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Sind die Bücher von Raiffeisen unvollständig?

Raiffeisen Beim Kauf der Investnet Holding gab die Raiffeisen Optionen aus. Doch genau diese fehlen in den Geschäftsberichten.

Ein altes Optionsgeschäft könnte für Raiffeisen zum Problem werden. Dabei geht es um das KMU-­Investment­vehikel Investnet. 2012 beteiligte sich die Bank unter Führung von Pierin Vincenz an Investnet, um Raiffeisen als Unternehmerbank für Nachfolgeregelungen längerfristig zu positionieren. Dabei galt es, die Investnet-Gründer, Andreas Etter und Peter Wüst, bei der Stange zu halten.

Der Aktionärsbindungsvertrag sah die Ausgabe von Put-Optionen vor. Dies bedeutet: Die beiden Investnet-Gründer konnten ihre Minderheitsanteile an Raiffeisen Schweiz erst nach Ablauf ­einer Haltefrist von einigen Jahren auf Grundlage einer vordefinierten Bewertungsmethode andienen.

Der Wert bemass sich nach dem operativen Erfolg des zugrunde liegenden Firmenportfolios. Mitte 2015 wurden diese Put-Optionen auf mindestens 40 und höchstens 100 Millionen bewertet. Zum Vergleich: Der Raiffeisen-Gewinn 2014 betrug 759 Millionen Franken.

Keine Zeile zu den Put-Optionen

Im Ausübungsfall hätte Raiffeisen Schweiz den Investnet-Gründern also jene Optionswerte geschuldet. Doch: In den öffentlichen Geschäftsberichten der Genossenschaftsbank aus den Jahren 2012 bis 2014 findet sich keine Zeile zu diesen Verpflichtungen aus den Put-Optionen bei Investnet.

Marco Passardi ist Professor am In­stitut für Finanzdienstleistungen Zug und zeigt sich erstaunt: «Aufgrund der vorhandenen Angaben von Raiffeisen lässt sich nicht nachvollziehen, weshalb diese Position nicht offengelegt wurde.» Denn gemäss Rundschreiben der Finanzmarktaufsicht Finma seien ausserbörsliche Optionen zum Fair Value, also zum aktuellen Wiederbeschaffungswert zu verbuchen respektive deren Ergebnisbeiträge aus Auf- beziehungsweise Abwertungen anzuführen.

Sind die Bücher von Raiffeisen also unvollständig? Dies wäre eine gravierende Verletzung des Aufsichtsrechts. Oder wusste der Raiffeisen-Verwaltungsrat bei der Beteiligung an Investnet 2012 gar nicht, dass der Vertrag ein ­optionenbasiertes Vorkaufsrecht be­inhaltete?

Definierte Bewertungsmethodik

Raiffeisen jedenfalls erwähnt die Existenz von Put-Optionen im Kontext Investnet erst im Geschäftsbericht 2015. Dort ist dann zu lesen: «Jeder Minderheitsaktionär ist ab dem 1. Juli 2020 jederzeit berechtigt, seine Aktien an der Gesellschaft der Mehrheitsaktionärin Raiffeisen Schweiz zu einer definierten Bewertungsmethodik anzudienen (Put-­Option).»

Allerdings ist diese Fussnote einer Neustrukturierung der Beteiligungsverhältnisse geschuldet. Raiffeisen gründete im Sommer 2015 nämlich eine Dachgesellschaft und beteiligte ihren abtretenden Chef Pierin Vincenz mit 15 Prozent an dieser Investnet Holding. Die beiden Investnet-Gründer hielten fortan 25 Prozent. Auch sah der neue Aktionärsbindungsvertrag ein optionsbasiertes Vorverkaufsrecht für Raiffeisen vor. Die Bewertungsmethodik war ähnlich wie jene bei der Erstbeteiligung 2012.

Im Sinne der Langfristigkeit konnten Vincenz, Etter und Wüst ihre Minderheitsanteile erst fünf Jahre später, also ab Juli 2020 der Bank andienen. Es ist ein substanzieller Betrag, den Raiffeisen den Minderheitsaktionären dann schulden würde. Der Wert der neuen Put-Optionen aus der Holding-Phase betrug Ende 2017 gemäss einem EY-Gutachten nämlich mehr als 110 Millionen Franken. Doch auch in den Jahren ab 2015 fehlen in den Geschäftsberichten Hinweise auf deren aktuellen Wiederbeschaffungswert.

Kompagnon von Raiffeisen Chef

Im Abschluss 2018 schliesslich macht die neue Führung um Präsident Guy Lachappelle Tabula rasa und bucht alle Verpflichtungen gegenüber Investnet aus. Doch die Put-Optionen fehlen. ­Accouting-Experte Passardi sagt: «Mit grosser Wahrscheinlichkeit wurden keine Wiederbeschaffungswerte bilanziert, sodass auch nichts ausgebucht werden kann. Ansonsten wäre das Vorgehen wenig plausibel.»

Inzwischen macht Raiffeisen einen Grundlagenirrtum geltend, womit Investnet integral Makulatur wäre. Denn beim Raiffeisen-Einstieg 2012 war verdeckt auch Beat Stocker – ein Kompagnon von Pierin Vincenz – an Investnet beteiligt. Fragen, ob und wie die Put-Optionen verbucht wurden, beantwortet die Bank nicht: Aufgrund der Geheimhalteverfügung der Staatsanwaltschaft Zürich III könnten keine Auskünfte gegeben werden.

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Neue Strafuntersuchung im Fall Vincenz

Raiffeisen Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnet im Fall Vincenz eine Strafuntersuchung gegen unbekannt wegen Bankgeheimnisverletzung.

Der Fall um den Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ist um ein Kapitel reicher. Die Zürcher Staatsanwaltschaft III eröffnet eine Strafuntersuchung gegen unbekannt wegen Bankgeheimnisverletzung. «Wir können die Eröffnung einer solchen Strafuntersuchung bestätigen», sagt Sprecher Erich Wenzinger nach Recherchen der «Handelszeitung».

Hintergrund der neuen Strafuntersuchung ist die Publikation von privaten Banktransaktionen im Jahr 2016. Damals veröffentlichte der Finanzblog «Inside Paradeplatz» detaillierte Informationen zu Transaktionen des Ex-Aduno-Chefs Beat Stocker von seinen Konti bei der Bank Julius Bär. Unter anderem flossen dabei Millionenbeträge an seinen Freund und Geschäftspartner Pierin Vincenz. Gegen beide, Vincenz und Stocker, läuft seit bald zwei Jahren eine Strafuntersuchung wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Ex-Kadermann der Bank Julius Bär

Aufgeschreckt durch die wiederholten Indiskretionen und Finanzdetails gab die Bank Julius Bär im Herbst 2016  eine interne Untersuchung in Auftrag: Sie sollte herausfinden, wer im Finanzkonzern die mutmassliche  Bankgeheimnisverletzung begangen habe. Gemäss mehreren Quellen förderte die Untersuchung, die eine externe Anwaltskanzlei durchführte, damals drei Tatverdächtige zutage. Besonders brisant: Einer davon soll ein ehemaliger Kadermann der börsenkotierten Bank sein, sagen zwei Insider übereinstimmend. 

Strafbarkeit des Geheimnisverrats im Fall Vincenz

Die Verletzung des Bankgeheimnisses ist ein Offizialdelikt. Es droht eine Geld- oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Dies gilt für den, der ein Geheimnis offenbart, das ihm in seiner Eigenschaft als Organ, Angestellter, Beauftragter oder Liquidator einer Bank anvertraut worden ist. Gleichermassen macht sich aber auch strafbar, wer dieses Geheimnis weiteren Personen offenbart.

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Verrat an Vincenz & Co bleibt ohne Folgen

Fall Vincenz Mehrere Artikel machten vor drei Jahren private Banktransfers von Vincenz und Co. publik: ein Offizialdelikt. Doch die Staatsanwaltschaft bleibt untätig.

Die Affäre um den Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz tritt im Frühjahr 2016 der Finanzblog «Inside Paradeplatz» um den prämierten Zürcher Wirtschaftsjournalisten Lukas Hässig los: «Pierin Vincenz im Strudel wegen brisanter Zahlungen», lautet der erste einer Reihe von Artikeln, die sich um private Finanztransaktionen des Bündner Bankers und seiner Geschäftspartner drehen.

Der gleichlautende Vorwurf: Vincenz und Co. hätten in verschiedenen Übernahmedeals von Raiffeisen und Finanzdienstleister Aduno vorab verdeckt investiert und hernach beim offiziellen Kauf abkassiert. Seit bald zwei Jahren läuft dazu eine umfangreiche Strafuntersuchung der Zürcher Staatsanwaltschaft III für Wirtschaftsdelikte.

Um die happigen Vorwürfe zu untermauern, zitiert «Inside Paradeplatz» vor drei Jahren äusserst umfang- und kenntnisreich aus privaten Banktransaktionen zwischen den Beteiligten. Dreh- und Angelpunkt der kolportierten Indiskretionen ist dabei auffälligerweise stets die Kontenbeziehung von Beat Stocker bei der Zürcher Privatbank Julius Bär. Stocker war CEO von Aduno, die Vincenz lange Jahre präsidierte, und er gilt als enger Vertrauter des bekannten Bankmanagers.

Bereits im ersten Artikel vom Frühjahr 2016 ist von einer «Überweisung vom 3. Juli 2015 von Beat Stocker an Pierin Vincenz auf dessen privates Konto bei der Raiffeisen Lugano» die Rede. In Folgeartikeln doppelt der Finanzblog nach und summiert beispielsweise auf, wie viel Vincenz «in den letzten zehn Jahren auf Konti von Stocker bei der Zürcher Privatbank Julius Bär» zahlte. Der Zeitpunkt und die Beträge der Zahlungen würden den Verdacht wecken, dass Vincenz damit «Teil eines Konstrukts» sei, das zulasten der Genossenschafter der Raiffeisenbanken agiere.

Intime Transaktionsdetails

Was darauf folgt, sind weitere intime Transaktionsdetails: Mitte 2005 zahlt ein St. Galler Anwalt auf Stockers Bär-Konto 378 000 Franken ein. Knapp drei Monate später fliessen 375 000 Franken von jenem Konto an die Kartenfirma Commtrain. Im April 2007 werden 3,6 Millionen Franken von einem Raiffeisen-Konto in St. Gallen eingebucht. Am 27. April 2007 gehen 1,7 Millionen Franken von Stockers Bär-Konto an einen Ostschweizer Anwalt. Im Februar 2014 macht Pierin Vincenz zwei Einzahlungen über insgesamt eine halbe Million Franken auf das Konto des Ex-Aduno-Chefs. Und im Herbst 2014 schliesslich überweist ebendieser Beat Stocker 1 Million Franken an eine Luxemburger Firma namens Great Star. Kurzum: Auf «Inside Paradeplatz» ist ab Sommer 2016 Stockers Kontoaktivität – und damit indirekt auch Vincenz’ Finanzgebaren – für jedermann öffentlich einsehbar.

Bei der Bank Julius Bär schrillen die Alarmglocken ob der wiederholten Indiskretionen. Schliesslich kann solche Finanzflüsse nur kennen, wer Zugriff auf die Kontoauszüge von Bär-Kunde Beat Stocker hatte. Dabei ist die mutmassliche Bankgeheimnisverletzung kein Kavaliersdelikt. Gemäss Artikel 47 im Bundesgesetz über die Banken und Sparkassen droht demjenigen eine Geldoder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren, der «ein Geheimnis offenbart, das ihm in seiner Eigenschaft als Organ, Angestellter, Beauftragter oder Liquidator einer Bank» anvertraut worden ist. Gleichermassen strafbar macht sich, wer dieses Geheimnis «weiteren offenbart».

Bär zeigt keine Krallen im Fall Vincenz

Die Spitzen von Bär, allen voran der damalige Risiko-Chef Bernhard Hodler, werden schliesslich aktiv. Im Herbst 2016 gibt die Bankleitung eine interne Untersuchung in Auftrag, die herausfinden soll, wer im Finanzkonzern die mögliche Bankgeheimnisverletzung begangen hat. Man vermutet das Leck zunächst in der Compliance-Abteilung.

Eine externe Anwaltskanzlei wird mandatiert. Gemäss mehreren Quellen fördert die Untersuchung schliesslich drei mögliche Tatverdächtige zutage. Besonders brisant: Einer davon soll ein ehemaliger Kadermann der börsenkotierten Bank sein, sagen zwei Insider übereinstimmend. Ein Julius-Bär-Sprecher will sich zum Sachverhalt nicht äussern: «Zu vermuteten oder tatsächlichen Kundenbeziehungen und möglichen internen Untersuchungen können wir keine Stellung nehmen.»

Da der Urheber aber nicht abschliessend und ohne Zwangsmassnahmen auszumachen ist und die Wogen sich zunächst rasch glätten, lässt es die Führung um den damaligen Bär-Chef Boris Collardi beim internen Bericht bewenden. Aus der Eigenlogik der Bank ist dieses Verhalten hinsichtlich des Reputationsschutzes durchaus verständlich: Nicht zuletzt, weil weder Bär-Kunde Beat Stocker noch Pierin Vincenz als Direktbetroffene damals eine Strafanzeige wegen Bankgeheimnisverletzung gestellt haben.

Stocker wolle nicht gegen die Bank vorgehen, sagt heute eine Person aus seinem Umfeld: Man müsse die «eigenen Ressourcen» auf das laufende Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung konzentrieren. Lorenz Erni, der Strafverteidiger von Pierin Vincenz, will sich zu den möglichen rechtlichen Schritten seines Mandanten nicht äussern.

Umfangreiche Ermittlungen

Nun spielt es aber gar keine Rolle, ob Beat Stocker oder Pierin Vincenz als Direktbetroffene rechtliche Schritte einleiten. Vielmehr handelt es sich bei der Bankgeheimnisverletzung um eine Anlasstat, die von Amtes wegen («ex officio») untersucht werden muss: Gemäss geltendem Recht sei eine Bankgeheimnisverletzung nach Artikel 47 BankG ein Offizialdelikt, schreibt Erich Wenzinger von der Medienstelle der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft auf Anfrage. Im Rahmen der umfangreichen Ermittlungen sei auch der «angesprochene Informationsfluss» ein «Thema»: «Da im vorliegenden Fall aber weder ein konkreter Tatverdacht zutage getreten ist und bislang auch keine Strafanzeige eingegangen ist, wurde keine Untersuchung eingeleitet.» Die Staatsanwaltschaft legt also die Hände in den Schoss, solange Vincenz und Co. nicht von sich aus aktiv werden.

Rechtsanwältin Monika Roth unterrichtet an der Hochschule Luzern Compliance Management und amtet als Vizepräsidentin des Strafgerichts im Kanton Baselland. Roth sieht in der Antwort der Zürcher Staatsanwaltschaft eine «reine Schutzbehauptung»: Mit der Publikation der detaillierten Finanztransaktionen liege ein konkreter, hinreichender Anfangsverdacht für ein Verfahren gegen Unbekannt vor. «Zumal die betroffene Bank ja den Sachverhalt einer möglichen Geheimnisverletzung selbst untersucht und offenbar mehrere Tatverdächtige ermittelt hat.» Im Gegensatz zum Finanzinstitut könnten die Zürcher Strafverfolger auf Zwangsmassnahmen wie Hausdurchsuchungen zurückgreifen. «Mir ist es ein Rätsel, weshalb die Staatsanwaltschaft die Umstände nicht abklärt.» Gut möglich also, dass die Indiskretionen am medialen Ursprung der Causa Vincenz noch zum Thema im laufenden Strafverfahren werden.

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Bank Cler – Zak und weg

Basler Kantonalbank Präsident Adrian Bult macht die Tochterfirma Cler zur reinen Vertriebsbank. Nun tritt die Geschäftsleitung um Sandra Lienhart geschlossen ab.

Es ist ein einmaliger Vorgang in der jüngeren Swiss-Banking-Geschichte, dass eine Geschäftsleitung in corpore das Handtuch wirft. So geschehen jüngst bei der Bank Cler, einer 100-Prozent-Tochter der Basler Kantonalbank BKB. Auf einen Schlag geben Cler-Chefin Sandra Lienhart, Finanz- und Risikochef René Saluz sowie Vertriebsleiter Peter Schnellmann ihre Kaderposten «auf eigenen Wunsch» per Mitte September ab, wie es in einer Mitteilung der Bank heisst.

Den Exodus der lang gedienten Cler-Manager provozierte der Mann an der Spitze des staatlichen Mutterhauses: Adrian Bult, seit Frühjahr 2017 Präsident des BKB-Bankrates. Der branchenfremde Bult gilt als treibende Kraft am Rheinknie, nachdem BKB-CEO Guy Lachappelle im letzten Jahr überraschend als Präsident zur Raiffeisen-Gruppe nach St. Gallen wechselte. Seither drücken der «professionelle Verwaltungsrat» Bult und seine Bankratsmitstreiter wie Domenico Scala (Ex-Fifa und Nobel Biocare) der Staatsbank ihren Stempel auf, samt umstrittenen Personalentscheiden. Bult will sich zum Cler-Exodus nicht äussern und verweist an die Pressestelle der Banktochter.

Massive Investitionen in die Digitalisierung

Erst vor gut zwei Jahren trat Sandra Lienhart als Cler-Chefin an. Die sportbegeisterte Winterthurerin amtete zuvor als langjährige Vertriebsleiterin der Bank Coop, die ihr Vorgänger Hanspeter Ackermann – ein ehemaliger Grossbanker – in opulenter Weise zu Cler umfirmieren lässt. Die Basler stecken in das nationale Rebranding eine zweistellige Millionensumme. Schliesslich will die Kantonalbank mit ihrer Tochter Cler aus dem Nordwestschweizer Gebietskorsett ausbrechen. Nicht zuletzt, um die massiven Investitionen in die Digitalisierung des Bankgeschäfts besser skalieren und damit rentabilisieren zu können.

Als schweizweiter Türöffner soll dabei eine App-Eigenentwicklung namens Zak dienen. Mit der modularen Vollsortimentsanwendung wollen sich die Nordwestschweizer zum nationalen Neobanken-Player aufschwingen. Zak wird im Frühjahr 2018 lanciert und zählt rund 18 000 User, davon 90 Prozent Neukunden. «Wir sind mit der Entwicklung zufrieden», sagt eine Cler-Sprecherin.

Der damalige BKB-Chef Lachappelle gab zur Lancierung allerdings eine ungleich ambitioniertere Order aus: Bis 2021 seien zusätzliche 200 000 Kunden «über alle digitalen Kanäle» (inklusive Zak) zu holen. Im Gegenzug zum sportlichen Ziel gewährte Lachappelle der Cler-Chefin Lienhard viele Freiheiten. «Die BKB lässt uns eigenständig arbeiten. Sie ist in Basel und wir sind national tätig», sagte sie in einem Interview mit «Finanz und Wirtschaft» nach dem Amtsantritt. Im selben Gespräch erteilt Lienhard auch einer Dekotierung der Bank Cler eine Abfuhr, obwohl die Kantonalbank schon damals über drei Viertel der Cler-Aktien hielt («Das ist im Moment kein Thema»).

Powerplay nach Lachappelle-Exit

Beide Aussagen Lienhards sollten sich als Fehlannahmen erweisen. So nehmen die Basler 2018 Cler von der Börse und die Banktochter stärker zur Brust. Ab Sommer geht es Schlag auf Schlag: Während BKB-Chef Guy Lachappelle mit Headhunter Guido Schilling zarte Bande fürs Raiffeisen-Präsidium knüpft, beschliesst der Bankrat um Präsident Bult, die Publikumsaktionäre von Cler auszukaufen. Als schliesslich im Frühherbst klar ist, dass Lachappelle seine Karriere in St. Gallen fortsetzen wird, setzt BKB-Präsident Bult zum Powerplay an. Er lässt die interimistisch ernannte BKB-CEO Simone Westerfeld zappeln. Die fachlich weitherum geschätzte Westerfeld, die unter Lachappelle bereits als Vize amtete, heuert schliesslich entnervt bei der UBS im Grosskundengeschäft an. Als neuen CEO wählt der Bankrat Ende Februar schliesslich Basil Heeb. Einen ehemaligen Wegelin/Notenstein-Privatbanker ohne Bezug zum Retailgeschäft und ohne Hausmacht.

Bis zu vierzig Jobs betroffen bei Bank Cler

Doch nicht nur im Mutterhaus an der Basler Schifflände setzt Präsident Bult, ein ehemaliger Swisscom-Manager, neue Akzente. Nach der Dekotierung, die im Frühjahr abgeschlossen ist, erfolgt der Durchgriff auf die Tochter Cler: Mit Lienhards Freiheiten ist es vorüber. Finanzen, Rechtsabteilung, Compliance, Human Resource, Asset Management, Informatik – sozusagen die inneren Organe der Bank – werden in die Mutter transplantiert. Cler bleibt Vertrieb, Marketing, das Kreditgeschäft und die Unternehmensentwicklung. Der Umbau in der Gruppe betrifft 150 Mitarbeitende. Bis zu vierzig Jobs könnten wegfallen.

Auch Lienhart und die Cler-Spitze drohten zum Strukturopfer zu werden: Aus dem Job als Vollbanken-CEO wäre eine Stelle als Vertriebschefin erwachsen. Lienhart und Co. zogen die Reissleine. Nun wird Mariateresa Vacalli neue Chefin dieser Rumpf-Cler. Wie BKB-Präsident Bult ist sie eine Ex-Managerin aus der Telekommunikation (Sunrise, UPC).

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Frau von Pierin Vincenz im Visier der Strafverfolger

Fall Raiffeisen Die Zürcher Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die ehemalige Rechtschefin der Bank, Nadja Ceregato-Vincenz, wegen Verletzung des Geschäftsgeheimnisses.

Sie war die Frau an der Seite des Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz, der im Herbst 2015 zurücktrat. Und sie war ab 2005 Rechtschefin und von Frühjahr 2015 bis Ende 2017 zusätzlich Compliance-Chefin der Bank. Die Rede ist von Nadja Ceregato-Vincenz. Die Verbindung einer «Head Legal & Compliance» mit einem Bankchef ist per se eine schwierige Konstellation.

Wie problematisch das Verhältnis im vorliegenden Fall aber wirklich war, zeigt sich nun: Nach Pierin Vincenz, gegen den seit Februar 2018 ein Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsführung läuft, gerät jetzt auch seine langjährige Ehefrau, Nadja Ceregato-Vincenz, ins Visier der Ermittlungsbehörden.

Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren

Erich Wenzinger, Kommunikationsbeauftragter der Zürcher Staatsanwaltschaft, teilt auf Anfrage mit: «Die Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich führt gegen Frau Ceregato eine separate Untersuchung betreffend Verletzung des Geschäftsgeheimnisses.» Wie immer gelte in der jetzigen Phase des Verfahrens die Unschuldsvermutung, betont Wenzinger. Auf die Verletzung des Geschäftsgeheimnisses steht gemäss Strafgesetzbuch eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.

Die separate Strafuntersuchung steht in Zusammenhang mit der bankinternen Aufarbeitung der Ära Vincenz. Nach dem Rücktritt des langjährigen Raiffeisen-Chefs machte die Finma 2016 Druck auf Nachfolger Patrik Gisel, Vincenz’ private Beteiligungsnahme beim KMU-Vehikel Investnet vertieft zu untersuchen. Die damalige Raiffeisen-Geschäftsleitung mandatierte daraufhin die Zürcher Wirtschaftskanzlei Prager Dreifuss für ein Gutachten. Die Untersuchung begann im Dezember 2016, dauerte rund acht Monate und kostete gegen 2 Millionen Franken. Während die Anwälte das Gutachten für Raiffeisen erstellten, amtete die Ehefrau von Pierin Vincenz als Rechts- und Compliance-Chefin.

Frau von Pierin Vincenz war Compliance-Chefin

Administrativ wurden die Anwälte von Prager Dreifuss seinerzeit aus dem Stab von Raiffeisen-Chef Patrik Gisel unterstützt. Auf Nachfrage der «Schweiz am Wochenende» betonte die Bank im letzten Frühjahr: «Nadja Ceregato sowie die Mitarbeitenden des Bereichs Legal & Compliance waren weder in der Auftragsdefinition, der Auftragserteilung noch in der Auftragsdurchführung involviert.»

Dennoch geht die Zürcher Staatsanwaltschaft nun dem Verdacht der Geschäftsgeheimnisverletzung nach. Gemäss Recherchen der «Handelszeitung» sollen im Zuge der Ermittlung gegen Pierin Vincenz nämlich handschriftliche Notizen aufgetaucht sein, die darauf schliessen lassen, dass der Raiffeisen-Ex-Chef Inhalte aus dem bankinternen Prager-Dreifuss-Gutachten kannte. Doch dieses Gutachten war vertraulich. Es bildete später die Basis für das Enforcement-Verfahren der Finma gegen Vincenz.

Inzwischen vertritt Prager Dreifuss die Raiffeisen-Bank übrigens auch als Privatklägerin im Strafverfahren gegen ihren Ex-Konzernchef. 

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Raiffeisen – Viererbande vom Risikoausschuss

Raiffeisen Stück für Stück werden die Verhältnisse im Raiffeisen-Reich strafrechtlich ausgeleuchtet. Nun nimmt sich Staatsanwalt Marc Jean-Richard-dit-Bressel der ehemaligen Rechts- und Compliance-Chefin Nadja Ceregato an. Die Untersuchung gegen die Ehefrau von Pierin Vincenz lautet auf Verletzung des Geschäftsgeheimnisses. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Rote Linien überschritten bei Raiffeisen

Ungeachtet der laufenden Strafuntersuchung lässt sich jedoch sagen: Die Head Legal & Compliance darf nicht mit dem Bankchef liiert sein. Zu gross sind die potenziellen Interessenkonflikte. Insbesondere dann, wenn sich der Bankchef im fraglichen Zeitraum auch noch als Privatperson an Tochterfirmen der Bank beteiligen möchte. Die rote Linie überschritten hat jedoch Nachfolger Patrik Gisel, als der neue Bankchef die Privat-Investments seines Vorgängers untersuchen liess, während Vincenz’ Ehefrau im Büro nebenan als Compliance- und Rechtschefin waltete, als wäre nichts gewesen.

Keine marktüblichen Standards

Die Schuld dafür tragen jedoch weder Ceregato noch Gisel, sondern der damalige Raiffeisen-Verwaltungsrat – insbesondere die Herren vom Prüfund Risikoausschuss, die sich um die Einhaltung «marktüblicher Standards und Standesregeln» hätten kümmern sollen. Es waren gestandene Persönlichkeiten wie Wirtschaftsrechtler Franco Taisch, Finanzunternehmer Olivier Roussy, BDO-Partner Edgar Wohlhauser und der Raiffeisen-Regionalpräsident Werner Zollinger. Wie der Viererbande ein solch offensichtlicher Compliance-Lapsus durchrutschen konnte, bleibt schleierhaft.

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Raiffeisen und der Fall Investnet

Rechtsstreit Raiffeisen könnte Ex-Chef Pierin Vincenz noch einen zweistelligen Millionenbetrag schulden – sollte die Bank den Streit ums KMU-Vehikel verlieren.

Es ist bloss eine Fussnote im jüngsten Finanzbericht der Raiffeisen Gruppe. Aber eine mit Sprengkraft. Auf zehn Zeilen Kleingedrucktem beschreibt die Genossenschaftsbank den Zivilrechtsstreit um das KMU-Vehikel Investnet, an dem sich Raiffeisen 2012 unter Führung ihres damaligen Chefs Pierin Vincenz mit 60 Prozent beteiligt hatte.

Wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen, dürfte der Streitwert für Raiffeisen hier gegen 150 Millionen Franken betragen. Zu den potenziellen Geldbezügern, denen möglicherweise noch ein zweistelliger Millionenbetrag zusteht, gehört auch Ex-Chef Pierin Vincenz. Er war ab 2015 als Privatmann an der Holding des KMU-Vehikels beteiligt.

Raiffeisen unterzeichnete 2017 eine Schuldanerkennung

Die Streitwert-Schätzung basiert unter anderem auf dem Raiffeisen-Finanzbericht 2018. Erstmals legt die Bank darin offen, wie viel sie das Ende von Investnet noch kosten würde, sollte sie die laufenden Zivilrechtsverfahren gegen die Minderheitsaktionäre verlieren. Raiffeisen spricht von «Verpflichtungen von 30 Millionen Franken sowie Eventualverpflichtungen im Umfang von 30 Millionen Franken».

Allerdings betreffen diese 60 Millionen Franken nur die erste Geschäftsphase des KMU-Vehikels von 2012 bis 2015. Für 30 Millionen davon liegt überdies eine Schuldanerkennung von Raiffeisen vor. Die Bank hat sie 2017 ausgestellt, in der Ära von Chef Patrik Gisel. Die Schuldanerkennung wurde von Raiffeisen-Topmanagern unterzeichnet. Heute ficht die Bank auch dieses Dokument rechtlich an.

Nebst diesen bis zu 60 Millionen Franken aus der ersten Phase streitet Raiffeisen über eine weitere, grössere Summe: gegen 100 Millionen Franken oder mehr. Die Grundlage hierfür wurde im Aktionärsbindungsvertrag von 2015 geschaffen. Damals baute man eine Holding-Struktur für das KMU-Vehikel. Raiffeisen verpflichtete sich, zusätzlich zu den bisherigen 100 Millionen weitere 250 Millionen an Eigenkapital einzuschiessen. Man hegte hochtrabende Pläne, wollte gemeinsam einen Börsengang bis 2022 in der Grössenordnung von einer Milliarde Franken.

Damals verpflichtete sich Raiffeisen Schweiz, dass die Minderheitseigner der Investnet Holding ihre Anteile «nach einer vertraglich vereinbarten Bewertungsmethodik» der Bank andienen können. Und zwar frühestens ab Juli 2020, also in gut einem Jahr.

Raiffeisen Schweiz geht jedoch davon aus, dass es in diesem Zusammenhang zu keinen Zahlungen mehr kommt. Dies weil die Bank die Verträge «aus wichtigem Grund» gekündigt hat und nun anfechtet. Dazu rüstet sich Raiffeisen auch finanziell, wie die jüngste Jahresbilanz zeigt: «Insbesondere die Unwägbarkeiten in den rechtlichen Auseinandersetzungen im Kontext Investnet» führten dort zu einem Anstieg der Rückstellungen um 25 Millionen Franken.

Investnet-Portfolio ist geschätzte 300 Millionen wert

Jene Put-Optionen der Investnet Holding, die im nächsten Sommer fällig werden, gehören Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und den beiden Mitgründern des KMU-Vehikels, Peter Wüst und Andreas Etter. Sie sind die Minderheitsaktionäre jener Holding, die heute als KMU Capital Holding firmiert. Vincenz und Wüst halten je 15 Prozent. Etter hat 10 Prozent.

Ein Indiz, wie viel Raiffeisen den Minderheitseignern noch schulden könnte, liefert ein bankeigenes Gutachten. Im Mai 2018 gab es der Beratungskonzern EY in der St. Galler Genossenschaftszentrale ab. Die Berater ermitteln darin den Marktwert der 18 grössten KMU-Beteiligungen aus dem Investnet-Portfolio. Sie kommen zum Schluss, dass der Marktwert etwa 60 Prozent über Einstands- beziehungsweise Mindestwert liegt. Ein deutlicher Hinweis darauf, wie operativ erfolgreich Investnet in den letzten Jahren arbeitete.

Gemäss EY-Gutachten liegt der Wert per 2017 bei rund 300 Millionen Franken. Nimmt man die Beteiligungsverhältnisse der Investnet Holding zum Massstab, wären schätzungsweise gut 100 Millionen Franken an die drei Minderheitseigner im nächsten Juli fällig. Mit anderen Worten: Raiffeisen müsste alleine ihrem Ex-Chef Pierin Vincenz nochmals über 35 Millionen Franken schütten, sollte die Bank im Zivilrechtsstreit unterliegen.

Allerdings hat sich die Situation seit der Schätzung von EY stark verändert: Im Februar 2018 schien die Entflechtung zwischen Raiffeisen Schweiz und den Investnet-Minderheitsaktionären um Vincenz und Co. gütlich geglückt zu sein. Die Bank veröffentlichte kurz vor dem Jahresergebnis ein Communiqué mit dem Titel «Raiffeisen ordnet Beteiligungsverhältnisse neu». Darin heisst es, die «finanziellen Verflechtungen» würden «aufgehoben». Konkret war vorgesehen, die Kapitalgeberfunktion und das KMU-Management eigentumsrechtlich wieder sauber zu trennen: Die Bank hätte fortan in einer separaten Firma Eigenkapital für KMU-Nachfolgelösungen bereitgestellt. Investnet hätte diese Beteiligungen dann eigenständig betreut.

Investnet-Einigung kommuniziert, bevor Verträge unterschrieben waren

Nur, was Raiffeisen als Entscheid gemeldet hatte, war gar noch nicht vollzogen worden. Die Trennungspapiere waren zum Zeitpunkt des Communiqués nicht unterschrieben. Der Trennung in Minne kam die Strafuntersuchung gegen Vincenz, Etter und Wüst dazwischen.

Im Zuge diverser Ermittlungen wurde klar, dass in der ersten Investnet-Geschäftsphase bis 2015 der externe Raiffeisen-Berater und Vincenz-Vertraute Beat Stocker verdeckt 13,3 Prozent am KMU-Vehikel hielt. Dies war den Raiffeisen-Oberen – mit Ausnahme von Vincenz – nicht bekannt. In der zweiten, der Investnet-Holding-Phase ab 2015, beteiligte sich Vincenz privat mit 15 Prozent. Noch als operativer Bankchef legte Vincenz seine Beteiligungsabsichten nicht angemessen offen und trat nicht in Ausstand. Ein Governance-Versagen von Raiffeisen, das die Finanzmarktaufsicht nicht alleine Vincenz anlastete: «Der Verwaltungsrat unterliess es, den naheliegenden potenziellen Interessenkonflikten nachzugehen, und überwachte den Verkaufsprozess nur mangelhaft.»

Nichtsdestotrotz geht die neue Führung um Präsident Guy Lachappelle auf Konfrontation und macht «Willensmängel» geltend: Die Bank kappte die gültigen Verträge mit Investnet. Der Portfoliomanager musste schliessen und zwanzig Angestellte entlassen. Gleichzeitig beansprucht Raiffeisen 100 Prozent der Investnet Holding und schreibt auf dem Portfolio kräftig ab: 150 Millionen Franken an Wertberichtigungen und Rückstellungen. Schliesslich sind im Juli 2020 die Put-Optionen für Vincenz und Co. fällig.

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Raiffeisen – Abschreiben im Streit

Raiffeisen Die neue Führung schreibt das KMU-Portfolio ab. Die Wertberichtigung auf den Investnet-Firmen interessiert auch die Staatsanwaltschaft.

Dialog bringt uns weiter. So lautet das Motto von Raiffeisen für ihren Geschäftsbericht 2018, der Anfang April erscheint. In der Affäre um das KMU-Beteiligungsvehikel Investnet ist der Gesprächsfaden jedoch längst gerissen.

Raiffeisen ficht die Verträge mit den Minderheitsaktionären an. Die Investnet Holding gehört zu 40 Prozent den beiden Gründern Peter Wüst und Andreas Etter sowie Raiffeisen-Ex-Chef Pierin Vincenz. In ihrer Nichtigkeitsklage argumentiert die Genossenschaftsbank mit «Willensmängeln», also von Vincenz und Co. getäuscht worden zu sein. Womit auch der Aktionärsbindungsvertrag Makulatur sei. Die Raiffeisen-Argumentation basiert auf einer laufenden Strafuntersuchung. Gegen alle drei Investnet-Minderheitsaktionäre ermittelt die Zürcher Staatsanwaltschaft nämlich seit letztem Frühjahr wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Unterlagen zur Wertanpassung

Inmitten der straf- und zivilrechtlichen Auseinandersetzung hat die neue Raiffeisen-Führungscrew um Chef Heinz Huber und Präsident Guy Lachappelle nun eine substanzielle Wertberichtigung auf eben diesem KMU-Beteiligungsvehikel vorgenommen: Das Portfolio umfasst über dreissig Firmen in der Schweiz, Deutschland und Österreich und wird statt der bisherigen 305 Millionen Franken noch mit 180 Millionen Franken in den Büchern stehen. Diese Wertanpassung interessiert nun offenbar auch die Zürcher Staatsanwaltschaft. Schliesslich stehen Vincenz und Co. im Rahmen der Strafuntersuchung in Verdacht, die Genossenschaftsbank mit verdeckten Treuhandverträgen beim Investnet-Einstieg getäuscht zu haben. Der leitende Strafermittler Marc Jean-Richard-dit-Bressel hat deshalb die Unterlagen zur Investnet-Wertanpassung edieren lassen, wie die «Handelszeitung» erfahren hat. Auf Anfrage hält sich die Staatsanwaltschaft bedeckt. Auch die Bank macht keine Angaben zu den «laufenden Verfahren».

Besonderes Augenmerk auf Werterhalt

Die neue Raiffeisen-Führungscrew nimmt beim KMU-Portfolio also eine Bewertungsanpassung von 125 Millionen Franken vor. Davon sind gemäss der Bank rund 100 Millionen Franken Wertberichtigungen und Abschreiber auf Goodwill. 25 Millionen entfallen auf Rückstellungen für Rechtskosten. Die Führung spricht nach dem Schritt von einem «realistischen finanziellen Bild». Eines, das für das neue Management wohl eine möglichst gute Ausgangslage schafft.

Denn noch im jüngsten Halbjahresbericht betonte Raiffeisen, dass man dem «Werterhalt der Portfoliogesellschaften» ein «besonderes Augenmerk» schenke. Auch steht der Abschreiber in Kontrast zu einem Bewertungsgutachten, das Raiffeisen seinerzeit selbst bei EY in Auftrag gegeben hatte. Die «Big Four»-Wirtschaftsberater kommen darin zum Schluss, dass per Ende 2017 der Substanzwert nur schon auf den 14 grössten Beteiligungen aus dem KMU-Portfolio mehr als 110 Millionen Franken betragen würden. Der Substanzwert gilt gemeinhin als Preisuntergrenze, da er die zukünftige Ertragskraft einer Firma nicht berücksichtigt.

Viel Upside für Ulf Berg

Die EY-Schätzung macht also deutlich, wie konservativ das Duo Lachappelle und Huber nun das KMU-Portfolio bewertet. Dies erlaubt zum einen dem neu angeheuerten Portfoliomanager – BLR & Partners – um EMS-Präsident Ulf Berg und Sunrise-Präsident Peter Kurer einen unbeschwerten Start mit viel finanziellem «Upside». Zum anderen dürfte das Vorsichtsprinzip der neuen Führung den Standpunkt der Bank in den laufenden Rechtsverfahren untermauern, wonach Raiffeisen sich unter der Führung von Ex-Chef Pierin Vincenz das Investnet-Portfolio teuer erkauft habe. Der neue CEO Heinz Huber erklärte denn auch an der Jahrespressekonferenz, dass der Abschreiber seinen «Ursprung» in der Ära Vincenz habe.

Gutachten beim Investnet-Einstieg

Das Manöver erscheint durchsichtig. Ob es juristisch verfängt, bleibt abzuwarten. Denn der finanzielle Einstieg der Genossenschaftsbank in das KMU-Vehikel Investnet 2012 war keine klandestine Hauruck-Aktion von Pierin Vincenz und seinem dauermandatierten Freund Beat Stocker. Vielmehr war es Patrik Gisel, der damalige Leiter Markt und spätere Bankchef, der mit den Investnet-Gründern den Einstieg zu Ende verhandelte. Gisel stützte sich in den Verhandlungen auf ein Gutachten zu Investnet, das die Bank bei der Finanzboutique IFBC eingeholt hatte. Geschrieben hatte es der Corporate-Finance-Experte Thomas Vettiger. Dieser wollte sich auf Anfrage nicht dazu äussern. Fest steht, dass der damalige Raiffeisen-Verwaltungsrat wie auch die Geschäftsleitung Kenntnis vom IFBC-Papier hatten. Die Empfehlungen wurden aber nicht «eins zu eins» übernommen, sagt ein Involvierter. Die Sache nahm ihren Lauf.

Am 1. Juli 2020 wären nun Vincenz, Etter und Wüst berechtigt, ihre Investnet-Anteile der Raiffeisen Schweiz zu «einer definierten Bewertungsmethodik» anzudienen. Ob die Bank zahlen muss, dürften wohl die Gerichte entscheiden.

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Neuer Manager für Investnet

Raiffeisen Die Bank lässt neu die Firmenbeteiligungen der ehemaligen Investnet durch die Firma von Industriekapitän und Ems-Chemie-Präsident Ulf Berg managen

Es ist das nächste Kapitel in der wechselvollen Geschichte von Investnet. War sie doch Gegenstand eines Finma-Enforcements und steht weiterhin im Zentrum der Strafuntersuchungen gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz und weitere Beschuldigte, darunter die beiden Investnet-Gründer. Investnet, dieses KMU-Beteiligungsvehikel, umfasst mehr als ein Dutzend Investments in mittelständische Firmen. Die Palette reicht vom Ostschweizer Digitaldrucker bis hin zum Trennwand-Fabrikanten aus dem Zürcher Oberland.Zuschlag erhalten

Schweizer Wirtschaftsgrösse

Jenen Beteiligungsanteil, welcher Raiffeisen Schweiz gehört, verwaltet allerdings nicht mehr Investnet selbst. Die Genossenschaftsbank hat ihr das Mandat entzogen. Seit Oktober ist vielmehr die Firma BLR & Partners darum besorgt. Ihr gehören Ems-Chemie-Präsident Ulf Berg und weitere Schweizer Wirtschaftsgrössen wie Sunrise-Präsident Peter Kurer oder Multi-VR Ulrich Jakob Looser an. «Wir haben uns um den Assetmanagement-Auftrag beworben und von Raiffeisen den Zuschlag erhalten», sagt BLR-Partner Ulf Berg. Er habe, um das Mandat der Genossenschaftsbank zu bewältigen, zusätzliche Mitarbeitende eingestellt. Weiter ist vorgesehen, dass Berg und Co. im Auftrag der Bank auch Einsitz nehmen in die Verwaltungsräte der einzelnen Portfoliogesellschaften. Bislang sassen in den Unternehmen Portfoliomanager von Investnet. Die Asset-Verwalterin mit Sitz in Herisau besass zu Spitzenzeiten über zwanzig Mitarbeiter, welche sich um die zahlreichen KMU-Anteile für alle Investnet-Aktionäre, auch Raiffeisen, kümmerten.

Der ganze Kuche

Ums Investment Advisory besorgt waren in der Geschäftsleitung auch die beiden Investnet-Gründer Peter Wüst und Andreas Etter. Sie hielten ab 2015 zusammen mit Raiffeisen-Ex-Chef Pierin Vincenz rund 40 Prozent an der Investnet Holding. Die restlichen 60 Prozent gehörten Raiffeisen.

Zur Investnet Holding heisst es im jüngsten Geschäftsbericht der Genossenschaftsbank: «Jeder Minderheitsaktionär ist ab dem 1. Juli 2020 berechtigt, seine Aktien an der Gesellschaft der Mehrheitsaktionärin Raiffeisen Schweiz zu einer definierten Bewertungsmethodik anzudienen (Put-Option)». Mit anderen Worten: Wüst, Etter und Vincenz könnten gemäss dieser Vereinbarung ihre Investnet-Anteile im nächsten Jahr zu einem vordefinierten Schlüssel an Raiffeisen veräussern. Die Rede ist von Millionenbeträgen, welche die Genossenschaftsbank nochmals zugunsten der Minderheitsaktionäre um Vincenz und Co. schütten müsste. Doch davon will Raiffeisen, nach heutigem Kenntnisstand, nichts mehr wissen und beansprucht vielmehr den ganzen Investnet-Kuchen für sich: Schliesslich sieht sich die Genossenschaftsbank getäuscht, weil ihr Ex-Chef Pierin Vincenz über einen Mittelsmann möglicherweise bereits verdeckt ins KMU-Vehikel investiert war, als er «offiziell» 2015 Aktionär der Investnet Holding wurde. Notabene dank einem Kredit von Raiffeisen.

Raiffeisen bestreitet Verträge

Die Aktienkaufverträge samt Put-Optionen sind für die Raiffeisen-Juristen inzwischen jedenfalls Makulatur. «Aufgrund dessen beansprucht Raiffeisen Schweiz heute 100 Prozent der früheren Investnet Holding AG», erklärte ein Banksprecher in der «Sonntagszeitung». Und der neue Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle doppelte in der «NZZ am Sonntag» nach: «Wir sind der Meinung, dass beim Kauf durch einen Aktientausch ein Willensmangel bestand. Denn im Wissen um alle heute bekannten Tatsachen hätte Raiffeisen die Gesellschaft Investnet damals nicht übernommen.» Für die Genossenschaftsbank steht finanziell viel auf dem Spiel. Schliesslich butterte Raiffeisen unter der Ägide von Ex-Chef Pierin Vincenz einen dreistelligen Millionenbetrag ins mittelständische Private-Equity-Geschäft.

Nun will die Raiffeisen-Zentrale in St. Gallen die Investnet-Deals ungeschehen machen, die beim Einstieg 2012 noch als Teil der «Langfriststrategie» den Genossenschaftern verkauft wurden. Es droht ein veritabler Showdown der Wirtschaftsrechtler. Entsprechende Zivilverfahren zwischen den Minderheitseignern von Investnet und Raiffeisen Bank laufen bereits. Die Interessen der Gründer des Ostschweizer KMU-Vehikels vertritt der renommierte St. Galler Jurist Peter Nobel, wie der Finanzblog «Inside Paradeplatz» zuerst berichtet. So dezidiert die neue Raiffeisen-Führung in der Causa Investnet auch auftritt. Ob die Genossenschaftsbank mit ihrem zivilrechtlichen Nichtigkeits-Ansinnen durchdringt, hängt vom Ausgang des Strafverfahrens wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung gegen die Investnet-Miteigner Vincenz, Wüst und Etter ab. Lässt sich der Verdacht vor Gericht nicht erhärten, droht der Raiffeisen Bank bei Investnet ein teures Nachspiel.

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Maximale Rufschädigung

Raiffeisen Für einmal war die Wochenendpresse einhellig: Der Noch-Chef der BKB und designierte Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle werde «von der Vergangenheit eingeholt», war zu lesen. Hintergrund sind mehrere Bundesstrafgerichtsentscheide, die jüngst ergangen sind.

Dabei geht es um ein Verwaltungsstrafverfahren, welches das Finanzdepartement (EFD) seit 2016 gegen «Verantwortliche der BKB» führt, weil die Banker die Geldwäscherei-Meldestelle möglicherweise zu spät über den ASE-Betrugsfall informierten. Die Bundesbehörden versuchen über die Gerichte, den internen BKB-Untersuchungsbericht samt Annex entsiegeln zu lassen. Jener Bericht, angefertigt von der Anwaltskanzlei Bär & Karrer, soll «mögliche Hinweise auf Meldepfichtverletzungen» liefern.

Finma-Plazet fürs Raiffeisen-Präsidium

Die BKB wehrt sich gegen die Entsiegelung durch alle Instanzen; aber nicht, weil BKB-Chef Lachappelle etwas zu verbergen hätte, wie dies in der Presse genüsslich insinuiert wird. Lachappelle kann auch nicht «ins Verfahren hineingezogen werden», weil sich das Verfahren gar nicht gegen ihn richtet.

Fakt ist vielmehr: Wenn sich Lachappelle im ASE-Fall etwas hätte zu schulden kommen lassen, hätte ihm die Finma längst die Gewähr entzogen. Im Gegensatz zum EFD können die Bankenaufseher bei ihrer Beurteilung nämlich auf sämtliche Interna, auch auf den geheimnisumwitterten Untersuchungsbericht, zugreifen. Die Aufsicht hat dem Basler Banker aber bekanntlich auch das Plazet fürs Raiffeisen-Präsidium erteilt. An Lachappelle blieb nichts hängen. Trotz maximaler Rufschädigung in den Medien bei minimaler Faktenlage.