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Mega Safe Brünig – Ein Berg voller Ideen

Brünig Mega Safe In Kavernen unter der Passhöhe sollen künftig Kunst und Wertsachen sicher lagern. Der Mega-Safe ist nur eine von vielen Aktivitäten im Fels.

Mehr Postkarten-Schweiz geht nicht: im Rücken der malerische Lungerersee, seitlich der schneebedeckte Gipfel des Höch Gumme und geradeaus das wuchtige Brünigmassiv. An diesem frostigen Morgen in kalte Schatten getaucht. Hier, im hintersten Winkel der Zentralschweiz, soll ein sicherer Hafen der Superlative entstehen: Der Brünig Mega Safe, ein Tresorprojekt im Felsmassiv auf einer Parzellenfläche von fast neun Fussballfeldern. Bis zu hundert Hochsicherheitskavernen könnten im Endausbau entstehen.

Kaverne im Brünig

Alle sollen standardmässig über Wasser, Wärme, Strom sowie eine LKW-Zufahrt verfügen. Die kleinste Kaverne hat gemäss Plan mindestens Zimmergrösse, also 25 Quadratmeter, und wird je nach Ausbaustandard gegen eine halbe Million Franken kosten. Nach oben ist die Preisskala offen. Eine Kaverne in Fussballplatzgrösse samt Decke in der Höhe eines Hochspannungsmastes wäre möglich. Auf dass die Gutbetuchten ihre Wertgegenstände im Herzland der Eidgenossenschaft in Sicherheit wissen. Sei dies nun Kunst, Schmuck, seien es sensible Daten oder automobile Sammlerstücke.

«Was in der Kaverne lagert, geht nur den Besitzer etwas an», sagt Thomas Gasser, um sogleich anzufügen, dass man nur «saubere Ware» im Berg einlagern werde. Der knorrige Obwaldner Serienunternehmer gilt als Mastermind hinter dem Mega-Safe-Projekt. Seine Felstechnikfirma hat er vor drei Jahren der nächsten Generation weitergegeben und deren Büros liegen einen Steinwurf vom Brünigmassiv entfernt. Der Familienbetrieb mit 300 Mitarbeitenden ist auf Untertage, Felsbau und Sprengbetriebe spezialisiert. Know-how, das der findige Patron für den geplanten Tresorbau bestens nutzen kann.

6 Millionen Franken kostet die erste Etappe. Die Bauarbeiten sollen im Frühjahr starten und 16 Kavernen umfassen. Vorausgesetzt, Gasser hat bis dahin mindestens acht verkauft. «Wir führen derzeit interessante Gespräche», gibt er sich zuversichtlich. Offenbar sind private Kunstsammler, aber auch Profi-Galeristen interessiert. Denn im Vergleich zu hiesigen Zollfreilagern sei der Zugang zum Mega-Safe weniger bürokratisch, versichert der Initiant: «Bei uns erhalten die Besitzer rund um die Uhr Einlass.» So erstaunt es nicht, dass auch vermögende Ausländer, beispielsweise aus Südostasien, eine Kaverne in der Schweiz wollen. Derzeit kläre man ab, inwiefern die begehbaren Felstresore unter die Lex Koller fallen. Das Bundesgesetz schränkt seit den achtziger Jahren den Erwerb von Grundstücken durch Personen im Ausland ein. Allerdings dürfte die «Überfremdung des einheimischen Bodens» im Berginnern kein Thema sein.

Geschäftlicher Volltreffer

Die Idee, Gewerbeflächen im Felsinnern zu erschliessen, entstand aus Gassers Kerngeschäft: Ab Anfang der neunziger Jahre nutzte seine Felstechnikfirma eine erste Kaverne als Werkhof und Materiallager. Die Parzelle dafür hatte sich der unternehmerische Tausendsassa im Baurecht für 99 Jahre von jener lokalen Alpgenossenschaft besorgt, der die «Oberfläche» des Brünigs gehört.

Was vor dreissig Jahren als Abstellkammer im Fels begann, entwickelte der ausgebildete Sprengmeister ab der Jahrtausendwende nach und nach zu einem riesigen Indoor-Businesspark. Gasser betrieb nebst dem Materiallager für seine Mitarbeitenden zunächst eine Betriebskantine im Brünigmassiv, aus der ab 2001 das öffentliche Restaurant Cantina Caverna wurde. Den Gastrobetrieb liess er einige Jahre später grosszügig erweitern. Inzwischen ist aus der einstigen Blaumann-Kantine eine prämierte Eventgastronomie mit mehreren Bars und Bankettsälen für bis zu 250 Gäste entstanden. Mit dem Ausflug in die Restauration wurde Gassers Unternehmergeist erst so richtig geweckt. Er sprüht fortan vor Ideen für seinen Brünig: Ein Projekt für eine Indoor-Eishalle reisst Gasser mit einem Profi-Club an. Auch eine Trainingskaverne für Bergführer und Notärzte fürs Windentraining bei Rettungshelikoptereinsätzen lässt er durchrechnen.

Schiessanlage im Fels

Auf die «Cantina Caverna» folgt ab 2002 schliesslich für einen zweistelligen Millionenbetrag ein «Kompetenzzentrum Schiessen», dessen Aktionariat inzwischen breit gestreut ist. «Schiesslärm kümmert im Berg drin niemanden», meint Gasser lapidar. Das «Obligatorische» könne man hier auch an einem Freitagabend vor dem Ausgang absolvieren. Sagts und nimmt mich mit auf einen Rundgang durch die «Brünig Indoor». Die Schiessanlage im Fels lockt jährlich mehr als 30 000 Schützen in den Berg. Von Armbrust-, Blasrohr-, über Bogen- bis hin zu Pistolen- und Gewehrschiessen werden hier indoor alle möglichen Disziplinen angeboten. Herzstück ist ein 300-Meter-Schiessstand, auf dessen Scheiben von drei Stockwerken aus gefeuert werden kann. Der Boden ist beim Besuch mit Patronenhülsen übersät. Über acht Millionen Schüsse seien hier bereits abgefeuert worden, erklärt ein Angestellter stolz.

Doch viel Zeit bleibt nicht, um dieses Eldorado für Sportschützen zu besichtigen. Schnellen Schrittes führt Gasser durch ein Labyrinth an kleinen und grösseren Räumen – vorbei an einem 50-Meter-Pistolenstand nach Olympianorm und einem Schiesskino, in dem Jäger ihre ruhige Hand auf einer Videoleinwand testen können. Über 250 Filmsequenzen stünden in der Videothek zur Verfügung – von der gemeinen Wildsau bis hin zum kapitalen Vierzehn-Ender.

Leicht angekohlter Lastwagen

Schliesslich zweigt der unprätentiöse 63-Jährige in einen mit Spritzbeton ausgeformten Zugang ab, an dessen Ende sich eine Sicherheitsschiebetür befindet. Dahinter: die perfekte Kopie eines Strassentunnels samt dazugehörigem Schwerverkehr. In der 150 Meter langen Tunnelröhre stehen leicht angekohlte Lastwagen und Personenfahrzeuge aller Marken, perfekt aufgereiht in Fahrtrichtung. «Hier trainieren Berufsfeuerwehren den Ernstfall, einen schweren Tunnelbrand», so Gasser. Um jene 500 Grad Brandherd zu simulieren, ist über der Tunneldecke eine Gasanlage eingebaut, welche die Röhre zünftig einfeuert.

Das kam so: Als das Bundesamt für Strassen nach dem verheerenden Gotthard-Unglück einen Übungstunnel zum Bau ausschrieb, bewarb sich Gasser 2005 auf den letzten Drücker mit seiner Felsparzelle: «In eineinhalb Monaten stellten wir einen ersten Entwurf auf die Beine», erinnert er sich. Aus der Submission entstand am Ende in Partnerschaft die International Fire Academy (IFA) auf 27 000 Quadratmetern. Hauptfinancier des Projekts war der Bund mit der Auflage, dass die IFA den Betrieb für zwanzig Jahre garantiere. Seither trainieren hier Feuerwehrkorps aus halb Europa.

Projekt für Goldraffinerie offen

Während man in der IFA Feuer eindämmt, wird in einem Zufahrtsstollen nebenan Hochexplosives gelagert: Die Walliser Firma Sociéte Suisse des Explosifs, in deren VR Gasser sitzt, hat dort ihre Vorräte für die Deutschschweiz gelagert: 40 Tonnen Sprengstoff. Im Gewölbe ist auch ein schneeweisser Truck parkiert, der von aussen ausschaut wie ein gewöhnlicher Tanklastwagen. «Das ist der einzige Spreng-LKW der Schweiz. Er kommt meist in Steinbrüchen zum Einsatz», sagt Gasser. Angesprochen auf die Frage, ob das grösste private Sprengstofflager der Schweiz nicht eine Gefahr für sein Mega-Safe-Projekt darstelle, winkt er ab: «Da kann gar nichts passieren.» Das Lager sei von der Bundesanwaltschaft abgenommen und so konzipiert worden, dass die Druckwelle einer möglichen Explosion gezielt nach aussen geleitet werde.

Nebst Waffen, Feuer, Sprengstoff und Essen könnte der Brünig bald noch anderweitig genutzt werden: Vis-à-vis vom Mega Safe besitzt die Lungerer Firma Sarnoro nämlich seit einigen Jahren die Baubewilligung für eine unterirdische Goldraffinerie. Die Idee: Im Berg ist die Produktion von Barren sicherer und kostengünstiger, weil der Security-Aufwand um einiges geringer ausfällt als auf der grünen Wiese. Bis zu zwanzig Arbeitsplätze könnte die Raffinerie schaffen.

Türkische Investorengruppe

Hinter Sarnoro steht eine Investorengruppe um den türkischen Unternehmer Erdogan Asik. Auf die Frage, ob und wann das 25-Millionen-Franken-Projekt realisiert werde, antwortete Asik, dass die Besitzerfamilie derzeit voll in einem anderen Projekt im Ausland engagiert sei. Der VR von Sarnoro habe deshalb «den Entscheid über die Realisierung der geplanten und bewilligten Goldraffinerie in Lungern auf Mitte 2020» verschoben. Bis dahin will Thomas Gasser, der mit seiner Felstechnik den Bau realisieren würde, auch Klarheit über die Lieferkette der Raffinerie: «Wir verlangen, dass hier sauberes, sogenanntes grünes Gold geschmolzen wird.» Sarnoro würde einen Deckungsbeitrag ans Mega-Safe-Projekt liefern: «Kommt sie nicht, müssen wir einfach mehr Felstresore verkaufen», gibt sich Gasser gelassen. Die nächste Idee für seinen Brünig kommt ihm bestimmt.