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Retail Banken – Anlegen statt sparen

Retail Banken Raiffeisen, Postfinance und Co. lancieren digitale Anlagelösungen für Kleinkunden. Die Hintergründe zur Offensive in der Vermögensverwaltung.

Heinz Huber macht keinen Hehl aus seinen Ambitionen in der Vermögensverwaltung: «Das Potenzial ist gross. Wir haben viele Sparer, aber wenige Anleger», sagt der Chef der Raiffeisen-Gruppe. Das Anlagegeschäft sei daher ein Gegenstand der Gruppenstrategie, die mit den Raiffeisenbanken diskutiert werde. Auch um die Abhängigkeit vom Zinsdifferenzgeschäft zu reduzieren. Im Hypothekargeschäft steht die Bank mittlerweile deutlich auf der Bremse. Im Gegenzug sollen die Anlagen wachsen, auch dank digitalen Lösungen.

«Wir werden ab Sommer eine digitale Vermögensverwaltung für unsere 3,5 Millionen Kundinnen und Kunden lancieren», kündigt Huber an. Das Angebot ab einem Mindestbetrag von 5000 Franken basiere auf der Technologie der Volt-App von Vontobel. Angelegt werden soll themenbasiert, und zwar mittels ETF möglichst kostengünstig. Das Anlage-Know- how stellt die Genossenschaftsbank selber. «Wir haben eigens ein Investment Office aufgebaut.» Die ersten Resultate der Vermögensoffensive zeigen sich bereits: Raiffeisen konnte im Geschäftsjahr 2019 ihre Verwaltungsmandate vervierfachen, wenngleich auf tiefer Basis. Und auch das Fondsgeschäft wuchs zweistellig.

Postfinance startet elektronische Vermögensverwaltung

Nicht nur die Genossenschaftsbank drückt ins Anlagegeschäft. Auch die Postfinance mit ihren 2,7 Millionen Kunden steht in den Startlöchern. Endlich, denn das Projekt dafür läuft schon seit Jahren: «Wir haben auf der grünen Wiese ein digitales Anlagegeschäft entwickelt, das wir in der ersten Maihälfte lancieren», sagt Daniel Mewes, Leiter Investment Solutions. Das «Flagship Product», erklärt Mewes, werde eine elektronische Vermögensverwaltung sein. Diese könne der Postfinance-Kunde aus seinem E-Banking volldigital mandatieren: «Das Onboarding wird im Schnitt keine zehn Minuten dauern.»

Ab einem Betrag von 5000 Franken sollen drei Anlagethemen – global, national, nachhaltig – zur Auswahl stehen, denen jeweils fünf Risikoprofile hinterlegt sind. Die Portfolios basieren auf ETF, passiven und aktiven Fonds. «Alles Best-in-class-Produkte ohne Retrozessionen», betont Mewes, der gleichzeitig dem Anlageausschuss der Postfinance vorsteht.

Auch die Staatsbank wird mit ihrem Digitalangebot keine vollautomatische Robo-Lösung lancieren. Vielmehr befindet ein Anlageausschuss über die Vermögensallokation. Die Vermögensverwaltung der Postfinance soll zwischen 0,75 und 0,95 Prozent der Anlagesumme kosten. Dazu kommen die Produktkosten von ETF und Fonds. Wer kein Mandatsverhältnis möchte, dem bietet die Postfinance auch eine Anlageberatung auf Basis von ausgewählten ETF und Fonds an. Oder ein «Execution only»-Angebot, also ein Wertschriftendepot, in Partnerschaft mit dem Brokerhaus Swissquote.

Für die Postfinance bedeutet die Vermögensverwaltung Neuland: «Wir müssen unsere Statuten anpassen. Sie sehen bislang gar kein Anlagegeschäft vor», sagt Mewes. Anschliessend braucht es eine Bewilligung der Finma. Diese sollte bis im Frühjahr vorliegen. Doch Mewes dämpft die Erwartung, obwohl Postfinance-Privatkunden 60 Milliarden Franken an Barmitteln bei der Staatsbank halten. «Wir sehen Wachstum, aber die Rückgänge im Zinsdifferenzgeschäft werden wir mit dem digitalen Anlagegeschäft bis auf weiteres nicht kompensieren können.»

Swissquote senkt Robo-Erwartungen

Mewes Einschätzung deckt sich mit den Erfahrungen von Swissquote-CEO Marc Bürki: Die vor einigen Jahren lancierten Robo-Anlageberatungen hätten die Erwartungen nicht ganz erfüllt. Einst versprach sich Swissquote, bis Ende 2020 1 Milliarde Franken vollautomatisch verwalten zu können. Von diesem Ziel sei man weit entfernt. «Wir rechnen derzeit mit etwa 400 Millionen.» Einerseits habe die gute Börsenstimmung nicht gerade geholfen, Anleger von Robos zu überzeugen. «Mit einem simplen SMI-Zertifikat konnte man in den letzten Jahren mehr verdienen als mit einem intelligenten Robo, der vernünftig investiert und nicht immer volles Risiko fährt», sagt Bürki. Mit Spannung erwartet er die Ergebnisse der Roboter, sollte die Börsenstimmung mal kippen.

Gleichzeitig habe Swissquote mit dem eigenen Produkt auch Fehler gemacht: «Unser Robo war zu kompliziert. Komplexität sollte eine Möglichkeit sein, nicht eine Grundvoraussetzung.» Man arbeite daher an einem einfacheren Produkt. «Das Investieren sollte so einfach sein wie der Kauf eines Anlagefonds.» Entwicklungspotenzial sieht Marc Bürki vor allem im Bereich der digitalen Finanzplanung. «Ehrlich gesagt funktioniert das bei den meisten Banken noch nicht», konstatiert er. Aber alle arbeiteten daran.

Banken Branche von Erfolg der Säule-3a-Apps überrascht

In der Branche zu reden gab vor allem der Start der Säule-3a-App Viac, an der die WIR Bank beteiligt ist. Mit wenigen Klicks können Viac-Kunden ein vollautomatisches Wertschriftendepot einrichten. Vor zweieinhalb Jahren lanciert, zählt Viac inzwischen 23 700 Kundinnen und Kunden und verwaltet knapp 400 Millionen Franken. Inzwischen hat auch die Zürcher Kantonalbank ZKB mit Frankly eine Säule-3a-App lanciert.

Bankenexperte Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern geht davon aus, dass viele Banken die Vorsorge automatisieren. Auch weil dort die Hürden tiefer seien, auf vollautomatische Lösungen zu setzen. Für die Anlage von jährlich bis zu 6000 Franken verzichteten die Bankkunden eher auf ein Beratungsgespräch, als wenn es um Beträge im fünf- bis sechsstelligen Bereich gehe. «3a ist daher ein No-Brainer, wenn es um digitale Anlagelösungen geht.» Manch eine Bank sei derzeit in Gesprächen, um Lösungen wie Viac einzulizenzieren.

Auch Nourdine Abderrahmane vom Beratungsunternehmen Capco beobachtet, dass viele Banken im Bereich der dritten Säule nach neuen Lösungen suchen. «Es gibt grosses Interesse, das Modell Viac zu kopieren.» Dabei sieht er primär ganz traditionelle Gründe für den Erfolg der Vorsorge-App: Eine Umfrage zeige, dass Viac-Kunden sich vor allem wegen der Möglichkeit, in Aktien anlegen zu können, und wegen der tiefen Gebühren für die Lösung entscheiden. Eigentlich sei es naheliegend, dass Banken mit eigenem Asset Management solche Digitalkanäle aufbauten, sagt Abderrahmane. Allerdings stünden bei grossen Banken nicht selten interne Interessenkonflikte im Wege. «Es ist vielleicht kein Zufall, dass kleine Banken derzeit eher mit solchen Versuchen auffallen.»Banken nicht mehr State of the Art

Mit Technologieunternehmen wie Apple und Samsung mitzuhalten

Die Banken hätten mittlerweile erkannt, dass ihre Angebote nicht mehr State of the Art seien, erklärt Capco-Berater Abderrahmane. «Sie haben Mühe, auch nur halbwegs mit Technologieunternehmen wie Apple oder Samsung mitzuhalten.» Auch sei erkannt, dass eine App ein anderes Management erfordere als eine Filiale. Noch weniger verbreitet sei indes die Erkenntnis, dass die Produkte nicht nur digitalisiert, sondern auch grundsätzlich verändert werden müssten. «Wollen die Bankkunden heute immer noch Paketlösungen oder gibt es nicht auch Bankkunden, die sich die Kreditkarte lieber woanders besorgen?» Man sei gespannt, ob sich die Banken auch an solche Grundsatzfragen getrauten, sagt der Berater.

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Julius Bär – Die grosse Ideenlosigkeit

Julius Bär Seit Herbst ist Philipp Rickenbacher Chef der Zürcher Privatbank Julius Bär. Nun hat der Neo-Chef sein Update zur Strategie vorgelegt, ausgeheckt von McKinsey.

Wer auf einen grossen Wurf gehofft hat, sieht sich getäuscht. Vielmehr gesellt sich Rickenbacher zu jenen Schweizer Bankchefs, die angesichts strukturell sinkender Bruttomargen in der Vermögensverwaltung vorab an der Kostenschraube drehen: Julius Bär baut 300 Jobs ab und will bis in zwei Jahren 200 Millionen sparen.

Bei den Wachstumsplänen zerreisst Julius Bär keine Stricke

Das allein ist noch keine Strategie. Und auch bei den Wachstumsplänen zerreisst die Bank keine Stricke. Mindestens 150 Millionen mehr Umsatz sollen die Bären bis 2022 bolzen. Die Vorgehensweise entspricht dem Schema F aus dem Lehrbuch der Berater: mehr Mandatsgeschäft und mehr Wertschöpfungstiefe bei bestehenden Kunden.

Wie das gehen soll, zeigt die Bank im abgelaufenen Geschäftsjahr. Auch die Zürcher Privatbank puscht nämlich das Geschäft mit Lombardkrediten, genau wie ihre Konkurrenz am Paradeplatz.

Worthülsen vermögen Ideenlosigkeit nicht zu kaschieren

Diese Plain-Vanilla-Strategie wird garniert mit allerlei Marketing-Klimbim, wonach die Zürcher Bank zum «Most admired global wealth manager» werden sollen. Solcherlei Worthülsen vermögen nicht zu kaschieren, dass die Führung des Vermögensinstituts Ideenlosigkeit versprüht. Aufbruch sieht jedenfalls anders aus.

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CS-Affäre um Iqbal Khan – Söldnertum ruiniert die Banken

Iqbal Khan Was genau sich zwischen den Privatermittlern, welche die Credit Suisse angeheuert hat, und Iqbal Khan in der Zürcher Altstadt zugetragen hat, bleibt im Dunkeln. Spindoktoren auf beiden Seiten servieren jeweils ihr brandheisses Süppchen. Cum grano salis, gilt es da zu mahnen.

Viel bedeutsamer als die Finessen zur Finanzschmonzette am Paradeplatz ist der Umstand, dass ein Bankkonzern den abgetretenen Chef der internationalen Vermögensverwaltung beschatten lässt. Und zwar in der vollen Absicht, herauszufinden, ob Khan seine ehemaligen CS-Gefährten angeht, um sie zur UBS – seiner neuen Arbeitgeberin – zu lotsen.

Die grosse Macht der Kundenberater

Solche Menschenfängerei zu unterstellen, offenbart eine strukturelle Misere. Es ist den Finanzhäusern bis heute nicht gelungen, die schicksalhafte Beziehung zwischen vermögenden Kunden und deren persönlichen Beratern aufzubrechen. Die erfolgreichsten «Relationship Manager» in den grossen Geldhäusern vereinen bis zu 1 Milliarde Franken an Kundengeldern auf sich. 

Der überzogene Personenkult um «Starbanker» Iqbal Khan

Solche gewichtigen Portfolios zu verwalten, verleihen den Kundenberatern eine grosse Macht in der Organisation. Entsprechend achten diese Grossverwalter peinlichst genau darauf, dass sie stets die alleinige Hoheit über die Kundenpflege haben. Dieses People’s business auf Testosteron erinnert an die Exzesse im Spitzensport: ein überzogener Personenkult, mit absurd hohen Vergütungen gepaart, welche weiterhin nur kurzfristiges Denken belohnen.

Wer wie mit dem Staubsauger Abermillionen an Kundengeldern hereinholt, steigt rasch zum Starbanker in der Organisation auf. Ob der Kunde über längere Frist hält, was er verspricht, und ob die gehebelten Assets die nächste Börsenbaisse überstehen werden, ist dabei sekundär. Bis zur Probe aufs Exempel hat der bonusbelohnte Banking-Söldner nämlich längst beim nächsten Finanzhaus angeheuert.

Swiss Banking als Schmierentheater

Diese strukturellen Probleme sind sattsam bekannt: McKinsey konstatiert in ihrer jüngst veröffentlichten Studie zum lamentablen Zustand der europäischen Wealth-Manager-Industrie: «Das Servicemodell ist weitgehend unverändert geblieben. Anstatt institutionelle Fähigkeiten und Prozesse aufzubauen, verlässt man sich übermässig auf die Fähigkeiten der jeweiligen Privatbanker.»

Darin offenbart sich der Zielkonflikt zwischen den Interessen des Bankers und jenen der Bank. Für die Organisation wäre es längst angezeigt, Starkult und Söldnertum zu Grabe zu tragen. Und stattdessen den Kundenkontakt neu zu gestalten: offener, durchlässiger, transparenter und digitaler – und damit wohl auch kosteneffektiver. Doch läuft genau ein solch modernes Relationship Management den Partikularinteressen der Spitzenbanker zuwider, die an Starkult und Söldnertum fürstlich verdienen.

Die Frage ist, wie lange sich Swiss Banking dieses Schmierentheater noch leisten kann angesichts Margendruck und Gewinnrückgang.

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Lombard Odier – Topbankerin tritt ab

Sesselwechsel Die Genfer Privatbank Lombard Odier verliert mit Carolina Minio-Paluello eine wichtige Führungskraft im Asset Management.

Die Genfer Privatbank Lombard Odier (LO) erlebt turbulente Zeiten. Erst vor wenigen Wochen haben die sieben Teilhaber den Nachfolger von Senior Managing Partner Patrick Odier bestimmt, der im nächsten Jahr das Pensionsalter erreicht. Doch statt Odiers Nachfolger Hubert Keller sofort zum Primus inter Pares zu machen, wird Odier erst Ende 2022 das Zepter übergeben. Zu umstritten ist Keller bankintern, als dass die Partner dem Ex-Investment-Banker unverzüglich die Geschicke der ältesten Genfer Privatbank in die Hände legen möchten.

Aus London heraus geleitet

Kellers Ernennung wirft im Topmanagement indes bereits Schatten voraus. Wie Recherchen zeigen, hat LO-Spitzenfrau Carolina Minio-Paluello per Ende Juli die Vermögensbank verlassen. Sie war sechs Jahre für die Genfer tätig. Der Abgang der ehemaligen Goldman-Sachs-Frau stellt für Lombard Odier Investment Managers (LOIM) – das institutionelle Anlagegeschäft der Bank – einen Paukenschlag dar. Galt Minio-Paluello doch als «Schatten-CEO» bei LOIM, das der designierte Senior Managing Partner Hubert Keller seit einigen Jahren aus London heraus leitet.

Steine aus dem Weg räumen

Offiziell trug die Italo-Bankerin, die in Brüssel und London studierte, den Titel Global Head of Sales and Solutions und war zuständig für den Verkauf und Vertrieb der Finanzprodukte. Allerdings war Minio-Paluello, die ein Multimillionen-Salär erhielt, mehr als das: Sie galt lange Zeit als enge Vertraute und rechte Hand von Hubert Keller, die sich um praktisch alle operationellen Belange des Asset-Management-Arms zu kümmern hatte. «Carolina räumte Keller die Steine aus dem Weg und entwickelte das Geschäft weiter», sagt ein Weggefährte.

Minio-Paluello engagierte sich beispielsweise stark im Bereich nachhaltige Anlagen, der als strategischer Eckpfeiler der Genfer Bank gilt. Im Netz finden sich zahlreiche Interviews und Auftritte, bei denen Minio-Paluello die «sustainability revolution» proklamiert und Lombard Odier als grünen Leader positioniert: Nachhaltiges Investieren sei eine Realität, die niemand mehr ignorieren könne, liess Minio-Paluello die «Finanz und Wirtschaft» kürzlich wissen.

Die Spitzenbankerin, die zuvor über zehn Jahre für Goldman Sachs gearbeitet hatte, war es auch, die für LOIM die passiven ETF-Produkte massgeblich mitaufbaute und das Asien-Geschäft weiterentwickelte. Zusammen mit dem damaligen Head of Asia, Vincent Duhamel.

Job wird bei Lombard Odier nicht ersetzt

Die Bank bestätigt den Rücktritt von Carolina Minio-Paluello: «Wir danken Carolina für ihren Beitrag für die Gruppe und wünschen ihr viel Erfolg für die Zukunft», schreibt Lombard Odier.

Offenbar nimmt Minio-Paluello eine neue Herausforderung bei einem anderen Finanzdienstleister an. Sie soll dort die Quant-Strategien leiten. Der Rücktritt stehe nicht in Zusammenhang mit Kellers Ernennung als Senior Managing Partner, heisst es aus dem Umfeld der Bank.

Die Funktion als Global Head of Sales and Solutions wird es bei Lombard Odier Investment Managers so nicht mehr geben. «Frau Minio-Paluello wird nicht ersetzt. Der Vertrieb wird weiterhin von Jonathan Clenshaw als Leiter Institutional Sales und Martin Thommen als Leiter Third Party Distribution geführt», schreibt die Bank.

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Saudischer Schock

Finanzplatz UBS und Co. verwalten fast 200 Milliarden Dollar an Offshore-Vermögen aus Saudi-Arabien. Nun gefährden die politischen Wirren das lukrative Geschäft.

Tatort war das «Ritz-Carlton» in der saudischen Kapitale Riad. Im Luxushotel liess König Salman beziehungsweise sein 32-jähriger Sohn und Thronfolger Mohammed bin Salman kürzlich Dutzende Widersacher festsetzen. Die Nacht-und-Nebel-Aktion im «Ritz-Carlton» war der Auftakt zu einer gross angelegten Antikorruptions-Kampagne in Saudi-Arabien. Gegen 800 Milliarden Dollar an «korrumpierten» Vermögenswerten im In- und Ausland will sich Salmans Machtapparat zurückholen.

Der Staatsstreich von oben hat bislang zu über 200 Verhaftungen hochrangiger Wirtschaftsführer und Staatsdiener geführt. Unter den Verhafteten befindet sich der Mövenpick-Miteigner und Multimilliardär Prinz Al-Waleed Bin Talal.

Die saudische Säuberung sendet Schockwellen in den Schweizer Finanzplatz. Welche Vermögen korrekt sind und welche plötzlich korrupt, bringen die Compliance-Abteilungen der Banken ans Limit. Es geht um viel: Die Schweiz ist der Offshore-Hub für Vermögen aus der Petro-Monarchie.

Gemäss einem kürzlich veröffentlichten «Working Paper» des Ökonomen Gabriel Zucman über Steueroasen lagen von 223 saudischen Offshore-Milliarden 193 Milliarden Dollar in der Schweiz. Fast 8 Prozent aller Offshore-Bankeinlagen hierzulande stammen aus dem ölreichen Königreich. Zucman-Berechnungen basieren allerdings auf Daten aus dem Jahr 2007.

Grossbanken stark exponiert

Was auf der arabischen Halbinsel geschieht, wird deshalb in Zürich und Genf mit Argusaugen verfolgt. Von einem «erhöhten Monitoring» spricht beispielsweise die Privatbank Julius Bär, die ihre saudische Kundschaft von Bahrein und Dubai aus bedient. Auch die Genfer Pictet beobachte die Situation in Saudi-Arabien «aufmerksam», sagt Sprecher Simon Roth.

Besonders exponiert sind die Grossbanken UBS und Credit Suisse, die Milliarden an saudischen Vermögen verwalten und Dependancen im Königreich unterhalten. Entsprechend sind nun Compliance-Teams in den Grossbanken fieberhaft daran, ihre Saudi-Kunden auf den aktuellen Status in der Nomenklatur zu checken.

Saudi-Arabien sei ein wichtiger Markt für die UBS, sagt ein Sprecher: «Mehr als sechzig Mitarbeiter arbeiten dediziert für saudische Kunden.» So war das Nettoengagement der Grossbank – bestehend aus Kredit- und Handelsgeschäften – in Saudi-Arabien mit über einer halben Milliarde Franken Ende 2016 das höchste «Exposure» der UBS im gesamten Nahen Osten und etwa vergleichbar mit Russland.
Auch im Offshore-Geschäft kann die grösste Schweizer Bank auftrumpfen.

So unterhält die UBS beste Kontakte zu saudischen Wirtschaftsführern wie dem 83-jährigen Multimilliardär Abdulaziz Al-Sulaiman, dessen Familie über die 1968 gegründete Rolaco Group herrscht. Das Konglomerat mit einem Ableger in Genf ist im Bauwesen, in der Automobilindustrie, der Landwirtschaft, der Telekommunikation und im Tourismus tätig.

Rolaco-Gründer Al-Sulaiman gehört unter anderem das «Crown Plaza» in Zürich, wo der saudische Scheich als Verwaltungsrat in einer Firma namens Coseco sitzt. Coseco bezweckt «die aktive Förderung der schweizerischen Wirtschaftsbeziehungen mit dem Mittleren Osten» und hat ihr Domizil am Hauptsitz der UBS an der Bahnhofstrasse 45 in Zürich.

Präsidiert wird Coleco von einem Genfer «Vice Chairman» der UBS-Vermögensverwaltung. Auf Tuchfühlung mit den Saudis ist auch Konkurrentin Credit Suisse. Zu deren grössten Aktionären mit knapp 5 Prozent gehört die saudische Olayan Group.

Noch im Sommer gab die CS die Wachstumsparole im wahabitischen Reich heraus. Ein «Schlüsselmarkt» sei Saudi-Arabien, liess man die Presse wissen. Das Institut wolle massiv mehr Private Banker einstellen – nachdem das Onshore-Geschäft der CS in Saudi-Arabien harzte. Nach kumulierten Verlusten von 60 Millionen Franken setzte die Schweizer Bank Anfang Jahr ihrer Saudi-Tochter eine Kapitalspritze von etwas mehr als 50 Millionen Franken – im Hinblick auf die angestrebte Onshore-Banklizenz. Gemäss Bloomberg soll die CS für die Expansion im Königreich insgesamt 600 Millionen Dollar bereitgestellt haben. Das Institut selbst wollte zum «sensitiven Thema» Saudi-Arabien keine Stellung nehmen.

Fest steht jedoch: Die politischen Wirren im Königreich bringen hiesige Banken in die Bredouille. Wer kürzlich noch als lukrativer Saudi-Kunde galt und dem Institut eine «Politically Exposed Person»-Prämie einbrachte, dessen Vermögenswerte werden nun im Zuge der königlichen Antikorruptions-Kampagne plötzlich zum akuten Geldwäschereirisiko fürs kontoführende Finanzinstitut.

Regimewechsel nicht zu managen

Was rechtens sei und was als korrupt gelte, könne sich in Saudi-Arabien derzeit ständig ändern, sagt der Berner Compliance-Anwalt Michael Kunz: «Regimewechsel sind für die Banken schlicht nicht zu managen.» Stets stünden die Institute im Rechtsrisiko, weil sie gemäss geltenden Geldwäschereinormen «die Verantwortung für die aktuelle Situation» trügen, so Kunz.

Deshalb informieren die Banken die Meldestelle für Geldwäscherei (MROS) über heikle Vermögenswerte lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Denn den Nachweis zu erbringen, dass die verwalteten Gelder aus sauberen, wirtschaftlichen Quellen stammen, ist gerade in einer intransparenten Autokratie wie Saudi-Arabien heikel. Zumal sich Kundenbeziehung und Vermögenssituation über die Zeit verändern.
Entsprechend sind die Meldezahlen bei der MROS in den letzten Jahren in die Höhe geschnellt.

Zum aktuellen Fall, Saudi-Arabien, und zu dessen Implikationen hält sich die MROS bedeckt. Auch die Bundesanwaltschaft, die verdächtige Konten sperren müsste, erklärt auf Anfrage, sie befasse sich «zurzeit» mit dieser Thematik nicht.

Der Melde-Eifer der Banken ist Pragmatismus geschuldet: Die Verletzung des Bankgeheimnisses berge für die Bank weniger Risiken als die Verletzung der Meldepflichten, sagt Kunz: «Die Hürde für eine MROS-Meldung ist tief und kann bei falschem Alarm im Nachhinein gut begründet werden.»

Wenn ein Institut nicht melde, dann drohe der Bank im schlimmsten Fall eine Verurteilung wegen Beihilfe zur Geldwäscherei. Dagegen ist der Ärger mit Kunden wegen der Verletzung des Bankgeheimnisses ein kleiner. Kunz kommt deshalb zum Fazit: «Der Schutz des Bankgeheimnisses ist ziemlich schnell wertlos; der ‹Safe Haven› funktioniert nur, solange alles rund läuft.» Die abgesägte Elite Saudi-Arabiens dürfte dies bald zu spüren bekommen.

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Im Kleinen das grosse Ganze

UBS Switzerland Eigentlich ist die UBS Switzerland ein Auswuchs der Finanzkrise. Als Sollbruchstelle hat die neue Schweiz-Einheit im Krisenfall den Steuerzahler vor Kollateralschäden zu bewahren, indem der Fortbestand des hiesigen Kerngeschäfts gewahrt bleibt. Allerdings ist es mit der faktischen Unabhängigkeit gegenüber der Mutter nicht weit her. Es wird noch Jahre dauern, bevor die Abnabelung vollzogen ist.

Die UBS Switzerland liefert mit ihren systemrelevanten Geschäftsteilen allerdings ein treffendes Abbild des Swiss Bankings. Im Kleinen widerspiegelt sich sozusagen das grosse Ganze. Wie bei vielen anderen Retailbanken brummt nämlich das klassische Zinsdifferenzgeschäft. Trotz branchenweitem Gejammer über die Negativzinsen kann die Schweiz-Einheit ihre Zinsmargen ausweiten. Sie setzt dabei auf Schuldnerqualität statt Wachstumswahn und agiert für einmal vorausschauender als manche Staatsbank.

Umgekehrt verzeichnet die Schweiz-Einheit in ihren ersten neun Monaten in der Vermögensverwaltung einen Abfluss an Kundengeldern von 17 Milliarden Franken. Es handelt sich vornehmlich um Offshore-Kunden. Damit kristallisiert sich an der UBS Switzerland das aktuelle Grundproblem vieler Vermögensbanken. Nach dem Wegfall des Bankgeheimnisses hat der Finanzplatz an Strahlkraft verloren. Gefragt sind neue Alleinstellungsmerkmale.