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Heikle Planspiele

UBS Die Bank prüft ihre Kosten in der Schweiz, es droht Verlagerung. Bis zu 3000 Jobs sind über die nächsten Jahre in Gefahr.

Fast auf Augenhöhe mit der Europäischen Zentralbank (EZB) steht die UBS in Frankfurt am Main. Der Opernturm, in dem der deutsche Ableger der Schweizer Grossbank residiert, ist bloss 15 Meter tiefer als der neue EZB-Glaspalast. Das Gepräge der UBS auf die Skyline von „Mainhattan“ soll den geschäftlichen Führungsanspruch der Grossbank in Deutschland untermauern – und zwar weit über die hessische Landesmetropole hinaus.

Der weltgrösste Vermögensverwalter will künftig von „Bankfurt“ aus das gesamte europäische Geschäft zentral führen. Möglich macht es eine paneuropäische Bankenlizenz der EZB. Bereits im dritten Quartal dieses Jahres soll die Europabank der UBS rechtlich stehen. Gespräche mit der deutschen Bankenaufsicht BaFin laufen derzeit. Offenbar gilt der heutige Deutschland-Leiter Thomas Rodermann als gesetzt für den Chefposten der rechtlichen Europaeinheit, wie die „Handelszeitung“ erfahren hat.

Gewaltige Implikationen

Innerhalb der Grossbank machte sich vor allem UBS-Präsident und Ex-Bundesbank-Präsident Axel Weber für Frankfurt stark, während der operative Chef Sergio Ermotti einen Marschhalt forderte und parallel auch Luxemburg als möglichen Standort evaluieren liess.

Unabhängig vom Banksitz stellte Vermögenschef Jürg Zeltner schon im letzten Jahr Einsparungen durch die einheitliche Europalizenz in Aussicht. Rund 100 Millionen Euro pro Jahr dürften drin liegen. Denn anstatt in elf Zielmärkten separate Banklizenzen betreiben zu müssen, kann die UBS künftig das G eschäft – zumindest was den regulatorischen Teil betrifft – zentral aus Frankfurt am Main führen. Ob in Italien, Frankreich oder Österreich – aus rechtlich vollwertigen UBS-Niederlassungen werden so alsbald Frankfurter Filialen.

Was wie ein rein formaljuristischer Akt anmutet, hat Auswirkungen aufs operative Geschäft: Mit der Europabank wird die UBS nämlich auf einen Schlag zur grössten Privatbank auf dem alten Kontinent. „Dann wird unsere wahre Grösse endlich sichtbar“, sagt ein Top-Manager der Bank. Zudem wird mit dem Wegfall der Einzellizenzen auch weniger Eigenkapital gebunden. Der Bedarf dürfte um bis zu 2 Milliarden Euro sinken, was das Europageschäft profitabler macht. Die Vermögensverwaltung kann diesen Schub gut gebrauchen, denn Wealth Management Europe lahmt. Im vierten Quartal musste Vermögenschef Zeltner einen Abfluss von 2 Milliarden Franken in Europa hinnehmen. Die Weissgeldstrategie schmerzt. Die Bruttogewinnmarge sackte im Vorjahresvergleich von 82 auf 74 Basispunkte. In der Schweiz liegt sie bei stabilen 92 Punkten.

Angesichts der paneuropäischen Schwächephase denkt die UBS-Spitze nun offenbar über weitere Kostenschrauben nach. Die Stärke des Frankens zum Euro befeuert dabei die Offshoring-Falken im Bankkonzern und setzt die hiesige Produktion unter Druck.

In den nächsten drei bis fünf Jahren dürften bis zu 3000 Jobs aus der Schweiz ins Ausland verlagert werden, sagt ein UBS-Spitzenmanager und nennt als mögliche Zieldestina tionen unter anderem das günstige Krakau und das noch billigere Breslau. Andere Quellen in der Bank sprechen von etwa 500 Jobs, die auf dem Prüfstand stehen. Allerdings gebe es regulatorische Auflagen, welche das Outsourcing aus Zürich schwieriger mache als etwa aus London.

In den beiden südpolnischen Metropolen Krakau und Breslau unterhält die Bank – wie ihre Konkurrenten – bereits grosse Business Solution Centers, denen ein massiver Ausbau bevorsteht. Alleine in diesem Jahr sollen die Vollzeitäquivalente bei der UBS Polen um über 300 Prozent auf 1900 aufgestockt werden. Ein Teil der Arbeitskräfte stammt aus der Ukraine, wo die politische Situation schwierig wurde. Auch an den übrigen Offshore-Standorten der UBS in Indien, China und den US-Südstaaten herrscht Beschäftigungswachstum. Die Grossbank beschäftigt mittlerweile fast ein Drittel der Vollzeitäquivalente (siehe Grafik) ihres Corporate Centers an Niedriglohnstandorten. Tendenz steigend.

Billige Fachkraft

Die Anpassung des „footprint“, wie es im Managerslang heisst, geht in Zukunft wohl auch zulasten der Schweiz. Im Verlagerungsfokus stehen rückwärtige Dienste wie Informatik, Buchhaltung, Human Resources oder Finanzrisikocontrolling. Gefährdet seien insbesondere jene Backoffice-Leute, die aus Zürich heraus fürs (europäische) Ausland Leistungen erbringen würden, erklärt der Top-Manager. „Was aus der Schweiz in den Export geht, ist teilweise nicht mehr konkurrenzfähig von den Kosten her“, sagt er und macht ein einfaches Zahlenbeispiel: Der Lohn einer polnischen Fachkraft betrage bloss ein Viertel seines Zürcher Pendants. Da ist die Kalkulation rasch gemacht.

Allerdings gibt es auch Mahner im Bankkonzern, die von einer „Milchbüchli“-Rechnung sprechen: „Die Offshoring-Pläne basieren auf Kalkulationen aus dem Jahr 2007“, sagt eine mit der Angelegenheit vertraute Person zur „Handelszeitung“. Faktoren wie Lohnund Lebenshaltungskosten oder die Verfügbarkeit von Arbeitskräften wurden damals analysiert, um mögliche Ersparnisse zu evaluieren. Das Problem: Seither sind die Löhne in Krakau deutlich gestiegen, während sich die Arbeitslosigkeit reduziert hat. Mittlerweile haben auch andere Konzerne ihre Präsenz in Krakau hochgefahren.

Der Kampf um Fachleute ist in Polen also voll entbrannt. Will man qualifizierte Arbeitnehmer rekrutieren, muss man sie abwerben – und das geht meist nur mit höheren Salären. „Wirklich Sinn ergeben die Verlagerungen aus finanzieller Sicht heute eigentlich nicht mehr“, so der Informant. Dennoch sind die Verantwortlichen daran, das genaue Offshoring-Potenzial aus der Schweiz zu evaluieren.

Nebst den neuen rechtlichen Einheiten und den personellen Planspielen dreht die Vermögensverwaltung aber auch in der Informatik am ganz grossen Rad. Bei der One Wealth Management Platform handelt es sich um eine der grössten Konzerninitiativen überhaupt. Das ehrgeizige Ziel für die Vermögensbank ist eine einheitliche Informatikoberfläche zu schaffen, die kostspielige Doppelspurigkeiten eliminieren soll. Nach einem Testlauf in Deutschland steht die Lancierung in Asien-Pazifik bevor. Danach soll auch das Europageschäft auf die Unified Plattform migrieren.