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Kurzes Gastspiel

Kaum ein halbes Jahr liegt zwischen den beiden Aussagen. Doch sie könnten gegenteiliger nicht sein. Mitte September lobt Lonrho-Präsident Christopher M. Chambers den antretenden ChefRoland Decorvet öffentlich über den grünen Klee: Seine breite Erfahrung, internationales Geschäft aufzubauen, sei ein grossartiger Gewinn für Lonrho. Wir sind entzückt, Roland in seiner neuen Rolle begrüssen zu dürfen, frohlockt der Brite Chambers, welcher in der Schweiz bestens vernetzt ist dank zig Mandaten – unter anderem bei Jelmoli, Cembra, Swiss Prime Site, der Bank Berenberg und beim deutschen Privatier Georg von Opel.

Mitte April – nur wenige Monate nach der Eloge auf Decorvet – verkündet Multi-VR Chambers dann den totalen Meinungsumschwung in einem dürren, internen Memo. Roland wird per sofort vom Amt als CEO zurücktreten, heisst es da. Der Grund: Unterschiedliche Auffassungen zwischen Verwaltungsrat und Management, wie der Mischkonzern zu führen sei.

Decorvets Abgang geschieht in aller Stille. Der Name des früheren Chefs von Nestlé China wird einfach von der Lonrho-Webseite getilgt. Das Zerwürfnis kam wohl für alle Beteiligten plötzlich. So stellte Lonrho-Miteigner und Financier Rainer-Marc Frey der Handelszeitung noch vor wenigen Monaten ein Gespräch mit Neo-Chef Decorvet im Frühjahr in Aussicht, sobald dieser eingearbeitet ist und wir die Strategie bestätigt haben. Dazu sollte es nicht mehr kommen. Der Subsahara-Mischkonzern, der einige Tausend Mitarbeiter vor Ort beschäftigt und 2014 gut 260 Millionen Dollar Umsatz erwirtschaftete, steht wieder ohne operativen Chef da. Lonrho wird vorerst durch die bestehende Geschäftsleitung geführt.

Wichtige Investoren

Zu seinem denkbar kurzen Lonrho-Gastspiel will sich der im Kongo aufgewachsene Missionarssohn Decorvet nicht äussern. Aber der Top-Manager mit christlichen Wertvorstellungen und madagassischer Ehefrau weiss bereits, was er als Nächstes tun wird: Er habe entschieden, mit seiner Familie in Südafrika zu bleiben, weil er an das Potenzial des Schwarzen Kontinents glaube. Ich werde meine eigene Beteiligungsfirma gründen mit einigen wichtigen Investoren, lässt er per E-Mail aus Äthiopien ausrichten. Ein Mix aus Nestlé und der Wohltätigkeitsorganisation Mercy Ships soll es sein. Decorvets Neugründung will nämlich in die nachhaltige Beschaffung und Herstellung von landwirtschaftlichen Basisgütern einsteigen.

Es ist just eines jener Geschäftsfelder, das Decorvet auch als Lonrho-Chef forcieren wollte. Wir schauen uns Fabriken an, um Lebensmittel zu verarbeiten, sowohl für den lokalen Markt wie auch für den Export, sagte er noch Anfang des Jahres einem lokalen Medium in Simbabwe. Man werde dazu in den nächsten Monaten klare Ansagen machen. Allerdings war der ehemalige Food-Manager zu diesem Zeitpunkt schon in Rücklage. Decorvet sah sich in seiner Rolle als Lonrho-Chef beschnitten, berichten Insider. Es ist die Rede von fehlenden Kompetenzen und einem Micro Management von ganz oben.

Indirekt bestätigt Lonrho den Sachverhalt, indem Investmentchef Reto Suter von unterschiedlichen Auffassungen über die Unternehmensführung zwischen dem VR und Decorvet spricht: Der Verwaltungsrat verfolgt ein eigentümerzentriertes Modell, mit einem starken und aktiven Verwaltungsrat als Vertreter der Eigentümer, wie es in Private-Equity-Situationen die Regel ist.

Allerdings lasten Insider dem unternehmerischen Verwaltungsrat mangelnde Kenntnisse über das operative Geschäft in Subsahara-Afrika an. Auch knapp drei Jahre nach der Übernahme von Lonrho durch den Baselbieter Financier und Ex-UBS-VR Rainer-Marc Frey und dem Holcim-Erben Thomas Schmidheiny kämpfe Lonrho mit Altlasten.

Von Krokodilen und Traktoren

Trotz umfangreicher Devestitionen (zum Beispiel Hotel, Gartenbau, Airline) hat der Konzern Züge eines Gemischtwarenladens. Vom Krokodiltransport per Luftlogistik nach Dänemark über den äquatorialguineischen Freihafen für die Ölindustrie bis hin zum John-Deere-Traktoren-Vertrieb in Mosambik tanzt Lonrho auf vielen Hochzeiten. Zu vielen, monieren Beobachter, während Konzernmann Suter betont, man strebe eine Diversifikation der Gruppe nach Ländern und Industrien an. So hat Lonrho mehrere Standbeine mit der Hafeninfrastruktur, den Geschäften entlang der Lebensmittel-Versorgungskette und den IT- und Investitionsgüter-Händlern.

Schwaches Wachstum in Afrika

Allerdings ist es mit der Risikostreuung nicht weit her, wenn praktisch alle Lonrho-Zielmärkte – von Ghana über Angola und Mosambik bis Südafrika – sich in einem konjunkturellen Abwärtsstrudel befinden. Der Internationale Währungsfonds IWF erklärte jüngst, das Wachstum in Subsahara-Afrika sei so schwach wie seit 15 Jahren nicht mehr. Es liegt in vielen Staaten bereits unter dem Bevölkerungswachstum. Insbesondere Ölförderländer wie Angola oder Basismetall-Exporteure wie Mosambik sind stark vom Abschwung betroffen. Nicht verwunderlich angesichts rekordtiefer Rohstoffpreise. Lonrho-Investmentchef Suter, der ein enger und langjähriger Weggefährte von Miteigner Rainer-Marc Frey ist, meint dazu knapp: Der aktuelle Ölpreis führt in der Tat zu Herausforderungen in einzelnen Ländern und Industrien.

Beispielsweise im westafrikanischen Ghana, wo Lonrho einen Freihandelshafen entwickelt, der nächstes Jahr in Betrieb gehen soll. Über den Atuabo Freeport soll künftig das Öl- und Gasgeschäft aus dem Golf von Guinea abgewickelt werden. Es geht um ein Investitionsvolumen in der Höhe von 600 Millionen Dollar. Die ghanaische Regierung unterstützt das Investitionsvorhaben nach Kräften und garantiert Lonrho 25 Jahre Exklusivität und Steuererlass. Doch auch im einstigen Vorzeigeland Westafrikas wachsen die Bäume nicht mehr in den Himmel. Notorische Misswirtschaft und die wachsende Abhängigkeit von Rohstoffexporten haben das Wachstum beim Pro-Kopf-Einkommen verlangsamt. Es ist auf den tiefsten Stand des vergangenen Jahrzehnts gefallen.

Diese und andere Schwierigkeiten Lonrhos in Subsahara-Afrika dürften nun auch vermehrt die reichste Frau Deutschlands kümmern. Über ihre Beteiligungsgesellschaft Skion hält die BMW-Erbin Susanne Klatten seit letztem Jahr rund 50 Millionen Lonrho-Aktien. Nun hat sie einen Vertreter – ihren Head of Family Office – in den Lonrho-VR entsandt. Mit der Zuwahl von Johannes Fritz sind nun die drei grössten Aktionärsgruppen im VR vertreten, erklärt Lonrho-Investmentchef Reto Suter den Neuzugang.