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Pierin Vincenz – Banker mit Bleifuss

Pierin Vincenz Der ehemalige Raiffeisen-Chef ist vorbestraft. Vincenz kassierte 2015 einen Strafbefehl wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln.

Am 15. Juli 2015 will der damalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ins Tessin. Vincenz nennt dort unter anderem ein Feriendomizil, hoch über dem Luganersee, sein Eigen. Es eilt offenbar auf dieser Fahrt in die Schweizer Sonnenstube. In Hospental auf der Strasse Richtung Gotthardpass gilt eigentlich Tempo 80. Doch der Genossenschaftsbanker Vincenz brettert in seinem Fahrzeug mit Ausserrhoder Nummernschild mit 118 Sachen gen die Passhöhe «San Gottardo». Es sind 34 Stundenkilometer zu viel auf dem Tacho. «Nach Abzug Toleranz», wie es im Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Uri heisst, den die «Handelszeitung» kürzlich in Altdorf einsehen konnte.

Keine drei Monate nach der Temposünde auf Urner Kantonsgebiet ereilt Pierin Vincenz, kurz nach seinem letzten Arbeitstag bei der Raiffeisen, am 2. Oktober 2015 ein eingeschriebener Brief der dortigen Justizbehörden. Der Strafbefehl lautet auf «grobe Verkehrsregelverletzung durch Überschreiten der signalisierten Höchstgeschwindigkeit ausserorts». Die beschuldigte Person habe mit ihrem Verhalten durch eine grobe Verletzung der Verkehrsregeln eine ernsthafte Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen, indem sie aus Unachtsamkeit die Geschwindigkeit unabsichtlich, aber pflichtwidrig, nicht im Auge behielt.

Die rasante Fahrt über den Alpenpass kommt den Bündner Banker teuer zu stehen. Die damalige stellvertretende Oberstaatsanwältin des Kantons Uri, Beatrice Kolvodouris Janett, spricht nebst einer Busse von 15 000 Franken eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 3000 Franken aus. Angesichts der finanziellen Verhältnisse – Vincenz ist Multimillionär – entspricht dies dem maximal möglichen Tagessatz. Die Geldstrafe von 60 000 Franken spricht Staatsanwältin Kolvodouris Janett jedoch bedingt aus. Die Probezeit beträgt gemäss Strafbefehl drei Jahre. Mit anderen Worten: Begeht Vincenz zwischen 2015 und 2018 ein Verbrechen oder Vergehen, kann die Geldstrafe fällig werden.

Zürich oder Bülach – Knatsch um den Gerichtsstand

Nun hat bekanntlich die Zürcher Staatsanwaltschaft III für qualifizierte Wirtschaftskriminalität jüngst Anklage gegen Pierin Vincenz und sechs weitere Personen erhoben. Vincenz wird gewerbsmässiger Betrug, Veruntreuung, Urkundenfälschung und passive Bestechung zum Nachteil von Aduno und Raiffeisen vorgeworfen. Obwohl mutmasslich strafbare Handlungen von Vincenz in den Zeitraum der Probezeit fallen und die Geldstrafe für den Banker damit fällig wäre, verzichtet der verfahrensführende Staatsanwalt Marc Jean-Richard- dit-Bressel offenbar darauf. Gemäss einer gut informierten Person umfassen die Anträge gegen Vincenz nämlich einen «Verzicht auf Widerruf» des Urner Strafbefehls. Mit anderen Worten: Die Zürcher Strafermittler halten an der bedingten Strafe fest. Vincenz soll die 60 000 Franken nicht zahlen müssen. Dies ist gängige Rechtspraxis. Und zwar dann, wenn der bestehende Strafbefehl materiell nichts mit den neuen Straftatbeständen zu tun hat, was im vorliegenden Fall gegeben ist. Somit besteht nämlich auch nicht Wiederholungsgefahr.

Ob der ehemalige Raiffeisen-Chef die Geldstrafe doch noch zahlen muss, entscheiden letztlich die Richter, wenn es voraussichtlich 2021 zum Prozess kommt. Welche Richter sich über den wahrscheinlich spektakulärsten Wirtschaftsstraffall des letzten Jahrzehnts beugen werden, ist allerdings noch offen. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Klage Ende Oktober beim Zürcher Bezirksgericht eingereicht. Zuständig hier ist für grosse Wirtschaftsstraffälle die neunte Abteilung. Sie gilt unter Strafverteidigern als notorisch «verurteilungsfreudig». Mit anderen Worten: Vincenz und Co. hätten denkbar schlechte Karten. Entsprechend sind deren Verteidiger offenbar daran, den Gerichtsstand anzufechten. Mit dem Ziel, dass der Prozess vor das Bezirksgericht Bülach kommt, wo seinerzeit auch das Swissair-Verfahren abgehandelt wurde. Es endete 2007 mit Freisprüchen für alle Airline-Verantwortlichen.

Der damalige Präsident Pierin Vincenz

Im Kern geht es nun darum, zu bestimmen, wo der Dreh- und Angelpunkt der zur Last gelegten Delikte lag. Die Staatsanwaltschaft verortet ihn im Zürcher «Baur au Lac». Tagte doch hier regelmässig der Aduno-Verwaltungsrat unter Leitung des damaligen Präsidenten Pierin Vincenz. In der Zürcher Luxusherberge fällte das oberste Gremium des Zahlungsdienstleisters beispielsweise den fatalen Entscheid zur Übernahme der Commtrain Card Solutions. Die Angeklagten argumentieren dagegen, dass zu diesem Zeitpunkt der rechtliche Sitz der Aduno Holding in Opfikon war. Also im Bezirk Bülach.