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Pierre-Olivier Bouée – Comeback eines Phantoms

Pierre-Olivier Bouée Der geschasste Operativchef der Credit Suisse hat wegen der Affäre Khan alles verloren. Nun lanciert er seinen Kampf um Geld und Ehre.

Im holzgetäferten Verwaltungsratssaal der Credit Suisse war die Stimmung gelöst. Die Alumni der Pariser Wirtschaftsuniversität Haute Études Commerciales (HEC) zeigten sich nach dem Rundgang durch den Hauptsitz der Grossbank am Zürcher Paradeplatz tief beeindruckt – hier ein funkelnder Kronleuchter, dort eine vergoldete Wanduhr, dazu Ölgemälde und Marmor. Möglich gemacht hatte den Hausbesuch Pierre-Olivier Bouée, selber Absolvent der französischen Eliteschule HEC. Zum Gruppenfoto drapierten sich die zwei Dutzend Besucher um den runden Holztisch, doch Gastgeber Bouée drängte nicht in die Fotomitte, sondern verzog sich dorthin, wo es ihm am besten behagt – kaum sichtbar in den Hintergrund.

Das Verhalten ist typisch für Pierre-Olivier Bouée. So absolvierte der gebürtige Pariser nicht nur den HEC-Besuch, so agierte er auch in seinen fünf Jahren bei der Credit Suisse: Bouée ist schwer zu fassen, aber zieht aus dem Off geschickt die Fäden. 2015 begann er als Stabs- und Operativchef bei der CS. Im Dezember 2019 trat er ab. Unfreiwillig.

Zunächst einigte sich Bouée mit der Credit Suisse

Die rechte Hand von Konzernchef Tidjane Thiam musste die Credit Suisse verlassen, weil er das Konzernleitungsmitglied Iqbal Khan sechs Tage lang heimlich durch eine Privatdetektei hatte beschatten lassen. Eine Untersuchung durch die Wirtschaftskanzlei Homburger hatte im Nachgang ergeben, dass es Bouée war, der den Auftrag zum Ausspionieren erteilt hatte. Der COO übernahm die Verantwortung für die missglückte Beschattung und trat zurück. Mit der Bank einigte er sich vorerst gütlich über die Austrittsmodalitäten. Die «Spygate»-Affäre schien für ihn ausgestanden.

Doch einige Wochen nach seinem angekündigten Rücktritt im Oktober wurde Bouées zweiter Überwachungsauftrag ruchbar: Im Frühjahr 2019 hatte er auch den damalige HR-Chef, Peter Goerke, beschatten lassen. Diesen Auftrag hatte Bouée bei der Befragung durch die Homburger-Anwälte im Herbst verheimlicht. Mittlerweile ist gar von einem dritten Auftrag in Asien mit der Zielperson Iqbal Khan die Rede, als der noch als oberster CS-Vermögensverwalter arbeitete. Die Beschattung im Frühling soll gescheitert sein.

Wie auch immer. Für CS-Präsident Urs Rohner war kurz vor Weihnachten das Mass voll: Als «inakzeptabel und völlig unangemessen» bezeichnete Jurist Rohner die Beschattungsaktion und entliess Bouée fristlos. Der Thiam-Intimus war damit nicht nur seinen Job per sofort los, sondern auch seine aufgelaufenen Aktienoptionen im Wert von rund 4 Millionen Franken, seine Kündigungsfrist von einem Jahr und eine Bonuszahlung. Die kumulierte Schadenssumme dürfte damit für ihn gut und gerne 6 bis 7 Millionen Franken betragen. Kein Pappenstiel. Zumal er und seine Frau erst vor wenigen Monaten ein Strandhaus an Toplage in der bretonischen Sonnenstube Carnac erworben haben.

Bouée mandatiert nun Anwalt und PR-Mann

Doch nun rappelt sich Bouée auf und will um Geld und Ehre kämpfen. Er hofft insgeheim auf die Finanzmarktaufsicht Finma, die seit Dezember die «Beschattungsaffäre» akribisch aufarbeitet. In einigen Wochen dürfte deren Untersuchungsbericht vorliegen. Unter Juristen ist schon jetzt klar: Findet die Aufsicht keine Beweise, die Bouée entlasten, geht seine Karriere in der Schweizer Finanzwelt abrupt zu Ende. Im schlimmsten Fall droht ihm gar der Gewährsentzug, also ein zeitlich begrenztes Verbot für eine Geschäftstätigkeit im regulierten Finanzbereich. Dann nämlich, wenn sich der Verdacht erhärten sollte, dass Bouée bewusst Beweise für die Beschattungsaktionen hat verschleiern oder gar verschwinden lassen.

Kommt der Prüfbeauftrage der Finma jedoch zum Schluss, Bouée habe verhältnismässig und im Interesse der Bank gehandelt, kann der geschasste Spitzenbanker auf eine Teilrehabilitation hoffen. Seine fristlose Kündigung wäre dann womöglich missbräuchlich gewesen. In diesem Fall dürfte Bouée den Kampf vor Arbeitsgericht gegen die Credit Suisse wagen. Der ehemalige McKinsey-Berater bringt sich schon mal in Stellung: Er hat einen namhaften PR-Berater und einen bekannten Wirtschaftsanwalt engagiert.

Diesen rechtlichen und kommunikativen Support kann Bouée gut gebrauchen. Denn sein beruflicher Absturz sucht seinesgleichen. Galt der 49-jährige Manager doch bis vor kurzem als engster Vertrauter von Konzernchef Tidjane Thiam. Spätestens seit der gemeinsamen Zeit bei McKinsey in Paris zur Jahrtausendwende war Bouées Berufskarriere im Schlepptau des polyglotten Franko-Ivorers erfolgt. Ob bei Aviva, Prudential oder bei der Credit Suisse – auf TT folgte stets POB.

Bouée hat in Frankreichs Marine gedient

Aus dem langjährigen, sehr engen Vertrauensverhältnis resultierte eine entsprechend weitreichende Machtbefugnis des Franzosen. Während Thiam sich vom operativen Geschäft fernhielt und in der Credit Suisse kaum visibel war, fungierte Bouée als dessen stets loyaler Erster Offizier: Er war omnipräsent, gab die Direktiven und überprüfte ihre Durchsetzung konsequent. Geprägt war sein Führungsstil durch seine Jahre in der französischen Marine, wo er es Mitte der neunziger Jahre zum Offizier gebracht hatte. Intern zeigte er gerne Bilder, die ihn in steif gebügelter Uniform auf Kriegsschiffen präsentierten.

Militärisch-hierarchisch war Bouées Umgang auch bankintern. Als er 2015, zusammen mit Konzernchef Thiam, bei der Credit Suisse anfing, schickten ihm Mitarbeitende ein herzliches Willkommens-Mail. Statt darauf zu antworten, verbarrikadierte sich Bouée über Wochen in seinem Büro. Kontakt unerwünscht. Ausser mit Prudential-Weggefährten wie John Murray, der zuvor Kommunikationschef des britischen Versicherers gewesen war und der ebenfalls zur Grossbank gewechselt hatte.

Bouées grösstes Verdienst war, sagen seine Weggefährten, mit welcher Konsequenz er das harte Sparprogramm der letzten drei Jahre durchdrückte. So gelang es der Grossbank, die Kosten um 4 Milliarden Franken zu senken und wieder in die Gewinnzone zu bringen. Er war es, der Thiams Direktive («Never miss a cost target») auf den Boden brachte und damit die Basis für den Turnaround schuf. Doch so erfolgreich Bouée operativ war, so opak waren die Entscheidungswege. Die Rede ist von einer Trutzburg oder einem Machtkartell, das aus Thiam, Bouée und dem ehemaligen CS-Personalchef Peter Goerke bestand. Alle drei kannten sich seit Jahrzehnten. Besonders vertraulich war das Verhältnis zwischen Thiam und Bouée. Doch die verschworene Dreier-Combo bekam Anfang 2019 Risse. Offenbar gerieten sich Goerke und Bouée über Finanzielles in die Haare. Schliesslich eröffnete Konzernchef Thiam Goerke bei einem Mittagessen Mitte Februar, dass er im Zuge einer Reorganisation aus der Geschäftsleitung ausscheiden und mit einem wohlbestallten Rekrutierungsmandat in Asien betraut werde.

Widerspruch ist nicht geduldet

Tage später setzte Operativchef Bouée eine Detektei auch auf den entmachteten Goerke an, wie die NZZ im Dezember enthüllte. Es sollte diese klandestine Überwachungsaktion sein, die den mächtigen Bouée Karriere und Millionen kosten sollte. Goerke flog damals nach Birmingham, wo er in einer Mechanikerwerkstatt die Arbeiten an seinem Oldtimer-Sportwagen überwachen wollte.

Überhaupt war der Führungsstil, der unter Thiam und Bouée in der Grossbank galt, für Schweizer Verhältnisse gewöhnungsbedürftig. Entschieden wurde im engsten Kreis, Kritik war unerwünscht, rasche Umsetzung gefordert. Selbst Geschäftsleitungsmitgliedern blieb nur ein eng begrenzter Spielraum. Eine verschworene Parallelorganisation hatte die Führung der Bank übernommen.

Wer sich wie Iqbal Khan, Chef der internationalen Vermögensverwaltung, Gegenrede oder gar einen kessen Spruch leistete («Man hat mir den Restposten übergeben, aber wir haben was draus gemacht»), galt als illoyal und wurde an die kurze Leine genommen. Bereits nach einem Khan-Portrait in der «Handelszeitung» Anfang 2017 – Titel: «Immer Vollgas» – wurden seine Journalistenkontakte von oben auf ein Minimum beschränkt. Damit bahnte sich das Ende des anfänglich von Respekt geprägten Verhältnisses zwischen den beiden hochambitionierten Alpha-Bankern Thiam und Khan an, das schliesslich in einem wüsten Nachbarstreit inklusive Überwachungsoperation durch Bouée endete.

Zum vertraulichen Gespräche geben sie die Mobiltelefone ab

Überwachen, kontrollieren – das waren Methoden, die dem Marine-Leutnant, der es bis fast an die Spitze eines Global Players der Finanzwelt brachte, keineswegs fremd waren. Bouée war als Chief Operating Officer auch die IT und damit der Mail-Verkehr, die Badges und der Handy-Einsatz aller CS-Mitarbeitenden zugeteilt – ein reizvoller Fundus. So soll im eskalierenden Streit mit Khan auch die elektronische Kommunikation seiner Entourage überwacht worden sein, sagen mehrere Quellen. Selbst im Umfeld von VR-Präsident Rohner versuchten Bouées Leute, ganz im Stil einer Aufklärungstruppe, an Informationen aus dem Banken- Überwachungsorgan zu kommen. Man wähnte sich in CIA-Manier fast wie in Langley, Virginia: Es galt stets höchste Geheimhaltungsstufe. Trafen sich Thiam und Bouvée zum vertraulichen Gespräch, wurden die Mobiltelefone vorsichtshalber draussen im Sekretariat deponiert.

Der smarte Bouée wusste stets, was er wollte, seine Voten in Sitzungen zeugten von Detailwissen aus der Finanzbranche. Seine Worte hatten Gewicht; sein Spruch «Ich möchte nicht kritisieren, sondern nur sagen, wie ich es sehe» war intern legendär. Man hat es so verstanden, wie es zweifellos gemeint war – als Befehl.

Nach zwanzig gemeinsamen Berufsjahren loyal

Gehorsam verlangte Bouée nicht nur von seinen Mitarbeitenden. Gehorsam verhielt er sich auch gegenüber seinem grossen Mentor und Vertrauten Tidjane Thiam. Selbst als dieser Ende Oktober erstmals zu «Spygate» Stellung nahm und sich von seinem Compagnon Bouée öffentlich distanzierte. «Ich bin mir nicht sicher, ob man ihn als Freund bezeichnen kann», liess Thiam die Journalisten wissen.

Immerhin attestierte ihm der CS-Chef, dass seine Nummer zwei ein «guter Berufsmann» sei. Wohl wissend, dass dieser sich nach zwanzig gemeinsamen Berufsjahren loyal verhalten wird. Denn ein Offizier stellt auch im Krisenfall seinen Kapitän niemals infrage. Niemals.

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Credit Suisse – Khan-Affäre hinterlässt Spuren

Credit Suisse Es war der erste Zahlenkranz von CS-Chef Tidjane Thiam nach der blamablen Spionageaffäre um seinen ehemaligen Vermögensverwaltungsleiter Iqbal Khan. Und was der ivorische Grossbanker im dritten Quartal an Finanzkennzahlen zu präsentiert hatte, ist durchzogen. So offen bis heute ist, wer in der Khan-Affäre wirklich Täter und wer Opfer war, so uneindeutig fällt auch die Bewertung aus, wie sich das zweitgrösste Schweizer Finanzhaus in den letzten Monaten geschäftlich geschlagen hat.

Missglückte Überwachtung

Thiams Mantra an der Quartalspräsentation jedenfalls, wonach der Spionagekrimi vom Paradeplatz keinen Einfluss hatte, wird bereits durch die bankeigene Powerpoint-Präsentation auf Seite 46 in Zweifel gezogen. Dort ist zu lesen, dass im Schweizer Universalbankengeschäft mit Privatkunden zwischen Juli und September 600 Millionen Franken abflossen. Wohlgemerkt: Die Affäre Khan eskalierte erst am 20. September mit dem Bekanntwerden der missglückten Überwachung. Weitere böse Überraschungen sind also nicht ausgeschlossen.

Die Spionagepanne dürfte der Grund dafür sein, dass Schweiz-Chef Thomas Gottstein kürzlich in der Zürcher «Kronenhalle» die Contenance verlor und Khans Spin-Doctor zusammenstauchte. Auch sonst hat der CS-Schweiz-Banker wenig zu lachen: Das Zinsgeschäft ist unter Druck, die Nettomarge leicht rückläufig – und rechnet man den Einmaleffekt durch den Verkauf der Fondsplattform Investlab raus, dann geht auch der Vorsteuergewinn mit Schweizer Firmenkunden und institutionellen Anlegern etwas zurück.

Erfolgreiche Vermögensverwaltung

Besser als in der Heimat läuft es der Credit Suisse international mit vermögenden Privatkunden. Auch ohne Investlab-Boost stimmen die Zahlen: mehr Neugeld, bessere Nettomargen und steigende Vorsteuergewinne. Die Bank zeigt hier seit mehreren Quartalen einen Aufwärtstrend im Private Banking, das agiler und aggressiver wirkt als jenes der Konkurrentin UBS. Wie «sticky» die Anlagegelder sind, wenn die Börsenparty einmal vorbei ist, wird sich allerdings erst weisen müssen. Dennoch: Es ist das Verdienst von Thiam, Khan und Co., aus der CS in Wachstumsmärkten wie Asien einen respektablen Vermögensverwalter geformt zu haben.

Credit Suisse und die risikoreiche Investment Bank

Die CS ist aber auch die grösste nicht amerikanische Investment Bank. Und nach goldenen Jahren manifestiert sich hier erneut ein Strukturproblem: Das Kapitalmarktgeschäft ist ein volatiles People’s Business. Stockt die Pipeline oder verliert man gewichtige Pitches, dann bleibt die Bank auf einem gigantischen Kostenblock an teuren Investmentbankern sitzen. Die zentrale Frage für die CS-Führung muss deshalb lauten: Ist die Investment-Banking-Wette das Risiko wert?

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Credit Suisse – Richtungslose Kurspflege

Credit Suisse Die Bank will Investoren mit Aktienrückkäufen bei Laune halten. Doch die Kurspflege vermag die finanziellen Wunden kaum zu lindern.

Der Investorentag lässt einen etwas ratlos zurück: Die Credit Suisse versucht zwar, ihre Aktionäre mit einem Rückkaufprogramm von bis zu 3 Milliarden Franken bei Laune zu halten. Doch die Kurspflege vermag die finanziellen Wunden der CS-Investoren kaum zu lindern. Die Kursrichtung zeigt weiter talwärts: Seit Thiams Antritt Mitte 2015 resultiert ein sattes Minus von gegen 60 Prozent.

Das Börsenurteil über die Performance des CS-Chefs mag harsch sein, denn der Manager hatte einen Turnaround zu meistern. Nämlich jene Legacy abzuarbeiten, die ihm Präsident Urs Rohner und CEO Brady Dougan eingebrockt hatten. Nach einer dreijährigen Rosskur wäre es nun aber an der Zeit, dass das Topmanagement den Rotstift einpackt und Wachstumspläne schmiedet.

Problem: Ertragsschwäche

Hier liefert der Investorentag jedoch wenig erbauliche Insights. Vielmehr offenbart die Grossbank, dass ihr eigentliches «Issue» kein Kostenproblem, sondern eine Ertragsschwäche ist. Die Erträge erodieren rascher, als dass die CS-Kapitäne mit den Kosten nachfahren könnten.

Ein Beispiel ist Asien. Die von Thiam explizit auserkorene Wachstumsregion schwächelt. Die Umsätze in der APAC-Region dürften aufs Jahr gesehen um bis zu 10 Prozent einbrechen. Und auch die internationale Vermögenssparte IWM, die vom Shooting Star Iqbal Khan geleitet wird, weist zwar über die letzten Turnaround-Jahre ein stolzes Wachstum aus. Die Frage ist nur, zu welchen Risiken. Khans Kreditvolumen wächst und besteht fast zu zwei Dritteln aus Lombardkrediten. Der nächste Crash wird weisen, wie solide das Vermögensgeschäft der CS ist.

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Mahnfinger für Manager

Abstimmungsverhalten US-Grossanleger wie Vanguard, Blackrock und State Street strafen Schweizer Konzerne wegen nebulöser Vergütungspläne und mangelnder Diversität ab.

Die Führung der Grossbank Credit Suisse brachte im letzten Jahr selbst Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann auf die Palme: Als «eine Rücksichtslosigkeit, die sich früher oder später bei den sozialpartnerschaftlichen Auseinandersetzungen rächen wird,» bezeichnete der Freisinnige Schneider-Ammann die Pläne von CS-Präsident Urs Rohner und dem Board, die Löhne der Geschäftsleitung um Chef Tidjane Thiam von 64 Millionen auf 82 Millionen Franken zu erhöhen, obwohl die Grossbank Jahr für Jahr Milliardenverluste auftürmte. Schliesslich lenkte der Credit-Suisse-Verwaltungsrat kurz vor der Generalversammlung ein und verkleinerte den Honigtopf für Thiam: «Verzicht auf 40 Prozent des Bonus», lautete nun die frugale Botschaft der Grossbank.

Hohe Chefbonus

Was sich nun zeigt: Dem Verzicht auf Thiams Turbobonus ging ein erbittertes Seilziehen im Hintergrund voraus, bei dem die grossen US-Investmenthäuser eine gewichtige Rolle spielten. So schreibt State Street Global Advisor in ihrem jüngsten «Asset Stewardship»-Bericht: «Wir trafen uns mit dem Vorsitzenden des Vergütungsausschusses der Credit Suisse, um unsere Vorbehalte gegen die variable Vergütung der Geschäftsleitung auszudrücken.» Der drittgrösste Assetmanager der Welt mit 2,8 Billionen Dollar Anlagevermögen kritisierte gegenüber dem damaligen CS-Vergütungschef Jean Lanier insbesondere den Bonus von Tidjane Thiam, der «hoch erscheint angesichts der substanziellen Verluste und der fallenden Umsätze der Unternehmung».

Schliesslich schlug State Street dem Vergütungsausschuss vor, mehr «operative und Profitabilitäts-Metriken» in den Incentivierungsplan der Bankoberen einzubauen. Nachdem State Street und andere institutionelle Anleger am Paradeplatz ihren Standpunkt klargemacht hatten, lenkte der CS-VR um Rohner, Lanier und Co. schliesslich ein und reduzierte den «total compensation payout» an den operativen Chef. Worauf State Street an der Generalversammlung der Grossbank mit den Vorschlägen des Verwaltungsrates mitstimmte.

Gewicht geltend gemacht

Das Beispiel zeigt, wie die grossen Anlagehäuser, die Vermögen von zig Billionen verwalten, im Vorfeld und an den Generalversammlungen ihr Gewicht geltend machen und wichtige Änderungen erzwingen können. Dies führt dazu, dass selbst Schwergewichte wie der Nahrungsmittelmulti Nestlé mittlerweile in die Gänge kommen, wenn die Asset-Riesen rufen. So trabten der Nestlé-Präsident und sein operativer Chef im letzten Jahr zum One-to-one-Meeting in London an, um dem angelsächsischen Vermögensriesen den Umgang des Konzerns mit der Ressource Wasser darzulegen.

Solcherlei Austausch mit gewichtigen Investoren ist mittlerweile Alltag bei hiesigen Grosskonzernen. Sie seien es gewohnt, im Vorfeld einer Generalversammlung die Meinung von globalen, institutionellen Investoren einzuholen, sagt Robert Walker, der bei State Street Global fürs Abstimmungsverhalten in der Region EMEA zuständig ist: «Dies hilft, heikle Themen vor der Abstimmung bereits auszudiskutieren.» Im Gegensatz zu den grosskapitalisierten Konzernen sieht Walker bei Schweizer Small Caps und Mid Caps noch Nachholbedarf: «Es fällt auf, dass kleinere und mittlere Unternehmen zuweilen Mühe bekunden, den Investoren transparent zu machen, nach welchen Kriterien sich die leistungsorientierte Vergütung bemisst», sagt Walker im Interview (siehe rechts).

Nicht langfristig orientierte Vergütung

Walkers Aussagen decken sich mit Auswertungen der «Handelszeitung» zum Abstimmungsverhalten der drei weltgrössten Anlagemanager – Blackrock, Vanguard und State Street Global – hierzulande. Die drei Asset-Riesen vereinen fast 15 Billionen Dollar Anlagevermögen und sind im Kundenauftrag entweder passiv oder aktiv in praktisch allen börsenkotierten Titeln weltweit investiert. Auch in der Schweiz, wo die Investmenthäuser gewichtige Positionen in Einzelwerten halten und ihr Stimmrecht an den Generalversammlungen aktiv ausüben.

Alle drei Assetmanager müssen dabei ihre spezifischen GV-Voten bei der US-Börsenaufsicht SEC einreichen, wodurch ein transparentes Bild übers helvetische «proxy voting» entsteht: Es zeigt sich, dass die Grossanleger dabei vor allem Schweizer Small Caps und Mid Caps mit Ablehnung abstrafen (siehe Box). Insbesondere der Vergütungsbericht sowie die Mitglieder des Vergütungsausschusses sind beliebte Ziele. Mit diesem «against» geht es vor allem darum, dass die Vergütungsmodelle entweder zu wenig klar und transparent dargelegt werden oder dass die Incentivierung sich nicht mit den Interessen langfristig orientierter Investoren deckt. Das ist entscheidend, wie es State-Street-Chef Cyrus Taraporevala in einem Meinungsstück jüngst formuliert hat: «Unsere Indexfonds können nicht wählen, in wen sie investiert sind. Weil wir also nicht verkaufen können, müssen wir das Management zur Veränderung drängen – im Sinne einer langfristigen Perspektive für unsere Kunden.»

Das bedeutet etwa eine Best Practice in Sachen gute Unternehmensführung: Börsenkotierte Schweizer Firmen, die zuweilen Züge eines Familienunternehmens tragen, goutieren die angelsächsischen Anlageprofis nicht. Prominente Beispiele sind Swatch, Schindler oder der Schoggi-Konzern Lindt & Sprüngli mit seinem Beinahe-Patron Ernst Tanner.

Anderes Profil gesucht

Aber auch die Diversität in Verwaltungsrat und Geschäftsleitung brennt den grossen USHäusern unter den Nägeln, und zwar stets unter der Optik einer längerfristig besseren Performance von gemischten Boards und Geschäftsleitungen.

«Der Schweizer Markt hinkt in Sachen Diversität anderen europäischen Märkten hinterher», schreibt Blackrock. Dabei hebt der weltgrösste Assetmanager nicht nur den Mahnfinger oder straft Männergremien an der Generalversammlung ab. Blackrock interveniert auch in der Schweiz, wenn es darum geht, mehr Frauen auf die Teppichetage zu bringen.

Nachdem der US-Anlagegigant sich mit dem Verwaltungsrat der Immobiliengesellschaft Swiss Prime Site über Diversität ausgetauscht hatte, schlug der VR der SPS-Generalversammlung im Frühjahr die Industriemanagerin Barbara Frei-Spreiter zur Wahl vor. Eine Managerin «mit einem anderen Profil als die bisherigen Board-Mitglieder und mit relevanter Expertise», schreibt Blackrock zum SPS-Neuzugang stolz.

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Was nach Thiams Turnaround kommt

Credit Suisse Tidjane Thiam liefert. Im Jahr drei nach Amtsantritt zeigt sich, dass die Restrukturierungspläne des viel geprügelten Credit-Suisse-Chefs auch tatsächlich greifen. Die meisten Unternehmenseinheiten haben sich im letzten Jahr positiv entwickelt. Das Rezept: Fixkosten runter, Umsatz rauf. Am Ende bleibt strukturell mehr im «Kässeli» der Kreditanstalt übrig. Und damit resultiert der erste Vorsteuergewinn für die arg gebeutelte Bank seit 2014.

Ein Achtungserfolg für den ehemaligen Assekuranzmanager, dessen CS natürlich auch von einem positiven Umfeld profitieren konnte. Die globale Wirtschaft wächst synchron, die Börsen boomen weiter, trotz Hickups. Und die Aussichten für die Finanzindustrie sind so gut wie schon lange nicht mehr: An den Märkten sorgt Volatilität für mehr Transaktionsvolumen und Handelsopportunitäten. Gleichzeitig lassen die steigenden Zinsen die Einkünfte der Banken sprudeln. Ein Anstieg der Marktzinsen um 1 Prozent würde beispielsweise bei der Credit Suisse die Zinseinnahmen um eine halbe Milliarde Franken erhöhen.

Diesen makroökonomischen Rückenwind kann die CS-Führung gut gebrauchen. Denn Thiams Turnaround ist ongoing. Noch kann der Bankchef den Rotstift nicht aus der Hand legen. Eine weitere Milliarde Franken muss die Credit Suisse im laufenden Jahr einsparen – möglichst ohne die Ertragssubstanz der Bank zu beschneiden. Gleichzeitig schleppt das Institut weiter multimilliardenschwere Altlasten mit sich herum, die auch 2017 über 900 Millionen Franken an operativen Ausgaben verschlangen. Diese Legacy ist weiter zu reduzieren, so dass die CS bald frei von Altlasten wird.

Bislang hat sich erst Aktivist Bohli der Frage zur Zukunft der CS gestellt

So weit, so gut. Die Restrukturierung greift. Die Resultate sind ansprechend. Die Aussichten auch. Doch die grosse Frage nach den langen roten Jahren lautet: Quo vadis, CS? Was Turnaround-Manager Thiam und vor allem sein Präsident, Urs Rohner, bislang der Öffentlichkeit schuldig blieben, ist ein strategisches Setup für die längerfristige Zukunft der Bank. Einzig der laute, aber kapitalschwache Shareholder-Aktivist Rudolf Bohli hat sich in dieser existenziellen Frage exponiert und eine mehrfache Aufspaltung des «Bankenkonglomerats» gefordert.

Tatsächlich stellt sich die Frage, ob die Summe der einzelnen, heterogenen Teile Mehrwert schafft oder ob eine fokussiertere CS nicht längerfristig zu besseren Resultaten führen würde. Jetzt, mit dem absehbaren Ende der Restrukturierungsphase, muss die CS unter Führung Rohners Position beziehen. Die jetzige divisionale Struktur wirkt jedenfalls reichlich beliebig. In der Sparte «Internationale Vermögensverwaltung» (ohne Asien!) wohlgemerkt, findet sich der synergiearme Fremdkörper «Asset Management». Zu gross für die Nische und zu klein, um mit Blackrock und Co. mitzuspielen. Auch die Hoffnungsregion Asien-Pazifik kommt als seltsames Amalgam aus solider Vermögensverwaltung und volatilem Kapitalmarktgeschäft daher, welches auch Externe besorgen könnten.

Fazit: Nach dem Turnaround muss bei der Credit Suisse die Portfolio-Debatte beginnen.