution

Der Zahlungsdienstleister Aduno will ab 2012 strategisch ins Geschäft mit Mietkautionen expandieren und schaut sich zu diesem Zweck geeignete Firmen an. Darunter auch Eurokaution. Sie gehört mehrheitlich einer Luxemburger Holding, an der Unternehmer Ferdinand Locher beteiligt ist. Im Herbst desselben Jahres treffen sich Locher sowie die beiden Aduno-Organe Vincenz und Stocker in einem Zürcher Restaurant, um erstmals einen möglichen Deal zwischen Aduno und Eurokaution anzudiskutieren. Zahlreiche weitere Treffen folgen. Davon wissen die Aduno-Gremien allerdings lange nichts. Erst über ein Jahr später, also Ende 2013, kommen Aduno und Eurokaution offiziell ins Gespräch. Die klandestinen Zusammenkünfte zuvor haben ihre Bewandtnis. Sie konkretisieren nämlich eine private Vorab-Beteiligung von Stocker und Vincenz an Eurokaution. Schliesslich tritt Lochers Luxemburger Holding im Frühjahr 2013 einen Viertel der Eurokaution-Aktien an die Firma von Stocker und Vincenz ab. Es ist jene iFM aus dem Commtrain-Deal, die mittlerweile unter dem Namen ReImagine! firmiert. Die private Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Zug trägt später auch eine Kapitalerhöhung von Eurokaution mit.

Vincenz und Stocker – Zwei unbekannte Aktionäre

Doch nicht nur das. Die Beratungsfirma Fides, an der ebenfalls Stocker beteiligt ist, wird von Eurokaution mandatiert. Es sind schliesslich Fides-Leute, die dem Aduno-Management das Geschäftsmodell von Eurokaution Ende 2013 vorstellen. In den Folgemonaten treibt Aduno-Verwaltungsrat Stocker aktiv den Verkauf der Mietkautionsfirma an den Zahlungsdienstleister weiter voran, obwohl er gegenüber einer involvierten Partei die Firma als «piece of shit» bezeichnet haben soll. Noch einmal wackelt der verdeckte Deal, als Dokumente bei der Due Dilligence zuhanden der Aduno darauf hinweisen, dass Eurokaution zwei neue, unbekannte Aktionäre hat. Eine Folge der Kapitalerhöhung. Doch Eurokaution pariert die Nachfrage mit Falschangaben. Im Herbst 2014 schliesslich stimmt der Aduno-VR mit Vincenz und Stocker der Eurokaution-Übernahme zu. Für die beiden verdeckten Miteigner resultiert ein hypothetischer Gewinn von gut einer halben Million Franken. Doch Locher zahlt den ReImage!-Anteil an Eurokaution nie aus. Die letzte Zahlungsaufforderung schickt Stocker an Locher Anfang 2018. Wenige Wochen, bevor er und Vincenz in U-Haft gesetzt werden.

Spesen – Reisen, Rotlicht, Rechtsanwälte

Spesen Die Staatsanwaltschaft hat im Rahmen ihrer knapp dreijährigen Ermittlungen nicht nur Unternehmenstransaktionen auf ihre Rechtmässigkeit hin durchleuchtet, sondern auch den Umgang mit Spesen untersucht. Sowohl Raiffeisen-Chef Vincenz wie auch Aduno-Organ Stocker sollen dabei die Kassen ihrer Finanzkonzerne mit privaten Auslagen unrechtmässig belastet haben. Vor allem Vincenz hat eine Vielzahl privater Reisen, Rotlicht-Besuche und Rechtsanwaltskosten über die Firmenkreditkarte beziehungsweise die eigene Kostenstelle abgerechnet. Dabei soll er bewusst auch falsche Angaben gemacht haben. Beispielsweise als Vincenz über die Feiertage 2011 für 15 000 Franken nach Australien flog und behauptete, er habe dabei australische Bankenvertreter getroffen. Insgesamt geht es bei Vincenz um rund eine halbe Millionen Franken. Darunter fällt auch eine Golf-Reise Anfang 2015 nach Dubai. Sie hat aus Sicht der Staatsanwaltschaft rein privaten Charakter. An der Dubai-Reise nahm auch ein Berater teil. Dieser arbeitete damals im Mandat für Raiffeisen und stellte die Reise der Bank als Auslage separat in Rechnung.

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Fall Vincenz & Co – Fatale Geheimjustiz

Fall Vincenz & Co Es ist Dezember 2017, als die Zürcher Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität ihre Ermittlungen aufnimmt gegen Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und Beat Stocker, den ehemaligen CEO des Zahlungsdienstleisters Aduno. In den ersten Undercover-Wochen bis zu deren Verhaftung überwachen die Ermittler um Verfahrensleiter Marc Jean-Richard-dit-Bressel auch die Telefone von Vincenz und Stocker. Und so bekommen sie erstmals hautnah mit, wie hemdsärmelig Business mit dem Bündner Banker ablief. Da werden hohe Summen handschriftlich auf «Fresszetteln» verteilt, da werden hochsensible Interna per Whatsapp-Fotos weitergereicht, da werden Millionendeals bei vergnüglichen Mittagsessen ausbaldowert. Kurzum, ein Graus für jeden Corporate-Governance-Ethiker. Doch was von all dem ist strafbar und hält dann auch wirklich vor Gericht stand?

Für alle Verfahrensbeteiligten gilt bis auf weiteres ein Maulkorb

Nun, nach fast drei Jahren, davon 106 Tage Untersuchungshaft für Vincenz und Stocker, legen die Strafverfolger dazu ihre Anklageschrift vor. Der summarische Vorwurf: Gewerbsmässiger Betrug, Veruntreuung, Urkundenfälschung sowie passive Bestechung zum Nachteil der Aduno und der Raiffeisen. Konkreter wird die dürre Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft zum Fall nicht. Selbst auf Angaben zum Strafmass verzichtet man. Die über 300-seitige Anklageschrift bleibt sowieso unter Verschluss. Und überhaupt gilt weiterhin für alle Verfahrensbeteiligten ein Maulkorb.

Was die Angeklagten beziehungsweise deren Gefolgschaft aus Anwälten und Spindoktoren jedoch nicht daran hindert, über alle möglichen Kanäle den «Gerichtssaal der Öffentlichkeit» mit Indiskretionen und Wahrheitsfetzen gezielt zu füttern. Wohl wissend, dass ein Verfahren wie die Strafsache Vincenz niemals nur vor Gericht ausgefochten wird, sondern stets auch eine «res publica» ist. Schliesslich zeigen empirische Studien mittlerweile klar auf, dass Richter sich in ihrem Urteil sehr wohl von der öffentlichen Meinung leiten lassen.

Fall Vincenz – Gefahr, dass Medien zum Spielball von Partikularinteressen werden

Angesichts dieser Gemengelage ist es unverständlich, weshalb der verfahrensleitende Staatsanwalt Jean-Richard-dit-Bressel weiterhin auf strikte Geheimhaltung pocht. Gerade in seiner neuen Rolle als Ankläger müsste er doch ein Interesse daran haben, dass die zur Last gelegten Sachverhalte auch öffentlich faktisch möglichst präzise dargestellt werden. Je restriktiver der Justizapparat kommuniziert, desto grösser die Gefahr, dass die Medien zum Spielball von Partikularinteressen werden.

Schliesslich erhitzt der Fall des gefallenen Volksbankers weit über die Finanzkreise hinaus die Gemüter. Es flossen Millionen an Steuergeldern in dessen straf- und aufsichtsrechtliche Aufarbeitung. Und wie im «Fall Swissair» besteht ein öffentliches Interesse an dessen Aufklärung beziehungsweise rechtlicher Ahndung. Insofern stehen die Staatsorgane in der Pflicht, Rechenschaft über die eigene Arbeit abzulegen. Eine Geheimjustiz wäre fatal.

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Johannes Rüegg-Stürm – Der Theoretiker

Johannes Rüegg-Stürm Er war Raiffeisen-Präsident. Und führte Bankchef Pierin Vincenz an der langen Leine. Mit fatalen Folgen. Bis heute lehrt er Management an der Uni St. Gallen.

Es ist die Fibel eines jeden HSG-Studenten: «Das St. Galler Management-Modell». Dessen Ansatz soll künftigen Führungskräften als Kompass in einer komplexen Unternehmensumwelt dienen. Geschrieben hat das Standardwerk Johannes Rüegg-Stürm. Er war von 2011 bis 2018 Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen, der drittgrössten Bankengruppe der Schweiz. In seine Präsidentschaft fallen Kontrollversagen und Verstösse gegen die gute Unternehmensführung. Gegen den damaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz läuft eine Strafuntersuchung, unter anderem wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Sie steht kurz vor dem Abschluss. Bald folgt die Anklage.

Während sich Vincenz und Co. im nächsten Jahr vor Gericht verantworten müssen, lehrt Ex-Präsident Rüegg-Stürm an der Universität St. Gallen. Er wurde erst Anfang 2020 für weitere sechs Jahre als Ordinarius bestätigt. Rüegg-Stürm leitet das Institut für Systematisches Management und Public Governance. Der Professor für Organisationsstudien unterrichtet just in jener Disziplin, in welcher er den Praxistest bei Raiffeisen nicht bestand, wie umfangreiche Recherchen zeigen. Rüegg-Stürm liess Fragen der «Handelszeitung» zu seiner Rolle als Raiffeisen-Präsident im Fall Vincenz unbeantwortet.

Zuckerbrot und Peitsche

Vom Organisationstheoretiker, der in der hiesigen Unternehmenswelt kaum vernetzt ist, stammen «St. Galler Modell»-Sätze wie «Muster im alltäglichen Geschehen bringen die vorherrschende Ordnung zum Ausdruck». Die «vorherrschende Ordnung» hatte bei Raiffeisen Schweiz einen Namen: Pierin Vincenz. Der ehemalige Bankchef verstand es in seiner langen und erfolgreichen Regentschaft mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, das Genossenschaftsinstitut nach seinem Gusto zu beeinflussen. Für seine zum Teil verdeckten Geschäfte und seinen lockeren Umgang mit Spesen wird sich der Bündner Banker rechtlich verantworten müssen.

Vincenz’ Chef und Aufseher wäre sieben Jahre lang Johannes Rüegg-Stürm gewesen – wäre. Doch der damalige Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen Schweiz hat seine Kontrollfunktion nur mangel- und lückenhaft wahrgenommen. Erst der praxisferne Rüegg-Stürm ermöglichte es dem Machtmenschen Vincenz, seine Dominanz in der Genossenschaftsbank voll zu entfalten.

Der Raiffeisen-Präsident, der einst zu «Unternehmensentwicklung und Unternehmensethik» dissertierte, vertraute dem Bündner Alpha-Banker lieber, als dass er ihn engmaschig kontrollierte. Gemäss einer bankinternen Regelung hätte Pierin Vincenz beispielsweise jährlich dem Strategie- und Entschädigungsausschuss des Verwaltungsrates, den Rüegg-Stürm präsidierte, seine privaten Beteiligungen mit geschäftlichem Charakter offenlegen müssen. Doch das geschah nicht. Obwohl Vincenz zeitweise über ein Dutzend Private-Equity-Beteiligungen hielt. Auch die hohen Kreditausstände des Raiffeisen-CEO wurden durch den VR-Ausschuss nie wirklich überwacht. Bis zuletzt wusste also Präsident Rüegg-Stürm wenig über Vincenz’ dauerangespannte Finanzen und seine heiklen Beteiligungsnahmen.

Die lange Aufsichtsleine genoss Vincenz auch, als er seinen Abgang als Raiffeisen-Chef vorbereitete. Im diffizilen Ablösungsprozess, der sich über Jahre hinzog, liess es Präsident Rüegg-Stürm nicht zuletzt an Menschenkenntnis mangeln. Offiziell schied Vincenz zwar erst im Herbst 2015 aus, doch bereits im Sommer 2014 – also fast anderthalb Jahre früher – begannen die Abgangsdiskussionen aufzuflammen. Zur selben Zeit dozierte HSG-Professor Rüegg-Stürm an internationalen Fachkonferenzen zur «wiederholten Wiederherstellung der Legitimität der Führung in Ermangelung formalisierter Machtstrukturen».

Ein reputatives Minenfeld

Bankintern drehte sich derweil die Frage darum, wie Galionsfigur Vincenz nach seinem Exekutiv-Exit weiter im Genossenschaftsimperium hätte beschäftigt beziehungsweise vergütet werden können. Die Ideen reichten vom Notenstein-Präsidium über eine Rolle beim Aduno-Börsengang bis hin zum wohldotierten Beraterjob. Ein reputatives Minenfeld für die Bank. Denn Vincenz’ Millionenbezüge hatten bereits 2008 die Genossenschaftsbasis erzürnt und zum Beinahe-Rücktritt des Raiffeisen-Chefs geführt. Die Folge war eine massive Reduktion des CEO-Lohns.

Dass Vincenz für die Durchsetzung eigener Finanzinteressen den rechtlichen Rahmen zu sprengen bereit gewesen wäre, hätte Rüegg-Stürm spätestens ab Oktober 2014 wissen müssen. Damals schlug Vincenz ihm für die Zeit nach dem Rücktritt als Chef einen brisanten Deal vor. Raiffeisen solle mit ihm doch einen fünfjährigen Beratungsvertrag bis 2021 abschliessen, dotiert mit 880 000 Franken pro Jahr. Und dieses «Gentlemen’s Agreement» sei nach Vertragsunterzeichnung gleich wieder zu zerreissen. Ein ungeheuerlicher Vorschlag, auf den Rüegg-Stürm zwar nicht einstieg, der aber für Vincenz folgenlos blieb.

Nicht zuletzt, weil Rüegg-Stürm die wahren finanziellen Ansprüche des Pierin Vincenz jahrelang verkannte. Der Management-Professor war der irrigen Annahme, dass Raiffeisen ihrem Langzeit-CEO beim Abgang etwas schulde. Dazu muss man wissen, dass Vincenz sich in den Rücktrittsdiskussionen auf eine Zusatzvereinbarung von 2000 berief. Sie sah vor, dass der Bündner ab einer 13-jährigen Tätigkeit als Raiffeisen-CEO Millionenansprüche geltend machen kann.

Konkret hätte Raiffeisen ihrem CEO bei einem geordneten Übergang in den Ruhestand oder in die Erwerbslosigkeit eine Abgangsentschädigung von 5 Millionen Franken entrichten müssen. Eine Summe, die übrigens nirgends sauber bilanziert war. Rüegg-Stürm wusste um die Sprengkraft eines solchen goldenen Fallschirms. Er war deshalb tunlichst darum besorgt, eine einvernehmliche Lösung mit Vincenz zu finden, der immer neue Forderungen stellte.

Wenig Fingerspitzengefühl

Zu Vincenz’ Abgangsmodalitäten führte der Raiffeisen-Präsident zig Gespräche und Workshops durch. Dabei umging Rüegg-Stürm bewusst die Raiffeisen-eigene Rechtsabteilung. Denn Vincenz’ damalige Ehefrau, Nadja Ceregato, leitete sie. Rüegg-Stürm befürchtete, wohl zu Recht, Interessenkollisionen oder gar Indiskretionen.

Der VR-Präsident gab deshalb externe Analysen und Gutachten in Auftrag und bewies hierbei wenig Fingerspitzengefühl. Unter anderem holte Rüegg-Stürm sich Rat bei Rechtsprofessor Peter Forstmoser. Just jener Forstmoser, der all die Jahre Pierin Vincenz’ Interessen vertrat und für ihn Gutachten schrieb, welche ex post seine Upfront-Beteiligungen rechtlich legitimierten. Und so kam es denn auch, dass Forstmoser auch Vincenz’ Entschädigungsansprüche bestätigte. Dabei hätte Rüegg-Stürm eine simple Lektüre des Arbeitsvertrags genügt: Vincenz’ Millionenforderung war nämlich längst nicht mehr gültig. Ein neuer Arbeitsvertrag von 2013 hatte alle vorherigen Ansprüche abgelöst. Eine Erkenntnis, zu der Rüegg-Stürm allerdings erst drei Jahre später gelangte.

Johannes Rüegg-Stürm liess Vincenz gewähren

Inzwischen hatte sich Vincenz privat mit 15 Prozent am bankeigenen Private-Equity-Vehikel namens Investnet beteiligen dürfen. Ihm winkte der Jackpot.

Der Wert seiner Investnet-Beteiligung wurde bis 2030 auf über 60 Millionen Franken prognostiziert. Dies bei einem Eigenkapitaleinsatz von 1,5 Millionen Franken. Die potenziell äusserst lukrative Beteiligungsnahme hatte Vincenz – wider aller Good Corporate Governance – noch in seiner Zeit als operativer Chef einfädeln können. Nicht zuletzt, weil Präsident Rüegg-Stürm ihn gewähren und den übrigen Raiffeisen-Verwaltungsrat im Dunkeln liess.

Es war Anfang Januar 2015: An einem Montagmorgen um 9 Uhr empfing Vincenz in seinem Büro am Raiffeisen-Sitz in St. Gallen Rüegg-Stürm zu einer stündigen Sitzung. Der CEO eröffnete damals detailliert seinem Präsidenten, dass er sich nach seinem operativen Rücktritt privat am bankeigenen Private-Equity-Vehikel zu beteiligen gedenke. Sieben Tage später fand eine Sitzung des Raiffeisen-Verwaltungsrates statt. Doch Rüegg-Stürm unterliess es, Vincenz’ Investment-Absicht zu traktandieren. Ein Verstoss gegen Aufsichtspflichten.

Ohne Investnet-Traktandum aber konnte sich der Raiffeisen-Verwaltungsrat gar nicht adäquat aufs Geschäft vorbereiten. Seine Kontrollfunktion war praktisch ausgehebelt. Die heikle und finanziell bedeutsame Beteiligungsnahme wurde an der Raiffeisen-VR-Sitzung deswegen bloss unter «Varia» abgehandelt, also als Randnotiz. Die Tischvorlage durfte Vincenz gleich selber präsentieren und kam damit glatt durch. Das dazugehörige Protokoll wurde an der nächsten VR-Sitzung zudem geschwärzt ausgehändigt. Die finanziellen Konditionen fehlten. Ein umfassendes Bild des brisanten Deals erhielten die Verwaltungsräte somit nicht.

Späte Distanzierung des Johannes Rüegg-Stürm

Erst langsam schwante Rüegg-Stürm, dass Pierin Vincenz vielleicht mehr ist als ein «Bergler und politischer Berater», wie der Titel einer Raiffeisen-Festschrift zu Vincenz’ Abschied lautete. Zwei Jahre nach dessen Rücktritt gab Raiffeisen, auch auf Druck der Finanzmarktaufsicht Finma, eine interne Untersuchung bei der Kanzlei Prager Dreifuss in Auftrag. Noch während die Untersuchung lief, traf sich Rüegg-Stürm im Frühjahr 2017 zum Mittagessen mit einem der leitenden Prager-Prüfer in Zürich. Beim Arbeitslunch soll Rüegg-Stürm Vincenz als «kriminell» bezeichnet haben.

Rüegg-Stürms späte Erkenntnis fügt sich ins Gesamtbild. Dem Managementtheoretiker aus dem Glarnerland blieb die Finanzwelt bis zuletzt fremd. Ein Banker vom Schlage eines Vincenz wusste dies zu seinen Gunsten auszunutzen. Raiffeisen, das war für den Vollblut-Akademiker Rüegg-Stürm vor allem ein lukrativer Teilzeitjob. Bis zu eine halbe Million Franken jährlich erhielt er für sein 50-Prozent-Pensum bei der Genossenschaftsbank. Dafür präsidierte er im Nebenamt die systemrelevante Bank auch von seinem HSG-Büro in St. Gallen Rotmonten aus. So lief ein Teil seiner elektronischen Kommunikation, die er als Raiffeisen-Präsident schrieb, nicht über die Systeme der Genossenschaftsbank. Vielmehr verschickte Rüegg-Stürm Bankkorrespondenz auch übers Mail-Konto der Universität St. Gallen, was regelwidrig war. Der Raiffeisen-Präsident blieb eben bis zuletzt Professor – ein Theoretiker mit getrübtem Blick für die Realität.

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Sind die Bücher von Raiffeisen unvollständig?

Raiffeisen Beim Kauf der Investnet Holding gab die Raiffeisen Optionen aus. Doch genau diese fehlen in den Geschäftsberichten.

Ein altes Optionsgeschäft könnte für Raiffeisen zum Problem werden. Dabei geht es um das KMU-­Investment­vehikel Investnet. 2012 beteiligte sich die Bank unter Führung von Pierin Vincenz an Investnet, um Raiffeisen als Unternehmerbank für Nachfolgeregelungen längerfristig zu positionieren. Dabei galt es, die Investnet-Gründer, Andreas Etter und Peter Wüst, bei der Stange zu halten.

Der Aktionärsbindungsvertrag sah die Ausgabe von Put-Optionen vor. Dies bedeutet: Die beiden Investnet-Gründer konnten ihre Minderheitsanteile an Raiffeisen Schweiz erst nach Ablauf ­einer Haltefrist von einigen Jahren auf Grundlage einer vordefinierten Bewertungsmethode andienen.

Der Wert bemass sich nach dem operativen Erfolg des zugrunde liegenden Firmenportfolios. Mitte 2015 wurden diese Put-Optionen auf mindestens 40 und höchstens 100 Millionen bewertet. Zum Vergleich: Der Raiffeisen-Gewinn 2014 betrug 759 Millionen Franken.

Keine Zeile zu den Put-Optionen

Im Ausübungsfall hätte Raiffeisen Schweiz den Investnet-Gründern also jene Optionswerte geschuldet. Doch: In den öffentlichen Geschäftsberichten der Genossenschaftsbank aus den Jahren 2012 bis 2014 findet sich keine Zeile zu diesen Verpflichtungen aus den Put-Optionen bei Investnet.

Marco Passardi ist Professor am In­stitut für Finanzdienstleistungen Zug und zeigt sich erstaunt: «Aufgrund der vorhandenen Angaben von Raiffeisen lässt sich nicht nachvollziehen, weshalb diese Position nicht offengelegt wurde.» Denn gemäss Rundschreiben der Finanzmarktaufsicht Finma seien ausserbörsliche Optionen zum Fair Value, also zum aktuellen Wiederbeschaffungswert zu verbuchen respektive deren Ergebnisbeiträge aus Auf- beziehungsweise Abwertungen anzuführen.

Sind die Bücher von Raiffeisen also unvollständig? Dies wäre eine gravierende Verletzung des Aufsichtsrechts. Oder wusste der Raiffeisen-Verwaltungsrat bei der Beteiligung an Investnet 2012 gar nicht, dass der Vertrag ein ­optionenbasiertes Vorkaufsrecht be­inhaltete?

Definierte Bewertungsmethodik

Raiffeisen jedenfalls erwähnt die Existenz von Put-Optionen im Kontext Investnet erst im Geschäftsbericht 2015. Dort ist dann zu lesen: «Jeder Minderheitsaktionär ist ab dem 1. Juli 2020 jederzeit berechtigt, seine Aktien an der Gesellschaft der Mehrheitsaktionärin Raiffeisen Schweiz zu einer definierten Bewertungsmethodik anzudienen (Put-­Option).»

Allerdings ist diese Fussnote einer Neustrukturierung der Beteiligungsverhältnisse geschuldet. Raiffeisen gründete im Sommer 2015 nämlich eine Dachgesellschaft und beteiligte ihren abtretenden Chef Pierin Vincenz mit 15 Prozent an dieser Investnet Holding. Die beiden Investnet-Gründer hielten fortan 25 Prozent. Auch sah der neue Aktionärsbindungsvertrag ein optionsbasiertes Vorverkaufsrecht für Raiffeisen vor. Die Bewertungsmethodik war ähnlich wie jene bei der Erstbeteiligung 2012.

Im Sinne der Langfristigkeit konnten Vincenz, Etter und Wüst ihre Minderheitsanteile erst fünf Jahre später, also ab Juli 2020 der Bank andienen. Es ist ein substanzieller Betrag, den Raiffeisen den Minderheitsaktionären dann schulden würde. Der Wert der neuen Put-Optionen aus der Holding-Phase betrug Ende 2017 gemäss einem EY-Gutachten nämlich mehr als 110 Millionen Franken. Doch auch in den Jahren ab 2015 fehlen in den Geschäftsberichten Hinweise auf deren aktuellen Wiederbeschaffungswert.

Kompagnon von Raiffeisen Chef

Im Abschluss 2018 schliesslich macht die neue Führung um Präsident Guy Lachappelle Tabula rasa und bucht alle Verpflichtungen gegenüber Investnet aus. Doch die Put-Optionen fehlen. ­Accouting-Experte Passardi sagt: «Mit grosser Wahrscheinlichkeit wurden keine Wiederbeschaffungswerte bilanziert, sodass auch nichts ausgebucht werden kann. Ansonsten wäre das Vorgehen wenig plausibel.»

Inzwischen macht Raiffeisen einen Grundlagenirrtum geltend, womit Investnet integral Makulatur wäre. Denn beim Raiffeisen-Einstieg 2012 war verdeckt auch Beat Stocker – ein Kompagnon von Pierin Vincenz – an Investnet beteiligt. Fragen, ob und wie die Put-Optionen verbucht wurden, beantwortet die Bank nicht: Aufgrund der Geheimhalteverfügung der Staatsanwaltschaft Zürich III könnten keine Auskünfte gegeben werden.

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Neue Strafuntersuchung im Fall Vincenz

Raiffeisen Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnet im Fall Vincenz eine Strafuntersuchung gegen unbekannt wegen Bankgeheimnisverletzung.

Der Fall um den Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ist um ein Kapitel reicher. Die Zürcher Staatsanwaltschaft III eröffnet eine Strafuntersuchung gegen unbekannt wegen Bankgeheimnisverletzung. «Wir können die Eröffnung einer solchen Strafuntersuchung bestätigen», sagt Sprecher Erich Wenzinger nach Recherchen der «Handelszeitung».

Hintergrund der neuen Strafuntersuchung ist die Publikation von privaten Banktransaktionen im Jahr 2016. Damals veröffentlichte der Finanzblog «Inside Paradeplatz» detaillierte Informationen zu Transaktionen des Ex-Aduno-Chefs Beat Stocker von seinen Konti bei der Bank Julius Bär. Unter anderem flossen dabei Millionenbeträge an seinen Freund und Geschäftspartner Pierin Vincenz. Gegen beide, Vincenz und Stocker, läuft seit bald zwei Jahren eine Strafuntersuchung wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Ex-Kadermann der Bank Julius Bär

Aufgeschreckt durch die wiederholten Indiskretionen und Finanzdetails gab die Bank Julius Bär im Herbst 2016  eine interne Untersuchung in Auftrag: Sie sollte herausfinden, wer im Finanzkonzern die mutmassliche  Bankgeheimnisverletzung begangen habe. Gemäss mehreren Quellen förderte die Untersuchung, die eine externe Anwaltskanzlei durchführte, damals drei Tatverdächtige zutage. Besonders brisant: Einer davon soll ein ehemaliger Kadermann der börsenkotierten Bank sein, sagen zwei Insider übereinstimmend. 

Strafbarkeit des Geheimnisverrats im Fall Vincenz

Die Verletzung des Bankgeheimnisses ist ein Offizialdelikt. Es droht eine Geld- oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Dies gilt für den, der ein Geheimnis offenbart, das ihm in seiner Eigenschaft als Organ, Angestellter, Beauftragter oder Liquidator einer Bank anvertraut worden ist. Gleichermassen macht sich aber auch strafbar, wer dieses Geheimnis weiteren Personen offenbart.

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Verrat an Vincenz & Co bleibt ohne Folgen

Fall Vincenz Mehrere Artikel machten vor drei Jahren private Banktransfers von Vincenz und Co. publik: ein Offizialdelikt. Doch die Staatsanwaltschaft bleibt untätig.

Die Affäre um den Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz tritt im Frühjahr 2016 der Finanzblog «Inside Paradeplatz» um den prämierten Zürcher Wirtschaftsjournalisten Lukas Hässig los: «Pierin Vincenz im Strudel wegen brisanter Zahlungen», lautet der erste einer Reihe von Artikeln, die sich um private Finanztransaktionen des Bündner Bankers und seiner Geschäftspartner drehen.

Der gleichlautende Vorwurf: Vincenz und Co. hätten in verschiedenen Übernahmedeals von Raiffeisen und Finanzdienstleister Aduno vorab verdeckt investiert und hernach beim offiziellen Kauf abkassiert. Seit bald zwei Jahren läuft dazu eine umfangreiche Strafuntersuchung der Zürcher Staatsanwaltschaft III für Wirtschaftsdelikte.

Um die happigen Vorwürfe zu untermauern, zitiert «Inside Paradeplatz» vor drei Jahren äusserst umfang- und kenntnisreich aus privaten Banktransaktionen zwischen den Beteiligten. Dreh- und Angelpunkt der kolportierten Indiskretionen ist dabei auffälligerweise stets die Kontenbeziehung von Beat Stocker bei der Zürcher Privatbank Julius Bär. Stocker war CEO von Aduno, die Vincenz lange Jahre präsidierte, und er gilt als enger Vertrauter des bekannten Bankmanagers.

Bereits im ersten Artikel vom Frühjahr 2016 ist von einer «Überweisung vom 3. Juli 2015 von Beat Stocker an Pierin Vincenz auf dessen privates Konto bei der Raiffeisen Lugano» die Rede. In Folgeartikeln doppelt der Finanzblog nach und summiert beispielsweise auf, wie viel Vincenz «in den letzten zehn Jahren auf Konti von Stocker bei der Zürcher Privatbank Julius Bär» zahlte. Der Zeitpunkt und die Beträge der Zahlungen würden den Verdacht wecken, dass Vincenz damit «Teil eines Konstrukts» sei, das zulasten der Genossenschafter der Raiffeisenbanken agiere.

Intime Transaktionsdetails

Was darauf folgt, sind weitere intime Transaktionsdetails: Mitte 2005 zahlt ein St. Galler Anwalt auf Stockers Bär-Konto 378 000 Franken ein. Knapp drei Monate später fliessen 375 000 Franken von jenem Konto an die Kartenfirma Commtrain. Im April 2007 werden 3,6 Millionen Franken von einem Raiffeisen-Konto in St. Gallen eingebucht. Am 27. April 2007 gehen 1,7 Millionen Franken von Stockers Bär-Konto an einen Ostschweizer Anwalt. Im Februar 2014 macht Pierin Vincenz zwei Einzahlungen über insgesamt eine halbe Million Franken auf das Konto des Ex-Aduno-Chefs. Und im Herbst 2014 schliesslich überweist ebendieser Beat Stocker 1 Million Franken an eine Luxemburger Firma namens Great Star. Kurzum: Auf «Inside Paradeplatz» ist ab Sommer 2016 Stockers Kontoaktivität – und damit indirekt auch Vincenz’ Finanzgebaren – für jedermann öffentlich einsehbar.

Bei der Bank Julius Bär schrillen die Alarmglocken ob der wiederholten Indiskretionen. Schliesslich kann solche Finanzflüsse nur kennen, wer Zugriff auf die Kontoauszüge von Bär-Kunde Beat Stocker hatte. Dabei ist die mutmassliche Bankgeheimnisverletzung kein Kavaliersdelikt. Gemäss Artikel 47 im Bundesgesetz über die Banken und Sparkassen droht demjenigen eine Geldoder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren, der «ein Geheimnis offenbart, das ihm in seiner Eigenschaft als Organ, Angestellter, Beauftragter oder Liquidator einer Bank» anvertraut worden ist. Gleichermassen strafbar macht sich, wer dieses Geheimnis «weiteren offenbart».

Bär zeigt keine Krallen im Fall Vincenz

Die Spitzen von Bär, allen voran der damalige Risiko-Chef Bernhard Hodler, werden schliesslich aktiv. Im Herbst 2016 gibt die Bankleitung eine interne Untersuchung in Auftrag, die herausfinden soll, wer im Finanzkonzern die mögliche Bankgeheimnisverletzung begangen hat. Man vermutet das Leck zunächst in der Compliance-Abteilung.

Eine externe Anwaltskanzlei wird mandatiert. Gemäss mehreren Quellen fördert die Untersuchung schliesslich drei mögliche Tatverdächtige zutage. Besonders brisant: Einer davon soll ein ehemaliger Kadermann der börsenkotierten Bank sein, sagen zwei Insider übereinstimmend. Ein Julius-Bär-Sprecher will sich zum Sachverhalt nicht äussern: «Zu vermuteten oder tatsächlichen Kundenbeziehungen und möglichen internen Untersuchungen können wir keine Stellung nehmen.»

Da der Urheber aber nicht abschliessend und ohne Zwangsmassnahmen auszumachen ist und die Wogen sich zunächst rasch glätten, lässt es die Führung um den damaligen Bär-Chef Boris Collardi beim internen Bericht bewenden. Aus der Eigenlogik der Bank ist dieses Verhalten hinsichtlich des Reputationsschutzes durchaus verständlich: Nicht zuletzt, weil weder Bär-Kunde Beat Stocker noch Pierin Vincenz als Direktbetroffene damals eine Strafanzeige wegen Bankgeheimnisverletzung gestellt haben.

Stocker wolle nicht gegen die Bank vorgehen, sagt heute eine Person aus seinem Umfeld: Man müsse die «eigenen Ressourcen» auf das laufende Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung konzentrieren. Lorenz Erni, der Strafverteidiger von Pierin Vincenz, will sich zu den möglichen rechtlichen Schritten seines Mandanten nicht äussern.

Umfangreiche Ermittlungen

Nun spielt es aber gar keine Rolle, ob Beat Stocker oder Pierin Vincenz als Direktbetroffene rechtliche Schritte einleiten. Vielmehr handelt es sich bei der Bankgeheimnisverletzung um eine Anlasstat, die von Amtes wegen («ex officio») untersucht werden muss: Gemäss geltendem Recht sei eine Bankgeheimnisverletzung nach Artikel 47 BankG ein Offizialdelikt, schreibt Erich Wenzinger von der Medienstelle der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft auf Anfrage. Im Rahmen der umfangreichen Ermittlungen sei auch der «angesprochene Informationsfluss» ein «Thema»: «Da im vorliegenden Fall aber weder ein konkreter Tatverdacht zutage getreten ist und bislang auch keine Strafanzeige eingegangen ist, wurde keine Untersuchung eingeleitet.» Die Staatsanwaltschaft legt also die Hände in den Schoss, solange Vincenz und Co. nicht von sich aus aktiv werden.

Rechtsanwältin Monika Roth unterrichtet an der Hochschule Luzern Compliance Management und amtet als Vizepräsidentin des Strafgerichts im Kanton Baselland. Roth sieht in der Antwort der Zürcher Staatsanwaltschaft eine «reine Schutzbehauptung»: Mit der Publikation der detaillierten Finanztransaktionen liege ein konkreter, hinreichender Anfangsverdacht für ein Verfahren gegen Unbekannt vor. «Zumal die betroffene Bank ja den Sachverhalt einer möglichen Geheimnisverletzung selbst untersucht und offenbar mehrere Tatverdächtige ermittelt hat.» Im Gegensatz zum Finanzinstitut könnten die Zürcher Strafverfolger auf Zwangsmassnahmen wie Hausdurchsuchungen zurückgreifen. «Mir ist es ein Rätsel, weshalb die Staatsanwaltschaft die Umstände nicht abklärt.» Gut möglich also, dass die Indiskretionen am medialen Ursprung der Causa Vincenz noch zum Thema im laufenden Strafverfahren werden.

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Lorenz Erni – Der Consigliere

Lorenz Erni Der Verteidiger von Pierin Vincenz beriet ihn schon vor zehn Jahren, als Zweifel an einem Privatdeal aufkamen. Heute ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Der Zürcher Strafverteidiger Lorenz Erni gilt als Mann für die Wirtschaftsfälle mit hohem Promi-Faktor: Fifa-Präsident Blatter, Swissair-Chef Bruggisser oder Bundesanwalt Lauber. Erni wird mandatiert, wenn die Fallhöhe besonders hoch ist.

So auch bei Pierin Vincenz. Gegen den Banker läuft seit Februar 2018 ein Verfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnete es, gestützt auf eine Strafanzeige der Aduno. Beim Finanzdienstleister amtete der Ex-Raiffeisen-Chef bis im Sommer 2017 als Präsident. Nach seinem Rücktritt gab der Aduno-VR eine Untersuchung in Auftrag, die unter anderem Vinzenz’ Rolle beim Kauf der Commtrain Card Solutions (CCS) durchleuchtete. Die Verdachtsmomente führten zur Strafanzeige.

Pierin Vincenz wandte sich an Lorenz Erni

Aduno hatte 2007 für 7 Millionen Franken den Ostschweizer Zahlungsdienstleister CCS gekauft. Gut zwei Jahre später wandte sich ein Journalist an die Raiffeisen-Pressestelle und wollte mehr zur Rolle des damaligen Bankchefs Pierin Vincenz beim Kauf wissen. Schliesslich war Vincenz vorab verdeckt über ein Treuhandvehikel an der CCS beteiligt gewesen und hatte beim Verkauf seiner Anteile an Aduno 1,7 Millionen Franken verdient, ohne dass der Verwaltungsrat des Finanzdienstleisters davon Kenntnis hatte. Jedenfalls sorgte die Presseanfrage für emsiges Treiben hinter den Kulissen.

Gemäss zweier unabhängigen Quellen soll sich Raiffeisen-Chef Vincenz damals an seinen späteren Strafverteidiger Lorenz Erni gewandt haben. «Erni half mit bei der Auswahl der Experten für die Gutachten zur Commtrain-Übernahme», sagt ein Beteiligter. So liess Vincenz zwei Jahre nach dem Closing der CCS-Transaktion – mit dem Segen des damaligen Raiffeisen-Präsidenten Franz Marty – drei Privatgutachten zur Übernahme des Ostschweizer Zahlungsdienstleisters anfertigen.

Zu beweisen ist der finanzielle Schaden

Die Gutachten, welche die «Handelszeitung» einsehen konnte, sind hoch relevant fürs Strafverfahren, sanktionieren sie doch die Rechtmässigkeit der CCS-Transaktion und legitimieren damit Vincenz’ damaliges Handeln. Sie sind die professorale Antithese zum Hauptvorwurf der ungetreuen Geschäftsbesorgung. Ein Vorwurf, der vor Gericht nur standhalten wird, wenn es Staatsanwalt Marc Jean-Richard- dit-Bressel gelingt, zu beweisen, dass Aduno aus dem CCS-Deal tatsächlich ein finanzieller Schaden entstanden ist.

Demgegenüber stehen drei Gutachten, die Strafverteidiger Lorenz Erni mitzuorchestrieren half. Ein Beteiligter spricht von einer «wohl portionierten Gutachter-Kaskade» mit einem «clever gewähltem Untersuchungsfokus»: Finanzprofessor Claudio Loderer von der Universität Bern klärte für Raiffeisen beziehungsweise ihren Chef ab, ob der Kaufpreis angemessen war. Er war es, und zwar «am unteren Ende der Bandbreite», wie Loderer im Frühjahr 2009 schreibt. Jenen Preis, den Vincenz zwei Jahre zuvor für seine verdeckte Privatbeteiligung bezahlt hatte, berücksichtigt das Gutachten nicht.

Peter Forstmoser prüfte Übernahme der Commtrain durch Aduno

Die Beratungsfirma Helbling wiederum schaute sich die Struktur und das Setup der Übernahmetransaktion an. Sie kommt zum Schluss, dass der Akquisitionsprozess «professionell» und der Kaufvertrag «inhaltlich angemessen» war.

Auf den beiden Gutachten aufbauend beugte sich im Herbst 2009 Professor Peter Forstmoser über die CCS-Transaktion. Und zwar, «um das Verhalten von Herrn Dr. Pierin Vincenz im Hinblick auf einen potenziellen Interessenkonflikt rechtlich zu überprüfen». Der renommierte Aktienrechtler kommt zum Schluss, dass «Herr Vincenz seine Interessenwahrungspflichten nicht verletzt hat». Und dass die Interessen der Aduno und der Raiffeisen Schweiz «durch die (indirekte) Investition von Herrn Vincenz in keiner Weise beeinträchtigt» wurden.

Bezahlt hat die Gutachten wie auch die Beratung Ernis übrigens Raiffeisen. Jene Raiffeisen, die heute als Nebenklägerin im Strafverfahren gegen Ex-Chef Pierin Vincenz und seinen Verteidiger antritt. Die Bank will sich zum Sachverhalt nicht äussern. Auch Anwalt Erni nicht: «Es gibt keinen Kommentar», schreibt er.

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Frau von Pierin Vincenz im Visier der Strafverfolger

Fall Raiffeisen Die Zürcher Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die ehemalige Rechtschefin der Bank, Nadja Ceregato-Vincenz, wegen Verletzung des Geschäftsgeheimnisses.

Sie war die Frau an der Seite des Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz, der im Herbst 2015 zurücktrat. Und sie war ab 2005 Rechtschefin und von Frühjahr 2015 bis Ende 2017 zusätzlich Compliance-Chefin der Bank. Die Rede ist von Nadja Ceregato-Vincenz. Die Verbindung einer «Head Legal & Compliance» mit einem Bankchef ist per se eine schwierige Konstellation.

Wie problematisch das Verhältnis im vorliegenden Fall aber wirklich war, zeigt sich nun: Nach Pierin Vincenz, gegen den seit Februar 2018 ein Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsführung läuft, gerät jetzt auch seine langjährige Ehefrau, Nadja Ceregato-Vincenz, ins Visier der Ermittlungsbehörden.

Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren

Erich Wenzinger, Kommunikationsbeauftragter der Zürcher Staatsanwaltschaft, teilt auf Anfrage mit: «Die Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich führt gegen Frau Ceregato eine separate Untersuchung betreffend Verletzung des Geschäftsgeheimnisses.» Wie immer gelte in der jetzigen Phase des Verfahrens die Unschuldsvermutung, betont Wenzinger. Auf die Verletzung des Geschäftsgeheimnisses steht gemäss Strafgesetzbuch eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.

Die separate Strafuntersuchung steht in Zusammenhang mit der bankinternen Aufarbeitung der Ära Vincenz. Nach dem Rücktritt des langjährigen Raiffeisen-Chefs machte die Finma 2016 Druck auf Nachfolger Patrik Gisel, Vincenz’ private Beteiligungsnahme beim KMU-Vehikel Investnet vertieft zu untersuchen. Die damalige Raiffeisen-Geschäftsleitung mandatierte daraufhin die Zürcher Wirtschaftskanzlei Prager Dreifuss für ein Gutachten. Die Untersuchung begann im Dezember 2016, dauerte rund acht Monate und kostete gegen 2 Millionen Franken. Während die Anwälte das Gutachten für Raiffeisen erstellten, amtete die Ehefrau von Pierin Vincenz als Rechts- und Compliance-Chefin.

Frau von Pierin Vincenz war Compliance-Chefin

Administrativ wurden die Anwälte von Prager Dreifuss seinerzeit aus dem Stab von Raiffeisen-Chef Patrik Gisel unterstützt. Auf Nachfrage der «Schweiz am Wochenende» betonte die Bank im letzten Frühjahr: «Nadja Ceregato sowie die Mitarbeitenden des Bereichs Legal & Compliance waren weder in der Auftragsdefinition, der Auftragserteilung noch in der Auftragsdurchführung involviert.»

Dennoch geht die Zürcher Staatsanwaltschaft nun dem Verdacht der Geschäftsgeheimnisverletzung nach. Gemäss Recherchen der «Handelszeitung» sollen im Zuge der Ermittlung gegen Pierin Vincenz nämlich handschriftliche Notizen aufgetaucht sein, die darauf schliessen lassen, dass der Raiffeisen-Ex-Chef Inhalte aus dem bankinternen Prager-Dreifuss-Gutachten kannte. Doch dieses Gutachten war vertraulich. Es bildete später die Basis für das Enforcement-Verfahren der Finma gegen Vincenz.

Inzwischen vertritt Prager Dreifuss die Raiffeisen-Bank übrigens auch als Privatklägerin im Strafverfahren gegen ihren Ex-Konzernchef. 

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Handelszeitung Meinung

Raiffeisen – Viererbande vom Risikoausschuss

Raiffeisen Stück für Stück werden die Verhältnisse im Raiffeisen-Reich strafrechtlich ausgeleuchtet. Nun nimmt sich Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel der ehemaligen Rechts- und Compliance-Chefin Nadja Ceregato an. Die Untersuchung gegen die Ehefrau von Pierin Vincenz lautet auf Verletzung des Geschäftsgeheimnisses. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Rote Linien überschritten bei Raiffeisen

Ungeachtet der laufenden Strafuntersuchung lässt sich jedoch sagen: Die Head Legal & Compliance darf nicht mit dem Bankchef liiert sein. Zu gross sind die potenziellen Interessenkonflikte. Insbesondere dann, wenn sich der Bankchef im fraglichen Zeitraum auch noch als Privatperson an Tochterfirmen der Bank beteiligen möchte. Die rote Linie überschritten hat jedoch Nachfolger Patrik Gisel, als der neue Bankchef die Privat-Investments seines Vorgängers untersuchen liess, während Vincenz’ Ehefrau im Büro nebenan als Compliance- und Rechtschefin waltete, als wäre nichts gewesen.

Keine marktüblichen Standards

Die Schuld dafür tragen jedoch weder Ceregato noch Gisel, sondern der damalige Raiffeisen-Verwaltungsrat – insbesondere die Herren vom Prüfund Risikoausschuss, die sich um die Einhaltung «marktüblicher Standards und Standesregeln» hätten kümmern sollen. Es waren gestandene Persönlichkeiten wie Wirtschaftsrechtler Franco Taisch, Finanzunternehmer Olivier Roussy, BDO-Partner Edgar Wohlhauser und der Raiffeisen-Regionalpräsident Werner Zollinger. Wie der Viererbande ein solch offensichtlicher Compliance-Lapsus durchrutschen konnte, bleibt schleierhaft.