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UBS Hinter jeder Zahl verbirgt sich eine Geschichte. Dies ist der Slogan, mit dem die Grossbank UBS ihren Robo-Advisor namens Smartwealth im letzten Frühling in Grossbritannien offiziell lanciert. Das Vereinigte Königreich soll Testmarkt sein für eine automatisierte Anlagelösung des weltgrössten Vermögensverwalters.

Keine anderthalb Jahre später schickt die UBS ihren Robo bereits wieder in Rente. Die Eigenentwicklung wird ans amerikanische Fintech Sigfig veräussert, an der die Grossbank eine Minderheit hält. Noch fünf Jahre erhält die UBS Lizenzgebühren auf das geistige Eigentum. Dann gehört der Robo ganz den Amerikanern.

Persönliche Animositäten

Offiziell begründet die Bank das Ende von Smartwealth mit dem «limitierten Kurzfrist-Potenzial» der automatisierten Anlagelösung. Ohne allerdings auf Fragen nach der Anzahl Kunden oder der Höhe der verwalteten Vermögen einzugehen.

Doch hinter jeder Zahl verbirgt sich bekanntlich eine Geschichte. So auch beim Robo-Versuch der UBS. Es ist dies eine Geschichte von kulturellen Unvereinbarkeiten, persönlichen Animositäten, Konzerndenke und knallhartem Kostenmanagement.

Die Geschichte von Smartwealth beginnt vor etwa vier Jahren, als sich junge Wilde in einer Mansarde am Zürcher Löwenplatz einquartieren. Die Tech-Truppe aus Jeans- und Turnschuhträgern schickt sich an, das Banking der Zukunft zu erfinden. Finanziert wird das Innovation Lab von der Vermögensverwaltung der UBS. Leiter ist Dave Bruno, der heute für den Börsenbetreiber SIX als Company Builder arbeitet. Das Lab steht unter dem Patronat des damaligen Wealth-Management-Chefs Jürg Zeltner. Dessen operativer Leiter, ein Ex-Manager von Blackrock, propagiert vollmundig die «Demokratisierung der Vermögensverwaltung». Dank smarter Technologie soll die UBS nicht nur Schwerreiche umfassend bedienen, sondern auch Wohlhabende mit 15 000 bis etwa 2 Millionen Pfund Vermögen effizient erreichen. Ein Kundensegment, das die Bank mit Ausnahme des Schweizer Heimmarktes bislang kaum adressiert. «Mass affluent» lautet das Zauberwort der Stunde.

Entsprechende Ideen soll der «interne Beschleuniger» am Löwenplatz liefern. Und so macht sich eine junge Truppe ans Fintech-Werk. Es sind Leute wie Konstantin Speidel, der heute die digitale Transformation der Allianz Versicherung in München treibt. Im Lab entstehen zahlreiche Business-Ideen und Geschäftsmodelle wie etwa Ynome. Eine Art «Trip Advisor für Vermögensverwalter», den die UBS bald schon wieder einstampft. Oder eben der hauseigene Robo-Advisor namens Smartwealth.

Revolut als Blaupause

Allerdings hat jene Idee, die am Löwenplatz geboren wird, mit dem späteren Smartwealth-Offering in Grossbritannien nurmehr wenig zu tun, wie Insider berichten. Die ursprüngliche Losung aus dem Lab lautet nämlich, Smartwealth möglichst simpel und effizient zu gestalten. Im Sinne eines hohen Automatisierungsgrads («no human factor»), damit die Grundgebühr tief und kompetitiv gehalten werden kann. Als Vorbild dienen erfolgreiche Digitalbanken wie Revolut, deren Basisangebot kostenlos ist. Wer etwas mehr will, zahlt dann aber extra.

Doch das «WM Lab» dient in der UBS eben nur als bunte Ideenschmiede. Ein einsames Biotop von Freigeistern innerhalb der Silos einer Grossbank. Schliesslich geht das Smartwealth-Projekt vom Lab in die Business-Linie des Finanzkonzerns über. Am Drücker sind nun arrivierte Institutsdirektoren, welche dem schlank gedachten Robo-Advisor die geballte Investment-Kompetenz der UBS aufbürden. Schliesslich ist man intern stolz auf die eigene Hausmeinung und pflegt den Advice aktiv auf allen Kanälen zu verbreiten. Diese Antithese zur automatisierten Portfolio-Anlage auf passive Art findet auch im konzerneigenen Robo-Advisor ihren Niederschlag.

Als Smartwealth ab Ende Februar 2017 offiziell Publikumsgelder annimmt, stehen nicht weniger als zehn Strategien auf Basis von fünf Risikoprofilen zur Auswahl. Diese Robo-Strategien umfassen auch Fonds, die von Portfoliomanagern aus Fleisch und Blut aktiv verwaltet werden. Entsprechend hoch sind die Verwaltungsgebühren von etwa 1 bis 2 Prozent, je nach Grad des «human touch». Zum Vergleich: Bei Nutmeg, dem grössten Robo-Advisor auf der Insel mit rund 1 Milliarde Pfund an verwalteten Vermögen, liegt die Basisgebühr bei 0,75 Prozent.

Am Ende war es ein Luxus-Robo

Aus Smartwealth ist also ein Luxus-Robo geworden, der mit einem siebzigköpfigen Team im garstigen Grossbritannien fortan um jeden Kunden kämpfen muss. Denn auf der Insel ist der Markt für automatisierte Anlagelösungen bereits hart umkämpft. Es herrscht volle Kostentransparenz. Und was für die tech- und finanzaffine Kundschaft vor allem zählt, sind möglichst tiefe Anlagegebühren. Nuancen im Angebot haben es da schwer.

Zwar attestieren alle Befragten dem UBS-eigenen Robo-Advisor eine hohe technische Ausgereiftheit: Sowohl das digitale Onboarding als auch die Usability seien vorbildlich. Doch die Preisprämie lässt sich nur mit hohen Marketingaufwänden durchsetzen. Die Rede ist von mehreren hundert Pfund an Akquisekosten pro Kunde. Kosten, die wohl erst mittelbis längerfristig wieder eingespielt worden wären – wenn überhaupt.

Zum Verhängnis sind dem Robo aber nicht schlechte Zahlen geworden: «Es war nie vorgesehen, dass Smartwealth nach eineinhalb Jahren profitabel arbeitet», sagt ein Insider. Vielmehr sei der Robo-Advisor ein Strukturopfer: Mit dem Abgang von Vermögenschef Zeltner und der Verschmelzung von Americas und International zu Global WM Anfang Jahr dreht die neue Führung um Martin Blessing und Tom Naratil an der Kostenschraube. Gefordert werden Synergieeffekte, auch wenn sich das Geschäft in den USA und dem Rest der Welt fundamental unterscheidet. Smartwealth erscheint vor diesem Hintergrund als «low-hanging fruit». Zumal das schützende Commitment der neuen Vermögenskapitäne in den reinen Robo des Vorgängers fehlt.

«Ich glaube nicht, dass es so weit kommt, dass in zehn Jahren jeder alleine vor seinem Robo-Advisor sitzt und nur noch mit dem Computer interagiert», sagte Martin Blessing im letzten Winter zur «Handelszeitung» und fügte an: «Der Computer unterstützt, er hilft dem Berater, aber die menschliche Interaktion wird immer noch stattfinden.» Kurz danach beerbt Blessing Zeltner als Chef des Wealth Management der UBS.

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Poker um die Börse

SIX Das EU-Rahmenabkommen steht auf der Kippe. Mit einem Plan B will Finanzminister Ueli Maurer die Börse vor Nadelstichen aus Brüssel schützen. Doch das Abwehrdispositiv hat erhebliche Nebenwirkungen.

Es war eine klare Botschaft, die EU-Botschafter Michael Matthiessen jüngst am Auslandschweizer-Kongress im Visp hatte: Könnte die EU heute nochmal entscheiden, würde sie mit der Schweiz keine bilateralen Verträge mehr abschliessen. Aus Sicht des EU-Abgesandten geniesst unser Land nämlich eine Sonderbehandlung von der Union. Und diese müsse sich die Eidgenossenschaft erst verdienen. Ohne ein Rahmenabkommen stünde der Schweiz eine schwierige Zukunft bevor, gab der Däne drohend ins Plenum zu bedenken.

Wie dieses Zukunftsszenario aussehen könnte, hatte zuvor eine Kommissionssprecherin skizziert: Noch bis Ende Jahr hat die Schweizer Börse SIX Zugang zum europäischen Markt. Erkenne die EU auf Schweizer Seite in den nächsten Monaten beim Rahmenabkommen keine Fortschritte, erwäge sie, von einer Verlängerung abzusehen.

Es wäre ein Brüsseler Nadelstich, der tief ins Fleisch des Schweizer Finanzplatzes dringen würde: Erkennt die EU nämlich die SIX nicht als gleichwertige Börse an, gingen ihr zwischen 60 und 80 Prozent ihres Handelsgeschäfts verloren. Das hätte massive Konsequenzen. Schliesslich ist die Schweizer Börse der viertgrösste Handelsplatz in Europa mit einem Umsatz von gegen 1000 Milliarden Franken im Jahr.

Der Bundesrat will diesen Drohgebärden der EU nicht tatenlos zusehen. Bereits im Juni hat Finanzminister Ueli Maurer einen Notfallplan angekündigt für den Fall, dass die EU die Äquivalenz nicht mehr erteilen sollte. Es ist ein Katastrophenszenario, das aber angesichts des rasant bröckelnden innenpolitischen Sukkurses für das Rahmenabkommen immer näher rückt.

Brüsseler Nadelspitze stumpf machen

Dabei will Finanzminister Maurer Brüssels Nadelspitze mit einem cleveren Trick stumpf machen: In den Finanzmarktbestimmungen der EU heisst es nämlich, dass von Drittstaaten nur dann eine Börsenäquivalenz erforderlich ist, wenn Aktien aus dem betreffenden Land in der EU «regelmässig und systematisch» gehandelt werden.

Verbietet es die Schweiz den EU-Handelsplätzen wie London, Frankfurt und Paris, mit Schweizer Aktien zu handeln, wären diese folglich auch nicht mehr an die Anerkennungspflicht gebunden. Wertschriftenhändler aus der EU könnten damit weiterhin uneingeschränkten Zugang zur Schweizer Börse erhalten – eine Schlechterstellung der EU-Investoren bei Investitionen in Schweizer Aktien könnte so verhindert werden.

«Wir erachten die Eventualmassnahme des Bundesrates als sinnvolle Schutzmassnahme», sagt SIX-Sprecher Julian Chan. Man habe den Bund denn auch bei der Ausarbeitung der Schutzmassnahme unterstützt. Ähnlich positiv fällt das Urteil der Bankiervereinigung aus: «Der Bundesrat hat sehr gute Arbeit geleistet», sagt der stellvertretende Verbandsdirektor August Benz. «Mit der Schutzmassnahme kann das Schadenspotenzial einer nicht gewährten Börsenäquivalenz gewissermassen abgefedert werden.» Zugleich könne man so dem Risiko begegnen, dass die Börsenbetreiberin SIX Teile ihrer Finanzinfrastruktur in den europäischen Raum verlagere.

Liquidität von Schweizer Aktien nimmt ab

Doch so gross das Wohlwollen der Finanzplatzvertreter gegenüber dem Vorgehen des Bundesrats ist: Das Manöver des Bundesrats birgt erhebliche Risiken und Nebenwirkungen. Der Anteil ausländischer Börsen am Handelsvolumen von grosskapitalisierten Schweizer Titeln ist nämlich beträchtlich (siehe Box). Mehr als ein Drittel der Aktien der umsatzstärksten Schweizer Unternehmen werden gegenwärtig über europäische Plattformen wie Cboe gehandelt. «Sollte der Bund die Eventualmassnahmen in Kraft setzen, wird die Liquidität auf diesen Blue Chips abnehmen», warnt ein einflussreicher Finanzmanager.

Eine Furcht, die man auch bei Economiesuisse teilt. Der Wirtschaftsdachverband unterstützt zwar das Vorgehen des Bundesrats. Es sei wichtig, dass der Bundesrat über eine Notfallplanung verfüge für den Fall, dass die EU der Schweiz die Börsenäquivalenz aberkenne, sagt Jan Atteslander, Leiter Aussenwirtschaft beim Verband. «Es stellen sich allerdings in diesem Zusammenhang schwierige technische und rechtliche Fragen.»

Geplante Manöver

Atteslander bezweifelt, dass das geplante Manöver von Bundesrat Maurer ohne Kollateralschäden vonstatten gehen würde: «Es hätte Folgen für kotierte Schweizer Unternehmen, wenn sie nicht mehr an ausländischen Handelsplätzen zugelassen sind.» Der Bund müsste deshalb die Auswirkungen auf die Liquidität des Handels prüfen, falls die fehlende Äquivalenzanerkennung eine Barriere für bestimmte EU-Investoren darstelle. Schliesslich wären auch bankenseitig deren eigene Handelssysteme betroffen, so der Economiesuisse-Mann.

Auch beim Verband Swissholdings, dem global tätige Konzerne wie ABB, Roche, Novartis oder Schindler angehören, macht man sich Sorgen. «Tritt tatsächlich der Fall ein, dass die EU der Schweiz die Börsenäquivalenz entzieht, stehen unsere Unternehmen hinter den Schutzmassnahmen von Finanzminister Ueli Maurer», sagt Sprecher Pascal Nussbaum zwar. Wie sich diese langfristig am Markt auswirken würden, sei jedoch ungewiss. Es seien verschiedene Szenarien denkbar.

Das Abwehrdispositiv von Bundesrat Maurer birgt denn auch viele Unbekannte. Ob die europäischen Wertschriftenhändler künftig tatsächlich im gleichen Masse Schweizer Aktien in der Schweiz kaufen wie früher über ausländische Handelsplattformen, ist ungewiss. «Niemand kann genau abschätzen, was passieren wird», erklärt ein Verbandsvertreter. Die Titel der allergrössten Schweizer Unternehmen wie Nestlé, ABB oder Lafarge Holcim seien immer gefragt. Weniger bekannte Unternehmen wie etwa Geberit könnten jedoch in Probleme geraten, wenn sie nicht mehr auf europäischen Börsenplätzen gehandelt werden dürfen.

Keine langfristige Lösung

Sicher ist: Verweigert die EU der Schweiz die Börsenanerkennung über Jahre hinweg, wird der Schutz des Schweizer Börsenplatzes kaum aufrechterhalten werden können. Die Eventualmassnahme des Bundesrats ist auch nicht darauf ausgelegt: Sie beruht auf Notrecht und ist auf drei Jahre befristet. «Versagt die EU die Börsenanerkennung längerfristig, könnte dies die Attraktivität des Schweizer Finanzplatzes mindern», räumt denn auch August Benz von der Bankiervereinigung ein.

Ob die Notfallpläne des Bundesrats überhaupt in Kraft gesetzt werden müssen, entscheidet sich in den nächsten Monaten. Noch hofft man in Bern, den Gordischen Knoten zu lösen und eine mehrheitsfähige Verhandlungslösung mit der EU zu finden. Und auch wenn dies nicht gelingt, könnte Brüssel die Börsenäquivalenz erneut für nur ein Jahr anerkennen, um weiterhin mit dem Entzug drohen zu können. Verlängert die EU die Anerkennung jedoch nicht, dürfte die Schweizer Wirtschaft trotz Schutzmassnahmen nicht ohne blaue Flecken davonkommen.