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Salt vs. Sunrise – Welche Rolle spielte Freenet?

Salt vs. Sunrise Schaut man sich den Aktienkurs von Sunrise an, scheint die Übernahme durch die UPC-Mutter Liberty Global bereits in trockenen Tüchern zu sein. Die Frist, Sunrise-Aktien zum Preis von 110 Franken anzudienen, läuft nur noch bis Anfang Oktober. Es spricht aus Investorensicht wenig gegen das Angebot der Amerikaner. Für Störfeuer sorgt einzig noch Mobilfunkkonkurrentin Salt. Sie ist in den USA daran, auf legalem Weg herauszufinden, wie Liberty Global und Sunrise den Sommer durch ein zweites Mal anbandelten, um hernach in der Schweiz klagen zu können.

Gerichtseingaben von Salt in den USA

Der schlimme Verdacht: Sunrise stellte mit einer Exklusivitätsvereinbarung Konkurrentin Salt kalt, um freie Bahn für Verhandlungen mit Liberty Global zu haben. Mit jener Liberty Global, die auch auf Tuchfühlung mit Salt ging, aber mit Hinweis auf just jene Exklusivitätsvereinbarung beim Telekommunikationsanbieter abblitzte. Nun zeigen neue Gerichtseingaben von Salt in den USA, dass Liberty-Chef Mike Fries spätestens ab Mitte Juli mit Sunrise verhandelte. Und dass ab Anfang August auch der grösste Sunrise-Einzelaktionär Freenet involviert war. Also noch bevor der geplante Übernahme-Deal am 12. August publik gemacht wurde. Schliesslich wollte Liberty absolut sicher sein, dass Freenet um Chef Christoph Vilanek diesmal sein 24-Prozent-Paket auch wirklich andienen würde. Nur: Gemäss Gerichtseingabe von Salt hätte sich auch Sunrise-Grossaktionärin Freenet im Rahmen der Exklusivitätsvereinbarung nicht mit Liberty Global austauschen dürfen. Welche Rolle spielte Freenet also wirklich?

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André Krause – Morgenröte für den Schattenmann

André Krause Der neue Sunrise-Chef gilt als Urgestein im Telekomkonzern. Fachlich ist er unbestritten. Nun sind Führungsqualitäten gefragt.

Im Schnitt bleibt ein Schweizer CEO gut 6,9 Jahre im Amt. In der Zeitspanne hat der Telekomkonzern Sunrise mit Oliver Steil, Libor Voncina und Olaf Swantee gleich drei Chefs verschlissen. All die Personalrochaden hat einer stets überlebt: André Krause. Der deutsche Betriebswirt amtet als Finanzchef seit Herbst 2011 – für Sunrise-Verhältnisse eine gefühlte Ewigkeit. Geholt hat ihn der damalige Chef Oliver Steil. Die beiden Turbomanager kannten sich bereits aus gemeinsamen Zeiten beim Unternehmensberater McKinsey.

Seit Anfang Jahr darf Porsche-Fahrer Krause nun selber in den Driver’s Seat. Zu verdanken hat Krause das Konzernsteuer auch Sunrise-VR Christoph Vilanek, der ihn fürs operative Spitzenamt portierte. Der streitbare Tiroler vertritt die Interessen der Sunrise-Grossaktionärin Freenet. Für Vilanek ist Krause ein alter Bekannter: «Ich kenne und schätze André seit zwanzig Jahren.» Schliesslich arbeitete auch Vilanek einst als Berater bei McKinsey mit Krause zusammen. Später waren die beiden in Deutschland Konkurrenten: Krause wirkte bei O2/Telefónica, während Vilanek für Debitel weibelte.

Krause hat Fusionspläne mitgetragen

Dass Krause im letzten Jahr als Sunrise-Finanzchef die Milliardenübernahme des Kabelnetzbetreibers UPC mit aller Kraft vorantrieb, die Vilanek ebenso lautstark bekämpfte, sieht der Freenet-Vertreter nicht als Makel an: Klar habe Krause als Finanzchef die Fusionspläne mitgetragen, aber er habe im persönlichen Gespräch auch signalisiert, dass er sich «mit einer Strategie ohne Transaktion» wohlfühle, sagt Vilanek.

Dass Krause anpassungsfähig ist, hat er bei Sunrise immer wieder bewiesen. Als der gebürtige Ostwestfale unter CEO Steil bei der Telekomfirma anfing, gehörte sie noch zu 100 Prozent der Luxemburger Private-Equity-Gesellschaft CVC. Nachdem Steils Billigheimer-Strategie gescheitert war und er auf Druck von CVC gehen musste, konnte sich dessen engster Vertrauter Krause schadlos halten. Auch unter Steils Nachfolgern – Libor Voncina und Olaf Swantee – galt der Finanzfachmann als gesetzt.

Strategische Kniffe

Mehr noch: Die heutige Sunrise trägt massgeblich Krauses Handschrift. Er gilt einigen gar als langjähriger Schattenchef. Sei es die Auslagerung des Netzbetriebs an die chinesische Huawei oder der erfolgreiche Börsengang: Immer wieder wusste Krause Sunrise mit strategischen Kniffen finanziell zu optimieren. Als dessen Meisterstück in Sachen Financial Engineering gilt 2017 der Verkauf von 2200 Sunrise-Sendemasten an ein internationales Finanzkonsortium. Ein Novum im Schweizer Telekommarkt.

Mit dem ausgeklügelten «Sale and lease back»-Deal konnte Krauses Finanzteam die Schuldenlast der Sunrise reduzieren und zugleich deren Ausschüttung erhöhen. Diese Quadratur des Kreises liess die Aktionäre jubilieren. Bezeichnenderweise wird in Krauses Ankündigung als neuem CEO explizit erwähnt, dass die Dividende des Unternehmens seit dem Börsengang um fast 50 Prozent gesteigert werden konnte.

Personaltrainerin als Ehefrau

Als Kosten- und Prozessoptimierer geniesst der 49-Jährige, der mit seiner Frau – einer Personaltrainerin – und vier Kindern an der Zürcher Goldküste wohnt, reihum einen guten Ruf. Für Weggefährten stehen seine fachlichen Qualitäten ausser Zweifel: «Krause kennt das Telekombusiness aus dem Effeff», lautet der Tenor.

Dabei verkörpere Krause den Typus eines modernen Finanzchefs: kein penibler Erbsenzähler, sondern einer, der das Tagesgeschäft versteht und aktiv treibt. Auch zwischenmenschlich gilt der bekennende FC-Bayern-Fan als sozialkompatibel: Kein Selbstdarsteller, sondern nüchtern und «down-to-earth» beschreiben ihn Weggefährten. Dabei umgab sich Krause bislang vor allem mit einem eingeschworenen Team aus Finanzfachleuten. Dazu zählt auch Krauses Nachfolger als Finanzchef, Uwe Schiller – ebenfalls ein Sunrise-Urgestein.

Fleissiger Krause

Allerdings muss Krause in seiner neuen Rolle als CEO mehr können, als die Erfolgsrechnung konsequent zu optimieren. Während Vorgänger Olaf Swantee von der Vertriebs- und Produkteseite herkam und als glänzender Selbstvermarkter galt, muss Krause sein kommunikatives Profil gegen aussen erst noch schärfen: «Nach einem verlorenen Jahr wegen der UPC-Transaktion hängen die Mitarbeitenden in den Seilen», sagt ein Insider. Ob der fleissige Krause, der einst an der FH Bielefeld den Wirtschafts-Bachelor machte, auch den charismatischen Motivator geben kann, um die Mitarbeitenden auf den strategischen «Standalone»-Kurs einzuschwören, bleibt abzuwarten. Bisher war seine Präsenz eher bescheiden.

Kommerzchef geht

Eine erste, wichtige Weichenstellung hat der Neo-CEO jedoch bereits kurz nach Amtsantritt vorgenommen. So verlässt Privatkunden-Chef Bruno Duarte per sofort Sunrise. Duarte verantwortete seit Frühsommer 2017 die wichtigste Geschäftssparte und galt dabei als enger Weggefährte von Ex-CEO Swantee. Arbeiteten doch beide beim britischen Mobilfunkanbieter EE, einer Tochter der British Telecom: Swantee war dort operativer Chef bis 2016, während Duarte Operations und Strategie unter sich hatte. Bis ein Nachfolger gefunden ist, wird Krause interimistisch den Privatkunden-Teil leiten.

In den vergangenen Monaten wuchs nämlich intern die Kritik an Kommerzchef Duarte wegen seiner Tarifpolitik. Insbesondere die Weiterentwicklung des TV-Geschäfts lahmte, auch aufgrund der antizipierten UPC-Übernahme. Die Kundenbasis wuchs deshalb eher bescheiden mit zuletzt 6000 zusätzlichen Kunden im dritten Quartal auf etwas mehr als eine Viertel Millionen Sunrise-TV-Abonnenten. Und auch der Umsatz pro Kunde entwickelte sich zuletzt rückläufig. Hier wird Krause gefordert sein, den Telekomkonzern «standalone» wieder neu auszurichten.

Neben der Suche nach einem Chief Commercial Officer dürfte Krause eine weitere Personalie die nächsten Monate umtreiben: jene seines Vorgesetzten. Nach Peter Kurers Rücktrittsankündigung sucht die Sunrise nämlich auf die Generalversammlung im April einen Präsidenten.

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Sunrise-Grossaktionär widerspricht UPC-Mutter

Sunrise Liberty Global bläst Geheimverhandlungen mit Freenet ab. Der Sunrise-Grossaktionär sagt aber, es habe nicht an Einigkeit mit Sunrise gemangelt.

Die Übernahme des Kabelnetzbetreibers UPC Schweiz durch den Telekomkonzern ist endgültig gescheitert: «Wir wünschen Sunrise alles Gute, aber wir ziehen weiter» , lässt sich Mike Fries, Chef der UPC-Mutter Liberty Global LGI in einem jüngst veröffentlichten Statement zitieren. 

Zwar kündigte die Firma bereits vor vier Wochen den bestehenden Transaktionsvertrag mit der amerikanischen UPC-Mutter LGI auf. Doch in den letzten vier Wochen liefen Geheimverhandlungen zwischen dem deutschen Grossaktionär Freenet und LGI, wie Freenet-Chef und Sunrise-VR Christoph Vilanek gegenüber der «Handelszeitung» bestätigt.

«Auf Initiative von LGI gab es in den letzten Wochen den nochmaligen Versuch, eine Einigung zur Übernahme der UPC Schweiz zu erzielen. Doch konnten wir uns bis zuletzt über eine Reihe von Punkten nicht einigen.» Zu den Knackpunkten der Verhandlungen will sich Vilanek nicht weiter äussern.

Sunrise und Freenet: Einigung «auf den besten Weg»

Gleichzeitig aber widerspricht Freenet-Chef Vilanek der Darstellung von LGI-Chef Fries, wonach der Verwaltungsrat und der grösste Aktionär des Telekomkonzerns sich untereinander nicht «auf den besten Weg» haben einigen können. Das sei natürlich Unsinn, meint Vilanek: Zwischen Freenet und dem Sunrise-Management gebe es keinerlei Differenzen.

Er habe Sunrise darüber informiert, dass man mit Liberty Global nochmals sprechen werde. Ansonsten sei der Telekom-Konzern um Chef Olaf Swantee derzeit mit Hochdruck daran, ihre «Standalone»-Strategie weiterzuverfolgen, was er als Vertreter des grössten Aktionärs begrüsse.

Stimmen-Mehrheit verfehlt

Enttäuscht zeigt sich Vilanek auch darüber, dass LGI den mehrwöchigen Verhandlungsversuch mit Freenet überhaupt publik gemacht hat. «Das war so nicht abgemacht» , erklärt der Freenet-Chef. Im Oktober sagte Sunrise, zwei Tage vor der ausserordentlichen Generalversammlung zur Milliardentransaktion, das Aktionärstreffen ab. Dies, weil sich abzeichnete, dass das Übernahmevorhaben keine Stimmen-Mehrheit finden würde.

Mitte November kündigte der Telekomkonzern dann den Übernahmevertrag mit der UPC-Mutter Liberty Global auf. Die gescheiterte Transaktion dürfte den Telekom-Konzern insgesamt rund 125 Millionen Franken kosten. Nicht miteingerechnet sind jene Opportunitätskosten aufgrund von aufgeschobenen Projekten wie der Weiterentwicklung des eigenen TV-Angebots oder weiterer Bundle-Produkten.

Keinerlei Differenzen

Gleichzeitig aber widerspricht Freenet-Chef Vilanek der Darstellung von LGI-Chef Fries, wonach der Sunrise-Verwaltungsrat und der grösste Aktionär des Telekomkonzerns sich untereinander nicht «auf den besten Weg» haben einigen können. Das sei natürlich Unsinn, meint Vilanek: Zwischen Freenet und dem Management gebe es keinerlei Differenzen.

Er habe Sunrise darüber informiert, dass man mit Liberty Global nochmals sprechen werde. Ansonsten sei der Telekom-Konzern um Chef Olaf Swantee derzeit mit Hochdruck daran, ihre «Standalone»-Strategie weiterzuverfolgen, was er als Vertreter des grössten Aktionärs begrüsse.

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Sunrise Präsident – Der grosse Dealbreaker

Peter Kurer Der Sunrise-Präsident ist gescheitert beim Versuch, die Konkurrentin UPC zu übernehmen. Die Chronologie einer Niederlage.

Es wäre der Showdown des Jahres gewesen. Am Mittwoch hätten Befürworter und Gegner der Fusion von Sunrise und UPC an einer ausserordentlichen Generalversammlung im Zürcher Hallenstadion die Klingen gekreuzt. Hier Sunrise-Präsident Peter Kurer, der den Deal mit UPC-Eignerin Liberty Global ausgehandelt hatte. Da Christoph Vilanek, der als Chef von Freenet die grösste Sunrise-Aktionärin vertritt und die Fusion bekämpft.

Ein letztes Mal hätte Präsident Kurer sein Bestreben verteidigen müssen: aus Sunrise die klare Nummer zwei im Schweizer Telekommarkt machen zu wollen. Hätte. Denn einen Tag vor dem Aktionärstreffen zog Kurer die Notbremse.

Frühmorgens teilte der Telekomkonzern mit, die GV sei abgesagt. Eine «deutliche Mehrheit» der Aktionäre würde gegen die für die Fusion nötige Kapitalerhöhung stimmen. Die Lastminute-Absage kam, gut eine Woche nachdem Kurer in der NZZ Zuversicht versprüht hatte, genügend Aktionäre hinter sich zu scharen. Wie konnte sich Kurer dermassen verschätzen?

Querulierender Grossaktionär

Es ist die Chronologie einer Niederlage, die abzeichnete. Doch Kurer und Co. ignorierten die Signale; ein Investmentbanker spricht von «selektiver Wahrnehmung». Statt sich mit den Kritikern auseinanderzusetzen, zeichnete die Spitze lieber das Zerrbild eines einzigen, querulierenden Grossaktionärs. Dabei wurde das Sunrise-Management bereits im April nach Toronto vorgeladen, weil der zweitgrösste Aktionär, der Canada Pension Plan Investment Board, die UPC-Übernahme kritisch beurteilte.

Von einer breiten Opposition gegen die Megafusion erfuhr der Sunrise-Verwaltungsrat erst viel zu spät. Kurer, der sich gegenüber der «Handelszeitung» nicht äussern wollte, sowie seine Dealmaker liessen die Board-Mitglieder lange im Glauben, alles im Griff zu haben. Mehr noch: Der Sunrise-Präsident dachte, Freenets Fundamentalkritik sei bloss Kesseltreiben – am Ende würde man die Grossaktionärin schon noch zum UPC-Deal bekehren können.

Das böse Erwachen kam im August, als Freenet öffentlich ankündigte, gegen die Fusion stimmen zu wollen. Und sich daraufhin andere Aktionäre der Deal-Kritik anschlossen. Da kippte die Stimmung am Zürcher Sunrise-Sitz. Fortan agierten Kurer und Co. im Panikmodus: Nach dem Freenet-Njet kanzelte der Verwaltungsrat auf beispiellose Weise den Haupteigner öffentlich ab.

Stimmung kippt am Sitz der Sunrise

Freenet sei in der UPC-Diskussion «unkonstruktiv» gewesen, habe unverhältnismässige Forderungen zulasten anderer Sunrise-Aktionäre gestellt und die beiden Freenet-Vertreter im VR hätten möglicherweise ihre Treuepflichten verletzt. Das Board schloss sie von allen Fusionstraktanden aus. Das Tuch zwischen Präsident Kurer und Freenet-Chef Vilanek war endgültig zerschnitten. Da half auch die Anpassung der Übernahmestruktur (mehr Schulden, weniger Kapital) nichts mehr.

Zuletzt wirkte die Spitze des Telekomkonzerns verzweifelt. Noch zehn Tage vor der GV kündigte sie eine Beteiligung von Liberty Global am neuen Konstrukt an. Doch der genaue Blick auf den Wortlaut zeigte: Verbindlich war daran gar nichts. Doch das war auch egal. Die Stimmung im Sunrise-Aktionariat war längst gekippt. Als auch noch der mächtige Stimmrechtsberater ISS den Daumen senkte, war Präsident Kurer vom «Dealmaker» (NZZ) zum Dealbreaker geworden.

Verwaltungsrat der Sunrise nimmt erneut Anlauf

Dabei hatte der Übernahmeversuch einst so verheissungsvoll begonnen: Im Herbst 2017 regte Freenet-Chef Vilanek im Sunrise-Verwaltungsrat selbst an, ein Zusammengehen mit der Kabelnetzbetreiberin UPC zu prüfen. Doch rasch wurde klar, dass die Preisvorstellungen zu weit auseinander lagen. Die Gespräche verliefen im Sand.

Im Sommer 2018 nahm der Sunrise-VR erneut einen Anlauf. Denn die UPC-Mutter Liberty Global wollte raus aus der Schweiz, ja aus ganz Kontinentaleuropa. Diesmal war kein Zusammengehen unter Gleichen angedacht. Vielmehr sollte die kleinere Sunrise die grössere UPC schlucken. Dazu hätte Liberty sich mit bis zu einem Drittel an Sunrise beteiligen und darüber hinaus eine Tranche in Cash erhalten sollen. Die Angelsachsen um Liberty-Chef Mike Fries zeigten Interesse. Sunrise sass wieder am Verhandlungstisch.

Kurers Governance-Papier

Da schlug die Stunde von Wirtschaftsjurist und Ex-Homburger-Partner Peter Kurer. Er entwarf ein Corporate-Governance-Papier, das dem Sunrise-Management die Kontrolle über das neue Konstrukt sichern sollte, auch wenn die beiden Ankeraktionäre Liberty und Freenet gemeinsam die Hälfte aller Aktien der neuen Sunrise kontrollieren würden. Den beiden Grossaktionären wollte er nicht nur verbieten, weitere Aktien zuzukaufen, sondern auch, ihr Paket zeitnah abzustossen. Darüber hinaus hätten sie im Verwaltungsrat nur eine Minderheit stellen sollen. Auch die Sunrise-Geschäftsführung hätte Liberty und Freenet nicht abwählen dürfen.

Es kam, wie es kommen musste: Liberty lehnte Kurers Governance-Pläne rundweg ab. Die Spitze musste nochmals über die Bücher. Im Dezember 2018 machte der Verwaltungsrat Liberty ein letztes Angebot: UPC gegen Cash. Sunrise würde den Kabelnetzbetreiber zum Preis von 6,3 Milliarden Franken auskaufen. Kurz vor Weihnachten ging die Cash-Offerte nach London zum Liberty-Sitz. Schon im Vorfeld äusserte Freenet-Chef Vilanek Zweifel, doch Dealmaker Kurer drückte aufs Tempo. Die Begründung: UPC könnte sonst in die Hände von Konkurrentin Salt fallen.

Klandestine PR-Kampagne

Nach den Feiertagen signalisierte Liberty, dem Verkauf zuzustimmen. Doch Freenet-Vertreter Christoph Vilanek deponierte sein explizites Nein zur UPC-Transaktion. Freenet fürchtete vor allem, dass ihre Beteiligung im Zuge der Kapitalerhöhung an Wert verlieren könnte. Doch Kurer wischte die Kritik des Grossaktionärs beiseite. Der Sunrise-Präsident war sich sicher, Vilanek noch herumzukriegen. Nötigenfalls mit öffentlichem Druck mittels einer klandestinen PR-Kampagne gegen den eigenen Grossaktionär.

Doch Kurers Kurs sollte sich als fatale Fehleinschätzung erweisen.

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UPC Sunrise – Der Preis fürs Duopol

UPC Sunrise Bald kommt es zum Showdown im Zürcher Hallenstadion. Am 23. Oktober müssen die Sunrise-Aktionäre an einer ausserordentlichen Generalversammlung ihr Placet zur Übernahme des Kabelnetzbetreibers geben. Seit der Deal im Februar angekündigt wurde, tobt ein Hahnenkampf zwischen Sunrise-Präsident Peter Kurer und Verwaltungsrat Christoph Vilanek, der den Grossaktionär Freenet vertritt und die Übernahme bekämpft.

Zentraler Treiber heisst Grösse

Jüngster Zankapfel: Das Kabelnetz werde durch schnellen 5G-Mobilfunk über kurz oder lang obsolet, prophezeit Vilanek. Absurd findet die Sunrise-Spitze diese These: 5G werde noch lange nicht ein leistungsfähiges Kabelnetz substituieren. Egal, möchten man den beiden Streithähnen zurufen. Der Milliardendeal ist keine Tech-Frage. Der zentrale Treiber heisst Grösse.

Jene Million UPC-Fernsehkunden verheisst mehr Marktanteil, höhere Skalen und ein besseres Upselling-Potenzial. Mit der Übernahme entstünde die klare Nummer zwei auf dem Schweizer Markt. Ob im Mobilfunk, im Fernsehgeschäft oder beim Internet – UPC-Sunrise käme auf Anteile zwischen einem Viertel und einem Drittel. Die Anteile von Platzhirsch Swisscom betragen zwischen einem Drittel (TV) und zwei Dritteln (Internet).

Wettbewerb erschlafft mit UPC Sunrise

Rechnet man Swisscom und UPC-Sunrise zusammen, dann dürfte jedem (mit Ausnahme der Weko) klar sein, was es geschlagen hat: Die Schweiz steuert auf ein Duopol zu, das die Endkunden-Tarife für Telekom-Dienste zementieren kann. Mit der geplanten UPC-Transaktion dürfte der Wettbewerb erschlaffen. Der Preis hierfür: 6,3 Milliarden Franken.

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Sunrise Grossaktionär geht aufs Ganze

Telekom Die Übernahme des Kabelnetzbetreibers UPC durch Sunrise steht auf der Kippe: Der grösste Aktionär, Freenet, sieht keine industrielle Logik mehr im Milliardendeal.

Die Zeit wird knapp. In wenigen Tagen entscheidet die Wettbewerbskommission (Weko), ob sie die Übernahme des Kabelnetzbetreibers UPC durch Sunrise genehmigen wird. Dann hat der Telekomkonzern dreissig Tage Zeit, um zur ausserordentlichen Generalversammlung zu laden, an der die Sunrise-Aktionäre über die Milliardentransaktion befinden werden.

Die geplante UPC-Übernahme ist bislang auf erbitterten und lautstarken Widerstand des grössten Einzelaktionärs gestossen. Die deutsche Freenet hält knapp einen Viertel aller Sunrise-Aktien. Deren Chef und Sunrise-Verwaltungsrat, Christoph Vilanek, kritisiert nicht nur den Übernahmepreis von 6,3 Milliarden Franken, sondern vor allem die bisherige Finanzierungsstruktur des Deals: eine massive Kapitalerhöhung in der Höhe von 4,1 Milliarden Franken. Würde diese doch bedeuten, dass Freenet mangels Finanzkraft nicht mitziehen kann und so in der Bedeutungslosigkeit versinken würde.

Der deutsche Telekom-Anbieter verlöre seinen Einfluss im Verwaltungsrat. Umgekehrt bekämen Sunrise-Präsident Peter Kurer und das Management um CEO Olaf Swantee vollen Zugriff auf die Geschicke der Gesellschaft ohne lästige Nebengeräusche. Dies dank einer möglicherweise atomisierten Eignerschaft, der ein industrieller Ankeraktionär fehlt.

Abgeänderte Kapitalstruktur durch Sunrise

Doch so weit ist es nicht. Der öffentliche Druck von Freenet und Co. zeigt Wirkung. Sunrise-Chef Olaf Swantee kündigte vor kurzem in der «Finanz und Wirtschaft» an, dass er nach Konsultation des Verwaltungsrates den Aktionären eine «abgeänderte Kapitalstruktur» vorschlagen werde: «Wir haben sondiert, wie viel mehr Schulden aufgenommen und wie stark die Kapitalerhöhung reduziert werden soll.» Gleichzeitig bekräftigte Swantee, dass «die bestehenden Aktionäre die industrielle Logik verstehen» und die Synergien sehen würden.

Zumindest Freenet kann Olaf Swantees Ansinnen auf einen nachgebesserten UPC-Deal nichts mehr abgewinnen. Christoph Vilanek sagt: «Wir sind enttäuscht über das zaghafte Vorgehen; das ist kein Bekenntnis zu einem fundamentalen Strategiewechsel, sondern bloss ein Feigenblatt. Das Vorgehen zeigt, wie nervös das Management im Hinblick auf die ausserordentliche Generalversammlung ist.»

Zwar entspreche ein höherer Verschuldungsgrad von bis zum vierfachen Ebitda der UPC-Sunrise, wie er unter institutionellen Investoren kolportiert werde, durchaus einer ursprünglichen Forderung von Freenet. Doch sei die Situation nicht mehr dieselbe wie beim formellen Verhandlungsabschluss Anfang Jahr, sagt Vilanek: «Die industrielle Logik für die UPC-Transaktion ist heute nicht mehr gegeben. 5G ist mittlerweile ein ernst zu nehmender Kabelnetzersatz.» Man habe damals schlicht das riesige Potenzial von schnellem Mobilfunk in der Indoor-Internetnutzung unterschätzt.

«Sunrise würde also bei einer Übernahme der UPC Schweiz in eine bereits veraltete Technologie investieren», ist Vilanek überzeugt. Insofern drohe bei einem Deal, dass zumindest ein Teil der bestehenden UPC-Festnetz-Kunden auf ein 5G-Mobilfunk-Abo wechseln würden. Damit reduziere sich die Payback-Zeit von geplanten zehn Jahren für das UPCNetz massiv. «Der Deal rentiert schlicht nicht mehr. Die Dissynergien sind enorm.»

Erst vor kurzem hat UPC Schweiz eine Bandbreitenoffensive angekündigt, mit welcher der Kabelnetzbetreiber die Leistungsfähigkeit seiner Infrastruktur unterstreicht. Bereits ab diesem Monat sollen Kunden flächendeckend mit Geschwindigkeiten von einem Gigabit versorgt werden können. Und mit einem Upgrade auf den neusten Kabelnetzstandard namens Docsis 3.1 soll der Internetspeed dereinst auf bis zu zehn Gigabit ansteigen.

Weko-Auflagen als Todesstoss für Sunrise UPC Deal

Doch den Sunrise-Grossaktionär Vilanek beeindruckt das wenig. Die Analyse der Entwicklung der Kabelnetze in Europa habe klar aufgezeigt, dass die Technologie ihren Zenit bereits überschritten habe, auch mit einem Upgrade auf Docsis 3.1. «Kabel ist Glasfaser klar unterlegen und spätestens im Haus ein Service, der von allen geteilt werden muss, was Bandbreite kostet.»

Trotz Widerstand des Grossaktionärs weibelt das Sunrise-Management auf Roadshows unermüdlich weiter für die UPC-Übernahme. Sekundiert wird der Telekomkonzern von diversen Investmentbanken wie CS, UBS und Deutsche Bank.

Für den Freenet-Chef ist klar, weshalb Sunrise an der UPC-Übernahme festhält: Die Führung des Telekomkonzerns könne sich öffentlich gar nicht mehr vom Deal distanzieren. «Ansonsten drohen Sunrise neben einer Break-up-Fee von 50 Millionen Franken auch mögliche Schadenersatzforderungen seitens der UPC-Mutter Liberty Global.» Das sei im Kaufvertrag so stipuliert worden; das Management müsse den Deal zu 100 Prozent unterstützen.

Technische Alternative für Kabelnetz

Abseits des öffentlichen Gezänks zwischen Befürwortern und Gegnern des Milliardendeals lastet auf der UPC-Übernahme das ausstehende Placet der Wettbewerbshüter, die spätestens bis zum 2. Oktober entscheiden müssen. Dann läuft nämlich die gesetzliche Frist für die vertiefte Übernahmeprüfung ab. Mindestens bezüglich Weko-Dossiers sind sich Sunrise-Chef Swantee und Freenet-CEO Vilanek einig: Beide beurteilen die Auflage der Wettbewebskommission als dealkritisch. «Sollte die Wettbewerbskommission die Öffnung des UPC-Netzes für Dritte erzwingen, wäre dies der endgültige Todesstoss für den Übernahmeversuch», sagt Vilanek. Die technischen und finanziellen Herausforderungen, das Kabelnetz für alternative Anbieter zu öffnen, seien gigantisch.

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UPC – Auffällige Bewegungen

UPC Die Anleihen der Telekom-Firma bewegten sich bereits, bevor die Übernahme durch Sunrise publik wurde. Waren Insider am Werk?

Die Indiskretion machte an einem Freitagabend nach Börsenschluss die Runde. «Sunrise in talks to buy Liberty’s Swiss cable arm» titelte die «Financial Times» auf ihrer Website am 1. Februar und machte damit jene Übernahmegespräche publik, die bereits seit Wochen im Geheimen liefen. Es geht um den Übernahmeversuch von UPC Switzerland, die zur amerikanischen Liberty Global gehört, durch Sunrise.

Die Ankündigung einer möglichen Elefantenhochzeit im Schweizer Telekom-Markt führte an den darauffolgenden Handelstagen zu Kursverlusten bei den Sunrise-Aktien. Schliesslich wäre die UPC-Transaktion mit einer massiven Kapitalerhöhung verbunden. Umgekehrt zogen die in Irland kotierten Schulden der UPC an, welche Sunrise im Rahmen der Transaktion übernehmen würde. Der Kursanstieg reflektiert die Aussicht auf einen besseren Schuldner. Denn der Schweizer Telekom-Konzern weist gegenüber der UPC-Mutter Liberty Global einen deutlich tieferen Nettoverschuldungsgrad auf.

Jahreszahlen erst im Februar

So weit, so nachvollziehbar. Nur: Einzelne Obligationen der Kabelnetzbetreiberin UPC reagierten schon rund einen Monat, bevor die «Financial Times» die Verhandlungen zwischen Sunrise und Liberty Global erstmals öffentlich machte. Beispielsweise stieg der Kurs einer besicherten Anleihe der UPC Holding von 600 Millionen Euro ab dem ersten Handelstag im Januar an. Und zwar ohne dass eine entsprechende Nachrichtenlage den Anstieg hätte plausibilisieren können. Das Mutterhaus Liberty Global rapportierte seine Jahreszahlen erst im Februar.

Die Bewegungen seien ihm auch aufgefallen und man sei entsprechend aktiv geworden, sagt Christoph Vilanek, CEO von Freenet, grösster Einzelaktionär von Sunrise und ein entschiedener Gegner der geplanten UPC-Transaktion: «Wir haben bei der europäischen Marktaufsichtsbehörde eine Prüfung angeregt.» Auch beim Stimmrechtsvertreter Ethos sei Freenet vorstellig geworden.

Die UPC-Obligationen sind an der irischen Börse kotiert. Als Aufsicht gegen Marktmissbrauch fungiert die dortige Zentralbank. Angesprochen auf die Kursbewegungen in den UPC-Bonds geben sich die Regulatoren auf der Insel zugeknöpft. Man äussere sich nicht zu spezifischen Aktivitäten, ob sie nun ausgeübt würden oder auch nicht. Gemäss einem anderen aktivistischen Sunrise-Investor sollen sich die Aufseher in der Schweiz und den Niederlanden den Insiderverdacht anschauen.

Anleihen UPC – Wohltätige Zweckgesellschaft

Die direkt betroffene UPC beziehungsweise ihre US-Mutter wollen sich zu den auffälligen Kursbewegungen nicht äussern: Man kommentiere den «öffentlichen Handel in eigenen Schuldtiteln» nicht. Die potenzielle Käuferin Sunrise betont auf Anfrage, dass der Kurswert der Obligationen keinen Einfluss auf die Schuldenübernahme habe. Man übernehme den Nominalwert sowie die dazugehörigen Coupons oder Zinszahlungen.

Mit anderen Worten: Ob mögliche Insider im Vorfeld der Ankündigung, Kasse gemacht haben, hat keinen Einfluss auf die Konditionen der Transaktion. Ansonsten nimmt der Telekomkonzern keine Stellung zum Trading-Verhalten der UPC-Obligationen, hält aber fest, «dass der Aktienkurs von Sunrise durch Spekulationen um diese Transaktion beeinflusst war».

Auffällig ist, dass nur ausgewählte Bonds des Kabelnetzbetreibers vorab reagiert haben. Es sind dies jene Obligationen, die über zwei Offshore-Gesellschaften auf den Cayman Islands emittiert wurden. Dabei handelt sich um Zweckgesellschaften, die gemäss Emissionsprospekt zu 100 Prozent einer «Wohltätigkeitsstiftung» gehören. Verwaltet werden sie von einem karibischen Treuhänder namens Maples FS Limited. Der einzige Zweck der Cayman-Islands-Gesellschaften besteht in der Ausgabe von Anleihen an Anleiheinvestoren und der Weitergabe der Finanzmittel an die UPC als ein Darlehensgeber. Käme die UPC-Transaktion zustande, würde Sunrise die beiden Zweckgesellschaften auf den Cayman Islands bestehen lassen.

Weko lädt zum Hearing nach Bern

Die Elefantenhochzeit im Schweizer Telekom-Markt ist allerdings erst im Status einer Anbahnung: Nebst dem lautstarken Widerstand des grössten Sunrise-Einzelaktionärs Freenet und anderer Grossaktionäre, steht auch das Placet durch die Wettbewerbshüter aus. Seit Juni prüft die Wettbewerbskommission den Zusammenschluss von Sunrise und UPC vertieft. Zuvor hatte die Weko einen umfangreichen Fragebogen an den Telekommunikationsmitbewerber geschickt.

Die vertiefte Prüfung muss bis spätestens Anfang Oktober abgeschlossen sein. Vor kurzem fanden in Bern nicht öffentliche Hearings zur geplanten UPC-Übernahme statt. Dabei befragten die Weko-Vertreter in Anwesenheit von Sunrise und Liberty Global verschiedene Stakeholder, vom Bundesamt bis zum kleinen Festnetz-Konkurrenten. Gemäss Teilnehmenden ist damit zu rechnen, dass die Weko den Deal nur unter Auflagen genehmigen wird.

Nach dem Entscheid der Wettbewerbskommission hat Sunrise dreissig Tage Zeit, eine ausserordentliche Generalversammlung einzuberufen. Bereits hat die Luxemburger Fondsgesellschaft Axxion den Antrag eingereicht, Präsident Peter Kurer und VR-Mitglied Jesper Ovesen an der ausserordentlichen GV abwählen zu lassen. Axxion hält weniger als 3 Prozent an der Schweizer Telekom-Gesellschaft.

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Freenet vs. Sunrise – Falsch verbunden

Sunrise Man sei von Anfang an gegen die Übernahme von UPC gewesen, sagt Hauptaktionär Freenet. Der Milliardendeal wackelt.

Es war die Schlagzeile des Jahres in der Schweizer Telekombranche: Sunrise übernimmt UPC. Nach Wochen des Mutmassens gab Sunrise-Chef Olaf Swantee Ende Februar die Milliardenübernahme des Schweiz-Geschäfts der Kabelnetzbetreiberin bekannt. Der Takeover überzeuge strategisch und schaffe nachweislich Wert für die Aktionäre, argumentierte Chef Swantee. Und Präsident Peter Kurer doppelte nach: «Der Verwaltungsrat ist sehr zufrieden mit der heutigen Ankündigung.»

Nachweislicher Wert für Aktionäre

Was die beiden Sunrise-Spitzenkräfte in ihrer Fusionseuphorie geflissentlich aussparten: Der Übernahmeversuch erfolgte ohne das Placet des mit Abstand grössten Sunrise-Aktionärs, der deutschen Freenet. Sie kontrolliert einen Viertel aller Aktien.

«Bereits am 24. Januar habe ich den Sunrise-Verantwortlichen gegenüber klar kommuniziert, dass wir den Deal mitsamt seiner Finanzierungslogik in dieser Form nicht gutheissen können», sagt Freenet-Chef Christoph Vilanek, der seit 2016 im Verwaltungsrat von Sunrise sitzt, zur «Handelszeitung». Obwohl der Hauptaktionär die UPC-Transaktion explizit nicht billigte, schritt der Verwaltungsrat gut einen Monat später zur Tat, zur Abstimmung über den Deal. «Am 27. Februar habe ich als Freenet-Vertreter im Sunrise-Verwaltungsrat gegen die geplante Übernahme gestimmt», sagt Vilanek.

Finanzierungslogik von Sunrise nicht genehm

Dass sich Freenet im Verwaltungsrat gegen das ausgehandelte Binding Agreement gestellt habe, will Sunrise-Sprecherin Therèse Wenger nicht bestätigen. Das Stimmverhalten einzelner Mitglieder im Verwaltungsrat kommentiere man nicht. Vielmehr wurde bis zuletzt sogar kolportiert, Freenet habe dem Deal zunächst zugestimmt, um den deutschen Telekom-Provider als Wendehals abzustempeln. So berichtete die Nachrichtenagentur Reuters im Juni: «Obwohl die Freenet-Vertreter im Sunrise-Verwaltungsrat Insidern zufolge für den Deal gestimmt hatten, übte die Gesellschaft danach öffentlich Kritik.» Vilanek entgegnet: «Es entspricht schlicht nicht den Tatsachen, dass wir unsere Meinung zur geplanten UPC-Übernahme von einem Tag auf den anderen geändert hätten.»

Das Management um Sunrise-Chef Olaf Swantee fährt eine mehr oder weniger offene Kampagne gegen die Interessen des eigenen Hauptaktionärs. Eine externe PR-Agentur will in Hintergrundgesprächen mit Journalisten für «Transparenz» sorgen und preist dabei die Vorzüge des UPC-Deals. Freenet versuche, einen Aufpreis für ihre 25-Prozent-Beteiligung herauszuschlagen. Der Tenor ist eindeutig: der deutsche Telekominvestor, ein eigennütziger Spekulant.

Zweieinhalb Monate Zeit

«Freenet ist ein Finanzinvestor, kein strategischer Aktionär», sagt auch SSprecherin Wenger. «Das hat Freenet mehrfach selber betont.» Die Konsolidierung am Schweizer Markt sei eine der «Investmenthypothesen», von denen Freenet profitieren wolle. Christoph Vilanek kontert: «Wer auch immer uns als nichtindustriellen Finanzinvestor darstellt, liegt falsch. Wir machen seit 25 Jahre Telekom und sind am langfristigen Wohlergehen von Sunrise interessiert.»

Noch lässt sich der Sunrise-Hauptaktionär im Übernahmepoker um UPC alle Optionen offen. Man habe gut zweieinhalb Monate Zeit, um sich eine Meinung zu bilden, sagt der Freenet-Chef. Den Fahrplan gibt die Wettbewerbskommission (Weko) vor, die Anfang Juni angekündigt hat, die Übernahme vertieft zu prüfen. Aufgrund der Fristen hat sie bis Ende September Zeit. Spätestens dann wird klar sein, unter welchen Vorzeichen die Übernahme stattfinden kann. Derzeit gehen Involvierte davon aus, dass die Weko eine Übernahme nicht ablehnen wird – anders als 2010, als sie eine Fusion von Sunrise mit der damaligen Orange untersagte.

Scharf beobachtete Semesterzahlen

Noch vor dem Weko-Entscheid stehen die Halbjahresabschlüsse von Sunrise und UPC an. Freenet-Chef Vilanek macht klar, dass die Zahlen der Kabelnetzbetreiberin für ihn entscheidend sein werden. Sollte UPC schlechter abschneiden als erwartet, dürfte die Opposition gegen die Übernahme weiterwachsen. Denn der Vertrag zwischen Liberty Global, dem Mutterkonzern von UPC, und Sunrise sieht keinen Preisanpassungsmechanismus vor. Vilanek mahnt denn auch: «Grundsätzlich stelle ich fest, dass sich das Umfeld im Schweizer Telekommarkt seit Anfang Jahr verändert hat und dies weiter tun wird bis zur geplanten ausserordentlichen Generalversammlung im Herbst.» Diese dürfte spätestens Ende Oktober stattfinden.

Konventionalstrafe fällig für Sunrise

Die Chancen einer Blockade durch Freenet sind realistisch. Nimmt man eine durchschnittliche Wahlbeteiligung an einer GV, kann Freenet mit knapp 25 Prozent der Aktien eine Stimmkraft von 30 bis 40 Prozent entwickeln. Um die UPC-Übernahme zu bodigen, bräuchte Vilanek also bloss noch den Rückhalt von zwei, drei institutionellen Investoren. Dann gilt: Zieht sich Sunrise vom Deal mit UPC-Besitzerin Liberty Global zurück, wird eine Konventionalstrafe von 50 Millionen Dollar fällig. Liberty droht keine solche Ausstiegsbusse.

Sunrise-Sprecherin Wenger ist zuversichtlich, eine Mehrheit für die Übernahme zu finden. «Investoren, welche die Transaktion nicht mögen, haben bereits verkauft und neue Investoren, welche die Vorzüge und Wertgenerierung sehen, haben gekauft», sagt sie. Nachvollziehen kann man diese «Rotation» als Aussenstehender nicht. Der Börse wurden in letzter Zeit keine Transaktionen gemeldet.

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Salz mit Pfeffer

Salt Der französische Besitzer Xavier Niel macht Ernst. Sein Mobilfunkanbieter steigt ins Festnetzinternet ein. Ein Frontalangriff auf Swisscom und UPC.

Die Einwohner in Sargans haben bald einen neuen TV-Anbieter. Er heisst Salt. Dessen französischer Eigner Xavier Niel will in der Schweiz auf die Glasfaser. Die technischen Vorbereitungen liefen auf Hochtouren, sagt ein Insider. Salt habe sich in die Swisscom-Ortszentrale eingemietet und habe nun Zugriff auf das Sarganser Netz.
Ein Salt-Angebot auf dem Glasfasernetz bedeutet für Konsumenten: Mehr Auswahl an Internet- und Fernsehanbietern. Und Druck auf die Preise, die bisher von den Marktführern UPC und Swisscom gemacht wurden.
Was im Rheintal geschieht, läuft in der ganzen Schweiz ab. Salt, der drittgrösste Mobilfunkanbieter, drängt auf der Glasfaser ins Festnetzgeschäft. Und zwar entgegen den Aussagen von Salt-Chef Andreas Schönenberger, der noch Anfang Jahr in der „Handelszeitung“ beteuerte: „Wir konzentrieren uns auf mobile.“
Doch Recherchen zeigen, dass Salt bereits Glasfaserverträge mit verschiedenen Elektrizitätswerken abgeschlossen hat. Darunter sind Stadtwerke wie jene von Zürich, Luzern, Bern und St. Gallen, wie mehrere Brancheninsider bestätigen. Weiter bemüht sich Salt um Partnerschaften mit Basel, Genf und Lausanne. Damit wären die grössten Ballungszentren abgedeckt. Salt kommentiert den Vorstoss nur indirekt. Man kommuniziere „die neuen Angebote an dem Tag, an welchem sie für Kunden erhältlich sind“, sagt ein Sprecher.
Salt ist als Anbieter bereits auf der Branchenplattform Alex vertreten, welche den Wechsel zwischen Glasfaseranbietern erleichtern soll. Bis Ende Jahr dürfte sie ein Festnetzangebot lancieren, vermutet ein Insider. Offenbar wollte das Salt-Management die Glasfaserprodukte bereits im letzten Weihnachtsgeschäft auf den Markt bringen.
Anders als kleinere Provider mietet Salt nicht einfach Netzkapazität. Niel will mehr: den exklusiven Zugriff auf eines der meist vier im Boden verlegten Glasfaserkabel. Damit mutiert der letzte Mobile-only-Mohikaner zu einem echten Telekom-Vollanbieter mit dem Quadruple Play aus Internet, Fernsehen, Festnetz und Mobilnetz. Ein Frontalangriff auf die Marktführer: Swisscom-CEO Urs Schaeppi und UPC-Chef Eric Tveter.
Niel dürfte in einem ersten Schritt einen hohen zweistelligen Millionenbetrag investieren, schätzen Marktbeobachter. Dies, nachdem die frühere Orange bereits 40 Millionen Franken für die Marke Salt ausgeben musste. „Niel zeigt eine Risikobereitschaft, die sich längerfristig auszahlen könnte“, sagt ein ehemaliger Telco-Chef.
Dabei kennt der Salt-Besitzer das Festnetzgeschäft aus dem Effeff. Als Preisbrecher lehrt er in Frankreich mit seiner Freebox die Konkurrenz seit Jahren das Fürchten. Niels Know-how beim Einkauf von Filmrechten dürfte auch das Salt-Angebot befeuern. Darum geht es letztlich: Erst attraktiver Content macht aus dem schnellen Netzwerk auch ein gutes Geschäft.

10 Prozent Marktanteil möglich
Für die Platzhirsche Swisscom und UPC dürfte es mit dem Eintritt von Salt ins Festnetz ungemütlich werden. Das Pariser Beratungshaus Kepler Cheuvreux schreibt in einer Studie, dass Salt bis 2018 einen Anteil am Glasfasermarkt von 10 Prozent erreichen könnte. Auf 70 Millionen Franken schätzen die Analysten die Höhe der Einmalzahlungen an die Stadtwerke, die für die etwa 140 000 Haushalte geleistet werden müssten. Die von Kepler prognostizierte „take rate“ ist relativ hoch angesetzt und wohl Niels notorischer Preisaggressivität geschuldet. So rechnen die Analysten damit, dass Salt für eine schnelle Gigabit-Internetverbindung rund 65 Franken pro Monat verlangen könnte. Wingo – Swisscoms Billigmarke – verrechnet derzeit 75 Franken für die Hälfte der Geschwindigkeit. Dass es Wingo gebe, sei ebenfalls Niel zuzuschreiben, sagt ein Experte. Die Marke sei ein Abwehrdispositiv für Angriffe von Salt.
Für die Elektrizitätswerke ist Niel ein willkommener Akteur. Endlich nimmt jemand Geld in die Hand, um den staatlichen Glasfasern Leben einzuhauchen. Die Gespräche laufen seit Herbst 2015. Damals begann Olivier Rozenfeld, Niels rechte Hand in der Schweiz, den Kontakt mit den Stadtwerken aufzubauen. Kurz zuvor hatte sich Niel vom gesamten früheren Orange-Management um Johan Andsjö getrennt. Dieser hatte bis zuletzt die Mobile-only-Strategie verteidigt.
Am Verhandlungstisch habe Salt den Glasfaserbetreibern stets Kapitaldeals offeriert, sagen mehrere Quellen. „Das ist für den Franzosen steuerlich attraktiv und spült den Stadtwerken rasch Cash in die Kasse“, sagt ein Verhandlungsteilnehmer.
Gegen eine Einmalzahlung soll Salt demnach für 15 bis 20 Jahre das Nutzungsrecht auf eine Glasfaser erhalten. Dieses wird für eine bestimmte Zahl Privatanschlüsse definiert. Je nach Geschäftsgang, Fussabdruck und regulatorischem Umfeld kann die Zahl der Anschlüsse bei Erreichen eines Schwellenwertes erhöht werden. „Aber grundsätzlich trägt Salt das volle unternehmerische Risiko“, sagt ein Verhandlungspartner. Ein Beobachter moniert jedoch, dass Niels einmalige „Upfront“-Zahlung zwar verlockend sei. Auf den einzelnen Anschluss gerechnet, sei die Salt-Offerte aber eher „mager“.

Streit unter den Stadtwerken
Niels Offerten haben bereits zu Knatsch unter den Stadtwerken geführt. Wie Recherchen der „Handelszeitung“ zeigen, hat Genf kürzlich den Kooperations-Stecker gezogen. Die Services Industriels de Genève (SIG) waren einst Gründungs- und Hauptaktionäre beim Gemeinschaftsunternehmen Swiss Fibre Net, dem Städte wie Bern, Luzern oder St. Gallen angehören. Inzwischen haben SIG die Aktien verkauft. In der Rhonestadt verhandelt man mit Salt nun alleine.
Mit dem Gang auf die Glasfasern kehrt Niel zu dem zurück, was die Vorbesitzer vor Jahren bereits einmal geplant hatten. 2007 war die damalige Orange die erste Firma mit einem Pilottest auf dem Zürcher Glasfasernetz – mit Internet und scharfem HD-Fernsehen. „Das hat super funktioniert und wäre auch kommerziell lukrativ gewesen“, erinnert sich ein Manager von damals.
Doch die damalige Eigentümerin France Télécom pfiff das Management unter Andreas Wetter zurück. Sie wollte raus aus der Schweiz und Orange mit Sunrise fusionieren. Ein Festnetzangebot wäre der Hochzeit im Weg gestanden. Diese scheiterte später am Veto der Wettbewerbsbehörden. Mit Niel korrigiert nun ausgerechnet France Télécoms grösster Konkurrent im Heimmarkt den damaligen Entscheid.

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Sonne, Salz und Sorgenfalten

Telekom Es ist ein blamables Bild, das die sogenannten Challenger auf dem Schweizer Telekom-Markt dieser Tage abgeben. Da ist die Nummer 3 im Markt, Salt. Seit der französische Milliardär Xavier Niel das Ruder in Renens übernommen hat, herrscht Chaos. Der einst sorgsam gehegte ARPU (Umsatz pro Mobilfunk-Kunde) schmilzt dahin wie Glacé in der Sonne. Das teuere Rebranding von Orange zu Salt erweist sich als Positionierung im Nirgendwo (edelbillig?). Zum operativen Gebastel gesellt sich öffentliches Nachtreten. Das alte Orange-Management, das inzwischen fast in corpore Reissaus genommen hat, wird mehrfach verbal abgekanzelt – zuletzt beim miserablen Jahresresultat. Gleichzeitig lässt man langjährige Partner wie die Werbeagentur Publicis ohne Ansage abtropfen und lagert fleissig nach Frankreich aus. Die neue Nonchalance offenbart, dass Niels gallische Söldner wenig Ahnung vom Schweizer Telco-Markt haben.

Auch beim zweiten Challenger ist nicht alles zum Besten bestellt. Am Börsengang der Sunrise haben höchstens der ehemalige Eigner CVC und das Management Freude. Beide liessen sich beim IPO vergolden, während der Streubesitz mit Aktien lebt, die weit unter Ausgabepreis notieren. Kein Wunder, denn die Versprechungen der Sunrise-Manager vor dem Börsengang erweisen sich als Luftblasen. Schaut man sich die Rentabilität an (Ebitda), tritt die Nummer zwei seit Jahren an Ort. Wie üblich soll nun ein neuer Chef die Wende bringen. Doch dauernde Sesselwechsel machen aus Challengern noch keine ernsthaften Angreifer.