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Insiderhandel – Die Schonzeit ist vorbei

Insiderhandel Noch vor wenigen Jahren galt Insiderhandel als Kavaliersdelikt: Manch ein Profi-Broker hatte nebenher ein privates Tradingkonto bei Swissquote und Co., lautend auf Familie oder Freunde. Dank privilegiertem Zugang zu Finanzinformation war es auf diese Weise ein Leichtes, unrechtmässig Gewinn einzufahren. Und fürchten mussten sich die Frontrunner auch nicht, dass ihnen Finanzaufsicht oder Strafjustiz auf die Schliche kommen würden. Zu lasch war die Gesetzgebung, zu lückenhaft die Überwachung, um die manipulativen Machenschaften zu durchschauen.

Insiderhandel schadet letztlich allen

Doch der Wind hat gedreht: Die Insidernormen wurden verschärft. Finma und Bundesanwaltschaft haben aufgerüstet. Und auch die SIX als Börsenbetreiberin zieht nun die Schraube an. Sie rückt den Insidern mit Big Data und künstlicher Intelligenz zu Leibe. Das ist richtig und wichtig. Denn Insiderhandel und Marktmanipulation schaden letztlich allen. Schliesslich partizipieren ein jeder und eine jede über die Vorsorgewerke an Kapitalmärkten und sind deshalb auf transparente Preisbildung angewiesen.

Regulatorische Lücken schliessen

Bei aller Euphorie über den verstärkten Kampf gegen Insider an regulierten Börsenplätzen: Die Karawane der Finanzkriminellen ist weitergezogen. Das bevorzugte Tummelfeld nun: die bunte Welt der Kryptowährungen. Was dort über sogenannte Tokenisierung und Initial Coin Offerings finanziert wird, birgt grosses Missbrauchspotenzial. Die Aufsicht tut gut daran, rasch die regulatorischen Lücken zu schliessen. Andernfalls droht dem Finanzplatz der nächste Reputationsschaden.

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SIX – Prometheus gegen Insider

SIX Die Börsenbetreiberin geht neu mit Big Data und Algorithmen gegen Insider vor. Die Eigenentwicklung steht vor der Einführung.

Insiderhandel ist kein Kavaliersdelikt mehr. Spektakuläre Fälle wie jener von Hans Ziegler («Sanierer der Nation») oder jener eines ehemaligen BZ-Bank-CEO haben das Bewusstsein für die Problematik geschärft. Nun rüstet auch die Börsenbetreiberin SIX auf. «Mit Prometheus wollen wir weltweit zu einer der führenden Handelsüberwachungsstellen werden», sagt Christian Müller, Head Surveillance & Enforcement von SIX Exchange Regulation (SER). Die Börsenbetreiberin hat einen siebenstelligen Betrag in das Produkt Prometheus investiert.

SIX investiert siebenstelligen Betrag

Entworfen wurde das System vom Beratungsunternehmen PwC, das in Zürich ein 200-köpfiges Team aus Datenwissenschaftern und IT-Entwicklern unterhält. Prometheus besteht aus zwei Modulen: «Insiderhandel» und «Marktmanipulation», das 2021 folgt. Das «Insider»-Modul wird derzeit eingeführt und soll Müllers Team helfen, verdächtige Handelsaktivitäten ergiebiger zu erfassen. Es wird das bisherige Überwachungssystem der Börsenbetreiberin Nasdaq ablösen.

Bis zu sechszig Millionen Transaktionsmeldungen

Die Vorteile von Prometheus sind vielfältig. Da wäre zunächst einmal die Rechnerleistung. «Das alte Datawarehouse brauchte teilweise ein ganzes Wochenende, um alle Transaktionsmeldungen der letzten vierzehn Tage bei einem Blue Chip wie Nestlé abzurufen. Mit der neu implementierten Big-Data-Lösung, welche die Basis für Prometheus bildet, schaffen wir das heute in zwei Minuten», so Müller. Dieser Boost ist notwendig, denn die Menge an Handelsdaten ist mittlerweile gigantisch. Pro Monat gebe es zwischen fünfzig und sechzig Millionen Transaktionsmeldungen, sagt Müller: «Die Einbindung und Verknüpfung dieser Daten mit den Handelsdaten der Börse wäre ohne den Einsatz von künstlicher Intelligenz nicht mehr zu schaffen. Durch den Einsatz von Algorithmen werden wir die Effizienz der Marktüberwachung signifikant verbessern.»

Kursrelevante Events

Dabei sollte das neue System aus dem Big-Data-Teich diejenigen Trades herausfischen, die zum einen dem wirtschaftlich Berechtigten einen geldwerten Vorteil verschafft haben und die zum anderen «auffällig» waren. Ein vielschichtiger Begriff: Prometheus verfügt nämlich über zahlreiche, gewichtete Leistungskennzahlen wie Kapitaleinsatz, Haltedauer oder die Positionierung des jeweiligen Trades zu öffentlichen kursrelevanten Events wie Jahreszahlen oder Ad-hoc-Meldungen. Dabei berücksichtigt das System das Handelsumfeld mit.

Aus diesem bunten Strauss an Kriterien filtert das System verdächtige Anomalien und Muster heraus. «Stets geht es darum, mit verschiedenen Algorithmen die relevanten Ausreisser im Handelsverlauf zu erkennen. Also jene wirtschaftlich Berechtigten zu erfassen, die nicht mit dem Trend, aber informiert handeln», erklärt Müller.

Hochinformiertes Handeln

Der Head Surveillance & Enforcement von SER spricht in diesem Zusammenhang von sogenannten Green Days, also besonders auffälligen Tagen, an denen hochinformiertes Handeln im jeweiligen Titel wahrscheinlich ist. Tritt an solchen Tagen nun ein «Aggressor» auf und handelt beispielsweise gegen den allgemeinen Trend, liefert dies einen «Key Risk Indikator» für Prometheus: Die eigentliche Arbeit der Handelsüberwachung beginnt beim Eintreten von mehreren Key-Risk-Indikatoren.

Erhärtet sich der maschinelle Anfangsverdacht, erstellt die SIX einen Report, der schliesslich an die Finanzmarktaufsicht (Finma) beziehungsweise an die Strafverfolger der Bundesanwaltschaft (BA) geht. Beide, Finma wie BA, dürfen nun dank Prometheus auf «mehr Fleisch am Knochen» hoffen. Bis zur Meldung an die Behörden vergehen maximal drei bis vier Monate.

Neues SIX System soll bessere Resultate liefern

Bislang habe sein Team sehr viel Zeit fürs Abarbeiten von Fehlalarmen benötigt, so Müller: «Die Falsch-positiv-Rate von marktüblichen Systemen liegt bei 90 Prozent.»

Ebenfalls bessere Resultate sind im Bereich der sogenannten Sekundärinsider zu erwarten. Also bei Personen, die indirekt von privilegierten Informationen profitieren. Dabei setzt Prometheus auf selbstlernende Mustererkennung, die Ähnlichkeiten über längere Zeitverläufe erfassen kann. Beispielsweise wenn ein Sekundärinsider mit zeitlicher Verzögerung und ohne einen erkennbaren Zusammenhang Handelspositionen in einem Titel aufbaut wie der Primärinsider. «Unser Ziel ist, dass wir künftig mit Prometheus nicht nur die bekannten Schemen in Bezug auf Insiderhandel und Marktmissbrauch besser aufdecken können, sondern auch neue marktmissbräuchliche Verhaltensmuster erkennen werden», sagt Müller.